President Trump Returns from New Jersey More: President Donald J. Trump waves Sunday, July 7, 2019, as he prepares to board Air Force One at the Morristown Municipal Airport in Morristown, N.J., for his return to Washington, D.C. (Official White House Photo by Shealah Craighead). Original public domain image from <a href="https://www.flickr.com/photos/whitehouse45/48233665381/" target="_blank" rel="noopener noreferrer nofollow">Flickr</a>
Donald Trump ist in vielerlei Hinsicht ein Phänomen. Er hat so viele geschriebene und ungeschriebene Gesetze gebrochen – und trotzdem feiern ihn seine Anhänger. Wie sagte er selbst einst so treffend: Er könne einen Mann auf offener Straße erschießen, die Maga-Kappenträger würden ihn trotzdem lieben. Dennoch heulen nach jedem Trump’schen Fauxpas die gleichen Stimmen auf: Jetzt ist er demaskiert! Nun können ihn selbst seine größten Fans nicht mehr verteidigen!
Als Sportjournalist, der sich in den Sozialen Medien bewegt, kann ich da nur müde lächeln. Ich kenne Parteilichkeit nur zu gut. Ich muss nur einen Tweet zu irgendeiner Schiedsrichter-Entscheidung absetzen und weiß: Gleich kommen die Fans! Ein Foul kann noch so eindeutig sein, es finden sich immer Fanatiker, die genau wissen, dass ihr Verein gnadenlos verpfiffen wurde.
Was nicht sein kann, darf nicht sein. Keine Realitätsverzerrung ist zu dumm, solange das eigene Lager am Ende als Opfer höherer Mächte dasteht. Denn wenn jemand Trump oder Taylor Swift oder den HSV kritisiert, kritisiert er nicht nur die Person: Er kritisiert damit auch den zentralen Lebensinhalt ihrer Anhänger. Schließlich haben viele von ihnen ihre Identität um ihr großes Idol herum aufgebaut.
Woher rührt es, dass sich immer mehr Menschen im Fanatismus verfangen? Schon wesentlich gebildetere Menschen als ich sind an dieser Frage gescheitert. Dennoch möchte ich in diesem Essay mehrere Themen aufgreifen, die mich beschäftigen: vom Vertrauensverlust in Institutionen bis hin zur Polarisierung der Gesellschaft. Es geht hierbei um nicht weniger als um die Seele westlicher Gesellschaften.
Es ist nicht leicht, sich eine Rede von Donald Trump anzuhören. Wer sich im US-Wahlkampf durch seine teils stundenlangen Monologe quälte, hörte einen Mann, der wild von Thema zu Thema sprang. Nur selten endeten seine Erzählungen mit einer Pointe. Trump hat im Vergleich zu 2016 merklich abgebaut.
Dennoch lässt er auch heute noch sein rhetorisches Talent aufblitzen. Es liegt nicht darin, über reale Politik zu reden; man wird von Trump nie Zahlenkolonnen oder belastbare Fakten hören. Vielmehr tritt Amerikas Präsident wie ein Prediger auf: Mit großen Gesten und einfachen Worten verbrüdert er sich mit seinen Anhängern. Er teilt die Welt stets in „Gut“ und „Böse“. Wer auf seiner Seite steht, gehört selbstredend zu den Guten.
Trump hat wie kein Zweiter verstanden, dass es in der Politik des 21. Jahrhunderts selten um Inhalte geht. Es geht darum, die Seele des Volks anzusprechen.
Wie religiös seine Rhetorik ist, lässt sich mit einem Zitat aus seinem ersten Wahlkampf belegen. Er hielt sie wenige Tage, nachdem ihn US-Medien sexistische Kommentare nachweisen konnten („Grab ‚em by the pussy“). Trump behauptete wahrheitswidrig, die Vorwürfe seien falsch. Auch sonst hielt er es mit der Wahrheit nicht so gena…