Präsident Donald Trump. Originalbild von Flickr, Lizenz: Public Domain.
Das neue Jahrhundertspiel? England gegen Mexiko war nah dran!
Das Aztekenstadion hat viele große Momente gesehen. 1986 zauberte Diego Maradona hier ein Solo auf den Rasen, das die Fifa später zum „Tor des Jahrhunderts“ kürte. 1970 lieferten sich Italien und Deutschland das sogenannte „Spiel des Jahrhunderts“. Das epische Halbfinale endete 4:3.
Seit der heutigen Nacht ist die Geschichte des Aztekenstadions um ein Kapitel reicher. England und Mexiko lieferten sich einen großen Kampf – ein Spiel voller Wendepunkte, schöner Tore und absurder Kuriositäten.
Mexiko startete besser in die Partie: Die Engländer zogen sich recht früh in ein 4-4-2 zurück. Der mexikanische Sechser Érik Lira ließ sich zwischen die Verteidiger fallen und gestaltete das Spiel aus der Tiefe. Die Mexikaner setzten auf ihr bekanntes Aufbauspiel: Immer wieder kamen die Achter oder die Außenspieler entgegen, um den Ball im Halbraum zu fordern. England ließ sie überraschend lange gewähren. Erst im eigenen Drittel wagten sich die Briten in Zweikämpfe.
Nach der Trinkpause fielen die ersten Tore. Allerdings nicht für Mexiko. Jude Bellingham erzielte entgegen dem Spielverlauf einen Doppelschlag (36. & 38.). Zwei Konter in nicht einmal zwei Minuten drehten das Spiel auf links. Doch Mexiko zeigte sich unbeeindruckt. Von den 80.000 Zuschauern auf den Rängen ertönte der Schlachtruf: „Si se puede!“ („Ja, es ist möglich“, besser bekannt als „Yes we can“. Obama amerikanisierte einst den Slogan, der erstmals in den Siebzigern während mexikanischer Proteste aufkam.) Ja, es war möglich: Noch vor der Pause erzielte Mexiko den Anschlusstreffer (42.) und beinahe auch den Ausgleichstreffer.
England kam als das bessere Team aus der Kabine zurück. Thomas Tuchel hatte das Pressing seiner Mannschaft leicht umgestellt: Linksaußen Anthony Gordon lief zusammen mit Bellingham und Harry Kane den gegnerischen Dreieraufbau an. Rechtsaußen Bukayo Saka agierte hingegen tiefer. In der neuen Formation gewann England mehr Bälle und bekam endlich Kontrolle in eine wilde Partie.
Dann stieg Jarell Quansah offenbar die Höhenluft zu Kopf. Mit einem groben und unnötigen Foulspiel nahm er sich selbst aus dem Spiel (54.). Ironischerweise funktionierte just nach der Roten Karte Englands Konterstrategie: Gordon holte einen Elfmeter raus, den Kane verwandelte (60.).
Mexiko schien spätestens ab dieser Phase mit dem Druck überfordert zu sein. Santiago Giménez dribbelte bei der Spielfortführung nach dem 3:1 einfach los, als hätte er noch nie in seinem Leben einen Anstoß ausgeführt. England bekam einen Freistoß zugesprochen. Es schien, als könnte England das Spiel einfach verwalten, ehe sich der VAR erneut meldete: Er sprach Mexiko einen Elfmeter zu nach einem Foulspiel durch Kane. Plötzlich stand es 2:3 (69.).
Danach entwickelte sich eine englische Abwehrschlacht. Tuchel nutzte die Trinkpause, um seine Elf auf ein 5-3-1 einzuschwören. Mit Dan Burn kam ein Zwei-Meter-Verteidiger, um mexikanische Flanken wegzuköpfen. Dieser Wechsel entpuppte sich als goldrichtig. Mexiko fing relativ früh an, den Ball aus allen möglichen und unmöglichen Winkeln in den Strafraum zu bolzen. Blöd nur, dass die Mexikaner den Engländern in der Luft massiv unterlegen waren. Da half auch ein Mann mehr nichts.
So mag die finale Wendung gefehlt haben, damit dieses tolle Achtelfinale das Prädikat „Jahrhundertspiel“ verdient hätte. Das soll den Unterhaltungswert der Partie nicht schmälern.
Und bevor irgendjemand einwirft, England habe auch im fünften Turnierspiel keine restlos überzeugende Leistung gezeigt: Müssen sie auch nicht. Sie gewinnen nun schon seit 2018 bei großen Turnieren in schöner Regelmäßigkeit 50:50-Spiele. Das nennt sich Turniermannschaft. Früher waren das mal wir Deutschen. Mittlerweile gebührt der Titel den Engländern. Wer schafft es schon, Mexiko im altehrwürdigen Aztekenstadion zu besiegen? Bislang war das bei Weltmeisterschaften noch keiner Nation gelungen. Wenn das mal nicht ein gutes Omen ist für das anstehende Viertelfinale gegen Norwegen am kommenden Samstag.
Trump hat Infantino in seiner Tasche
Drei Wochen hatten wir Ruhe vor Donald J. Trump. Es schien beinahe so, als wäre Gianni Infantinos Plan, Trumps Ego mit einem eigens erfundenen Friedenspreis zu streicheln, voll aufgegangen. Der US-Präsident hat bisher kein Spiel besucht, sein Heimatministerium jeden WM-Spieler hineingelassen (anders als Kanada). Nicht einmal auf seiner Social-Media-Plattform Truth Network hat sich Trump allzu häufig über die WM ausgelassen. Bislang hat der US-Präsident bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft keine Rolle gespielt.
Bis vor einigen Tagen Infantinos Handy klingelte. So behaupten es zumindest Recherchen verschiedener Medienhäuser. Trump höchstpersönlich soll den Fifa-Präsidenten gebeten haben, die Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun aufzuheben. Die Fifa beugte sich und zauberte einen Paragrafen aus dem Hut, durch den Baloguns Sperre in eine Bewährungsstrafe umgewandelt wurde. Er darf nun ein Jahr lang keinen Platzverweis erhalten, sonst wird die Sperre nachträglich verhängt.
Es ist nicht das erste Mal bei dieser Weltmeisterschaft, dass die Fifa von diesem Paragrafen Gebrauch macht. Cristiano Ronaldo hätte den Fifa-Regularien zufolge in der Gruppenphase nicht mitwirken dürfen. Er hatte am finalen Spieltag der Qualifikation eine Rote Karte für eine Tätlichkeit gesehen. Diese zieht eine automatische Sperre von drei Spielen nach sich. Diese Sperre hätte alle Gruppenspiele der Portugiesen betroffen. Die Fifa setzte sie zur Bewährung aus. Die Motive dürften finanzieller Natur gewesen sein: Der Weltverband wollte bei der WM nicht auf eines seiner größten Zugpferde verzichten.
Wer weiterhin wohlwollend und naiv auf den Fußball schauen möchte, kann durchaus Argumente finden für die Aufhebung von Baloguns Sperre. Die Rote Karte war in der Tat hart. Balogun verletzte zwar seinen Gegenspieler, allerdings geschah dies eher unfreiwillig. Balogun traf Tarik Muharemović eher nachgelagert im Verlauf des Zweikampfs am Knöchel. Der Videoassistent bat den Schiedsrichter an den Bildschirm, obwohl keine klare Fehlentscheidung vorlag. Inhaltlich gibt es Argumente, dass diese Rote Karte nie hätte verhängt werden dürfen.
Das hat die Fifa jedoch auch in der Vergangenheit nicht dazu bewegt, Sperren zurückzunehmen. Die Regeln sind hier eindeutig. Sämtliche Fußballverbände sind hier in der Vergangenheit konsequent vorgegangen: Die Entscheidung auf dem Platz bleibt bestehen. Es muss schon ein himmelsschreiender Fehler des Schiedsrichters vorliegen, damit eine Sperre zurückgenommen wird. Das ist hier nicht der Fall. Es gibt keinen inhaltlichen Grund, warum dies bei Balogun anders sein sollte.
Letztlich dürfte Trumps Anruf die logischste Erklärung sein für das Verhalten der Fifa. Der Weltverband macht seit längerer Zeit einen großen Knicks vor dem US-Präsidenten. Trumps Wille geschehe! Es dürfte an diesem Punkt nicht einmal mehr das kommerzielle Interesse sein, das die Fifa antreibt. Sicher: Ein Weiterkommen der US-Amerikaner wäre für die Begeisterung vor Ort förderlich. Aber wie viel wahrscheinlicher macht ein Einsatz von Balogun dieses Weiterkommen? Ist ein Weiterkommen der USA es wert, die Integrität der Weltmeisterschaft zu beschädigen?
Am Ende dürften eher persönliche Allianzen dieser Entscheidung zugrunde liegen. Infantino stand immer schon an der Seite mächtiger Männer. Er erhofft sich offensichtlich persönliche Gefälligkeiten vom US-Präsidenten. Nur so lässt sich seine intime Beziehung zum US-Präsidenten erklären. Sie ist mittlerweile weder nötig noch förderlich für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft.
Ob die Entscheidung mittelfristig klug war? Infantino mag sich auf seinem Thron unangreifbar fühlen. Doch während WM-Vergaben an Saudi-Arabien oder WM-Vergrößerungen innerhalb der meisten Landesverbände auf Wohlwollen stoßen, dürfte diese Entscheidung nicht nur dem US-amerikanischen Gegner Belgien missfallen. Infantino hat sich einen großen Shitstorm eingebrockt. Die Frage ist, wie er da wieder herauskommt.
Kurze Beobachtungen
- Wer meint, Fußball-Deutschland befindet sich in einem Tal, sollte nach Brasilien schauen. Seit dem letzten WM-Titel vor 24 Jahren erreichten die Brasilianer exakt ein einziges Mal das WM-Halbfinale, nur um dort ein nationales Trauma zu erleiden, Stichwort: 1:7. Seit dem Finalsieg 2002 gegen Deutschland konnte Brasilien kein K.O.-Spiel mehr gegen eine europäische Nation gewinnen. Das änderte sich auch gegen Norwegen nicht. Brasilien setzte auf eine totale Konterhaltung. Norwegen tat sich lange Zeit schwer damit, Chancen gegen die Manndeckung Brasiliens herauszuspielen. Der fünffache Weltmeister vergab in der ersten Halbzeit einen Elfmeter und eine weitere Großchance. Der norwegische Keeper Ørjan Nyland schien sich zum Matchwinner aufzuschwingen. Dann schnappte sich sein Teamkollege Erling Haaland diesen Titel. Seine WM-Tore sechs und sieben bescherten den Norwegern das Weiterkommen. Und die Brasilianer? Sie scheiden mal wieder aus, obwohl sie bei den Expected Goals klar vor ihrem Gegner lagen (2,53 zu 1,42). Dieses Schicksal erlitten sie bereits 2022 gegen Kroatien (1,82 zu 0,63) und 2018 gegen Belgien (2,61 zu 0,41). Lustigerweise kann man bei Brasilien dieselben Analyse-Versatzstücke anwenden wie bei Deutschland: Ihnen fehlen Außenverteidiger auf Weltniveau, ein Stürmer, der in einem Turnier fünf oder mehr Tore schießt, sowie die Widerstandsfähigkeit, nach einem Rückstand zurückzuschlagen.
- Wir müssen mal wieder über ein unliebsames Thema reden: die Schiedsrichter. Tatort Aztekenstadion: Vor der Roten Karte gegen Quansah hatte Schiedsrichter Alireza Faghani nicht einmal auf Foul entschieden. Es ist ein weiterer Beleg für das niedrige Schiedsrichter-Niveau bei diesem Turnier. Ich selbst bin kein Schiedsrichter-Experte, werde aber in den kommenden Tagen einmal die Ansetzungen dieses Turniers kritisch überprüfen. Zu oft standen zuletzt Schiedsrichter auf dem Feld, die mit der Wucht eines WM-K.O.-Spiels überfordert waren.
Erstmals richtig froh, dass es den VAR gibt. War lange nicht unbedingt ein Fan des VARs, weil vor allem die Handsregel extrem streng ausgelegt wurde. Vielleicht können die Schiedsrichter gar nicht mehr ohne TV-Bilder arbeiten. Die haben das richtige Pfeifen aus dem Moment heraus verlernt.
In der englischen Wikipedia ist im Artikel „2026 FIFA World Cup officials“ genau aufgelistet, welches Schiri-Team bis jetzt welche Spiele hatte.
Man erkennt da ganz gut, daß es in manchen Konföderationen wenig Auswahl gibt. Faghani, der letzte Nacht mehr VAR benötigt hat, als an sich wünschenswert gewesen wäre, ist in Asien da klar der Erfahrenste. Für USABEL heute Nacht ist Makhadmeh (Jordanien) eingeteilt. Der hat bisher zwar keine entscheidenden Fehler gemacht, wirkte aber auch nicht immer souverän. Für diese jetzt zweifelsohne brisante Partie ist das schon eine riskante Ansetzung, zumal nach dem Prinzip der neutralen Konföderation hier ja auch einer der sechs Brasilianer oder Argentinier in Frage gekommen wäre.
Gerade wenn es heiß wird, wirken Schiris, die gewöhnliche Vorrundenspiele noch tadellos über die Bühne bringen können, aber manches nicht aus Liga oder kontinentaler Champions League gewohnt sind, gleich mal unsicher, siehe zum Beispiel das ewig lange Videostudium von Martínez (HON) vor dem Elfmeter bei BELSEN.
Der Totalausfall von Tantashev bei FRAPAR wirkte denn auch besonders deutlich, weil direkt davor Michael Oliver bei CANMAR gezeigt hat, wie man solche Spiele leitet, wenn nötig mit direktem Körpereinsatz wie Knut Kircher in seiner Prime etwa beim kleinen Rudel vor der Halbzeit. Wenn der Schiri so deutlich die Spieler davor bewahrt, irgendwelche Dummheiten zu begehen, merken die sich das auch für den Rest der Partie.
Oliver hat nur das Pech, daß England noch im Wettbewerb ist.
Vor zwei Tagen war Brasilien noch resilient und hatte dank Ancelottis Siegermentalitaet das Spiel gegen Japan gedreht
Ja, der letzte Satz mit der fehlenden Widerstandsfähigkeit liest sich angesichts der Partie gegen Japan komisch. Aber Japan und Norwegen sind auch schwer bis nicht zu vergleichen.
Grace Robertson hat zu Ancelotti ein paar interessante Zeilen geschrieben (https://www.graceonfootball.com/p/world-cup-day-25):
“ [..] I’ve heard Tim Vickery say quite a few times that Ancelotti describes his job as to “make the President happy”. [..] Now, he’s at Brazil, and the “President” so to speak is essentially the Brazilian public.“
Seine Reaktionen im Spiel gegen Norwegen zielten nicht darauf ab, die Spielkontrolle zu erlangen und das Spiel zu gewinnen, sondern waren letzten Endes eher Fanservice aufgrund des drohenden Ausscheidens. Ihr musste ja ohnehin schon ordentlich tricksen, um die offensichtlichen Schwächen von Casemiro und Vini Jr. zu kompensieren, da steht selbst Ancelotti irgendwann an.
Ronaldo hat ein Spiel seiner Sperre im letzten Quali-Spiel der Portugiesen abgesessen. Die zwei weiteren Spiele wurden auf Bewährung ausgesetzt. Er hätte also nur die ersten beiden WM-Spiele verpasst. Macht die Sache natürlich nicht besser.