Mögliche Formation Schottlands während der WM
Die Stadt Boston ist stolz auf ihre reiche Geschichte. Die heutige Hauptstadt des Bundesstaates Massachusetts war ein Ausgangspunkt der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Die Briten kassierten hier eine der größten Niederlagen des Unabhängigkeitskriegs, als sie die belagerte Stadt im Jahr 1776 aufgeben mussten. 250 Jahre später wird wieder eine britische Armee vor den Toren der Stadt erwartet. Diese könnte aber friedlicher kaum sein: Die Tartan Army pilgert zu Schottlands Vorrunden-Spielen.
Erstmals seit 1998 hat sich die schottische Nationalmannschaft für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Zahllose Fans wollen das Team nach Nordamerika begleiten. Der Trubel wurde so groß, dass selbst Nationaltrainer Steve Clarke öffentlich eine Warnung aussprach: Die Fans sollen bitte nur einen Trip über den Atlantik planen, wenn sie sich die Reise auch leisten können. Es hatten sich die Berichte gehäuft, nach denen schottische Fans Haus und Hof verpfändet hätten, nur um Tickets für WM-Spiele zu kaufen. Kaum eine Nation steht so leidenschaftlich hinter ihrem Nationalteam.
Ob die schottische Elf die WM auch sportlich bereichert, ist indes eine andere Frage. Die Qualifikation hat viele Schotten vergessen lassen, dass sie Nationaltrainer Clarke nach der EM eigentlich vom Hof jagen wollten. Schottland stellte 2024 mit nur einem Punkt und einem Torverhältnis von 2:7 die schlechteste Mannschaft im gesamten Turnier. Schottland konnte sich zwar in einer Qualifikationsgruppe mit Dänemark, Griechenland und Weißrussland durchsetzen. Dafür war jedoch ein spektakulärer Last-Minute-Triumph im finalen Gruppenspiel nötig. Bis in die Nachspielzeit hielt Dänemark das 2:2, was für die Skandinavier den Gruppensieg bedeutet hätte. Erst in der 92. Minute gelang Kieran Tierney das 3:2. Wenige Minuten später traf Kenny McLean von der Mittellinie aus zum 4:2-Endstand. Betrachtet man die Expected-Goals-Werte, lagen die Schotten in ihrer Gruppe klar hinter Dänemark und sogar hinter Griechenland.
Die Probleme, die Schottland im Sommer 2024 plagten, konnte Clarke nicht restlos beseitigen. Bei der Europameisterschaft setzten die Schotten ihre Hoffnungen in die Defensive. Sie verschanzten sich in einem 5-4-1-System in der eigenen Hälfte. Doch ihr Plan scheiterte an der Ausführung: Die Mannorientierungen der Schotten ließen sich leicht ausnutzen. Die deutsche Nationalmannschaft gelangte beim 5:1-Auftaktsieg immer wieder hinter die schottische Fünferkette. Ähnlich lückenhaft verteidigten die Schotten auch gegen die Schweiz (1:1) und Ungarn (0:2).

Nach der Europameisterschaft wechselte Clarke das System. In der Qualifikation setzte er fast durchgehend auf eine 4-1-4-1-Formation. Insgesamt ist ihr Spiel etwas proaktiver geworden. Die Abwehr schiebt weit nach vorne. Im Mittelfeld agiert das Team sehr mannorientiert. Gerade im Zentrum verfolgen Scott McTominay und seine Kollegen ihre Gegenspieler über weite Strecken. Manches Mal nutzen die Schotten diese Mannorientierungen für ein aggressives Pressing. Dann rücken die äußeren Mittelfeldspieler auf die gegnerischen Verteidiger, die zentralen Spieler suchen das direkte Duell.
Diese Phasen bleiben aber die Ausnahme. Die Schotten lassen den Gegner meist in der ersten Linie den Ball zirkulieren. Erst in der eigenen Hälfte suchen sie den Zugriff. In beiden Duellen gegen Dänemark lag der schottische Ballbesitz bei unter 30%. Auch beim 3:1-Hinspielsieg über Griechenland hatten sie nur 33% Spielanteile. Selbst bei der 2:3-Rückspielniederlage gegen Griechenland lag ihr Ballbesitz gerade einmal bei 50% – und das, obwohl sie 87 Minuten einem Rückstand hinterherliefen.
Den Schotten gelingt es kaum, Ruhe in eine Partie einkehren zu lassen. Ihre Verteidigung wirkt zwar auf den ersten Blick kompakt. Durch die hohe Mannorientierung lässt sich die Defensive der Schotten aber leicht manipulieren. Griechenland konnte durch ein einfaches asymmetrisches Aufrücken der Außenverteidiger die gesamte Formation der Schotten auseinanderziehen. Auch bei langen Bällen schwächelt die Abwehr. Die Abwehrspieler verpassen es, rechtzeitig das Kopfballduell abzusichern.

Dem Gegner fällt es daher leicht, in die schottische Hälfte einzudringen – entweder über ein flaches Spiel durch die Mitte oder über lange Bälle. Am eigenen Strafraum können sich die Schotten auf die Zweikampf- und Kopfballstärke ihrer Innenverteidiger verlassen – und auf ihre Torhüter. Angus Gunn zeigte in den ersten Qualifikationsspielen starke Leistungen. Nach seiner Verletzung übernahm der zu jenem Zeitpunkt 42 Jahre alte Craig Gordon. Seine Paraden beim 4:2-Sieg gegen Dänemark waren beste Werbung gegen Altersdiskriminierung im Fußball.
Die niedrigen Ballbesitzwerte resultieren nicht nur aus der abwartenden Defensive, sondern auch aus dem eigenen Ballbesitzspiel. Die Schotten lassen den Ball zwar recht sicher in der eigenen Abwehr laufen. Linksverteidiger Andrew Robertson hält sich zurück, sodass im Aufbau eine Dreierkette entsteht. Auch die Mittelfeldspieler gehen immer wieder dem Ball entgegen. Sie ziehen Aufmerksamkeit auf sich und lassen Zuspiele prallen, sodass die Innenverteidiger Zeit am Ball erhalten. Teilweise gehen sogar alle drei zentralen Mittelfeldspieler der Kugel entgegen.
Das Ganze hat jedoch meist nur einen Zweck: Schottland möchte den Gegner locken. Auf das Zurückfallen der Mittelfeldspieler folgt fast immer ein langer Ball ins Sturmzentrum. Alternativ schlagen die Schotten Verlagerungen auf die rechte Seite. Hier rückt Aaron Hickey auf und sucht das Zusammenspiel mit dem Rechtsaußen.

Egal, ob der Ball lang zum Stürmer oder auf die Flügel fliegt: Die Angriffe enden im letzten Drittel fast immer mit einer Flanke. Aus taktischer Sicht sind die Vorbereitung und Ausführung dieser Hereingaben das große Plus der schottischen Elf. Die Außenverteidiger stürmen mit viel Druck nach vorne. Robertson entledigt sich seiner tiefen Rolle im Aufbau, sobald der Ball vorne ist, und sprintet mit Vollgas den Flügel entlang. Die Mittelfeldspieler tun es ihm gleich und besetzen den Strafraum. Kaum ein Spieler verfügt über ein besseres Timing beim Eintritt in den Sechzehner als McTominay.
Entsprechend überrascht folgende Statistik kaum: In der Qualifikation ging neun der dreizehn schottischen Treffer eine Flanke voraus. Drei Tore fielen dabei aus dem Spiel, die restlichen sechs nach Standardsituationen. Ruhende Bälle sind traditionell eine der großen Stärken der schottischen Elf.
Angesichts der vielseitigen Probleme wagte Clarke in den März-Länderspielen ein Experiment. Gegen die Elfenbeinküste (0:1) kehrte das Team zur Dreierkette zurück. Defensiv waren sie in dieser Variante vor allem im Umschaltmoment anfällig. Die Afrikaner hätten durchaus höher gewinnen können. Überhaupt fällt die Bilanz seit der EM äußerst gemischt aus. In 19 Spielen gab es neun Siege, zwei Unentschieden sowie acht Niederlagen. Ob Clarke es bis zur Weltmeisterschaft gelingt, die Defensive zu stabilisieren? Immerhin kommt der Spielplan den Schotten entgegen. Zunächst dürfen sie gegen Außenseiter Haiti antreten. Ein Sieg im Eröffnungsspiel ist für ein Weiterkommen unabdingbar; die Defensive dürfte gegen Marokko und Brasilien kaum halten. Selbst wenn der schottische WM-Auftritt so schiefläuft wie die Europameisterschaft vor zwei Jahren: Die Fans werden ihre Mannschaft trotzdem feiern. Boston darf sich auf die Tartan Army freuen
Langholz statt schottischer Flachpass-Stil! Die Mannschaft verteidigt jedoch nicht sattelfest genug, um in der Gruppe C für allzu viel Wirbel zu sorgen.
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