5 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 4: Von Erwartungen und Überraschungen

  1. Hi Tobi, erstmal vielen Dank für die Einblicke, freue mich schon (neben Bohndesliga) auf deine Tagebucheinträge! 😉

    Aber jetzt natürlich noch die obligatorische inhaltliche Anmerkung: Du schreibst
    „Die Türken erspielten sich durchaus Chancen. Das Schussverhältnis betrug 30:9, der xG-Wert lag laut der App Futi bei 1,75 zu 0,98.“
    Laut Kicker war xG Wert 1,36 zu 1,18.
    Sitzen da verschiedene arme Sportstudenten, die die Werte eintippen müssen, oder werden einfach unterschiedliche KIs bentuzt?

    1. Hi Kev! Das ist in der Tat ein spannendes Thema, das ich in meinem neuen Buch beleuchte. Kurz gesagt: Expected Goals speisen sich aus der Torwahrscheinlichkeit aus der Vergangenheit. Wie viele ähnliche Schüsse gingen in der Vergangenheit rein? Die Berechnung hängt sehr stark davon ab, welche Faktoren wie hoch man gewichtet. Nehme ich Schüsse der letzten zwanzig Jahre – oder nur der letzten zwei? So sind am Ende zwei Expected-Goals-Werte zweier unterschiedlicher Anbieter nie exakt gleich.

      1. Die größten Unterschiede der einzelnen Werte aus den Modellen macht meistens aus, ob die Art des Schusses berücksichtigt wird, also ob es sich bspw. um einen Kopfball nach einer Ecke oder einen Schuss aus dem Spiel nach einem Dribbling von der gleichen Position handelt. Und ob die Position der Verteidiger und des Torhüters berücksichtigt wird oder nicht. Manche Datenanbieter haben das mit drin, manche aber auch nicht und so können natürlich deutlich unterschiedliche Werte entstehen.

        1. Ohne die Modelle zu kennen wage ich zu behaupten, dass auch der Gegnerdruck eine entscheidende Rolle spielt. Bei Nationalteams sieht (gefühlt?) deutlich mehr Schüsse aus der Distanz. Das hängt zum einen mit dem schwächeren Offensivspiel zusammen, aber ganz klar auch mit dem oftmals nicht vorhandenen Gegnerdruck. Und ob ein Spieler mit internationaler Klasse seelenruhig oder unter Bedrängnis aus 25 Metern draufhält, macht mMn einen großen Unterschied aus.

  2. Hi Tobi,

    vielen Dank für deine – wie immer – hervorragenden Analysen. Wenn man sich nicht selbst durch die Lawine an WM-Teilnehmern gearbeitet hat, kann man sich nicht vorstellen, welchen Berg an Arbeit du in deine Vorschau gesteckt hast. Daher nochmal: vielen Dank, dass du uns regelmäßig damit beglückst!

    Ich finde deine Ehrlichkeit und den offenen Umgang mit deinem Overload an Arbeit aus den letzten Wochen sehr besonders und wichtig. In einer Branche, in der Überstunden nicht bezahlt und Hustle Culture gelebt wird, braucht es Mut und Vertrauen in die eigenen Leser*innen, um einen Schritt aus dem Rampenlicht zu machen, wenn die Party nah am Höhepunkt ist.

    Für meinen Teil kann ich dir mitteilen, lieber lese ich acht bis zehn qualitativ hochwertige Tagebucheinträge als dreißig dünne, oberflächliche und unauthentische. Ich freue mich über jede Zeile zum Turnier von dir.

    Zum Text. Dein Gedankenexperiment ist präzise und überzeugend. Finden wir toll. Jonas Hofmann bestätigt deinen Take. Heute morgen bei Magenta TV sagte er sinngemäß, angesprochen auf die Leistung und die beiden Tore vom Schweden Yasin Ayari, es sei klar, dass jeder versuche sich ins Rampenlicht zu spielen, die WM sei die größte Bühne für jeden Fußballer.

    Ich teile deinen Eindruck der besonderen Magie, die dieses Turnier umgibt. Ich denke dabei, an die Kanadier, die ihren Ausgleichstreffer bejubeln, wie einen erlösenden Führungstreffer in einem K.O.-Spiel. Gleichzeitig sehe ich Bosnier, die über das gleiche Tor konsternierter wirken, als einige Angestellte eines bekannten niedersächsischen Fußballvereins im Moment ihres Abstiegs. Das im ersten Gruppenspiel.

    Was ich außerdem beobachte – und deine Meinung dazu interessiert mich brennend – ist, dass viele Teams, die nicht zum Favoritenkreis zählen, unverblühmt über Titelambitionen sprechen. Ich denke dabei an Japan, die USA oder die Schweiz. Nationen, die nie nah dran waren, Weltmeister zu sein. Nur Wahnsinnige setzen auf sie als Weltemeister. Trotzdem scheint ihr Optimismus, ihre Lust auf das Gewinnen und der Glaube an eine Sensation authentisch und ehrlich. Mich holt das ab. Außerdem kann ich mich in den letzten zwanzig Jahren an keinen Welt- oder Europameister erinnern, der sich zum Titel gezittert hat. Alle Sieger vereint das Vertrauen an die eigenen Stärken und der Glaube an die eigene Chance. Das Mindest der obligatorische erste Schritt dahin.

    Worüber ich mich auch freuen würde: dein Eindruck zu Ayyoub Bouaddi. Welche Stärken bringt er mit, die ihn zu einem besondere Spieler dieses Turniers machen können? Welche Rolle hat er im marrokanischen Spielsystem? Wie deckt sich das mit den Statistiken? Und über das Turnier hinaus: welcher Vereinsmannschaft würde sein Spielstil gut stehen? Bouaddi erinnert mich an den jungen Frenkie de Jong. Schnelle Füße, über den Platz schwebend, immer anspielbar. Pressingresistent unter Gegnerdruck und nie verlegen den einfachen Pass zu spielen um Ballbesitz in einer gefährlichen Zone zu halten statt den unwahrscheinlichen Million Dollar Ball zu riskieren. Ihn umgibt dabei ein kindliche Naivität, die völlig ignioriert, auf welcher Bühne er zaubert. Ich bin Fan.

    In großer Vorfreude auf den nächsten Eintrag,
    Tommi

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