Vor der Weltmeisterschaft führte ich eine hitzige Debatte mit einem Anhänger eines Bundesliga-Vereins. Er vertrat die Meinung, dass eine Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2026 eine nachrangige sportliche Veranstaltung sei. Der beste Fußball der Welt werde in der Champions League gespielt. Wer einen Vergleich zwischen europäischen und nicht-europäischen Spielern sucht, kann die Klub-WM schauen. Spiele zwischen Auswahlteams der Landesverbände seien ein Relikt des 20. Jahrhunderts.
Das mag alles korrekt sein. Wir werden bei dieser Weltmeisterschaft kein Spiel auf dem Niveau zwischen Paris St. Germain und Bayern München erleben, genauso wenig müssen wir die defensive Perfektion eines Arsenal erdulden. Darum geht es aber bei Weltmeisterschaften nicht. Es ist Fußballgeschichte, die wir live miterleben. Nur wer auf dieser Bühne überzeugt, kann sich in die Liste der ganz großen Spieler eintragen.
Für die allermeisten Spieler ist die Weltmeisterschaft der Höhepunkt ihrer Karriere. Ein Gedankenexperiment: Denken Sie an einen beliebigen Nationalspieler aus Ihrem Lieblingsverein; idealerweise stammt er aus dem Ausland. Eine Fee würde ihm folgendes Angebot unterbreiten: Sie werde dafür sorgen, dass er mit seinem Land Weltmeister wird. Er darf sogar im Finale das entscheidende Tor schießen. Im Austausch müsse er lediglich mit seinem aktuellen Verein dreimal in Folge absteigen, Vereinswechsel ausgeschlossen. Ich wette: Praktisch jeder Spieler würde dieses Angebot ohne zu zögern annehmen.
Diese besondere Magie hat man schon an den ersten Tagen der WM erleben dürfen. Wie häufig sieht man bei Real Madrid einen furios verteidigenden Vinicius Junior, der an der eigenen Eckfahne einen Ball erobert? Im brasilianischen Trikot wirkt der Superstar wie ausgewechselt. Er will seinen Landsleuten beweisen, dass er zu den Großen des Sports gehört. Es funktioniert aber auch andersrum: Südafrika schien regelrecht unter dem Druck einzubrechen, das Eröffnungsspiel vor den Augen der ganzen Welt zu bestreiten. Ihr sonst so kunstvolles Flachpassspiel ging gründlich in die Hose.
Insofern bin ich bereits nach drei Tagen im WM-Fieber. Selbst wenn Haiti und Schottland sich ein fußballerisch eher unansehnliches Spiel liefern, sieht man den Willen und die Lust bei allen Spielern. Es ist ein heiliger Ernst zu spüren, der im Vereinsfußball eher selten aufblitzt.
Gruppe D: Heimat der Overperformance
Sportlich gesehen hielten sich die Überraschungen bisher in Grenzen. In Gruppe A setzten sich die favorisierten Mexikaner und Südkoreaner durch. In Gruppe B erkämpfte sich Kanada mit dem Publikum im Rücken ein Unentschieden. Die Schweiz hingegen zeigte die erwartet dominante, aber uninspirierte Leistung. Der Last-Minute-Gegentreffer war absolut unnötig. Dass die Marokkaner mit ihrer ersten Elf Brasilien vor Probleme stellen würden, war hingegen zu erwarten. Dass sie von der Bank weniger nachlegen können als der Gegner, verwunderte ebenfalls nicht sonderlich.
Die am wenigsten erwartbaren Spielverläufe ereigneten sich in der Gruppe D. Bei den USA war ich in meiner Vorschau unschlüssig: Ich hielt ihr Spielsystem für eins der ausgeklügelsten dieser Weltmeisterschaft. Die Frage lautete, ob sie dieses System auch auf dem Rasen umsetzen können. Das Spiel gegen Paraguay schrie laut: „Yes we can!“ Christian Pulisic hat wie Vinicius Junior den „Ich will es allen beweisen!“-Modus eingeschaltet. Immer wieder konnten sie über ihn diagonale Kombinationen starten. Gleichzeitig rückten die Spieler aus dem Mittelfeld wuchtig nach, sodass die US-Amerikaner aus ihrem 3-1- oder 3-2-Aufbau viele Tiefenbälle spielen konnten. Im Nachhinein kann ich mir selbst auf die Schulter klopfen, dass ich beim Bohndesliga WM-Studio die USA als Überraschung des Turniers getippt habe.
Vor allem, weil mein anderer potenzieller Kandidat verloren hat: die Türkei. Österreichische Fans nennen es Karma. Die Türken schmeckten jene Medizin, die sie im EM-Achtelfinale vor zwei Jahren selbst verabreicht hatten. Nach der frühen 1:0-Führung durch den australischen „Laptoptrainer-Hipstar“ Nestory Irankunda mussten die Türken gegen eine Wand anspielen. Australien zog sich im 5-4-1 an den eigenen Strafraum zurück. Die Türken erspielten sich durchaus Chancen. Das Schussverhältnis betrug 30:9, der xG-Wert lag laut der App Futi bei 1,75 zu 0,98.
Der Spielverlauf an sich kam nicht unerwartet: Die Australier fielen bereits vor der WM durch eine 5-4-1-Mauertaktik auf. Die Türkei wiederum weiß zwar spielerisch zu überzeugen, hat aber ein Problem: die Durchschlagskraft. Im Verlaufe der ersten Halbzeit fingen sie an, Flanken in den Strafraum zu schlagen. Kerem Aktürkoğlu (1,76 m) musste plötzlich Kopfballduelle mit Verteidigern führen, die fünfzehn Zentimeter größer waren als er. Entsprechend wenig Torgefahr brachten die Türken zustande. Es wunderte mich angesichts des Spielverlaufs, dass der groß gewachsene Deniz Gül erst in der 85. Minute eingewechelt wurde.
Somit stehen die Türken gegen Paraguay unter Druck. Wobei Druck bei dieser WM relativ ist: Selbst die Gruppendritten haben eine Zwei-Drittel-Chance, die nächste Runde zu erreichen. So manch ein Ergebnis habe ich daher in Gedanken schon relativiert: „So schlimm ist das nicht, sie können es noch locker hinbiegen.“ Aber dazu muss die Türkei im zweiten Gruppenspiel endlich Durchschlagskraft entwickeln. Dass Kenan Yıldız gegen Australien angeschlagen eine ganze Halbzeit auf der Bank saß, hemmte ihr Angriffsspiel merklich. Hier kommt viel Arbeit auf die medizinische Abteilung zu.
Wie es auf Laptoptrainer.de weitergeht
Entschuldigt bitte, dass der erste Eintrag in das Tagebuch auf sich warten ließ. Ich hatte in den vergangenen vier Wochen durchgearbeitet, um die WM-Vorschauen zu erstellen. Am Samstag habe ich mir einen freien Tag gegönnt. Heute Nachmittag geht es mit dem Livewatch des deutschen Spiels für Bohndesliga weiter.
Ich bin leider noch nicht wieder voll bei Kräften. Im Verlaufe dieser Woche werde ich es noch etwas langsamer angehen lassen und nicht jeden Tag einen Tagebucheintrag veröffentlichen; verzeiht es mir bitte. Aber ich verspreche: Ich werde während der WM regelmäßig Tagebuch schreiben. Diese Einträge werden größtenteils nicht hinter der Paywall verschwinden. Allerdings plane ich, während der WM auch noch vereinzelt Artikel zu Teams, taktischen Beobachtungen oder Persönlichkeiten zu veröffentlichen. Diese Artikel werden nur für Abonnenten abrufbar sein.
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Und damit wünsche ich uns allen eine schöne Weltmeisterschaft!
Das Titelbild zeigt Hakan Calhanoglu, Lizenz: CC BY-SA 3.0. Foto von Steindy.
Hi Tobi, erstmal vielen Dank für die Einblicke, freue mich schon (neben Bohndesliga) auf deine Tagebucheinträge! 😉
Aber jetzt natürlich noch die obligatorische inhaltliche Anmerkung: Du schreibst
„Die Türken erspielten sich durchaus Chancen. Das Schussverhältnis betrug 30:9, der xG-Wert lag laut der App Futi bei 1,75 zu 0,98.“
Laut Kicker war xG Wert 1,36 zu 1,18.
Sitzen da verschiedene arme Sportstudenten, die die Werte eintippen müssen, oder werden einfach unterschiedliche KIs bentuzt?
Hi Kev! Das ist in der Tat ein spannendes Thema, das ich in meinem neuen Buch beleuchte. Kurz gesagt: Expected Goals speisen sich aus der Torwahrscheinlichkeit aus der Vergangenheit. Wie viele ähnliche Schüsse gingen in der Vergangenheit rein? Die Berechnung hängt sehr stark davon ab, welche Faktoren wie hoch man gewichtet. Nehme ich Schüsse der letzten zwanzig Jahre – oder nur der letzten zwei? So sind am Ende zwei Expected-Goals-Werte zweier unterschiedlicher Anbieter nie exakt gleich.
Die größten Unterschiede der einzelnen Werte aus den Modellen macht meistens aus, ob die Art des Schusses berücksichtigt wird, also ob es sich bspw. um einen Kopfball nach einer Ecke oder einen Schuss aus dem Spiel nach einem Dribbling von der gleichen Position handelt. Und ob die Position der Verteidiger und des Torhüters berücksichtigt wird oder nicht. Manche Datenanbieter haben das mit drin, manche aber auch nicht und so können natürlich deutlich unterschiedliche Werte entstehen.
Ohne die Modelle zu kennen wage ich zu behaupten, dass auch der Gegnerdruck eine entscheidende Rolle spielt. Bei Nationalteams sieht (gefühlt?) deutlich mehr Schüsse aus der Distanz. Das hängt zum einen mit dem schwächeren Offensivspiel zusammen, aber ganz klar auch mit dem oftmals nicht vorhandenen Gegnerdruck. Und ob ein Spieler mit internationaler Klasse seelenruhig oder unter Bedrängnis aus 25 Metern draufhält, macht mMn einen großen Unterschied aus.
Hi Tobi,
vielen Dank für deine – wie immer – hervorragenden Analysen. Wenn man sich nicht selbst durch die Lawine an WM-Teilnehmern gearbeitet hat, kann man sich nicht vorstellen, welchen Berg an Arbeit du in deine Vorschau gesteckt hast. Daher nochmal: vielen Dank, dass du uns regelmäßig damit beglückst!
Ich finde deine Ehrlichkeit und den offenen Umgang mit deinem Overload an Arbeit aus den letzten Wochen sehr besonders und wichtig. In einer Branche, in der Überstunden nicht bezahlt und Hustle Culture gelebt wird, braucht es Mut und Vertrauen in die eigenen Leser*innen, um einen Schritt aus dem Rampenlicht zu machen, wenn die Party nah am Höhepunkt ist.
Für meinen Teil kann ich dir mitteilen, lieber lese ich acht bis zehn qualitativ hochwertige Tagebucheinträge als dreißig dünne, oberflächliche und unauthentische. Ich freue mich über jede Zeile zum Turnier von dir.
Zum Text. Dein Gedankenexperiment ist präzise und überzeugend. Finden wir toll. Jonas Hofmann bestätigt deinen Take. Heute morgen bei Magenta TV sagte er sinngemäß, angesprochen auf die Leistung und die beiden Tore vom Schweden Yasin Ayari, es sei klar, dass jeder versuche sich ins Rampenlicht zu spielen, die WM sei die größte Bühne für jeden Fußballer.
Ich teile deinen Eindruck der besonderen Magie, die dieses Turnier umgibt. Ich denke dabei, an die Kanadier, die ihren Ausgleichstreffer bejubeln, wie einen erlösenden Führungstreffer in einem K.O.-Spiel. Gleichzeitig sehe ich Bosnier, die über das gleiche Tor konsternierter wirken, als einige Angestellte eines bekannten niedersächsischen Fußballvereins im Moment ihres Abstiegs. Das im ersten Gruppenspiel.
Was ich außerdem beobachte – und deine Meinung dazu interessiert mich brennend – ist, dass viele Teams, die nicht zum Favoritenkreis zählen, unverblühmt über Titelambitionen sprechen. Ich denke dabei an Japan, die USA oder die Schweiz. Nationen, die nie nah dran waren, Weltmeister zu sein. Nur Wahnsinnige setzen auf sie als Weltemeister. Trotzdem scheint ihr Optimismus, ihre Lust auf das Gewinnen und der Glaube an eine Sensation authentisch und ehrlich. Mich holt das ab. Außerdem kann ich mich in den letzten zwanzig Jahren an keinen Welt- oder Europameister erinnern, der sich zum Titel gezittert hat. Alle Sieger vereint das Vertrauen an die eigenen Stärken und der Glaube an die eigene Chance. Das Mindest der obligatorische erste Schritt dahin.
Worüber ich mich auch freuen würde: dein Eindruck zu Ayyoub Bouaddi. Welche Stärken bringt er mit, die ihn zu einem besondere Spieler dieses Turniers machen können? Welche Rolle hat er im marrokanischen Spielsystem? Wie deckt sich das mit den Statistiken? Und über das Turnier hinaus: welcher Vereinsmannschaft würde sein Spielstil gut stehen? Bouaddi erinnert mich an den jungen Frenkie de Jong. Schnelle Füße, über den Platz schwebend, immer anspielbar. Pressingresistent unter Gegnerdruck und nie verlegen den einfachen Pass zu spielen um Ballbesitz in einer gefährlichen Zone zu halten statt den unwahrscheinlichen Million Dollar Ball zu riskieren. Ihn umgibt dabei ein kindliche Naivität, die völlig ignioriert, auf welcher Bühne er zaubert. Ich bin Fan.
In großer Vorfreude auf den nächsten Eintrag,
Tommi