Curaçaos mögliche Formation bei der WM 2026
Als junger Journalist habe ich ab und an den Ratschlag gehört: „Recherchier‘ deine These nicht kaputt!“ Ich habe die dahinterstehende Philosophie immer gehasst. Doch sie folgt einer gewissen Logik: Wer einen meinungsstarken Kommentar schreiben möchte, sollte sich nicht in den Details der Pro- und Contra-Argumente verlieren. Bei der Recherche zu Curaçaos erster WM-Teilnahme musste ich häufig an diesen Ratschlag denken. Das Narrativ von der „sensationellen WM-Qualifikation“ des kleinen Inselstaats hält exakt so lange, bis man das kleinste bisschen Recherche betreibt.
Curaçaos Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2026 war von langer Hand geplant. Der Inselstaat vor der Küste Venezuelas ist ein autonomes Land innerhalb der Niederlande und als solches seit 2011 Mitglied der Fifa. Als die WM nach Mexiko, Kanada und in die USA vergeben wurde, sah der Verband seine Chance gekommen: Da die drei Schwergewichte der Concacaf-Region keine Qualifikation spielen mussten, durfte Curaçao vergleichsweise leichte Gegner bespielen.
Der Verband ging auf Spielersuche. Nach und nach überzeugten die Verantwortlichen Profis mit curaçaonischen Wurzeln, sich der Nationalmannschaft anzuschließen. Von den 26 Spielern im WM-Kader Curaçaos wurde nur Tahith Chong auf der Insel geboren, die restlichen Spieler haben in den Niederlanden erstmals das Licht der Welt erblickt. Selbst Chong wechselte bereits mit zehn Jahren nach Rotterdam zu Feyenoord. Die Nationalmannschaft verfügt über einen Pool an Spielern, die größtenteils niederländische Nachwuchsleistungszentren durchlaufen hatten.

Es fehlte noch ein Trainer, der den passenden Stil vermitteln konnte. Mit Dick Advocaat verpflichtete Curaçao einen Veteranen des niederländischen Fußballs. Er setzte in der Qualifikation auf ein Oranje-typisches 4-3-3-System. Curaçao musste nur noch den stärksten Gruppengegner Jamaika hinter sich lassen. Die Jamaikaner mussten – eine weitere glückliche Fügung! – während der gesamten Qualifikation auf ihren verletzten Starspieler Leon Bailey verzichten. Mit einem zittrigen 0:0 im finalen Gruppenspiel sicherte sich Curaçao das WM-Ticket. Damit ist der Inselstaat mit knapp 200.000 Einwohnern die bevölkerungsärmste Nation, die je an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat.
Ein klassischer Außenseiter ist Curaçao indes nicht. In der Qualifikation setzte Advocaat auf durchaus gefälligen Ballbesitzfußball. Sein Team riss das Spiel an sich, lockte den Gegner und kombinierte sich vor das Tor. Das Problem: Dieser Stil dürfte gegen die Gruppengegner Deutschland, Ecuador und die Elfenbeinküste kaum funktionieren. Geht Advocaats Alternativplan auf?
In der Qualifikation setzte Curaçao fast durchgehend auf eine Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3. Das Mittelfeld teilt sich in einen Sechser, einen Achter und einen Zehner. Rekordnationalspieler Leandro Bacuna sichert als Sechser vor der Abwehr ab. Sein Bruder Juninho übernimmt die Rolle des Zehners. Er postiert sich im halblinken Raum relativ weit vorne. Livano Comenencia beackert auf der halbrechten Seite das gesamte Feld vom eigenen bis zum gegnerischen Strafraum. (Interessanterweise kommt er bei seinem Klub FC Zürich als Außenverteidiger zum Einsatz.)
Curaçao möchte die drei Mittelfeldspieler aktiv in den Spielaufbau einbinden. Die Innenverteidiger eröffnen das Spiel praktisch immer flach. In einer 4-3- oder 4-2-Staffelung bilden die Verteidiger mit den Mittelfeldspielern Dreiecke. Über diese Dreiecke lässt Curaçao den Ball laufen. Damit locken die Spieler den Gegner weit in ihre Hälfte. Sobald sich eine Lücke für einen Vertikalpass öffnet, schlagen sie zu. Dann spielen sie den Ball auf die Außen oder suchen direkt den mitspielenden Mittelstürmer. Ab diesem Moment sind auch lange Bälle erlaubt.

Dieses Aufbauspiel war ihre große Stärke in der Qualifikation. Beim wichtigen 2:0-Hinspielsieg gegen Jamaika lag ihr Ballbesitz nach einer halben Stunde bei 66%. Die Jamaikaner bekamen keinen Zugriff auf das Flachpassspiel. Den Außenseiter aus Bermuda schoss Curaçao regelrecht ab; das Rückspiel endete 7:0. Vor das Tor gelangt die Elf dabei vor allem über die Flügel: Die Außenstürmer geben viel Breite. Advocaat setzt hier auf inverse Spielertypen. So agiert Linksfuß Chong meist auf der rechten Seite und Rechtsfuß Kenji Gorré auf der linken Seite. Sie ziehen in Robben-Manier mit dem Ball am Fuß in die Mitte und schließen ab.
Das 2:0 gegen Jamaika zeigte zudem die andere Facette von Advocaats Team: Nach Abpfiff hatte nicht Curaçao ein Ballbesitzplus – sondern Jamaika. Mit der 1:0-Führung im Rücken zog sich Curaçao nach der Pause zurück. Sie ließen sich in ihrem defensiven 4-2-3-1 zwar nicht an den eigenen Strafraum fallen. Dafür stellten sie ihr Angriffspressing ein und begleiteten den Gegner nur noch durch das Mittelfeld. Gegen den Ball setzt Curaçao auf eine mannorientierte Verteidigung. Gerade im Zentrum verfolgen die Bacuna-Brüder ihre Gegenspieler weit. In beiden Spielen gegen Jamaika (2:0, 0:0) blieb Curaçao ohne Gegentor. Vor allem dank der starken Defensive darf der Inselstaat zur WM fahren.
Dass sich Curaçao bei der WM keineswegs als Punktelieferant sieht, beweist die Phase nach der Qualifikation. Advocaat trat zunächst als Nationaltrainer zurück. Er wollte Zeit mit seiner kranken Tochter verbringen. Mit Fred Rutten übernahm ein Landsmann. In den Testspielen im März nahm er zwar personelle, aber kaum taktische Änderungen vor. Die Ergebnisse ließen jedoch zu wünschen übrig: Die „Blaue Welle“ – so der Spitzname der Mannschaft – verlor gegen China (0:2) und Australien (1:5). Im Aufbau schenkten die Verteidiger unter Druck ständig den Ball her. Die Abwehr bekam herbe Probleme, sobald der Gegner mit Tempo auf sie zugelaufen kam. Rutten wurde als Verantwortlicher ausgemacht. Angeblich sollen einflussreiche Sponsoren auf eine Rückkehr Advocaats gedrängt haben. Der Ex-Coach erklärte sich bereit, auch weil sich die gesundheitliche Situation seiner Tochter verbessert hatte. Rutten musste gehen, Advocaat kam zurück. Somit geht der 78-Jährige als ältester WM-Coach in die Geschichte ein.
Seine Aufgabe lautet nun, Curaçaos Spiel weltmeisterschaftstauglich zu machen. Advocaat testete in der Vorbereitung eine neue Formation. Gegen Schottland verteidigte seine Elf in einem 5-4-1. Das funktionierte besser, als das 1:4-Ergebnis vermuten lässt; die Gegentore kassierte Curaçao allesamt in Unterzahl. Gleichzeitig beraubte dieses defensive System der Mannschaft ihrer Stärken. So musste Juninho Bacuna auf dem linken Flügel und nicht neben seinem Bruder Leandro spielen. Der Aufbau durch die Mitte ließ zu wünschen übrig. Zudem deckte Schottland die Schwächen Curaçaos bei der Flankenverteidigung auf.

Curaçao ist nicht der Außenseiter, für den manche das Team halten. Der Kader rekrutiert sich ausschließlich aus Spielern, die Erfahrung gesammelt haben im europäischen Fußball. Sie haben in den Niederlanden eine gemeinsame Spielphilosophie kennengelernt. Dennoch scheinen die Aufgaben in der Gruppe E kaum zu bewältigen. Curaçao muss gegen drei Top-Gegner antreten, die jeden Fehlpass im Aufbau bestrafen. Wenn Curaçao in dieser Gruppe einen Punkt holt, dürfte der „Man of the Match“ den Namen Eloy Room tragen. Der Torhüter hat bereits in der Qualifikation seine Mannschaft vor einigen Gegentoren bewahrt. Wächst er über sich hinaus, schaffen dies vielleicht auch seine Mitspieler. Wobei: So weit muss diese Mannschaft aus Vollprofis gar nicht wachsen.
Dem Klischee des Fußballzwergs wird Curaçao nicht gerecht. Dennoch passt ihr Flachpass-Stil eher nicht zu einer Weltmeisterschaft und schon gar nicht zur schweren Gruppe E.
GESAMTFAZIT