15 Gedanken zu „Tag 26: Cristiano Ronaldo ist nicht der GOAT

    1. Hat aber auch starke gesellschaftlich verwurzelte und historische Gründe dort, da der ideologisch-personalisiert geführte Wahlkampf noch einmal eine gänzlich andere Schärfe hat als hier, die einen Außenseiter direkt als antiamerikanisch branden. Wäre dennoch vorsichtig, das nur annähernd mit einer Gruppierung wie den heutigen Republikanern unter Trump gleichzusetzen – auch wenn das bestimmt nicht deine oder Tobis Absicht war.

  1. Ein Aspekt, der mir auch und gerade im Tweet aufgefallen ist, ist die Vermischung der Frage nach dem „besten“ Fußballer aller Zeiten und dem „großartigsten“, dem GOAT. Ich finde, dass man dabei durchaus differenzieren kann.

    Demnach wäre der beste Spieler rein über die Leistung auf dem Platz zu definieren. Die führt auf einem bestimmten Niveau sicherlich auch zwangsläufig zu großen Titeln, die wiederum hängen aber doch zu sehr von der Mannschaft ab, als dass sie als entscheidendes Bewertungskriterium herangezogen werden sollten (was jeweils zugunsten und zulasten von Messi und CR7 angeführt werden kann).
    Daher konnte man auch vor Argentiniens letztem WM-Titel problemlos begründen, dass Lionel Messi wohl der beste Spieler aller Zeiten ist – dazu sei nur am Rande auf folgenden bestens bekannten Text hingewiesen: https://footballarguments.wordpress.com/2017/07/23/who-is-the-best-footballer-of-all-time/⁠ (in dem das Wort GOAT übrigens im Text gar nicht und erst in den Kommentaren gebraucht wird).

    Der GOAT wiederum geht über das rein Sportliche hinaus. Hier kommt für mich auch der Einfluss auf den Sport zutage, das Begeistern und Mitreißen der Massen, mediale Bekanntheit über den Sport hinaus, das Aufstellen von Rekorden, magische Momente in großen Spielen, die viel beschworene Aura – und natürlich das Sammeln von großen und bedeutenden Titeln.

    Ironischerweise war noch vor Messis WM-Titel diese Differenzierung immer hilfreich für diejenigen, die Messi als besten Spieler aller Zeiten ansahen, bei denen die sportliche Gleichsetzung mit CR7 Kopfschütteln ausgelöst hat, die aber u. a. den Elefanten „fehlender WM-Titel“ in der GOAT-Frage nicht aus dem Weg geräumt bekamen. Der medialen Reaktion nach war die GOAT-Debatte mit Messis WM-Titel dann aber erstmal beendet – sicherlich mit guten Argumenten vertretbar.
    Dass Cristiano nie in die Debatte des besten Spielers aller Zeiten gehörte und sportlich klar hinter (nicht nur) Messi einzuordnen ist, sollte gerade in diesen Kreisen nicht auf Widerspruch stoßen. Allerdings bin ich inzwischen geneigt, ihn in der GOAT-Debatte sogar etwas in Schutz zu nehmen. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass es die „Messi vs. CR7“-Debatte trotz der sportlichen Unterschiede überhaupt gibt, denn er hat sie mit seinen Titeln, Rekorden, Leistungen in der Champions League, individuellen Auszeichnungen, vor allem aber der medialen Darstellung in einer Form befeuert, in der nicht von der Hand zu weisen war, dass sie überhaupt – und angesichts der genannten Faktoren auch nicht gänzlich zu Unrecht – ernsthaft geführt werden musste und vielleicht auch immer noch muss.
    Deswegen finde ich auch Tobis Take, gerade nach diesem Spiel und dieser WM nochmal klarzustellen, dass CR7 nicht in die GOAT-Debatte gehört, sowohl inhaltlich als auch vom Zeitpunkt her nachvollziehbar. Denn nach diesem nun endgültigen WM-Aus und gerade aufgrund der fast schon bemitleidenswerten Außendarstellung kriegt der Case für CR7 in der GOAT-Debatte doch einen erheblichen Dämpfer.

    Die Schärfe aus der Debatte wird diese Differenzierung hier kaum nehmen, aber vielleicht bietet sie interessante Ansätze für eine wirkliche GOAT-Debatte. War Pelé wirklich allen anderen so voraus, wie wir als Kinder gelesen haben? Unterschätzen wir immer noch, was Maradonas Talent und Magie an Leidenschaft in Menschen ausgelöst hat? Gab es einen kompletteren Spieler als Di Stéfano? Oder hat Messi trotz deren Legendenbildung genug getan, um vorne zu liegen? Und wie großartig war eigentlich der (unvollendete!?) brasilianische Ronaldo?

    1. Ich glaube das Problem bei GOAT ist immer Spieler aus verschiedenen Ären miteinander zu vergleichen. Da gibt es zwangsläufig immer eine Bias gegenüber dem Neueren- wobei man diese vermutlich sogar damit begründen kann, dass sich der Sport (jeder Sport) weiterentwickelt und vermutlich ein Madonna wenn er so spielen würde, wie er gespielt hat, heute weniger effizient wäre. Aber das lässt außer acht, dass er sich ja dem aktuellen Spiel angepasst hätte… Also: Man weiß es nicht.
      Und GOAT ist für mich immer José Leandro Andrade 😉

    2. Lieber Nikolas, ich habe gerade bei WordReference gesucht, wie die Übersetzung von „greatest“ ist. An 13. Stelle (!) kommt „großartig“ als Übersetzungsvorschlag – unter der Rubrik „zusätzliche Übersetzungen“. Die „wichtigsten Übersetzungen“ von greatest sind demzufolge „beste“ und „größte“. Ich finde du betreibst mit deinem Argument, hinsichtlich der „Großartigkeit“, Wortklauberei. Allem Anschein nach denkt der englische Muttersprachler, der GOAT benutzt, an den „Besten“ bzw. „Größten“.

      Ohne zu tief in die Etymologie des Begriffs GOAT einzutauchen, finde ich schnell heraus, dass der Begriff GOAT aus der amerikanischen Medienlandschaft kommt und dort schon sehr lange von Sport- und Boulevardmedien für die größten einer Branche benutzt wird (z.B. Michael Jordan, Serena Williams). In deutschen und europäischen Sportmedien taucht der Begriff vor 2018 fast gar nicht auf. Das ergab eine kurze Googlesuche nach dem Begriff GOAT auf den Internetseiten der einschlägigen europäischen Sportmedien.

      Die GOAT Debatte in den USA wurde um 2017 und 2018 wieder groß aufgerollt, nach dem Tom Brady in kurzer Zeit dreimal den Super Bowl gewann (2017, 2018, 2019) und diskutiert worden war, ob er nicht der GOAT des Footballs sei. Eine Zeit, in der zum einen das europäische Interesse an der NFL und deren mediale Präsenz in Europa und Deutschland massiv zugenommen hat. Zum anderen eine Zeit, in der durch Social Media (insbesondere Instagram) der Konsum amerikanischer und internationaler Medien sehr niedrigschwellig geworden ist.

      Das ein Blogpost aus 2017, von einem Fußballfan, den Begriff GOAT nicht beinhaltet, überrascht demnach nicht. Spannend ist die Frage, ob der Autor oder die Autorin Amerikaner*in ist oder einen starken Bezug dahin hat. Und wenn nicht, ob die Eigenschaften auf die Kommentatorinnen und Kommentatoren zutreffen, die GOAT benutzten.

      Noch ein Frage an dich, Nikolas: gibt es anderen Journalisten, Medien oder Beobachter des Sports, die den GOAT diskutieren und zwischen dem einflussreichsten und besten Spieler differenzieren? Ich bin interessiert herauszufinden, warum und wer das macht.

      Liebe Grüße

  2. Ein loser Gedanke zu deinem losen Gedanken:
    In einem Forum las ich dazu eine Anekdote, zwei Pokerspieler spielten eine Runde Golf und wetteten unter Nennung ihres Handicaps um eine ordentliche Summe.
    Der Brite verlor die Wette gemäß den Angaben bei Wettannahme – aber nur, weil der US-Amerikaner bei der Nennung des Handicaps gelogen hatte.
    Im Pokerforum entbrannte daraufhin eine hitzige Diskussion, ob denn die Wettschulden zu bezahlen wären oder nicht und die Meinung war praktisch klar durch den Atlantik getrennt:
    Europäer waren überzeugt, dass die Wette aufgrund der Lüge nichtig war. Für US-Amerikaner war die Lüge legitim; er hätte das Handicap vor dem Annehmen der Wette ja prüfen können.

    Sportliches Verhalten ist nicht selbstverständlich.
    Ich denke, dass das auch milieu- bzw. gesellschaftsabhängig ist. Wenn ich unter dem Eindruck aufwachse, dass ich selbst keinerlei Vorteile daraus ziehe, wenn ich mich an die Regeln halte, dann ist sportliches Verhalten auch nicht erstrebenswert. Das ist die simple Prämisse unzähliger Western. Die Serie ‚Better Caul Sall‘ hat das mMn auch ganz eindrücklich vermittelt, bei den ‚Black Lives Matter‘-Protesten wurde das in ähnlicher Weise auch immer wieder formuliert. Paraguays Spielweise passt ja auch gut in diese Logik und Mbappés Reaktion nach dem Spiel brachte das gut auf den Punkt: „Wir wussten, was für ein Spiel es werden würde. Wir haben uns die Hände schmutzig machen müssen. Sie wollten nur kämpfen, aber wir können auch dreckig spielen. Das ist ihre Art Fußball zu spielen. Jeder kämpft mit seinen Waffen.“

    1. Ich finde, dass du hier zwei Sachen vermischt. Es liegt ein Unterschied im paraguayischen und im US-amerikanischen Verhalten: Paraguay hat die Grenzen der Regeln ausgetestet, weil sie dachten, nur so gewinnen zu können. Sie haben aber nicht das Regelwerk an sich in Frage gestellt. Es ist kein Paraguayer beleidigt vom Platz marschiert, nachdem der Schiedsrichter eine falsche Entscheidung getroffen hat. Die US-Amerikaner hingegen glauben, so zumindest meine Erfahrung, dass Regeln und Normen für sie nicht zwangsläufig gelten. Damit lässt sich schwerlich ein klares Regelwerk festlegen, sobald ein Teilnehmer im Zweifel die Regeln und Normen für nichtig erklärt, weil es ihm passt.

  3. wie siehst du die Rolle von Roberto Martinez? Aus meiner Sicht hat er es nun das 4.Turnier in Folge nullkomma null hinbekommen, aus einer hochtalentierten Mannschaft die das Potential zu allem haben sollte, eine funktionierende Mannschaft und vor allem einen klaren funktionieren Spielstil auf die Beine zu stellen. Und folgerichtig auch überhaupt nichts zählbares

    bei USA vs Belgien ist halt einfach wieder die große alte Frage präsent. Waren die einen so gut, oder die anderen so schlecht. Ja Belgien sah gut aus und sicher mit Abstand ihr bestes Spiel, aber die USA war ja komplett mit sich und der Situation und dem Druck überfordert. Und vielleicht sahen sie bislang auch einfach viel zu gut aus, hatten aber eben einfach nur schwache Gegner

    1. Ich habe Roberto Martinez früher immer für einen äußerst fähigen Trainer gehalten. Er fiel in Everton und in seinen ersten Jahren bei Belgien als gewiefter Taktiker auf. Belgiens Halbfinal-Teilnahme 2018 kam u.a. durch seine klugen Matchpläne zustande. Spätestens seit der Pandemie hat er aber ständig unterperformt – zunächst mit Belgien, später mit Portugal. Bei Portugal erkenne ich den Martinez von früher überhaupt nicht wieder. Das ist eine taktisch wie individuell simpel gestrickte Mannschaft. Selbst Fernando Santos hat keinen so großen Kotau vor CR7 gemacht wie Martinez. Er hat es ja bereits selbst eingesehen und ist zurückgetreten.

      1. Er ist ja „groß“ geworden mit dem Fa Cup Finaleinzug mit Wigan damals. Vielleicht ist er dann auch eher ein Außenseitertrainer, das hatte er ja bei Everton im Prinzip auch. Vielleicht schlummert da der Unai Emery in ihm…

        Da wäre ja nun der richtige Platz für Pep frei…

  4. Ich finde es auch noch zusätzlich interessant dass sowohl Messi als auch Christiano in der Zeit, wo sie im Vereinsfußball alles dominiert haben, in ihren Nationalmannschaften verhältnismäßig blass geblieben sind. Würdest du der These zustimmen dass beide durch die spezifischen Umstände (Stichwort Professionalisierung des Fußballs) der 2010er diesen absurden Output auf Clubebene hatten und dadurch nicht diese Wirkung in ihren Nationalteams erziehlen konnten (bzw. Messi dann erst recht spät), da sie genau auf diesen hochprofessionalisierten Clubfußball optimiert waren?

    1. Das macht die ganze GOAT-Debatte so schwierig: Wir leben in einer Zeit der Megaclubs. Wenige Vereine auf der Welt horten die besten Spieler. Messi durfte bei Barca mit Xavi und Iniesta zusammenspielen. CR7 hatte Modric, Kroos und Benzema an seiner Seite. Maradonas Größe ergibt sich ja daraus, dass er nie Weltklasse-Mitspieler hatte. Sowohl bei Argentinien als auch in Neapel hat er erst dafür gesorgt, dass eine okaye Mannschaft üeberhaupt um Titel mitspielen kann. Real und Barca haben auch nach dem Abgang ihrer Stars Titel gewonnen. Insofern habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben, dass die Nationalmannschaftskarriere von Messi das Hauptargument gegen seinen Status als GOAT darstellt. Hier kann der Nationalverband nicht die passenden Mitspieler casten.

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