Warum sollte man sich auf das Spiel England gegen Argentinien freuen?
Sicher: England und Argentinien spielen kein herausragendes Turnier wie die anderen beiden Halbfinalisten, Spanien und Frankreich. Entsprechend fällt die Vorfreude auf das zweite Semifinale etwas geringer aus. Egal, wie die Partie ausgeht: Spanien geht als Favorit in das Finale.
Das schmälert das Prestige des Aufeinandertreffens jedoch nur unwesentlich. Beide Teams befinden sich auf einem ähnlichen Niveau, sodass wir auf ein spannendes Duell hoffen dürfen. Zudem verfügt die Paarung über reichlich Geschichte: Spätestens seit dem WM-Viertelfinale 1986 begegnen sich die beiden Fußball-Nationen in gegenseitiger Antipathie, Stichwort: Hand Gottes. Während sich im Klubfußball Spiele zwischen Top-Teams ständig wiederholen, trafen die beiden Nationen zuletzt vor 24 Jahren in einem Pflichtspiel aufeinander. Solch eine historisch aufgeladene Paarung erlebt man nur selten im Halbfinale einer Weltmeisterschaft.
Wie verlief das Turnier für beide Teams bisher?
England startete mit einem 4:2-Sieg gegen Kroatien ins Turnier. In der Folge taten sie sich mit defensiv auftretenden Gegnern schwer. Gegen Ghana (0:0), Panama (2:0) und die DR Kongo (2:1) überzeugten die Engländer nicht vollends. In den folgenden Runden entschieden sie zwei enge Spiele für sich: Im Achtelfinale erkämpften sich zehn Engländer einen 3:2-Sieg über Gastgeber Mexiko. Im Viertelfinale gewannen die Briten nach Verlängerung gegen Norwegen (2:1). Vier der fünf Treffer in diesen Partien erzielte Jude Bellingham.
Auch Argentinien überzeugte im Turnierverlauf nicht restlos. In der Gruppenphase gelangen ihnen drei klare Siege gegen Algerien (3:0), Österreich (2:0) und Jordanien (3:1). Seitdem bauten sie von Spiel zu Spiel weiter ab. Im Sechzehntelfinale gegen Kap Verde benötigte Argentinien eine Verlängerung (3:2). Im Achtelfinale gegen Ägypten lagen sie bis zur 79. Minute 0:2 zurück, ehe sie die Partie noch drehten (3:2). Auch gegen die Schweiz kam das Team erst nach einer Verlängerung weiter (2:1). Sie konnten die Partie erst nach einer roten Karte gegen Breel Embolo dominieren. Entscheidender Akteur der Mannschaft ist (mal wieder) Lionel Messi. Er war an zehn der 17 argentinischen Tore direkt beteiligt.
Welche Spieler dürfen wir auf dem Platz erwarten?
Nachdem England zuletzt einige Ausfälle zu verkraften hatte, kehren zum Halbfinale alle angeschlagenen Spieler zurück. Einzig Jarell Quansah (Rotsperre) und Jordan Henderson fallen definitiv aus. Allerdings ist bei manchen Spielern fraglich, wie viele Minuten sie im Tank haben. Außenverteidiger Reece James hat gegen Norwegen sein Comeback gefeiert, dürfte aber nicht fit genug sein für 90 oder gar 120 Minuten. Auch hinter dem Einsatz von Declan Rice stehen Fragezeichen. Er musste im Viertelfinale bereits zur Halbzeitpause das Feld verlassen.
Die spannendste Frage lautet, wie Trainer Thomas Tuchel den rechten Flügel besetzt. James könnte als Rechtsverteidiger beginnen. Dadurch würde Ezri Konsa zurück in die Innenverteidigung rücken. Auf dem rechten Flügel startete zuletzt Noni Madueke, überzeugte jedoch kaum. Bukayo Saka dürfte hier ein Kandidat für die Startelf sein. Er wirkte zu Beginn der WM nicht ganz fit, hinterließ nach seiner Einwechslung gegen Norwegen aber einen starken Eindruck.
Argentinien hat keine Verletzungssorgen zu beklagen. Messi hatte zwar nach dem Spiel gegen die Schweiz mit einem blutunterlaufenen Auge zu kämpfen. Diese Blessur soll aber bereits abgeheilt sein. Einzig Christian Romero kam gegen die Schweiz an seine Grenzen: Er musste in der Halbzeit der Verlängerung entkräftet ausgewechselt werden. Kein Wunder: Tottenhams Verteidiger war vor der WM mehrere Wochen verletzt ausgefallen. Er dürfte aber im Halbfinale wieder einsatzbereit sein. Sollte Trainer Lionel Scaloni personelle Veränderungen im Vergleich zum Schweiz-Spiel vornehmen, dürften diese eher taktischer Natur sein.

Auf welche Formation werden beide Teams setzen?
Auf den ersten Blick lässt sich diese Frage leicht beantworten. Englands Coach Thomas Tuchel hat im Turnierverlauf fast durchgehend auf eine Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3 gesetzt. Im Mittelfeld herrschte eine klare Aufteilung zwischen Sechser Elliot Anderson, Achter Rice und Zehner Bellingham. Argentiniens Coach Lionel Scaloni wiederum setzte in Achtel- und Viertelfinale auf eine Mittelfeldraute in einem 4-1-3-2-System.
Ob beide Trainer an dieser Formation festhalten, ist eine schwierigere Frage. England steht vor der bisher größten Herausforderung: Sie müssen eine Offensive um Superstar Messi kaltstellen. Tuchel hat im Verlauf des Turniers mehrfach umgestellt. So kam in der zweiten Halbzeit gegen Norwegen ein nicht wirklich funktionierendes 4-3-3 zum Einsatz. Erfolgreicher verlief die Umstellung auf eine Fünferkette, die Tuchel in den Schlussphasen gegen Mexiko und Norwegen vollzogen hat. Eventuell packt Englands Coach diese Variante auch gegen Argentinien aus.
Bei Argentinien habe ich wiederum bereits vor dem Schweiz-Spiel infrage gestellt, ob sie an ihrer Raute festhalten. Die Partie hat für mich wenig Argumente geliefert, die für die Raute sprechen. Argentinien gelingen zu wenige Angriffe durch das Zentrum, als dass sich eine Formation mit vier zentralen Mittelfeldspielern rechtfertigen ließe.
Zugleich passt diese Formation nicht zu Gegner England: Defensiv haben die Briten eher auf den Außenverteidiger-Positionen Schwächen. Offensiv wiederum ziehen sie das Spiel in die Breite. In einer Raute müssten die argentinischen Außenverteidiger in isolierte Eins-gegen-Eins-Situationen auf dem Flügel gehen – keine erstrebenswerte Option gegen Anthony Gordon, Saka und den unterstützenden Bellingham. Insofern rechne ich mit einem Formationswechsel der Argentinier. Allerdings lag ich hier auch schon vor dem Viertelfinale falsch.

Wie kann England Messi stoppen?
Vor jedem Argentinien-Spiel ploppt dieselbe Frage auf: Wie will der Gegner Messi stoppen? Seine statistischen Werte sind überirdisch: Er war an 60% der argentinischen Torschüsse direkt beteiligt, entweder als Schütze oder als Vorlagengeber. Wenn Messi ruhiggestellt wird, verliert das argentinische Offensivspiel fast seine gesamte Wucht. Das liegt auch daran, dass die argentinischen Mittelfeldspieler eine eher durchwachsene Weltmeisterschaft spielen.
Tuchel sagte auf der Pressekonferenz, er spiele mit der Idee, Messi einen festen Manndecker zuzuteilen. England müsste das System nur marginal anpassen: Messi bietet sich im linken defensiven Halbraum des Gegners an. Rice könnte eine defensivere Rolle einnehmen. Wenn Argentiniens Superstar in vorderster Linie agiert, fällt Rice mit ihm zurück. Er würde sich dann als fünfter Verteidiger in die Abwehrkette eingliedern. Sobald sich Messi zurückfallen lässt, kann ihn der Arsenal-Spieler verfolgen.
Alternativ könnte England eine ähnliche Herangehensweise versuchen wie die Schweiz. Sie setzte auf ein äußerst kompaktes 4-2-3-1-System. Argentinien fand keine Lücken im Mittelfeld. Wenn Messi den Ball bekam, konnten ihn stets mehrere Schweizer attackieren. Den Rest erledigte das Schweizer Ballbesitzspiel: Bis zur roten Karte gegen Embolo hatten die Eidgenossen ein Ballbesitzplus. Das verringerte Messis Anteil am Spiel. England ist durchaus fähig, diese Spielweise umzusetzen.
Wie könnte England Tore schießen?
Auch hier muss ich auf meine Antwort vor dem Schweiz-Spiel verweisen: über die Flügel. Den Schweizern gelang dies in der Phase nach der Pause, als sie die Flügel doppelt besetzten. Ich warte jedoch weiterhin auf ein Team, das die physischen Schwächen der Argentinier gnadenlos offenlegt. Auch Englands prognostizierte Startelf ist im Schnitt neun Zentimeter größer als die argentinische.

England verfügt über einen großen Unterschied zu allen bisherigen argentinischen Gegnern: Sie flanken gern und häufig. Nur Kanada hat im Turnierverlauf mehr Flanken geschlagen, sowohl bezogen auf die Zahl der absoluten als auch der angekommenen Hereingaben. Mit Harry Kane verfügt England über einen der stärksten Kopfballspieler der Welt. Sollte Argentinien tatsächlich in einer Raute auflaufen, dürften die Briten viele Angriffe über die Außen einleiten.
Was sind die X-Faktoren?
Beide Teams haben eine anstrengende K.O.-Phase hinter sich. Argentinien musste zweimal eine Verlängerung bestreiten. Auch gegen Ägypten gelang ihnen der Siegtreffer erst in der Nachspielzeit. England musste zwar nur im Viertelfinale eine Zusatzschicht antreten. Allerdings fand ihr Achtelfinale in Mexico City auf 2000 Metern Höhe statt, ehe sie im Viertelfinale im schwül-heißen Miami antreten mussten. Beide Teams könnten im Verlauf des Halbfinals an ihre körperlichen Grenzen geraten.
Argentinien ist der letzte verbleibende südamerikanische Teilnehmer bei diesem Turnier. Auch wenn sie bisher in diesem Turnier durch ihre offensive Spielweise auffielen, beherrschen sie auch das Einmaleins des zynischen Fußballs. Gerade bei einem engen Spiel darf man sich auf viel Theatralik, Schauspieleinlagen und Gemeckere einstellen.
Der Schiedsrichter der Partie heißt Ismail Elfath. Der US-Amerikaner hat u.a. die Partie Brasilien gegen Norwegen gepfiffen. Gelbe Karten müssen beide Teams nicht fürchten: Die Verwarnungen wurden nach dem Viertelfinale gelöscht, sodass keinem Spieler eine Gelbsperre im Finale droht. Das trifft selbstredend nicht auf Sperren nach Platzverweisen zu – es sei denn, die Fifa schafft einen neuen Fall Balogun.
Wer hat die Nase vorn?
Ich persönlich sehe England einen Tick voraus. Sie haben mit ihrem Fokus auf das Flügelspiel eine klare Angriffsroute, die Gegner Argentinien nicht liegen dürfte. Schlüsselspieler Bellingham befindet sich in herausragender Form. Zudem agierte die argentinische Elf von Spiel zu Spiel schwächer, während Englands Leistungen nach dem Topspiel gegen Kroatien stagnierten. Der X-Faktor auf englischer Seite ist Trainer Tuchel. Er könnte durch einen überraschenden Matchplan und durch seine Auswechslungen das Spiel in die eine oder andere Richtung lenken.
Allerdings möchte ich Argentinien auf keinen Fall abschreiben. Messi kann auch mit 39 Jahren jedes Fußballspiel durch seine Genialität entscheiden. Julian Álvarez‘ Knoten ist im Viertelfinale geplatzt – und wie! Sein Schlenzer in den Winkel brachte Argentinien auf die Siegerstraße. Auch Coach Scaloni könnte noch eine taktische Finesse in der Hinterhand halten, mit der niemand rechnet. So oder so: Wir dürfen uns auf ein spannendes Halbfinale freuen.
Moin Tobi,
mir hat Argentinien im 4-4-2 defensiv nicht gefallen, sollte man daher auf eine 3er Kette umstellen um zusätzlich Bellingham abzusichern und die entstehenden Löcher hinter den überladenen Flügeln mit wingbacks wie Simeone aufstellen um England’s Konter Anfälligkeit besser ausnutzen zu können?
Bleibt die Viererkette, so sehe ich England vorne. Ansonsten sehe ich Argentinien im potentiellen Elfmeterschießen vorn.
LG
Ich habe die Dreierkette bei Argentinien nicht angesprochen, weil sie diese Variante bei dieser WM noch nicht gespielt haben. Aber ja, in meinen Überlegungen kam sie auch vor. Sie haben sie ja 2022 ausgepackt und dort relativ erfolgreich gespielt. Wie du schreibst, man könnte die Flügel besser attackieren und auch das Zentrum gut sichern – Stichwort: Strafraumverteidigung gegen Kane und Bellingham. Mal schauen, ob sich Scaloni etwas einfallen lässt. Seine jüngsten Kommentare gingen ja eher in die Richtung „Ich vertraue den Spielern“…
Was für ein Spiel, was für eine Wucht. Distanzschüsse, Kombinationen im Zwischenlinienraum und vor allem: Halbflanken auf vorpreschende ZMs. Viel besser kann man so einen tiefen Block nicht bespielen. Wurde England zu passiv und hat zu wenig vorgeschoben, um die Halbfeldflanken zu verhindern? Oder hat Argentiniens Struktur und die Gefahr, Messi mehr Platz im Zwischenlinienraum zu geben, ein stärkeres vorschieben verhindert? In jedem Fall hat Spanien einen würdigen Gegner im Finalem
Falls man für das große Fußball-Lehrbuch noch Beispiele braucht, wie man eine knappe Führung verteidigt und wie nicht, dann kann man diese beiden Halbfinalspiele dort jetzt einheften.
Sich mit dem 1:0 direkt zurückziehen und dann mit noch 15 Minuten zu gehen bereits dreimal defensiv wechseln. Spätestens mit der Hereinnahme von Hightower (nicht House of the Dragon sondern Police Academy) gab es nicht nur keine Entlastung nach vorne, sondern hinten auch keine Ordnung mehr. Die Staffelung beim Assist zum Ausgleich steht da sehr plakativ dafür.
Als Neutraler war das schon großartige Unterhaltung!