Man vermisst bei der WM die klare Kante eines Lothar Matthäus'
Sitcoms funktionieren nach Schema F. Es gibt Muster, die sich von Serie zu Serie wiederholen; im Englischen lautet der Fachbegriff hierfür Tropes. Kinder etwa kommen in Sitcoms häufig in Dreierpacks vor. Ein Kind wird als besonders klug dargestellt, ein anderes als besonders dumm und das dritte ist äußerst seltsam. Diese Kombination findet man in „Hör mal, wer da hämmert“, „Modern Family“, „Family Guy“ und vielen weiteren Shows. Sie macht den Autoren das Leben leicht: Das dumme Kind stellt etwas Blödes an, der Schlauberger verdreht genervt die Augen und der Sonderling drückt beiden einen Spruch rein – fertig ist der Lacher!
Deutsche TV-Anstalten haben wohl nie von der Idee gehört, dass unterschiedliche Charaktere Reibung und dadurch Unterhaltung erzeugen. Bei dieser WM treten praktisch nur zwei Arten von Experten auf. Entweder sie haben mit der Nationalmannschaft 2014 den Weltmeister-Titel gewonnen. Oder aber sie haben in ebenjener Zeit die Spieler trainiert, die Weltmeister wurden. Die erste Gruppe repräsentieren Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Christoph Kramer, Per Mertesacker und Shkodran Mustafi. In der zweiten Gruppe finden sich Jürgen Klopp und Christian Streich wieder.
Keine Frage: Die Analysen, die alle genannten Personen abgeben, sind fachlich auf höchstem Niveau. Man konnte vor zehn Jahren allenfalls davon träumen, Klopp und Müller beim Fachsimpeln zuzuhören. Wenn sie Pfeile auf das Taktikboard kritzeln und über die perfekte Passschärfe sinnieren, hilft das enorm beim Verständnis des Spiels. Das inhaltliche Niveau der Berichterstattung hat sich in den vergangenen Jahren massiv erhöht.
Wäre es nur nicht alles so furchtbar langweilig. Es ist bisweilen so, als würde man einer Sitcom zuschauen, bei der alle Charaktere das Stereotyp „frecher Schlauberger“ erfüllen. Die Analysen sämtlicher Experten ähneln sich inhaltlich. Es gibt kaum einen Moment, in dem sich die Experten widersprechen. Wenn sie das tun, dann nur, um mit kleinen Spitzen Lockerheit vorzuspielen. Manchmal hat man gar das Gefühl, Kramer oder Müller lauern nur darauf, im richtigen Moment eine mittelmäßige Pointe setzen zu können. Als würden sie keine Fußballspiele kommentieren, sondern ein Laber-Podcast unter Freunden betreiben.
Das Problem: Im Endeffekt hört man von allen Experten dieselben Analysen. Das ist kein Zufall. Die TV-Sender haben ausschließlich Protagonisten gecastet, die in derselben Nationalmannschaft gespielt und zur selben Zeit von denselben Leuten fußballerisch sozialisiert wurden. Der Korridor der Meinungen ist hier äußerst eng. Ich bin sicher kein Fan von Mehmet Scholl oder Didi Hamann. Aber ich wäre schon einmal interessiert daran, wie Hummels oder Müller reagieren, wenn ein Spieler der Neunziger mit klarer Kante sagt: „Es ist völliger Quatsch, von einem Weltfußballer wie Mbappe Defensivarbeit zu fordern. Der soll Tore schießen.“ Ein solcher inhaltlicher Dissens ließe sich nicht mit einem lockeren Spruch wegbügeln.
Die Eintönigkeit spiegelt sich in der Rezeption wider. Bislang gab es einen einzigen Moment in der deutschen TV-Berichterstattung, der auch nach dem Ende der Sendung noch relevant war. Das war Jürgen Klopps „Noch“-Aussage – und das war auch mehr ein Aufreger denn ein viraler Moment. Insofern war ich fast froh, dass Robert Andrich beim ausbleibenden Elfmeterpfiff beim Spiel Frankreich gegen Senegal eine andere Meinung vertrat als der Kommentator. Er sah keinen Elfmeter in der Szene, in der Kylian Mbappe im Zweikampf mit Sadio Mane zu Fall kam. Auch wenn ich es persönlich anders sehe, freut es mich doch, dass es wenigstens einmal etwas Reibung gab. Blöderweise ruderte auch er wenige Minuten später zurück.
Diese Unlust am Streit passt in den Zeitgeist. Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen durch antidemokratische Kräfte unter Beschuss. Da wollen sie nicht auch noch Futter in Form von Debatten liefern. Gutes Fernsehen besteht aber nicht nur aus gutem Inhalt – sondern auch aus einer guten Form.
Und bevor mir jemand vorwirft, ich kritisiere die Experten: Das tue ich nicht. Sie machen (größtenteils) einen guten Job. Es sind die Verantwortlichen der TV-Sender, die bei dieser Weltmeisterschaft keinerlei Mut bewiesen haben. Wobei es auch sein kann, dass sie den Leuten einfach nur das geben, was sie wollen. Daher bin ich an eurem Feedback interessiert: Versteht ihr meine Kritik? Teilt ihr sie? Oder seid ihr zufrieden mit dem TV-Programm zu dieser WM?
Kurze Beobachtungen
- Die Schweiz schafft es noch nicht, zwei Halbzeiten am Stück auf Top-Niveau zu spielen. Gegen Katar haben sie in der zweiten Halbzeit mit der 1:0-Führung im Rücken schludrig verteidigt. Gegen Bosnien-Herzegowina haben sie 45 Minuten gebraucht, um ins Spiel zu finden. Vor der Halbzeit gab es sehr viele Positionswechsel zu bestaunen. Diese führten jedoch häufig ins Nichts. Nach der Pause spielte die Schweiz geradliniger. Einwechselspieler Yohan Manzambi brachte genau die richtige Portion Wahnsinn mit, die bei den eher vorgefertigten Positionswechseln gefehlt hatte. Den SC Freiburg wird’s freuen: Manzambi dürfte mit seiner Leistung seinen weltweiten Bekanntheitsgrad erhöht haben – und damit auch seinen Marktwert.
- Südafrika erlebt ein – sagen wir es freundlich – suboptimales Turnier. Die Südafrikaner wollen das Spiel flach eröffnen, spielten aber gegen Mexiko (0:2) und Tschechien zig katastrophale Fehlpässe. Trainer Hugo Broos entwarf für beide Spiele einen eigenen Matchplan. Beide gingen nicht auf. Trotz einer Umstellung auf eine Viererkette hatten die Südafrikaner keine Lösungen gegen Tschechiens Manndeckung parat. Auf Social Media haben mir schon manche geschrieben, Südafrika sei das schlechteste Team dieser WM. Es ist auf jeden Fall in der Verlosung. Doch was sagt es eigentlich über Tschechien aus, dass sie gegen dieses Team nur zu einem 1:1 kamen? Die Tschechen zogen sich mit der Führung im Rücken immer weiter zurück. So luden sie einen schwachen Gegner ein, zurück ins Spiel zu finden. Beide Teams sind Kandidaten für ein Vorrundenaus.
- Apropos schlechtester WM-Teilnehmer: Ich fand Katar schon im Eröffnungsspiel gegen die Schweiz schwach. Sie hatten Glück, dass die übermütigen Schweizer den späten Ausgleich zuließen. Gegen Kanada gingen sie komplett unter. Was soll der strategische Kern dieser Mannschaft sein? Sie spielen keinen Mauerfußball wie Usbekistan oder Australien, sie wollen nicht mitspielen wie Südafrika oder Panama, sie haben keine körperlichen Stärken wie Bosnien-Herzegowina oder Ghana. Eigentlich besteht ihr ganzes Spiel nur daraus, mittelmäßig-kompakt zu verteidigen und Pässe zu Akram Afif zu spielen. Das führt zu zwei Fragen: Woran hat Trainer Julen Lopetegui in den vergangenen Monaten mit dieser Mannschaft gearbeitet? Und: Wieso tut er sich das überhaupt an? Die Antwort dürfte Geld heißen. Denn sportliche Perspektive hat ihn sicher nicht in den Wüstenstaat geführt.
- Ein gern bemühter Satz in Spielberichten lautet: „Der Sieg der Mannschaft wurde von einer Verletzung überschattet.“ Selten traf diese Phrase so zu wie beim kanadischen 6:0-Erfolg gegen Katar. Spielgestalter Ismaël Koné machte ein gutes Spiel, ehe Assim Madibo ihn traf. Konés Bein knickte anschließend in einem äußerst unnatürlichen Winkel vom Körper ab. Selbst der Übeltäter Madibo wirkte sichtlich geschockt. Für Kanada ist das eine herbe Schwächung. Sie bewältigten den Schock auf ihre Art: Wenige Minuten später erzielte der für Koné eingewechselte Saliba das 4:0. Er jubelte, indem er das Trikot seines verletzten Kollegen präsentierte. Trainer Jesse Marsh kannte indes keine Gnade: Gegen neun Kataris löste er die Viererkette auf, wechselte fröhlich Angreifer ein und ließ sein Team den Gegner abschießen. So kann man sich auch rächen.
- Morgen gibt es – sofern nicht irgendein sensationelles Ergebnis dazwischenkommt – eine kleine Tagebuch-Pause. Ich versuche, mir einen freien Tag zu gönnen. Nach dem Deutschland-Spiel geht es hier wie gewohnt weiter! Und denkt daran: Wenn ihr das mögt, was ich tue, könnt ihr gerne den Newsletter abonnieren.
Das Titelbild zeigt Lothar Matthäus. Es stammt von Steffen Prößdorf. Lizenz: CC BY-SA 4.0.
Gegen das Verlangen einen edgy Experten zu haben kann man sich ganz einfach kurieren in dem man mal eine englische Berichterstattung anschaltet – da gibt es den Hamann-Prototyp in mehrfacher Ausführung. Das Absterben einiger Hirnzellen muss man bei diesem Experiment aber in Kauf nehmen.
Mir machen Klopp und Müller Spaß, gerade letzterer gibt auch durchaus Kontra, wenn z.B. die Moderatorin davon spricht, dass die Mannschaft nun für den Trainer spiele. Da fehlt mir auch kein 90er Star, der zwischendurch dumme Dinge sagt.
Zu deiner Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen: Äquidistanz im Journalismus hat dazu geführt, dass die Expertise eines Klimaforschers gleich stark gewichtet wird wie die Meinung eines Flat Earthers. Diese Errungenschaft brauche ich wirklich nicht in allen Lebensbereichen.
Ich sehe die Spiele aber auch auf den Österreichischen Sendern, also ORF oder (leider) ServusTV. Bei letzteren sitzen mit Jan Åge Fjörtoft und Steffen Freund zwei Kasperl im Studio, die inhaltlich gar nichts liefern. Also zwei Schwätzer sind auch nicht die Lösung. Am ehesten gefällt noch Andi Herzog, der immer wieder Sprüche einstreut, die Kultpotential haben: Als bei Österreich gegen Jordanien deutlich die Kräfte schwanden, bemerkte er beispielsweise „da laufen ein paar nur mehr auf zwei Zylindern“. Vor dem Spiel hat er zu Arnautovic (den er in der U21 betreute) gesagt, er solle ein paar Jokertore nachlegen. Als er dann traf, scherzte er: „früher hat er nie so auf mich gehört, der Lauser!“
Also jemanden, der aus Prinzip anderer Meinung ist, brauche ich in den Runden nicht. Aber die Charaktere dürfen sich gerne ergänzen.
wirklich gut gefallen hat mir das ganze bislang auch nirgends. was ich aber überhaupt nicht verstehe, warum sowohl ARD/ZDF als auch Magenta außerhalb des einen Topspiels am Tag nur einen Kommentator einsetzt, und keinen Experten an die Seite. Das ist irgendwie ein Schritt zurück in die 90er, den sie ja eigentlich vor ein paar Jahren mal nach vorne gemacht hatten.
Dafür hat aber wirklich absoluter jeder Sender mittlerweile seinen Schiri-Experten, der am Ende sowieso nur die Entscheidungen des Schiris bestätigt (außer es ist wirklich so absurd wie bei dem nicht gegebenen Frankreich-Elfer). Mehrwert ist da auch einfach null.
Was ich richtig geil finden würde, wenn man mal einen Torwart-Experten mit bei hätte. Da gäbe es so viel zu erklären und zu sagen, was sonst niemand liefern kann, weil das Torwartspiel einen absolute Insel im Fussball ist wo sich letztlich fast niemand auskennt (sagst du ja auch immer Tobi, dass du da raus bist). Und bei der WM gabs noch schon so viele TW-Fehler und fragwürdige aktionen, und alles was man dazu hört ist „war wohl ein TW Fehler“. Habe heute nacht Mexiko vs Südkorea im ORF geschaut, und die haben halt „zufällig“ mit Helge Payer einen ehemaligen TW als normalen Experten sitzen. Der erklärt einem dann eben, was genau der Südkoreanische TW da falsch macht bei dem Tor.
Aber muss man auch sagen, sowas ist auch nicht massentauglich, interessiert halt keinen. Die Leute wollen lieber markige Sprüche, rumgealber von Klopp und Müller, Frotzeleien von Kramer und Mertsesacker.
Immerhin muss man sagen, sie alle liefern mehr als es Sky normal tut, also muss man ja fast schon wieder froh sein das WM ist…
Es sind so viele Spiele, da beschränke ich mich zumeist auf die 90+X Minuten. Es gibt ja auch noch ein Leben außerhalb der WM
Danke für deine Kommentare Tobi, machen viel Spaß zu lesen und (als jemand der sonst mit wenigen Personen rumhängt die tief in die WM eintauchen) geben mir auch Einblick und Stoff um Dinge, die drum herum passieren.
Lieber Tobias, schönen Dank für deine pointierten und auch stellenweise weit aus dem Fußball reichenden Kommentare im WM-Tagebuch. Distanz schafft oft auch Klarheit. Die Pointen darf man bei den von dir vorgestellten Experten sehr wohl vermissen, ich nehme da aber schon auch deutliche Unterschiede war. Und die liegen meines Erachtens auch im Zusammenspiel von Moderatorinnen und Moderatoren und den Fachleuten. Reichlich blass und minimal-launig kommen für mich Esther und Basti in der ARD daher, bei letztem habe ich immer nur noch das Gefühl, er trägt so einen Nobilitätsschleier vor sich her, er ist der nette Ex-Profi, hier geht’s doch eher um die bestmögliche Positionierung im Mainstream der Werbeverträge. Bei Katrin und Jochen im ZDF habe ich wenigstens den Eindruck, dass sie etwas aus der Runde herauskitzeln wollen. Und mit Per und Christoph, die sich hin und wieder telegen kabbeln und dem jetzt eingestiegenen Christian, authentisch und eine saftige Emotionalität einspielend, ist jetzt ein Player mit einer anderen Farbe dazugekommen. Und Fritzi gibt die ausgleichende, sachliche Stimme in der Mitte. Man könnte diesem Aufbau eine Struktur unterstellen. Außerdem: Das ZDF setzt auf eine größere Runde, und also auch mehr Vielfalt, das Erste hält es im kleinen Rahmen mit Zweier- oder Dreiergespann. Du, Tobias, ich hab‘ diese Medienabschnittspartner für die Dauer einer WM jetzt alle mal mit Vornamen genannt, ist doch in Ordnung, oder? Sie umgeben uns ja täglich, ganz im Gegensatz zu den Fußball-Desinteressierten und den nachvollziehbar Boykottierenden aus dem Freundeskreis. Cheerio, der Frank
Interessant, dass auch in England die Besetzung der WM-Berichterstattung kritisch kommentiert wird:
https://www.graceonfootball.com/p/world-cup-day-13
„There’s no feeling that I’m watching something more important than an FA Cup tie. BBC Sport needed to change. Their coverage had been stale and dull for as long as I can remember. But if this is what they’ve been building towards, the changes have been for the worse. This isn’t good enough.“