Es gab kein Entkommen. Im Vorfeld der Partie Portugal gegen DR Kongo war Cristiano Ronaldo allgegenwärtig. Das ZDF widmete ihm Einspielfilmchen und eine ausführliche Analyse. Die Regie in den USA nahm ihn ständig ins Bild – während des Warmmachens, des Einlaufens, der Hymne. Man konnte sich dem 41 Jahre alten Superstar einfach nicht entziehen.
Auch nach dem 1:1-Unentschieden bestimmt Ronaldo die Schlagzeilen. Warum war er so unsichtbar? Wieso hat er so wenig gegen den Ball gearbeitet? Hätte Portugal mit einem anderen Stürmer gewonnen? Wie ein Schwarzes Loch zieht CR7 sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Während der Europameisterschaft vor zwei Jahren habe auch ich ihn als große Schwachstelle der portugiesischen Elf gebrandmarkt. Ronaldo ist in den zwei Jahren seitdem weder jünger noch besser geworden.
Das große Problem der portugiesischen Elf stellt jedoch die Tatsache dar, dass Cristiano Ronaldo nicht mehr ihr größtes Problem ist. Selbst wenn ich mir vorstelle, vorne hätte ein anderer Stürmer gespielt: Mir fehlt die Fantasie, um mir auszumalen, wie er hätte Tore schießen sollen. Ronaldo mag kaum am Spiel beteiligt gewesen sein – das lag jedoch auch am Spiel selbst.
Portugal erfüllte gegen die DR Kongo das Klischee, das man eigentlich mit dem spanischen Fußball verbindet. 783-mal passten sich die Portugiesen den Ball zu, nur zwölfmal gingen sie ins Dribbling. Vitinha ließ sich permanent zwischen die Verteidiger fallen. Auch die übrigen Mittelfeldspieler kamen immer wieder entgegen. So fehlte im Spiel nach vorne jedwede Tiefe und Risikobereitschaft, um den Gegner auch einmal vor echte Herausforderungen zu stellen. Die Kongolesen schlossen im 5-3-2 das Zentrum und achteten darauf, bei Flanken Ronaldo mit zwei Spielern abzudecken. Mehr war nicht nötig, um Portugals Offensivspiel zur totalen Wirkungslosigkeit zu verdammen.
Vielleicht hätte Portugal ohne Ronaldo anders spielen können. Ein mitspielender Stürmer hätte zumindest helfen können, dass der Ball in der gegnerischen Hälfte besser läuft. Doch auch das hätte das Problem der fehlenden Tiefe nicht gelöst. Ob Gonçalo Ramos als Stürmer mehr Wucht entfaltet hätte? Vielleicht. Der Sturm ist aber bei Portugal eher eine Schwachstelle. Das sieht man auch daran, dass keiner der Einwechselspieler wirklich einen Unterschied gemacht hat. Das entschuldigt aber nicht, dass die Spieler dahinter wenig bis gar keine Ideen zum Offensivspiel beitrugen.
Auch in der portugiesischen Defensive sehe ich Ronaldo nicht als das drängendste Problem. Natürlich ist es nicht mehr zeitgemäß, dass ein Stürmer so gar keine Arbeit im Pressing verrichtet. Andererseits funktioniert es bei Frankreich auch ganz gut. Zumal die Kongolesen nie mit mehr als fünf Mann die gegnerische Hälfte attackiert haben. Spätestens ab der Mittellinie hätte Portugal die Schnellangriffe des Gegners auch ohne Ronaldos Zutun stoppen können. Doch auch gegen den Ball wirkte das portugiesische Mittelfeld überraschend blutleer.
Meine Erwartungen an die portugiesische Mannschaft waren gering. Sie wurden noch unterboten. Das größte Problem: Selbst falls Roberto Martinez sich dazu durchringt, Ronaldo auf die Bank zu setzen, werden die Portugiesen kaum besser spielen als gegen Kongo. Die Probleme scheinen tiefer zu liegen.
Prognose-Abgleich-Zeit!
Abonnenten kamen in den Genuss einer ausführlichen Vorschau auf jedes Team. Nicht jede meiner Prognosen hat sich bewahrheitet. Manche Teams haben die Vorbereitung genutzt, um defensive Abläufe zu verbessern – Kap Verde oder Haiti etwa. Andere Trainer haben ihrem Team eine neue Formation beigebracht. Kongo verteidigte mit Fünfer- und nicht mit Viererkette und überraschte so Portugal. Südafrikas Wechsel zu einem 5-3-2 ging hingegen gewaltig schief.
Ich habe versucht, meine Prognosen mit den tatsächlichen Ergebnissen abzugleichen. Dazu habe ich meine Sternebewertungen als Grundlage genommen. Die Logik: Der Unterschied in der Bewertung zweier Teams sollte sich in den Leistungen auf dem Platz widerspiegeln. Wenn Deutschland von mir dreieinhalb Sterne erhält, Curacao jedoch nur einen Stern, sollte Deutschland klar besser sein. Um das Ganze messbar zu machen, habe ich Expected Goals verwendet: Deutschland hat zweieinhalb Sterne mehr erhalten als Curacao. Entsprechend sollten sie sich 2,5 Expected Goals mehr herausspielen als der Gegner. Beim Spiel Ecuador gegen Elfenbeinküste – zwei Teams mit jeweils 2,5 Sternen – sollte der xG-Wert zwischen beiden Teams möglichst identisch sein.
Expected Goals haben den Vorteil, dass sie den Zufall etwas austarieren. Katar mag gegen die Schweiz ein Remis geholt haben. Die Schweizer haben sich aber im Spielverlauf 3,31 Expected Goals erspielt, während Katar nur 0,95 zustande brachte. In 86% der Fälle gewinnt die Schweiz dieses Spiel. Insofern haben sie nach meiner Logik nicht unter-, sondern sogar überperformt. Eigentlich lag der Sterne-Unterschied bei nur eineinhalb Expected Goals.

Die Bilanz fällt gemischt aus. Sechs Partien verliefen nahe der Erwartungsgrenze. Bei sieben weiteren Partien war der Unterschied zwischen Erwartung und Realität unter einem Expected Goal. Besonders falsch lag ich bei der Einschätzung der USA und Paraguay – und beim deutschen Team. Die DFB-Elf hat sich wesentlich mehr Expected Goals erspielt, als sie es nach der Sternebewertung hätte tun müssen.
Ich werde diese Statistik weiterführen. So kann ich am Ende schauen, bei welchen Teams ich falsch lag – und ihr habt eine Datengrundlage, wenn ihr vor Gericht zieht, um eure Abokosten zurückzufordern.
Kurze Beobachtungen
- Eine Mannschaft, die in der soeben erfundenen Statistik überraschend gut abschneidet, ist England. Sie hatten eine schwere Aufgabe zu bewältigen: Der 4-Sterne-Mitfavorit musste gegen die Zweieinhalb-Sterne-Kroaten 1,5 Expected Goals Vorsprung erzielen. Am Ende waren es sogar 2,5! Besonders in der Phase nach der Pause hat das Team von Thomas Tuchel richtig stark aufgespielt. Mir gefällt die Tiefe, welche die Außenstürmer und die Achter immer wieder schaffen. Somit verkommt das (durchaus langsame) Ballbesitzspiel nie zum Selbstzweck wie etwa bei Spanien oder Portugal. Spätestens mit dieser Leistung hat sich England das Prädikat Mitfavorit verdient!
- Es war nicht der WM-Tag der Ü40-Fraktion! Nachdem Ronaldo schon keine allzu starke Leistung gezeigt hatte, verursachte Luka Modric nur Stunden später einen Elfmeter. Er stellte sich bei seinem Foul an Madueke nicht sehr clever an. Abseits davon war es ein eher unauffälliges Spiel des kroatischen Superstars. Allgemein überkommt mich bei den Kroaten das Gefühl, dass ein Drittel der Mannschaft zu alt ist, ein Drittel zu jung – und das letzte Drittel außer Form. Wobei nicht alle Altstars schwach agierten: Am 37-jährigen Ivan Perišić lag Kroatiens Niederlage nicht. Er zeigte mal wieder sein WM-Gesicht.
- Zur Halbzeitpause lag der Expected-Goals-Wert der Partie zwischen Panama und Ghana bei 0,13 zu 0,01. Dafür hat sich das Wachbleiben gelohnt! Panama musste auf Schlüsselspieler Adalberto Carrasquilla verzichten. Yoel Bárcenas hat in der Sechser-Rolle dessen Diagonalbälle ersetzt. Die Mittelamerikaner wechselten zwischen kurzen Pässen und langen Schlägen Richtung Außen, agierten aber etwas zu verschnörkelt. Ghana nahm erst nach der Pause am Spiel teil, entfachte dann aber Wucht im Konterspiel. Der 1:0-Siegtreffer war indes ein Lehrbuchbeispiel, um den neudeutschen Begriff „Lucky Punch“ zu erklären: Eigentlich hatte Ghana in den Schlussminuten nicht viel in das Offensivspiel investiert. Panama hatte auf Sieg gespielt. Sie wussten: Wenn wir hier nicht gewinnen, müssen wir drei Punkte gegen England oder Kroatien holen – und das wird schwer. So gingen die Panamaer mit wehenden Fahnen unter und ließen sich eiskalt auskontern. Schon jetzt haben sie kaum mehr Chancen, in die K.O.-Runde einzuziehen. Ghana aus meiner Sicht übrigens auch nicht; dafür war ihre Leistung zu schwach. Es würde mich wundern, wenn ihre Defensive gegen England und Kroatien hält.
- Zum Schluss kehren wir zum Anfang zurück: Ich freue mich, dass die DR Kongo einen Punkt gegen Portugal geholt hat. Das Team von Trainer Sébastien Desabre hat mir schon in der Vorbereitung richtig gut gefallen. Sie sind gut organisiert und eingespielt. Der Wechsel auf ein 5-3-2-System tat sein Übriges, um Portugals Zentrum zur Ineffektivität zu verdammen. Desabre stellte mal wieder unter Beweis, dass er auf große Namen keine Rücksicht nimmt. Noah Sadiki, aktuell von zahlreichen Topklubs umgarnt, saß fast eine Stunde auf der Bank. Sie haben ihre Chancen drastisch erhöht, die nächste Runde zu erreichen.
Das Titelbild zeigt Cristiano Ronaldo und stammt von dinesh von der Seite hdwallpapers.net. Lizenz: CC BY-SA 3.0.
Bei Kongo bin ich unsicher: Sie haben gut verteidigt und ein gutes Umschaltsspiel, gute Mittelfeldballverteilung gehabt. Aber ich habe selten so schlecht ausgespielte Konter gesehen. Weniger was die Fehlpassquote betrifft – das kommt vor, wenn man auf Risiko spielt, aber z.T. schienen sie nicht zu wissen, wie sie eine Überlegenheit am besten ausspielen sollten und ballerten mehrfach nach einem Konter einfach von der Strafraumlinie aufs Tor. Entsprechend viel der Ausgleich auch nach einer Ecke, nicht nach einem Konter (und nach einem der wenigen Flanken in den Strafraum).
Ich verstehe die Grafik nicht ganz. Warum heben sich Über- und Unterperformance jeweils auf? Sollte das nicht pro Team gerechnet sein (also: Team X / Erwartete xG = 1,0 / Tatsächliche xG = 0,8 / => 0,2 Underperformance)?
Über eine kurze Erhellung würde ich mich freuen, vielleicht (vermutlich) stehe ich auch nur auf dem Schlauch.
Grüße Tery
Die Grafik zeigt nicht xG vs. xxG, sondern xG-Differenz vs. xxG-Differenz.
Bei Deutschland gegen Curaçao hätte es laut Sternebewertung 3,50 zu 1,00 xxG geben sollen, also +2,50 für Deutschland und -2,50 für Curaçao.
Bei Deutschland gegen Curaçao wurden es 4,37 zu 0,40 xG, also +3,97 für Deutschland und -3,97 für Curaçao.
Deutschland schnitt damit im Delta 1,47 xG besser ab als prognostiziert. Curaçao schnitt 1,47 xG schlechter ab als prognostiziert.
Es geht nur um die xG Differenz im Spiel (zB habe ich 0.5 XG mehr geholt als der Gegner) im Vergleich zur Escher’schen Sternebewertung (zB habe ich 1.5 Sterne mehr als der Gegner) –> Ich bekomme in der Grafik 1 Tor unterperformance, der Gegner 1 Tor überperformance
Georg und Axel haben es ja schon gut erklärt 🙂
Danke – verstanden 🙂
Und das summiert sich dann über die Spiele auf, d.h. Deutschland nimmt seine Überperformance ins nächste Spiel als Basis mit?
Ganz genau. Nach der Vorrunde kann ich dann ein Update geben, bei welchen Teams ich besonders falsch lag – bzw. welche Teams deutlich besser oder schlechter spielen als erwartet.
Ich stimme zu, dass die portugiesische Offensivschwäche in diesem Spiel keinesfalls (nur) auf Cristiano Ronaldo zurückzuführen war. Der Mangel an Risikobereitschaft auf dem Flügel als auch aus dem Mittelfeld heraus war frappierend. Das betrifft sowohl Dribblingversuche als auch versuchte Schnittstellenpässe und Laufwege. Im Gegensatz zum Mitteldeld konnte man Ronaldo zumindest das Engagement nicht absprechen. Ich denke dennoch, dass die Einzelspieler in der portugieisichen Mannschaft eine starke Offensivkraft entfalten können. Angesichts der Spielverlaufs und fehlender Räume wäre vermeintlich auch Joao Felix die bessere Alternative als Leao gewesen. In erster Linie ist nun Trainer Martinez gefordert, seinen Spielern Ideen an die Hand zu geben und Lösungen für das letzte Drittel aufzuzeigen.
Ich glaube Ghana hat jetzt sogar sehr gute Chancen auf ein Weiterkommen. Nicht weil die so toll gespielt hätten. Fand die unterirdisch und bin jetzt sehr wütend auf sie, weil sie meinen X-Tipp versaut haben, wo die meisten Mitspieler, die weit weniger Escher-Blogs lesen und sich wsl eher auf die glorreiche Ghanaer-WM-Vergangenheit stützen natürlich Sieg Ghana getippt haben. Aber ich glaube es braucht echt nicht viel für die KO-Runde. Hab das Turnier schonmal durchsimuliert und da ist sogar noch eine Mannschaft mit 2 Punkten reingerutscht.
Anderes Thema: Was sagst du zu Usbekistan? Weiß nicht, ob du die noch in einem der folgenden Einträge nachträglich erwähnst, aber für mich eine echte Enttäuschung. Ich hab zwar nicht alle Spiele gesehen, aber das war für mich die erste Mannschaft, die nicht nur Außenseiterfußball, sondern richtigen Außenseiter-Antifußball gespielt haben. Ja Curacao, Kap Verde oder etwa der Irak, haben eh genauso mit 5-4-1-Mauer (oder ähnlichem) gebunkert, aber eben auch planvolles Umschaltspiel in ihr Strategie integriert. Usbekistan ist einfach nur Beton und weg die Kugel solange es 0:0 steht. Dabei hatte ich mir schon etwas mehr Flair aufgrund der recht souveränen Quali erhofft und denke mir, dass man mit Leuten wie Khusanov, Shomurodov und Fayzullayev schon bisschen mehr Fantasie an den Tag legen könnte. Grad der Khusanov hat wirklich nicht mehr zu tun als seine Pässe links und rechts zu verteilen und hin und wieder abzuräumen. Ich hab gehofft, dass deine Vorschau hier auch etwas daneben trifft, aber bei den Usbeken hast du für mich ins Schwarze getroffen.
Hi Max! Ghana fand ich auch grauenhaft in der ersten Halbzeit. Sie haben am Ende das Ergebnis gezogen, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nicht wirklich gut waren. Und, ja, ich habe mich auch über das Ergebnis geärgert, weil es mich in der Tipprunde zurückgeworfen hat. Ich hatte 0:0 getippt… Aber gut. Nach den Berechnungen, die ich gelesen habe, wird es mit drei Punkten und einem negativen Torverhältnis eher schwierig weiterzukommen. Durch die vielen Unentschieden sind Zwei-Punkte-Dritte zwar möglich, aber Vier-Punkte-Dritte auch wesentlich wahrscheinlicher geworden. Ich denke einfach der gezeigten Leistung von Ghana, dass sie im zweiten Spiel gegen England unter die Räder kommen.
Zu Usbekistan: Ich stimme dir in allem zu, ich war aber kein Stück überrascht. In der Quali hat mir Usbekistan auch gut gefallen, aber da haben sie ja auch 4-2-3-1 gespielt. Seit Cannavaro da ist, ist das nur noch reiner Anti-Fußball. Ich fand eher, dass sich Kolumbien hier unnötig schwer tat.
Hier noch eine wichtige Graphik von XKCD:
https://xkcd.com/3260/