7 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 9: Wie eine Sitcom ohne Lacher

  1. Gegen das Verlangen einen edgy Experten zu haben kann man sich ganz einfach kurieren in dem man mal eine englische Berichterstattung anschaltet – da gibt es den Hamann-Prototyp in mehrfacher Ausführung. Das Absterben einiger Hirnzellen muss man bei diesem Experiment aber in Kauf nehmen.

    Mir machen Klopp und Müller Spaß, gerade letzterer gibt auch durchaus Kontra, wenn z.B. die Moderatorin davon spricht, dass die Mannschaft nun für den Trainer spiele. Da fehlt mir auch kein 90er Star, der zwischendurch dumme Dinge sagt.

  2. Zu deiner Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen: Äquidistanz im Journalismus hat dazu geführt, dass die Expertise eines Klimaforschers gleich stark gewichtet wird wie die Meinung eines Flat Earthers. Diese Errungenschaft brauche ich wirklich nicht in allen Lebensbereichen.
    Ich sehe die Spiele aber auch auf den Österreichischen Sendern, also ORF oder (leider) ServusTV. Bei letzteren sitzen mit Jan Åge Fjörtoft und Steffen Freund zwei Kasperl im Studio, die inhaltlich gar nichts liefern. Also zwei Schwätzer sind auch nicht die Lösung. Am ehesten gefällt noch Andi Herzog, der immer wieder Sprüche einstreut, die Kultpotential haben: Als bei Österreich gegen Jordanien deutlich die Kräfte schwanden, bemerkte er beispielsweise „da laufen ein paar nur mehr auf zwei Zylindern“. Vor dem Spiel hat er zu Arnautovic (den er in der U21 betreute) gesagt, er solle ein paar Jokertore nachlegen. Als er dann traf, scherzte er: „früher hat er nie so auf mich gehört, der Lauser!“
    Also jemanden, der aus Prinzip anderer Meinung ist, brauche ich in den Runden nicht. Aber die Charaktere dürfen sich gerne ergänzen.

  3. wirklich gut gefallen hat mir das ganze bislang auch nirgends. was ich aber überhaupt nicht verstehe, warum sowohl ARD/ZDF als auch Magenta außerhalb des einen Topspiels am Tag nur einen Kommentator einsetzt, und keinen Experten an die Seite. Das ist irgendwie ein Schritt zurück in die 90er, den sie ja eigentlich vor ein paar Jahren mal nach vorne gemacht hatten.
    Dafür hat aber wirklich absoluter jeder Sender mittlerweile seinen Schiri-Experten, der am Ende sowieso nur die Entscheidungen des Schiris bestätigt (außer es ist wirklich so absurd wie bei dem nicht gegebenen Frankreich-Elfer). Mehrwert ist da auch einfach null.
    Was ich richtig geil finden würde, wenn man mal einen Torwart-Experten mit bei hätte. Da gäbe es so viel zu erklären und zu sagen, was sonst niemand liefern kann, weil das Torwartspiel einen absolute Insel im Fussball ist wo sich letztlich fast niemand auskennt (sagst du ja auch immer Tobi, dass du da raus bist). Und bei der WM gabs noch schon so viele TW-Fehler und fragwürdige aktionen, und alles was man dazu hört ist „war wohl ein TW Fehler“. Habe heute nacht Mexiko vs Südkorea im ORF geschaut, und die haben halt „zufällig“ mit Helge Payer einen ehemaligen TW als normalen Experten sitzen. Der erklärt einem dann eben, was genau der Südkoreanische TW da falsch macht bei dem Tor.
    Aber muss man auch sagen, sowas ist auch nicht massentauglich, interessiert halt keinen. Die Leute wollen lieber markige Sprüche, rumgealber von Klopp und Müller, Frotzeleien von Kramer und Mertsesacker.
    Immerhin muss man sagen, sie alle liefern mehr als es Sky normal tut, also muss man ja fast schon wieder froh sein das WM ist…

  4. Es sind so viele Spiele, da beschränke ich mich zumeist auf die 90+X Minuten. Es gibt ja auch noch ein Leben außerhalb der WM

  5. Danke für deine Kommentare Tobi, machen viel Spaß zu lesen und (als jemand der sonst mit wenigen Personen rumhängt die tief in die WM eintauchen) geben mir auch Einblick und Stoff um Dinge, die drum herum passieren.

  6. Lieber Tobias, schönen Dank für deine pointierten und auch stellenweise weit aus dem Fußball reichenden Kommentare im WM-Tagebuch. Distanz schafft oft auch Klarheit. Die Pointen darf man bei den von dir vorgestellten Experten sehr wohl vermissen, ich nehme da aber schon auch deutliche Unterschiede war. Und die liegen meines Erachtens auch im Zusammenspiel von Moderatorinnen und Moderatoren und den Fachleuten. Reichlich blass und minimal-launig kommen für mich Esther und Basti in der ARD daher, bei letztem habe ich immer nur noch das Gefühl, er trägt so einen Nobilitätsschleier vor sich her, er ist der nette Ex-Profi, hier geht’s doch eher um die bestmögliche Positionierung im Mainstream der Werbeverträge. Bei Katrin und Jochen im ZDF habe ich wenigstens den Eindruck, dass sie etwas aus der Runde herauskitzeln wollen. Und mit Per und Christoph, die sich hin und wieder telegen kabbeln und dem jetzt eingestiegenen Christian, authentisch und eine saftige Emotionalität einspielend, ist jetzt ein Player mit einer anderen Farbe dazugekommen. Und Fritzi gibt die ausgleichende, sachliche Stimme in der Mitte. Man könnte diesem Aufbau eine Struktur unterstellen. Außerdem: Das ZDF setzt auf eine größere Runde, und also auch mehr Vielfalt, das Erste hält es im kleinen Rahmen mit Zweier- oder Dreiergespann. Du, Tobias, ich hab‘ diese Medienabschnittspartner für die Dauer einer WM jetzt alle mal mit Vornamen genannt, ist doch in Ordnung, oder? Sie umgeben uns ja täglich, ganz im Gegensatz zu den Fußball-Desinteressierten und den nachvollziehbar Boykottierenden aus dem Freundeskreis. Cheerio, der Frank

  7. Interessant, dass auch in England die Besetzung der WM-Berichterstattung kritisch kommentiert wird:
    https://www.graceonfootball.com/p/world-cup-day-13

    „There’s no feeling that I’m watching something more important than an FA Cup tie. BBC Sport needed to change. Their coverage had been stale and dull for as long as I can remember. But if this is what they’ve been building towards, the changes have been for the worse. This isn’t good enough.“

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