Twitter ist eine Plage für den öffentlichen Diskurs. Ich muss aber gestehen: Ich mache mich mitschuldig. Ich haue kurze Dreizeiler mit starken Thesen raus, um Reichweite zu generieren. Ich schreibe immer Dinge, die ich mit ganzem Herzen vertrete. Aber ein Tweet ist nun einmal keine Bachelor-Arbeit. Man kann schlecht Argumente gegeneinander abwägen und Positionen abschwächen.
Thema: Cristiano Ronaldo. Mein Tweet lautete: „Die GOAT-Debatte nervt mich seit Jahren. Aber nach heute möchte ich einmal kurz sagen: Jeder, der weiterhin Cristiano Ronaldo als ‚besten Fußballer aller Zeiten‘ bezeichnet, sollte nicht ernst genommen werden. Ein Spieler mit einer derartigen WM-Bilanz kann nicht der GOAT sein.“ Pointiert und übertrieben. Aber es ist eine These, an die ich glaube.
Dazu muss man erst einmal meine besondere Beziehung zu großen Turnieren verstehen: Für mich ist eine Weltmeisterschaft das Hochfest des Fußballs. Sie sind die große Messe, zu der all die großen Spieler der ganzen Welt zusammenkommen. In komprimierter Form wird hier bestimmt, welche Mannschaft die beste auf der Welt ist. Ist das fair? Keineswegs. Wer das wahrlich beste Team bestimmen will, sollte über einen längeren Zeitraum die Teams gegeneinander antreten lassen. So funktionieren Ligen. Der Liga-Betrieb ist aber nicht annähernd so pointiert wie ein K.O.-Turnier: Ligen verzeihen Fehler und schlechte Leistungen; Konstanz ist hier wichtiger als Brillanz.
Weltmeisterschaften sind anders. Sie sind viel stärker dem Zufall unterworfen. Vor allem aber verlangen sie von den Spielern, über einen kurzen Zeitraum ihr allerbestes Ich zu präsentieren. Wer im Achtelfinale einen schlechten Tag erwischt, verpasst die Chance, im Viertelfinale groß aufzuspielen. Das ist der Haken, aber auch der Reiz an einem großen Turnier.
Ich vertrete folgende Lesart des Sports: Manche Momente zählen mehr als andere. Niemand käme auf die Idee, einen Eiskunstläufer zum Besten seines Fachs zu erklären, wenn dieser alle vier Jahre bei Olympischen Spielen den dreifachen Axel verhaut. Selbst wenn er sonst alles gewinnt: Er ruft seine Fähigkeiten nicht ab, wenn es wirklich zählt. Das ist aus meiner Sicht die Eigenschaft, die gute Sportler von den allerbesten unterscheidet.
Zinedine Zidane ist das Lehrbuchbeispiel. Würde man ein zufälliges Spiel aus seiner Karriere herauspicken, wäre die Wahrscheinlichkeit vergleichsweise hoch, eine eher durchschnittliche Leistung zu sehen. Zidane kam nie auch nur in die Nähe der Torquoten von Lionel Messi oder Ronaldo. Wenn Zidane in einer Saison zweistellig getroffen hat, galt dies als stark. Aber er war da, wenn es darauf ankam: Er erzielte Tore im Champions-League-Finale und in zwei unterschiedlichen WM-Finals. Viele Fans meiner Generation verehren ihn bis heute. Sie verehren nicht den alltäglichen Fußballer Zidane; sie verehren den Spieler, der auf der großen Bühne sein bestes Ich zur Schau stellte.
Als Zidane Trainer bei Real Madrid wurde, suchte er das Gespräch mit Ronaldo. Er sagte ihm: Es bringt nichts, wenn du in der Liga sämtliche Torrekorde brichst. Du musst in den großen Spielen überragen. Tatsächlich zeigte Ronaldo unter Zidane seine stärksten Leistungen in der Champions League. Allein dafür und für seine schier unbändige Konstanz gebührt Ronaldo ein Platz im Pantheon des Fußballs – eher zumindest als Zidane, der diese Brillanz nur in Ausnahmemomenten zeigte.
Vom größten Fußballer aller Zeiten erwarte ich jedoch, dass er auf der allergrößten Bühne des Sports sein bestes Ich präsentiert. Ronaldo hat sechs Weltmeisterschaften gespielt. Nur bei zweien zeigte er gute, aber keineswegs überragende Leistungen; bei seinem ersten Turnier 2006 und 2018. Er hat in seiner gesamten WM-Karriere nur ein Tor in einem K.O.-Spiel erzielt – und das per Elfmeter. Pele hat sieben Treffer in K.O.-Spielen erzielt, Messi fünf, Mbappé elf! Selbst Ivan Perisic kommt auf vier.
Nun gibt es ein simples Gegenargument gegen diese Rechnung: Fußball ist ein Teamsport. Was soll Ronaldo ausrichten, wenn er nicht über die passenden Mitspieler verfügt? Dieses Argument, das aus Ronaldo einen modernen George Best macht, zieht bei mir nicht. Ja, ausgerechnet in Ronaldos Blütezeit hatten die Portugiesen keine konkurrenzfähige Mannschaft. 2010 und 2014 hätte auch ein Ronaldo in Bestform Portugal nicht zum Titel geschossen. Andererseits hatte auch Messi in seiner Hochzeit keine große Weltmeisterschaft gespielt, ehe er 2022 mit 35 Jahren sein Land zum Weltmeister-Titel führte. Es ist also möglich.
Vor allem die letzten beiden Turniere lieferten Argumente, dass Ronaldo nicht auf eine Stufe mit Diego Maradona, Pele und Messi gehört. Schon 2022 schadete seine Präsenz seiner Nationalmannschaft eher, als dass sie half. Dennoch spielte er noch zwei weitere Turniere. Weder bei der Euro 2024 noch bei der WM 2026 überzeugte er. Ich habe ihn zu Beginn des Turniers noch verteidigt: Portugals Probleme sind größer als Ronaldo. Er war jedoch auch nie ein Teil der Lösung.
Das schmälert Ronaldos beachtliches Lebenswerk keineswegs. Es verhindert jedoch, dass er die letzte Stufe auf dem Weg zum Größten aller Zeiten erklimmt. Kein Tennisspieler taugt zum GOAT, solange er nicht Wimbledon gewinnt. Kein Basketballer kann sich der Beste aller Zeiten nennen, wenn er nicht in den Playoffs sein Team anführt. Und kein Fußballer darf sich der „größte Spieler aller Zeiten“ nennen, solange er solch eine WM-Bilanz aufweist wie Ronaldo.
Portugal: Tief unten schlummert hier eine großartige Mannschaft
Und damit wären wir – nach diesem langen Umweg – beim Achtelfinale zwischen Portugal und Spanien angelangt. Die Partie verlief offener, als ich erwartet hatte: Spanien tat sich lange Zeit schwer damit, Ruhe und Ordnung in die Partie zu bringen. Immer wieder spielte der Europameister überhastete Bälle in die Spitze. Anschließend mussten sie sich dem verschnörkelten Ballbesitzspiel der Portugiesen erwehren. Die Spanier hatten zwar die besseren Chancen. Sie benötigten jedoch ein Last-Minute-Tor, um der Verlängerung zu entgehen.
Dieses Spiel hat mich in meiner Enttäuschung über diese portugiesische Elf bestätigt. Der Satz mutet seltsam an, schließlich zeigte Portugal die beste Leistung bei diesem Turnier. Gerade das war so frustrierend: Das Achtelfinale führte vor Augen, wie gut diese portugiesische Elf sein könnte.
Dabei rede ich nicht einmal von der taktischen Dimension. Ich habe keine ausgeklügelten Winkelzüge erkennen können, außer einer Mischung aus hohem 4-4-2-Pressing und tiefem 4-5-1-Block. Es sind eher die individuellen Fähigkeiten der Spieler, die das Team so besonders machen: Portugals Abwehrkette hat zahllose Schnittstellenpässe der spanischen Angreifer rechtzeitig gelesen und mit starken Aktionen geklärt. Das Mittelfeld ließ immer wieder Spaniens Pressing ins Leere laufen. Die Einwechselspieler senkten das Niveau des Teams nicht, im Gegenteil: Gerade Rafael Leão sorgte auf der linken Seite für mächtig Betrieb.
Enttäuschend ist, dass sich die Einzelspieler nie zu einem großen Ganzen verbanden. In dieser Mannschaft schlummert sowohl ein großartiges Ballbesitzteam als auch eine clevere Kontermannschaft. Sie könnten ihre Stärken sowohl im hohen als auch im tiefen Pressing ausspielen. Nur müsste irgendein Trainer oder Funktionär endlich eine Philosophie vorlegen, die aus mehr besteht als: „Wir haben starke Individualisten, die sich austoben dürfen.“
Und damit sind wir zum Schluss wieder bei Cristiano Ronaldo angelangt. Er war sicher nicht das größte Problem der portugiesischen Elf. Aber spätestens gegen Spanien war er ein Problem. Portugal musste praktisch mit neun Feldspielern verteidigen. Zugleich fehlte dem Megastar das Tempo, um nach Ballgewinnen die spanischen Verteidiger abzuhängen. Das sorgte dafür, dass Portugal die starken Ballgewinne nie veredeln konnte. Ronaldo hing indes über neunzig Minuten in der Luft. Trainer Roberto Martinez behielt ihm trotzdem auf dem Feld. Man kam nicht umhin zu denken, dass Ronaldo wichtiger ist als sein Team.

Portugal wird sich neu aufstellen müssen. Selbst wenn Cristiano Ronaldo nicht von selbst den Rücktritt wählt: Die Idee, dass er mit 43 eine weitere Europameisterschaft spielt, ist abwegig. Die Vorstellung, dass er mit 45 an seiner siebten WM teilnimmt, ist absurd. Das dürfte ihn nicht davon abhalten, es zu versuchen. Portugal sollte jedoch den totalen Neuanfang wagen – nicht nur ohne Ronaldo, sondern vielleicht auch ohne einige der anderen arrivierten Akteure. Es ist auf jeden Fall genug Talent vorhanden, als dass Portugal in zwei oder spätestens vier Jahren als Titelfavorit zu einem Turnier fahren darf – wenn sie endlich wissen, was für eine Art Team sie sein wollen.
Kurze Beobachtungen
- Apropos „im wichtigen Spiel die bestmögliche Leistung bringen“: Belgiens Trainer Rudi Garcia hatte mich bei diesem Turnier bisher nicht überzeugt. Er wechselte Personal und Formation scheinbar willkürlich: Mal verteidigte das Team eher in einem 4-3-3, dann in einem 4-4-1-1. Nie fand er die richtige erste Elf. Bis zum Achtelfinale. Sein Schachzug, Kevin de Bruyne und Jeremy Doku auf die Bank zu setzen, war risikoreich. Im Falle einer Niederlage wäre ihm dies sicher angekreidet worden. Doch er ging auf: Belgien wirkte im Pressing wesentlich druckvoller. Sie ließen den Ball gut laufen und streuten im richtigen Moment lange Bälle ein. Praktisch jeder zweite Ball landete bei einem Belgier. Es war das mit Abstand beste belgische Spiel bei diesem Turnier – genau zum richtigen Zeitpunkt.
- Tja, und zu den USA bleibt zu sagen: Karma ist ein Biest. Die Rückkehr des eigentlich gesperrten Folarin Balogun erwies sich als Bumerang. Der Stürmer zeigte zwar eine gute Leistung; er holte u.a. den Freistoß zum zwischenzeitlichen Ausgleich heraus. Doch seine Mitspieler wirkten seltsam gehemmt. Belgien schien extramotiviert, während die US-Amerikaner über-ängstlich agierten. Sie bekamen nie ihre Mischung aus cleverem Positionsspiel und intensivem Pressing auf den Rasen. Für den weiteren Turnierverlauf war dieser belgische Sieg ein Segen. Alles andere hätte den Turnierbaum komplett kompromittiert. Das US-amerikanische Ausscheiden lässt den Skandal um die Balogun-Sperre jedoch nicht verblassen. Die Fifa wird sich weiter dafür verantworten müssen, die Integrität des Sports verraten zu haben.
- Zum Abschluss noch ein loser Gedanke, den ich nicht twittern wollte – hier hatte ich echt keine Lust auf die Antworten. Wer die USA verstehen möchte, sollte sich die Meinungen der dortigen Experten und Journalisten zur Balogun-Entscheidung anschauen. Lagerübergreifend werden Gründe gesucht, warum die Entscheidung der Fifa korrekt war. Hier zeigt sich amerikanischer Exzeptionalismus in Reinform: Regeln sind dehnbar. Bestehende Normen sind verhandelbar, solange eine Entscheidung korrigiert wird, welche die USA benachteiligt. Das Schockierende ist, dass selbst liberale Stimmen diese Denkweise propagieren. Das zeigt, warum es auch nach Trump kein Zurück geben wird zur Ordnung des 20. Jahrhunderts: Die Wählerschaft in den USA hat keinerlei Interesse an einer regelbasierten Wertordnung, für die eine Sperre nach einer roten Karte ja symbolisch steht. Für sie ist alles gut, solange die USA am Ende profitieren. Dass man sich auf solch ein Land als Partner nicht verlassen kann, sollte langsam jedem Bundesbürger dämmern.
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Das Titelbild zeigt Cristiano Ronaldo und stammt von dinesh von der Seite hdwallpapers.net. Lizenz: CC BY-SA 3.0.
Die Aussage zum amerikanischen Exzeptionalismus ist ernüchternd, aber leider zutreffend.
Hat aber auch starke gesellschaftlich verwurzelte und historische Gründe dort, da der ideologisch-personalisiert geführte Wahlkampf noch einmal eine gänzlich andere Schärfe hat als hier, die einen Außenseiter direkt als antiamerikanisch branden. Wäre dennoch vorsichtig, das nur annähernd mit einer Gruppierung wie den heutigen Republikanern unter Trump gleichzusetzen – auch wenn das bestimmt nicht deine oder Tobis Absicht war.
Ein Aspekt, der mir auch und gerade im Tweet aufgefallen ist, ist die Vermischung der Frage nach dem „besten“ Fußballer aller Zeiten und dem „großartigsten“, dem GOAT. Ich finde, dass man dabei durchaus differenzieren kann.
Demnach wäre der beste Spieler rein über die Leistung auf dem Platz zu definieren. Die führt auf einem bestimmten Niveau sicherlich auch zwangsläufig zu großen Titeln, die wiederum hängen aber doch zu sehr von der Mannschaft ab, als dass sie als entscheidendes Bewertungskriterium herangezogen werden sollten (was jeweils zugunsten und zulasten von Messi und CR7 angeführt werden kann).
Daher konnte man auch vor Argentiniens letztem WM-Titel problemlos begründen, dass Lionel Messi wohl der beste Spieler aller Zeiten ist – dazu sei nur am Rande auf folgenden bestens bekannten Text hingewiesen: https://footballarguments.wordpress.com/2017/07/23/who-is-the-best-footballer-of-all-time/ (in dem das Wort GOAT übrigens im Text gar nicht und erst in den Kommentaren gebraucht wird).
Der GOAT wiederum geht über das rein Sportliche hinaus. Hier kommt für mich auch der Einfluss auf den Sport zutage, das Begeistern und Mitreißen der Massen, mediale Bekanntheit über den Sport hinaus, das Aufstellen von Rekorden, magische Momente in großen Spielen, die viel beschworene Aura – und natürlich das Sammeln von großen und bedeutenden Titeln.
Ironischerweise war noch vor Messis WM-Titel diese Differenzierung immer hilfreich für diejenigen, die Messi als besten Spieler aller Zeiten ansahen, bei denen die sportliche Gleichsetzung mit CR7 Kopfschütteln ausgelöst hat, die aber u. a. den Elefanten „fehlender WM-Titel“ in der GOAT-Frage nicht aus dem Weg geräumt bekamen. Der medialen Reaktion nach war die GOAT-Debatte mit Messis WM-Titel dann aber erstmal beendet – sicherlich mit guten Argumenten vertretbar.
Dass Cristiano nie in die Debatte des besten Spielers aller Zeiten gehörte und sportlich klar hinter (nicht nur) Messi einzuordnen ist, sollte gerade in diesen Kreisen nicht auf Widerspruch stoßen. Allerdings bin ich inzwischen geneigt, ihn in der GOAT-Debatte sogar etwas in Schutz zu nehmen. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass es die „Messi vs. CR7“-Debatte trotz der sportlichen Unterschiede überhaupt gibt, denn er hat sie mit seinen Titeln, Rekorden, Leistungen in der Champions League, individuellen Auszeichnungen, vor allem aber der medialen Darstellung in einer Form befeuert, in der nicht von der Hand zu weisen war, dass sie überhaupt – und angesichts der genannten Faktoren auch nicht gänzlich zu Unrecht – ernsthaft geführt werden musste und vielleicht auch immer noch muss.
Deswegen finde ich auch Tobis Take, gerade nach diesem Spiel und dieser WM nochmal klarzustellen, dass CR7 nicht in die GOAT-Debatte gehört, sowohl inhaltlich als auch vom Zeitpunkt her nachvollziehbar. Denn nach diesem nun endgültigen WM-Aus und gerade aufgrund der fast schon bemitleidenswerten Außendarstellung kriegt der Case für CR7 in der GOAT-Debatte doch einen erheblichen Dämpfer.
Die Schärfe aus der Debatte wird diese Differenzierung hier kaum nehmen, aber vielleicht bietet sie interessante Ansätze für eine wirkliche GOAT-Debatte. War Pelé wirklich allen anderen so voraus, wie wir als Kinder gelesen haben? Unterschätzen wir immer noch, was Maradonas Talent und Magie an Leidenschaft in Menschen ausgelöst hat? Gab es einen kompletteren Spieler als Di Stéfano? Oder hat Messi trotz deren Legendenbildung genug getan, um vorne zu liegen? Und wie großartig war eigentlich der (unvollendete!?) brasilianische Ronaldo?
Ich glaube das Problem bei GOAT ist immer Spieler aus verschiedenen Ären miteinander zu vergleichen. Da gibt es zwangsläufig immer eine Bias gegenüber dem Neueren- wobei man diese vermutlich sogar damit begründen kann, dass sich der Sport (jeder Sport) weiterentwickelt und vermutlich ein Madonna wenn er so spielen würde, wie er gespielt hat, heute weniger effizient wäre. Aber das lässt außer acht, dass er sich ja dem aktuellen Spiel angepasst hätte… Also: Man weiß es nicht.
Und GOAT ist für mich immer José Leandro Andrade 😉
Lieber Nikolas, ich habe gerade bei WordReference gesucht, wie die Übersetzung von „greatest“ ist. An 13. Stelle (!) kommt „großartig“ als Übersetzungsvorschlag – unter der Rubrik „zusätzliche Übersetzungen“. Die „wichtigsten Übersetzungen“ von greatest sind demzufolge „beste“ und „größte“. Ich finde du betreibst mit deinem Argument, hinsichtlich der „Großartigkeit“, Wortklauberei. Allem Anschein nach denkt der englische Muttersprachler, der GOAT benutzt, an den „Besten“ bzw. „Größten“.
Ohne zu tief in die Etymologie des Begriffs GOAT einzutauchen, finde ich schnell heraus, dass der Begriff GOAT aus der amerikanischen Medienlandschaft kommt und dort schon sehr lange von Sport- und Boulevardmedien für die größten einer Branche benutzt wird (z.B. Michael Jordan, Serena Williams). In deutschen und europäischen Sportmedien taucht der Begriff vor 2018 fast gar nicht auf. Das ergab eine kurze Googlesuche nach dem Begriff GOAT auf den Internetseiten der einschlägigen europäischen Sportmedien.
Die GOAT Debatte in den USA wurde um 2017 und 2018 wieder groß aufgerollt, nach dem Tom Brady in kurzer Zeit dreimal den Super Bowl gewann (2017, 2018, 2019) und diskutiert worden war, ob er nicht der GOAT des Footballs sei. Eine Zeit, in der zum einen das europäische Interesse an der NFL und deren mediale Präsenz in Europa und Deutschland massiv zugenommen hat. Zum anderen eine Zeit, in der durch Social Media (insbesondere Instagram) der Konsum amerikanischer und internationaler Medien sehr niedrigschwellig geworden ist.
Das ein Blogpost aus 2017, von einem Fußballfan, den Begriff GOAT nicht beinhaltet, überrascht demnach nicht. Spannend ist die Frage, ob der Autor oder die Autorin Amerikaner*in ist oder einen starken Bezug dahin hat. Und wenn nicht, ob die Eigenschaften auf die Kommentatorinnen und Kommentatoren zutreffen, die GOAT benutzten.
Noch ein Frage an dich, Nikolas: gibt es anderen Journalisten, Medien oder Beobachter des Sports, die den GOAT diskutieren und zwischen dem einflussreichsten und besten Spieler differenzieren? Ich bin interessiert herauszufinden, warum und wer das macht.
Liebe Grüße
Ein loser Gedanke zu deinem losen Gedanken:
In einem Forum las ich dazu eine Anekdote, zwei Pokerspieler spielten eine Runde Golf und wetteten unter Nennung ihres Handicaps um eine ordentliche Summe.
Der Brite verlor die Wette gemäß den Angaben bei Wettannahme – aber nur, weil der US-Amerikaner bei der Nennung des Handicaps gelogen hatte.
Im Pokerforum entbrannte daraufhin eine hitzige Diskussion, ob denn die Wettschulden zu bezahlen wären oder nicht und die Meinung war praktisch klar durch den Atlantik getrennt:
Europäer waren überzeugt, dass die Wette aufgrund der Lüge nichtig war. Für US-Amerikaner war die Lüge legitim; er hätte das Handicap vor dem Annehmen der Wette ja prüfen können.
Sportliches Verhalten ist nicht selbstverständlich.
Ich denke, dass das auch milieu- bzw. gesellschaftsabhängig ist. Wenn ich unter dem Eindruck aufwachse, dass ich selbst keinerlei Vorteile daraus ziehe, wenn ich mich an die Regeln halte, dann ist sportliches Verhalten auch nicht erstrebenswert. Das ist die simple Prämisse unzähliger Western. Die Serie ‚Better Caul Sall‘ hat das mMn auch ganz eindrücklich vermittelt, bei den ‚Black Lives Matter‘-Protesten wurde das in ähnlicher Weise auch immer wieder formuliert. Paraguays Spielweise passt ja auch gut in diese Logik und Mbappés Reaktion nach dem Spiel brachte das gut auf den Punkt: „Wir wussten, was für ein Spiel es werden würde. Wir haben uns die Hände schmutzig machen müssen. Sie wollten nur kämpfen, aber wir können auch dreckig spielen. Das ist ihre Art Fußball zu spielen. Jeder kämpft mit seinen Waffen.“
Ich finde, dass du hier zwei Sachen vermischt. Es liegt ein Unterschied im paraguayischen und im US-amerikanischen Verhalten: Paraguay hat die Grenzen der Regeln ausgetestet, weil sie dachten, nur so gewinnen zu können. Sie haben aber nicht das Regelwerk an sich in Frage gestellt. Es ist kein Paraguayer beleidigt vom Platz marschiert, nachdem der Schiedsrichter eine falsche Entscheidung getroffen hat. Die US-Amerikaner hingegen glauben, so zumindest meine Erfahrung, dass Regeln und Normen für sie nicht zwangsläufig gelten. Damit lässt sich schwerlich ein klares Regelwerk festlegen, sobald ein Teilnehmer im Zweifel die Regeln und Normen für nichtig erklärt, weil es ihm passt.
Da gibt es den schönen Ausdruck „American Exceptionism“
Bei Bill Watterson wird das als „Calvinball“ als typisches Verhalten eines Sechsjährigen gerahmt.
Ja, da hast du natürlich Recht!
wie siehst du die Rolle von Roberto Martinez? Aus meiner Sicht hat er es nun das 4.Turnier in Folge nullkomma null hinbekommen, aus einer hochtalentierten Mannschaft die das Potential zu allem haben sollte, eine funktionierende Mannschaft und vor allem einen klaren funktionieren Spielstil auf die Beine zu stellen. Und folgerichtig auch überhaupt nichts zählbares
bei USA vs Belgien ist halt einfach wieder die große alte Frage präsent. Waren die einen so gut, oder die anderen so schlecht. Ja Belgien sah gut aus und sicher mit Abstand ihr bestes Spiel, aber die USA war ja komplett mit sich und der Situation und dem Druck überfordert. Und vielleicht sahen sie bislang auch einfach viel zu gut aus, hatten aber eben einfach nur schwache Gegner
Ich habe Roberto Martinez früher immer für einen äußerst fähigen Trainer gehalten. Er fiel in Everton und in seinen ersten Jahren bei Belgien als gewiefter Taktiker auf. Belgiens Halbfinal-Teilnahme 2018 kam u.a. durch seine klugen Matchpläne zustande. Spätestens seit der Pandemie hat er aber ständig unterperformt – zunächst mit Belgien, später mit Portugal. Bei Portugal erkenne ich den Martinez von früher überhaupt nicht wieder. Das ist eine taktisch wie individuell simpel gestrickte Mannschaft. Selbst Fernando Santos hat keinen so großen Kotau vor CR7 gemacht wie Martinez. Er hat es ja bereits selbst eingesehen und ist zurückgetreten.
Er ist ja „groß“ geworden mit dem Fa Cup Finaleinzug mit Wigan damals. Vielleicht ist er dann auch eher ein Außenseitertrainer, das hatte er ja bei Everton im Prinzip auch. Vielleicht schlummert da der Unai Emery in ihm…
Da wäre ja nun der richtige Platz für Pep frei…
Ich finde es auch noch zusätzlich interessant dass sowohl Messi als auch Christiano in der Zeit, wo sie im Vereinsfußball alles dominiert haben, in ihren Nationalmannschaften verhältnismäßig blass geblieben sind. Würdest du der These zustimmen dass beide durch die spezifischen Umstände (Stichwort Professionalisierung des Fußballs) der 2010er diesen absurden Output auf Clubebene hatten und dadurch nicht diese Wirkung in ihren Nationalteams erziehlen konnten (bzw. Messi dann erst recht spät), da sie genau auf diesen hochprofessionalisierten Clubfußball optimiert waren?
Das macht die ganze GOAT-Debatte so schwierig: Wir leben in einer Zeit der Megaclubs. Wenige Vereine auf der Welt horten die besten Spieler. Messi durfte bei Barca mit Xavi und Iniesta zusammenspielen. CR7 hatte Modric, Kroos und Benzema an seiner Seite. Maradonas Größe ergibt sich ja daraus, dass er nie Weltklasse-Mitspieler hatte. Sowohl bei Argentinien als auch in Neapel hat er erst dafür gesorgt, dass eine okaye Mannschaft üeberhaupt um Titel mitspielen kann. Real und Barca haben auch nach dem Abgang ihrer Stars Titel gewonnen. Insofern habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben, dass die Nationalmannschaftskarriere von Messi das Hauptargument gegen seinen Status als GOAT darstellt. Hier kann der Nationalverband nicht die passenden Mitspieler casten.