Die mögliche Formation der Elfenbeinküste bei der WM 2026
Wer etwas im Leben erreichen will, muss sich hohe Ziele setzen. Nicht nur die Selbsthilfe-Gurus dieser Welt schwören auf dieses Mantra, sondern auch die Verantwortlichen der Elfenbeinküste. Der Verband rief vor der Weltmeisterschaft als Ziel aus, die Mannschaft solle mindestens sechs Spiele bestreiten. Das würde angesichts des aufgeblähten Formats eine Viertelfinal-Teilnahme bedeuten. Trainer Emerse Faé ging sogar noch weiter. „Wir fahren nicht in die USA, um Urlaub zu machen.“ Und: „Ich glaube, die Elfenbeinküste hat das Potenzial, etwas Außergewöhnliches zu schaffen. Warum nicht das Finale anstreben?“
Das sind selbstbewusste Ansagen für ein Land, das noch nie über die Vorrunde einer Weltmeisterschaft hinausgekommen ist. Bei den vergangenen beiden Turnieren waren die Ivorer gar nicht erst vertreten. Auch der Africa Cup schürte nicht gerade Vorfreude: Nach mehreren durchwachsenen Leistungen in der Vorrunde schied das Team im Viertelfinale gegen Ägypten aus (2:3). Auf den ersten Blick gehen andere afrikanische Nationen wie der Senegal oder Marokko mit berechtigteren Hoffnungen in diese WM.
Auf den zweiten Blick sind die forschen Aussagen keineswegs Luftschlösser. Die Elfenbeinküste verfügt über einen der besten, wenn nicht sogar den besten Kader aller afrikanischen Nationen. Das Team rekrutiert sich aus Topspielern des europäischen Fußballs. Trainer Faé kombiniert die individuelle Stärke mit einem äußerst pragmatischen Spielsystem. So blieb die Mannschaft in der Qualifikation gänzlich ohne Gegentor. Doch aus irgendeinem Grund will der Funke noch nicht so recht überspringen.

Faé ist seit 2024 Cheftrainer der ivorischen Mannschaft. Er kam damals unter kuriosen Umständen in das Amt: Sein Vorgänger Jean-Louis Gasset wurde während des laufenden Africa Cups gefeuert. Co-Trainer Faé stieg ab der K.O.-Runde zum Chef auf und gewann mit seinem Team sensationell den Titel. Seitdem genießt er in seinem Heimatland hohes Vertrauen. Der frühere Nationalspieler der Elfenbeinküste ist ein Verfechter einer eher konservativen Spielweise. Die Elfenbeinküste setzt auf ein 4-3-3, das gegen den Ball zumeist zu einem 4-1-4-1 wird. Die Elf wirkt besonders im taktischen Bereich enorm feingeschliffen: Die Spieler halten ihre Positionen, sowohl gegen als auch mit dem Ball sind alle Räume nach Lehrbuch besetzt.
So setzt die Elfenbeinküste im Spiel mit dem Ball auf ein klares Positionsspiel. Ein Sechser lässt sich fallen, sodass im Aufbau eine Dreierkette entsteht. Die Außenverteidiger rücken jedoch nicht besonders weit auf. Die Breite auf den Flügeln wird von den Außenstürmern besetzt. Die Außenverteidiger haben eher die Aufgabe, in Richtung der Spielfeldmitte zu ziehen. Sie achten vor allem darauf, im Gegenpressing-Moment das Zentrum zu verdichten. Aus dieser Grundformation lässt die Elfenbeinküste den Ball erst einmal laufen. Beim Africa Cup erzielten nur Südafrika und Senegal höhere Ballbesitzwerte.

Der Schlüssel zur Torgefahr findet sich auf den Außen-Positionen: Die Ivorer wollen ihre Außenstürmer in Eins-gegen-Eins-Gelegenheiten bekommen. Sie sollen sich durchsetzen und anschließend die vorstartenden Achter oder Stürmer Evann Guessand bedienen. Warum sich die Elfenbeinküste derart auf Flügelangriffe versteift, erklärt sich bei einem Blick auf den Kader. Auf rechts ist Amad Diallo gesetzt, seines Zeichens Stammspieler bei Manchester United. Auf links kommt in der Regel Yann Diomande zum Einsatz. Der Leipziger wurde jüngst zum Bundesliga Rookie of the Year gekrönt. Beide sind dribbelstark und explosiv. Als wäre das nicht genug, hat Faé noch weitere Asse im Ärmel versteckt: Rechtsaußen Nicolas Pépé hat nach einigen schweren Jahren eine absolute Fabelsaison für Villarreal gespielt, 18 Torbeteiligungen in 36 Ligaspielen inklusive. Linksaußen Bazoumana Touré ist so etwas wie der unbesungene Held der starken Hoffenheimer Saison.
Wenn der Gegner die Flügelstürmer aus dem Spiel nimmt, bekommen die Ivorer Probleme. Ihr Spiel ist ganz auf deren Durchbrüche ausgelegt. Selbst die Außenverteidiger vorderlaufen nur selten. Im Zentrum überzeugt die Elfenbeinküste zwar durch Athletik, allerdings weniger durch Spielstärke. Nicht zufällig schlugen die Ivorer mehr Flanken pro Spiel als jeder andere Africa-Cup-Teilnehmer.
Insgesamt gestalten die Ivorer das Spiel eher vorsichtig. Das zeigt sich nicht nur beim fehlenden Aufrücken in der Offensive. Auch defensiv übt die Elfenbeinküste selten den allerhöchsten Druck aus. Die Spieler begeben sich schnell hinter den Ball, sobald die erste Pressinglinie überspielt wurde. Die Mannschaft wahrt meist die Kompaktheit. Einzig die Innenverteidiger rücken teilweise weit heraus, um ihre Gegenspieler zu verfolgen.
Ihre Qualifikation hat die positiven wie negativen Seiten dieser Spielweise gezeigt. Zwar erzielten die Ivorer mit 25:0 das beste Torverhältnis aller afrikanischen Nationen. Allerdings schossen sie 16 ihrer Tore gegen die drittklassigen Seychellen. In den übrigen acht Spielen gelangen ihnen nur neun Treffer. Sechs dieser Partien endeten entweder 1:0 oder 0:0. Spektakel sieht anders aus.
Beizeiten hat mich die ivorische Elf an eine Jugendmannschaft aus körperlich weit entwickelten Spielern erinnert. Sie kann mit ihrem pragmatischen Stil die meisten Gegner über ihre physische Überlegenheit dominieren. Wenn der 1,91 Meter große Ibrahim Sangaré im Sechserraum einen Gegner stellt, gibt es kaum ein Durchkommen. Diese Athletik ist die größte Stärke des Teams. Sie zeigt sich insbesondere nach Standards. Diese sind eine absolute Waffe; hier sehe ich sie neben England und Portugal als absolutes Top-Team dieses Turniers.

Gleichzeitig möchte ich an dieser Stelle die Aufräum-Queen Marie Kondo bemühen: „Does this spark joy?“ („Löst das Freude aus?“) Meine Antwort bei der Elfenbeinküste lautet klar „Nein“. Ihr Spielstil ist absolut rational, stabilitätsorientiert und dadurch am Ende auch erfolgreich. Wenn sie aber plötzlich ein Feuer entzünden sollen – etwa nach dem frühen Rückstand gegen Ägypten im Africa-Cup-Viertelfinale – suchen sie das Heil zu schnell in Flanken und Individualaktionen.
Es gibt einige X-Faktoren, die eine Prognose erschweren. Die Elfenbeinküste bespielt in Afrika meist individuell schwächere Gegner, die sich einmauern. Ihr Umschaltspiel kommt hier nicht zur Geltung. Das sollte jedoch eine enorme Stärke sein: Fast alle Angreifer des Teams durchbrechen die Grenze von 35 Kilometern pro Stunde. In der Vorbereitung testete Faé beim 2:1-Sieg gegen Frankreich ein konterlastiges 4-4-2-System. Das Spiel lief von Strafraum zu Strafraum, die Elfenbeinküste erspielte sich beste Chancen. (Fairerweise muss man dazu sagen, dass die Ivorer ihre Tore erst erzielten, nachdem Frankreich die gesamte A-Elf ausgewechselt hatte.) Diese Formation könnte eine Variante für die WM sein. Theoretisch wäre angesichts der Fülle an guten Innenverteidigern eine Dreierkette möglich. Diese hat Faé aber bisher nicht eingesetzt.
Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Elfenbeinküste als Überraschungsteam vorzustellen. Die Ivorer machen dem Gegner das Toreschießen nicht leicht. Vorne können sie auf ihre individuelle Klasse und ihre Stärke nach Standards bauen. Sie verfügen über eines der körperlich robustesten Teams dieser Weltmeisterschaft. Ob sie das taktische wie spielerische Rüstzeug besitzen, um Rückständen zu trotzen, ist eine andere Frage. Schon das erste Spiel gegen Ecuador könnte über ihre Rolle in der Gruppe entscheiden. Mit einem Auftaktsieg im Rücken könnten sie gegen Deutschland auf eine Kontertaktik setzen. Bundestrainer Julian Nagelsmann sollte gewarnt sein. Die Elfenbeinküste träumt von Großem bei dieser Weltmeisterschaft.
Stabile Defensive, gute Spieler, starke Standards: Die Elfenbeinküste hat viele Eigenschaften eines WM-Überraschungsteams. Bei mir wollte der Funke bisher jedoch nicht überspringen.
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