Haitis mögliche Formation während der WM 2026
Port-au-Prince ist kein Ort, an dem sich Menschen bei Nacht herumtreiben sollten. Seit Jahren liefern sich kriminelle Gangs Straßenkämpfe mit den Resten der dysfunktionalen Regierung. Die Hauptstadt Haitis ist ein Symbol für einen zusammengebrochenen Staat, der die Sicherheit seiner Einwohner nicht mehr garantieren kann. In der Nacht vom 18. auf den 19. November kehrte das Leben auf Haitis Straßen zurück. Anhänger rivalisierender Banden vergaßen für eine Nacht ihre Konflikte, um die erste haitianische WM-Qualifikation seit 52 Jahren zu feiern.
Die Nationalmannschaft selbst nahm nicht an diesen Feierlichkeiten teil. Ihr finales Gruppenspiel gegen Nicaragua war zwar auf dem Papier ein Heimspiel. Doch angesichts der Sicherheitslage im Heimatland trägt sie ihre Heimspiele in Curacao aus. Nationaltrainer Sébastien Migné hat Haiti seit seiner Amtsübernahme 2024 nicht ein einziges Mal betreten. Ähnlich geht es vielen Spielern, die in der amerikanischen oder europäischen Diaspora aufgewachsen sind. Sie könnten selbst dann nicht nach Haiti reisen, wenn sie wollten: Seit Jahren fliegt keine internationale Airline Port-au-Prince an.
In diesem Spannungsfeld aus Politik, Kriminalität und Sport soll Haitis Nationalmannschaft Historisches schaffen. Sie hat nicht nur den Auftrag, bei der Weltmeisterschaft 2026 die Nation stolz zu machen. Sie soll helfen, Gräben zu überwinden und zugleich den zahllosen politischen und gesellschaftlichen Widrigkeiten trotzen. Dieser Auftrag wäre schon für eine Nation mit Top-Spielern riesengroß. Haiti schickt jedoch eins der schwächsten Teams zu dieser Weltmeisterschaft.
Schon die Qualifikation war eine große Sensation. Die Haitianer gingen als 90. der Fifa-Weltrangliste in die finale Gruppenphase. Dort waren sie hinter Costa Rica (40.) und Honduras (66.) klarer Außenseiter. Nach vier Spieltagen standen sie mit fünf Punkten auf dem erwarteten dritten Platz. An den letzten beiden Spieltagen drehte sich der Wind: Sie gewannen nicht nur ihre eigenen Spiele gegen Costa Rica (1:0) und Nicaragua (2:0). Sie profitierten zudem von einem Einbruch der Konkurrenz; Costa Rica und Honduras holten an den finalen zwei Spieltagen jeweils nur einen Punkt. Plötzlich hieß der Gruppensieger Haiti.
Trainer Migné hat das Gesicht des Teams massiv verändert. Er reiste quer durch die Welt, um Spieler mit haitianischen Wurzeln zu überzeugen, für das Land ihrer Vorfahren zu spielen. Einer dieser Akteure ist Jean-Ricner Bellegarde (Wolverhampton Wanderers). Er gab im Laufe der Qualifikation mit 27 Jahren sein Debüt für Haiti und avancierte sofort zum Dreh- und Angelpunkt des Spiels. Er bewegt sich frei durch das zentrale Mittelfeld, lässt sich immer wieder fallen oder wechselt raus auf die Flügel.

Bellegarde ist nicht der einzige Akteur, der sich viele Freiheiten gönnt. Das gesamte Aufbauspiel der Haitianer wirkt improvisiert und ungeplant. Als Zuschauer erlebt man viele Momente, in denen man denkt: „Was macht dieser Spieler denn jetzt ausgerechnet dort?“ Mal taucht der Rechtsaußen plötzlich links auf, mal rückt der Sechser vor, mal der Linksverteidiger.
Es gibt nur wenige Konstanten im Aufbauspiel der Haitianer. Eine ist die Rolle des Rechtsverteidigers: Er hält sich im Spielaufbau meistens zurück. Wenn Carlens Arcus diese Rolle bekleidet, holt er den Ball manchmal sogar im Zentrum ab. Doch auch in den Partien, in denen er verletzt fehlte, rückte sein Ersatzmann Jean-Kévin Duverne kaum auf. Kein Wunder: Duverne kommt normalerweise als Innenverteidiger zum Einsatz. Haitis Spiel hat damit etwas Schlagseite: Auf links sorgen der Außenverteidiger und der Linksaußen für etwas mehr Breite, während die rechte Seite selten bespielt wird.
Das ist aber auch die einzige Konstante. Ansonsten wird wild improvisiert und vieles ausprobiert. Es gibt Phasen, in denen der Ball explosiv hinter die Abwehr fliegt. In anderen Momenten kippt das gesamte Mittelfeld ab und der Ball wird sehr gemächlich zirkuliert. Haitis Aufbauspiel ist im besten Sinne des Wortes unberechenbar.
Dabei gelingt es Haiti relativ gut, den Ball aus der ersten in die letzte Linie zu bringen. Da die Mittelfeldspieler allesamt über eine hohe Laufbereitschaft verfügen, findet sich im Angriffsverlauf immer ein freier Spieler. Gerade Bellegarde rückt sofort auf, sobald ein Stürmer den Ball prallen lässt. Das tun die Mittelstürmer häufig: Vorne ist der Kader mit durchsetzungsstarken Spielern gesegnet. Nachdem sich während der Qualifikation Duckens Nazon und Frantzdy Pierrot im Sturmzentrum abwechselten, schloss sich im März auch noch Wilson Isidor dem Team an. Der Angreifer von Premier-League-Team Sunderland überzeugt durch seine Tiefenläufe.
Der Nachteil dieser improvisierten Offensive findet sich in der Absicherung. Haiti gelangt nicht immer in das Gegenpressing. Auch die Abwehr überzeugt nicht gerade durch eine kompetente Tiefenstaffelung. So schaffte es Tunesien beim Freundschaftsspiel im März dutzende Male, hinter die haitianische Abwehr zu gelangen. Die Nordafrikaner gewannen 1:0, hätten aber auch drei oder vier Tore schießen können.
Überhaupt ist die Defensive Haitis Schwachstelle. Egal, ob das Team eher aus einem 4-2-3-1 oder einem 4-4-2 agiert: Gegen den Ball verteidigen sie praktisch immer mit zwei Viererketten. Die haitianischen Mittelfeldspieler agieren dabei äußerst mannorientiert, bekommen aber wenig Druck auf den Gegenspieler. So kann der Gegner im Aufbau häufig freistehend zum langen Pass hinter die Abwehr ansetzen. Wurde Haiti erst einmal in die eigene Hälfte gedrückt, kommen sie dort nicht mehr so schnell heraus: In tiefen Phasen gliedert sich der Rechtsaußen in die Abwehrkette ein, sodass ein passives 5-3-2-Konstrukt entsteht.
Auch bei den B-Noten kann Haiti kaum punkten. Standards gehören nicht zu ihren Stärken. Torhüter und Kapitän Johny Placide half zwar mit seinen starken Paraden, dass Haiti überhaupt zur WM fahren darf. Der 38-Jährige verpasste jedoch nahezu die komplette Rückrunde verletzt.
Kurz vor der WM sorgten die Haitianer noch einmal für Aufsehen: In einem Freundschaftsspiel bezwangen sie Neuseeland mit 4:0. Tatsächlich scheint es so, als würden die neuen Spieler die Offensive massiv beleben. Allerdings fiel auch in diesem Freundschaftsspiel Haiti durch eine eher schwache defensive Organisation auf. Außerdem muss man das Ergebnis relativieren: Neuseeland wird – kleiner Spoiler-Alarm – die schwächste Wertung aller Turnierteilnehmer kassieren.
Ein Pluspunkt dürfte ebenfalls nicht zur Geltung kommen: die Fans. Haitis Gruppenspiele finden in den Vereinigten Staaten statt. Dort ist jedoch ein striktes Einreiseverbot gegen Haitianer in Kraft. Auch die in den USA lebenden Haitianer rissen sich nicht um Tickets: Noch während der WM wird ein Gerichtsurteil des Supreme Courts erwartet, das die Duldung haitianischer Flüchtlinge aufheben dürfte. Hunderttausende wären von der Abschiebung bedroht. Es wird befürchtet, dass die Sicherheitsbehörde ICE WM-Spiele nutzt, um Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus zu verhaften.
Es ist eben nicht möglich, bei Haitis erster WM-Teilnahme seit 1974 den politischen Kontext auszublenden. Die Nationalmannschaft wird alles dafür tun, das krisengebeutelte Heimatland für ein paar Stunden glücklich zu machen. Das wird angesichts der Schwere der Gruppe und der eigenen Defensivschwächen jedoch keineswegs leicht. Nur falls Haitis Spieler über sich hinauswachsen, werden die Straßen von Port-au-Prince ein Fest wie im vergangenen November erleben.
So schön die Geschichte der haitianischen Qualifikation ist: Sie stellen einen der schwächeren WM-Teilnehmer. Vielleicht können die Last-Minute-Neulinge das Niveau heben, um gegen Schottland eine Überraschung zu erzielen.
GESAMTFAZIT