Clint Eastwood im Film "The Good, The Bad, The Ugly"
Es ist fast schon ironisch. Deutschland und die Elfenbeinküste liefern sich ein wahnsinnig intensives Spiel. Die Momentum-Grafik sprang hin und her: Erst hatte Deutschland Oberwasser, dann traf nach der ersten Trinkpause die Elfenbeinküste. Nach den Wechseln in der 60. Minute springt die Kurve wieder auf die deutsche Seite, ehe die Trinkpause erneut die Elfenbeinküste nach oben spült. Das letzte Wort spricht dann Deniz Undav, der Deutschland einen hart umkämpften 2:1-Sieg schenkt.
Die Ironie ist, dass ich – obwohl in diesem Spiel so, so viel passiert ist – sehr wenig Neues aus der Partie mitnehme. All die guten und schlechten Aspekte des deutschen Spiels hätten die allermeisten Fans bereits vor dem Anpfiff benennen können.
The Good: Die deutsche Mannschaft weiß, wie man sich Chancen herausspielt. Nathaniel Brown und Felix Nmecha sind tolle Ergänzungen für die Startelf. Es wurde fast immer gefährlich, sobald Brown im linken oder Nmecha im rechten Halbraum an den Ball kam. Deutsche Standards sind eine echte Gefahrenquelle; ein Satz, der vor fünf Jahren noch undenkbar schien. Deutschland verfügt in Undav über einen Joker, der eigentlich zu edel ist, als dass er nur Joker sein sollte. Überhaupt bietet die Bank viele spannende Spielertypen. Diesmal halfen die Flanken von Nadiem Amiri, einen defensiv absolut WM-reifen Gegner zu knacken.
The Bad: Solange Undav nicht auf dem Feld ist, gibt es keine Alternative zu verspielten Kombinationen durch die Mitte. Das offensive Zentrum befindet sich jedoch nicht in Bestform – weder Jamal Musiala noch Florian Wirtz. Sobald der Gegner körperlich robust zu Werke geht, tauchen die deutschen Offensivkünstler ab. Die Chancenverwertung ist längst keine deutsche Tugend mehr. Joshua Kimmich mag als Rechtsverteidiger unentbehrlich sein. Spätestens, wenn mit Yan Diomande ein Top-Mann diese Seite bespielt, sind er und Leroy Sané defensiv überfordert. Zumal Nmecha in der entscheidenden Situation vor dem 0:1 keine Unterstützung leistete.

All diese Stärken und Schwächen sind bekannt aus den Spielen der vergangenen Monate. Sie traten mal mehr, mal weniger offen zutage. Nie hat man sie so konzentriert zu Gesicht bekommen wie im Spiel gegen die Elfenbeinküste. Insofern ändert dieses Spiel wenig an meiner Einschätzung zu Deutschland: Sie stellen einen der besseren, aber sicher nicht den besten WM-Teilnehmer bisher.
Nur in einer Hinsicht gab dieses Spiel neue Hoffnung, dass die deutsche Elf mit dem fünften Stern auf der Brust heimkehrt: Die Spieler haben Widerstände überwunden. Es war kein schönes Spiel. Eher „The Ugly“: Die Elfenbeinküste kochte die deutsche Elf mit einem risikoarmen Aufbau und einer körperlich robusten Defensive ab. Das deutsche Pressing konnte gegen einen Gegner nicht wirken, der sich tief den Ball zupasste. Die deutsche Offensive kam nie in Fahrt angesichts der körperlichen Vorteile der Afrikaner.
Aber die deutsche Elf hat das Spiel trotzdem gewonnen. Nicht schön. Nicht über eine lange Phase der Dominanz. Zwei Geniestreiche – einer durch Amiri, einer durch Nmecha – sowie zwei technisch eindrucksvolle Abschlüsse von Undav mussten genügen. Dass eine deutsche Nationalmannschaft nach einem Halbzeit-Rückstand ein Spiel dreht, gab es in den vergangenen Jahren eher selten. Diese Resilienz hat die DFB-Elf bei den vergangenen Turnieren vermissen lassen. Es wäre gut, wenn sie diese Widerstandsfähigkeit auch in der K.O.-Phase an den Tag legt.
Turkey: Summer of 62
42 Schüsse hat die deutsche Elf an den ersten beiden Spieltagen abgegeben. Nur zwei Teams kommen auf einen höheren Wert. Gastgeber Kanada liegt bei 45. Auf Platz eins findet sich indes ein Team, das bereits ausgeschieden ist. Unfassbare 62 Torschüsse hat die Türkei gegen Australien und Paraguay abgegeben. Die Ausbeute: null Tore. Zum Vergleich: Rocco Reitz war in der vergangenen Bundesliga-Saison der Spieler mit den meisten Torschüssen, der selbst keinen Treffer erzielen konnte. Er schoss in 31 Saisonspielen 47mal auf den Kasten.
Das türkische Ausscheiden ist ein Lehrbuchbeispiel der Unberechenbarkeit des Fußballs. In beiden Spielen versenkte der Gegner die erste Chance im Tor. Gegen Australien lief die Türkei 63 Minuten einem Rückstand hinterher, gegen Paraguay sogar 88 Minuten. Trotz der Rückstände erspielte sich die Elf vom Bosporus ein klares Ballbesitzplus, kam mit Geduld an den gegnerischen Strafraum, gab dort Torschuss um Torschuss ab. Doch das gegnerische Tor war wie vernagelt.
Allein dem Abschlusspech die Schuld zuzuschieben, wäre indes zu leicht. Bereits vor dem Turnier schrieb ich, dass die Türkei mit einem Stürmerproblem zu kämpfen hat. Kerem Aktürkoglu startete in beiden Partien im Sturmzentrum. Der 1,76 Meter kleine Sprinter fühlt sich eher auf den Flügeln wohl. Die Türken konnten mangels Zielspieler nie Hereingaben in den Strafraum spielen. Oft blieb nur der Fernschuss; auch so lässt sich die exorbitant hohe Zahl an Schüssen erklären.
Dennoch: Möglichkeiten hatte die Türkei genug. Gegen zehn Paraguayer erspielten sie sich allein in der zweiten Halbzeit Chancen im Wert von über zwei Expected Goals. Sie kämpften jedoch mit einem Problem, das schon die deutsche Elf bei der WM 2022 plagte: Zu oft kamen keine Stürmer, sondern eher abschlussschwache Spieler zu Torchancen. Der türkische Spieler mit dem höchsten xG im Turnierverlauf war Verteidiger Merih Demiral. Es folgen Hakan Calhanoglu und Kenan Yildiz, ehe mit Ismail Yüksek ein weiterer Defensivmann die Top-Vier komplettiert. Erst dann kommen mit Deniz Gül und Aktürkoglu die vermeintlichen Stürmer.
Für die Türkei ist dieses Aus auf vielen Ebenen bitter. Selten konnte das Land eine so talentierte Generation zu einem Turnier schicken. Eigentlich schien das Team bestens eingestellt für die WM. Bei normaler Chancenverwertung wären sie locker weiter; lustigerweise haben sie laut meiner Sterne minus Expected-Goals-Differenz-Berechnung sogar überperformt. Zugleich wird – wie es in der Türkei typisch ist – nach dem WM-Aus alles hinterfragt; selbst das, was in den vergangenen Jahren gut lief. Und das, obwohl sie mehr Torschüsse abgegeben haben als jeder andere Teilnehmer bisher.
Kurze Beobachtungen
- Bei einer Weltmeisterschaft weiß eine Mannschaft manchmal erst nach dem zweiten Spieltag, was das Ergebnis des ersten Spieltags wert war. Deutschlands 7:1-Erfolg gegen Curaçao wurde in der Nacht aufgewertet: Ecuador kam gegen den Inselstaat nicht über ein 0:0 hinaus. Das freut mich insgeheim ein bisschen: Ich hatte nach der Schlappe gegen Deutschland bereits Häme kassiert für meine Überschrift: „Don’t call them Fußballzwerg!“ Ich habe die Partie nur mit halbem Auge verfolgt, während ich diesen Text geschrieben habe. Was ich sah, waren Chancen auf beiden Seiten, wobei die Waage nach und nach in Richtung Ecuador kippte. Ecuador erzielte aus 2,85 xG kein Tor. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Südamerikaner konnten nur Durchschlagskraft erzeugen, indem sie mehr und mehr Spieler nach vorne warfen. Dadurch kam aber auch Außenseiter Curaçao immer wieder zu Kontern, wodurch der Favorit nie echte Kontrolle über die Partie erlangte. Damit steht die deutsche Elf als Gruppensieger fest.
- Zum Schluss möchte ich den Kreis schließen und zum Deutschland-Spiel zurückkehren – mit einem Lob für die Elfenbeinküste. In meiner Vorschau hatte ich geschrieben: „Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Elfenbeinküste als Überraschungsteam vorzustellen.“ Zugleich wollte bei mir der Funke noch nicht überspringen. Spätestens mit dem Deutschland-Spiel tat er das. Die Ivorer hatten noch im ersten Spiel 4-4-2 gespielt, nur um gegen Deutschland auf ein robusteres 4-1-4-1 umzustellen. Die Mannschaft ist defensiv stabil und operiert taktisch auf allerhöchstem Niveau. Gleichzeitig verfügt sie über zahllose Einzelkönner auf den Flügeln. Sollte gegen Curaçao keine Sensation passieren, werden die Ivorer als Gruppenzweiter weiterkommen. Wer auch immer Zweiter der Gruppe I wird, darf sich auf einen verdammt starken Gegner einstellen.
Lieber Tobi,
vielen Dank für die erste Analyse.
Was ich nach wie vor nicht verstehe sind die Ideen für rechte defensive Seite. Wenn ich richtig mitgezählt habe, kam die Elfenbeinküste in 2.Min (!), in der 12. Min, beim Tor in 28.Min, in 37. Min. und nochmal irgendwann bei der Chance zum 2:0 nach gleichem Muster über rechts. Nicht zu vergessen die Riesenchance in 87.Min.
Das war vorhersehbar und hätte das Spiel anders herum entscheiden können.
Welche Optionen hat Nagelsmann? Und warum nutzt er sie nicht?
Grüße
Ich denke die Alternative wäre Brown auf rechts zu schieben. Raum linker AV, Kimmich anstelle Pavlovic auf die 6. So wie ich JN einschätze belässt er es aber so wie es ist und lebt mit dem „ Risiko“ auf AV rechts.
Die deutschen Spiele und das Ausscheiden der Türkei sollten doch jedem Experten deutlich machen, wie wichtig echte Stürmer sind, die den Abschluss suchen und auch eine Effizienz vorm Tor zeigen.
Meiner Meinung nach hat uns der Verzicht auf einen abschlussstarken Stürmer die Turniere 2018, 2021, 2022 und mit Abstrichen 2024 gekostet.
Alle Zahlen sprechen doch dafür, dass Deutschland weitaus gefährlicher und erfolgreicher ist, wenn man mit Typen wie Füllkrug oder Undav spielt.
Da können Havertz und Sane noch so viele technische Fähigkeiten mit bringen…
In 120min Spielzeit ohne Undav kam die deutsche Elf auf 2 Tore aus dem Spiel. Beide gegen Curacao. Direkte Beteiligung von Havertz und Sane? Keine.
Mit Undav in 56min satte 5 Tore aus dem Spiel. Undav an allen direkt beteiligt.
Man kann doch nicht mehr leugnen, dass die Abgezocktheit von Undav das deutsche Spiel extrem aufwertet.
Havertz war in 1. HZ gegen Curacao größtenteils abgemeldet. Und auch gestern strahlte er nur einmal durch einen Kopfball Gefahr aus.
Mit Undav hat sich die Dynamik des deutschen Offensivspiels massiv verändert. Die oft betonte defensive Stärke von Sane kam mMn auch nicht zum tragen. 8 von 11 Angriffen der Elfenbeinküste gelangten über Sane/Kimmichs Außenbahn ins deutschen Drittel.
Bei der Türkei beschreibst du ja eine ähnliche Situation.
Mir kommt es vor, dass heutzutage zu viele Trainer/Analysten in der Flut von Taktik-Begriffen und Statistiken die Relevanz von Toren vergessen.
Im Endeffekt ist Fußball ein simples Spiel. Wer mehr Tore schießt gewinnt.
Wenn ich mit Spielertyp A im Schnitt deutlich mehr Tore schieße als mit Spielertyp B dann verlieren Argumente wie „Spieler B ist aber stärker im Pressing“ ihre Relevanz.
Julian Nagelsmann scheint aktuell auch zu sturr zu sein, um sich diesen Fehler eingestehen zu wollen.
So sehr ich dir als Fussballfan (ersetze Fußball gerne durch Tore) Recht geben möchte. Noch wichtiger als Tore schießen, ist Gegentore zu verhindern. Siehe Kap Verde, Iran, Curacao, Katar, etc. Durch ihre Unentschieden (teilweise sogar 0-0) haben diese Mannschaften sind überhaupt im Turnier gehalten. Aber ja, wenn du die rechte Seite nicht dicht bekommst, dann musst du zusehen, dass du mehr Tore schießt als der Gegner.
Da möchte ich dir widersprechen.
Gegentore verhindern ist wichtig – aber das schaffen wir ja seit Jahren nicht – egal welche Spieler und ob 3er, 4er oder 5er Kette.
Da reichen Gegner wie die Schweiz, Elfenbeinküste oder Südkorea und wir geraten defensiv seit 2018 massiv ins Wanken.
Was aber seit 2018 auch statistisch in jedem Spiel, dass nicht gewonnen werden konnte, auch klar ist.
Deutschland hat die Chancen.
Deutschland hatte in jedem Spiel, auch gegen England, Frankreich und Spanien ein Chancenplus.
Hat diese aber nicht gemacht.
Klar könnte man jetzt argumentieren, die Gegner haben es besser geschafft Gegentore zu verhindern wie wir.
Oder wir formulieren es so „Die Deutschen war zu blöd ihre Chancen in Tore umzumünzen“.
Im Gegensatz zur Defensive haben wir jedoch bei jedem Turnier wieder gesehen, dass es Spielertypen gibt, die genau dies machen. Egal ob sie als Joker oder als Starter kommen. Ein Füllkrug, Kleindienst, Undav usw. haben alle gemeinsam, dass sie eine deutlich bessere Scorer/Tore-Rate pro Min / Spiel haben als alle anderen Offensivspieler.
Wir haben mit Wirtz, Musiala etc. jede Menge kreative Power. Das bringt uns aber nur etwas, wenn wir den Ball vorne dann auch versenken.
Und gerade hier fallen Sane und Havertz enorm ab.
Rechnet man bei Havertz die Elfmeter raus, hat er eine echt dürftige Ausbeute im DFB Dress. Über Sane brauchen wir gar nicht mehr sprechen.
Warum schwenkt man also nicht um? Nachdem man es jetzt 2018, 21, 22 und 24 versucht hat spielerisch erfolglos zu lösen und auch bei dieser WM in 120min ohne Stürmer ebenfalls nicht überzeuge konnte.
Welches rationale Argument spricht denn bitte dagegen in einer solchen Situation auf den Spieler zu bauen, der bei diesem Turnier in 56 Minuten an 5 Toren direkt beteiligt war und alle 18min das Ding selbst im Tor unterbringt.
Und das hat er auch vor dem Turnier schon beim VFB und im DFB Dress bewiesen. Auch über 90min!
Der einzige erklärbare Grund ist für mich, dass Nagelsmann nicht über seinen Schatten springen und sich öffentlich eingestehen will, dass in diesem Fall die 82 Millionen Bundestrainer auf der Couch eben doch Recht hatten. Und seine sehr verkopfte offensive Spielidee einfach nicht effektiv ist.
Fußball ist ein simples Spiel. Die alte Weisheit nährt das Phrasenschwein.
Aber viel entscheidender ist aktuell, dass Fußball auf Nationalmannschaftsebene simpler ist als auf Vereinsebene. Wie strecke ich den Gegner, wer verwertet die Chancen effizient?
Als Nationaltrainer hast du weder den Luxus des täglichen Trainings, um ein ausgeklügeltes Offensivsystem einzustudieren, und auch nicht den (theoretischen) Luxus der freien Spielerwahl, um die für eine kohärente Besetzung notwendigen Typen einbinden zu können. Nicht die Besten, sondern die Richtigen (c by Pepi Hickersberger) zu nominieren kann man sich nur leisten, wenn der Spielerpool selbst groß genug ist und man den Gegenwind aushält. Tuchel hat das getan und System sogar am treffsichersten Stürmer ausgerichtet. Er hat bei England aber auch die passenden Voraussetzungen dafür. Aber in den Vorschauen wurde bei einigen Nationen bereits die mangelnde Durchschlagskraft angesprochen. Neben der Türkei auch bei
bei Mexiko, Algerien, Kongo und Panama.
Ich hoffe, Nagelsmann lässt zum Spiel gegen Ecuador das eigentlich zum Kreativkern der deutschen Mannschaft auserwählte Filigran-Duo Wirtz-Musiala in der Startelf, die beiden sollten die Chance haben, ihre Form und zueinander zu finden. Gegen stärkere Gegner kommt das D-Team ohne die beiden in einem Top-Zustand wohl kaum aus. Ansonsten gibt es die beschriebenen überraschend positiven Entwicklungen. Und in der Kimmich-auf-rechts-oder-auf-der-Sechs-Frage sind für mich die Argumente der beiden Lager gleich stark. Aber an der einmal gefundenen K-Rechts-Lösung etwas kurzfristig oder von Fall zu Fall zu ändern, birgt eben Gefahren…
Der Bundestrainer wird an der Startelf nichts mehr ändern, vor allem um diese Formation (in allen Mannschaftstrilen) weiter einzuspielen. Die Mannschaft ist noch nicht wirklich gefestigt; kann sie auch nicht sein. Da würden Wechsel nur weiter den Entstehungsprozess stören. Und sämtliche realistische Optionen für Wechsel würden ihr wiederum anderer Stärken berauben. Für wen sollte Undav in die Startelf rotieren?! Es wäre nachvollziehbar, wenn man der Elf weitere Spiele gibt, um in der KO-Phase noch widerstandsfähiger und in der Offensive variabler und torgefährlicher zu sein.