Paraguays mögliche Formation während der WM 2026
Aller guten Dinge sind drei. Als die südamerikanische WM-Qualifikation im September 2023 begann, bekleidete noch Guillermo Barros Schelotto das Amt des paraguayischen Nationaltrainers. Nach einem Fehlstart in die Qualifikation musste er gehen. Sein Nachfolger Daniel Garnero hielt sich ebenfalls nicht lange: Ihm wurde die peinliche Vorstellung bei der Copa America 2024 zum Verhängnis. Paraguay schied in der Vorrunde als Gruppenletzter hinter Brasilien, Kolumbien und Costa Rica aus. Zu diesem Zeitpunkt schien die erste WM-Teilnahme seit 2010 wie ein weit entfernter Traum.
Der dritte Trainer brachte das Fußballglück zurück in den südamerikanischen Binnenstaat. Unter Gustavo Alfaro entwickelte sich Paraguay zur Heimmacht: Im Nationalstadion Defensores del Chaco gewann ‚La Albirroja‘ fünf Spiele in Folge. Dabei besiegte die Mannschaft sogar Argentinien (2:1) und Brasilien (1:0). Als Sechstplatzierter der Qualifikation buchten sie das letzte südamerikanische Ticket für die WM 2026.
Diese Platzierung spiegelt ihre Qualität im Vergleich zur kontinentalen Konkurrenz wider. Unter den südamerikanischen Teilnehmern schickt Paraguay den am schlechtesten bestückten Kader nach Nordamerika. Alfaro möchte diese Schwäche durch eine stabile Verteidigung ausgleichen. Allerdings rührt Paraguays defensive Stärke nicht in erster Linie aus taktischer oder individueller Qualität. Sie gehen schlicht besonders wenige Risiken ein, was ihr Offensivspiel merklich hemmt.
Alfaro setzt auf ein klassisches 4-2-3-1. Im Spiel gegen den Ball bewegt sich der Zehner neben den Stürmer, sodass ein 4-4-2 entsteht. Paraguay baut beide Viererketten relativ eng zueinander auf. In den (seltenen) Phasen des hohen Pressings rückt dazu die Abwehrkette weit nach vorne. In den (häufigeren) passiven Phasen steht das Mittelfeld äußerst tief. Teilweise fallen die Sechser sogar in die eigene Abwehrkette zurück, wenn sie gegnerische Läufe verfolgen. Dann entsteht in der Nähe des eigenen Strafraums ein 5-3-2.

Die defensive Organisation lässt sich als solide, aber keineswegs herausragend beschreiben. Paraguay passt das Pressing durchaus an den Gegner an. Wenn dieser das Spiel aus einer Dreierkette aufbaut, schiebt einer der Außenstürmer vor, sodass ein 4-3-3 entsteht. Im Mittelfeld nutzt Paraguay manches Mal Manndeckungen, um den Spielgestalter des Gegners aus der Partie zu nehmen. In den meisten Fällen darf der Gegner aber ein relativ handelsübliches 4-4-2-Mittelfeld- bis Abwehrpressing bespielen.
Woher rührt dann die Tatsache, dass Paraguay unter Alfaro in zwölf Qualifikationsspielen nur sieben Gegentore kassierte? Dies hat eng damit zu tun, dass sich fast alle Paraguayer durchgehend hinter dem Ball postieren. Die Positionierung der Paraguayer als risikoarm zu bezeichnen, wäre fast schon ein Euphemismus. Weder die Außenverteidiger noch die Sechser rücken allzu weit vor. Auch die vorderen Akteure lassen sich immer wieder weit fallen. Wenn Paraguay nach einem vertikalen Pass die Kugel verliert, sind binnen Sekunden sämtliche Spieler wieder hinter dem Ball.
Die Bewegungen auf den einzelnen Positionen sind an die jeweiligen Spielertypen angepasst. Linksaußen Miguel Almirón rückt fast immer in den linken Halbraum. Mittelfeld-Motor Damián Bobadilla macht das Spiel aus der Tiefe, während der zweite Sechser in den rechten Halbraum vorschiebt. So entsteht häufig ein 4-3-3 oder gar eine Raute, wenn sich auch der Zehner oder Stürmer fallenlässt.

Paraguays Unterschiedsspieler finden sich im offensiven Mittelfeld. Diego Gómez ist ein Tausendsassa, der unter Alfaro bereits auf allen Positionen im Mittelfeld zum Einsatz kam. Egal, ob der Kapitän als Achter, Zehner oder Rechtsaußen aufläuft: Fast immer bewegt er sich kreuz und quer durch den Halbraum und sucht von dort den Tiefenpass. Auf jeden seiner Pässe folgt sofort ein eigener Lauf, durch den er direkt wieder anspielbereit ist.
Im Verlauf der Qualifikation hat sich Julio Enciso als Schlüsselspieler hervorgetan. Der leichtfüßige Dribbler lässt sich meist fallen, um aus der Tiefe zu Dribblings anzusetzen. Passend zum Einrücken von Almirón bewegt er sich häufig auf die linke Seite. Mit seinen Flanken und Pässen hinter die Abwehr bringt er Kreativität in eine eher biedere Mannschaft. Der 22-Jährige hat durchaus das Potenzial, bei dieser Weltmeisterschaft einen Durchbruch zu erleben wie einst James Rodriguez bei der WM 2014.
So filigran und unberechenbar die Bewegungen von Gómez und Enciso sein mögen: Nur selten entwickelt sich daraus offensive Wucht. Das ist kein Wunder: Von den vier offensiven Kräften des Teams kippt mit Almirón einer ständig ab, während die anderen drei zumindest ab und an dem Ball entgegenkommen. Nach einem erfolgreichen Dribbling oder Vertikalpass ist der vorderste Angreifer häufig auf sich allein gestellt. Er kann nur warten, bis die Außenspieler nachgerückt sind, und dann den Ball auf die Flügel passen. Besonders groß war dieses Problem, als Enciso als falsche Neun auflief. Dann war teilweise kein einziger paraguayischer Angreifer an der letzten gegnerischen Linie anzutreffen.
Immerhin kann Paraguay über die entstehenden Flügelangriffe durchaus Gefahr entfachen. Nicht nur Gómez und Enciso, sondern auch die Außenverteidiger sind starke Flankengeber. Im Strafraum lauert Angreifer Antonio Sanabria auf die Hereingaben. Die Innenverteidiger versprühen wiederum nach Standards Torgefahr. In der Qualifikation fielen acht der 14 paraguayischen Tore nach einer Flanke, wobei zwei Treffern ein Standard vorausging. Sanabria gelang es beim 2:1-Erfolg gegen Argentinien sogar, einen Fallrückzieher im gegnerischen Tor unterzubringen.

Ein großes Fragezeichen steht hinter dem Umschaltspiel der Paraguayer. Vorne verfügen sie zwar über die Geschwindigkeit, um eine gute Kontermannschaft zu stellen. Bisher haben sie diese Stärke aufgrund ihres zaghaften Aufrückens kaum ausgespielt. Defensiv wiederum ist die Abwehr etwas anfällig gegen Tempoangriffe, wie die Freundschaftsspiele nach der geglückten Qualifikation zeigten. Gegen Marokko (1:2), Japan (2:2), Südkorea (0:2) und WM-Gruppengegner USA (1:2) kassierten sie jeweils zwei Gegentore. Vor allem die linke Defensivseite der Paraguayer wirkte dabei nicht immer sattelfest. Allerdings könnten diese Schwächen auch mit der fehlenden Intensität zusammenhängen, die mit einem Testspiel einhergehen. Die Patzer im Tor lassen sich dadurch nicht wegdiskutieren. Weder der 38 Jahre alte Routinier Roberto Fernández noch der 26 Jahre junge Orlando Gill verkörpern gehobenes Niveau.
Das macht die Paraguayer in dieser ohnehin nicht berechenbaren Gruppe D zu einem X-Faktor. Ihr hoher Fokus auf eine stabile Ordnung dürfte es den Gegnern dieser Gruppe schwer machen, Tore zu schießen. Gleichzeitig könnten Paraguays filigrane Techniker im offensiven Mittelfeld Probleme bekommen mit den körperlich robusten Gegenspielern. Ein Aus in der Gruppenphase wäre genauso möglich wie ein überraschend weites Vorstoßen mit anschließender Wiederholung des Viertelfinals der WM 2010 gegen Spanien. Am Abschneiden in der Gruppenphase dürfte auch hängen, ob Alfaro auch nach der WM Trainer bleiben darf – oder ob Paraguay den vierten Coach in drei Jahren anstellt.
Paraguay setzt auf Stabilität. Ob ihr Spielstil auch außerhalb ihres Heimatlands funktioniert? Immerhin: Mit Enciso haben sie einen kommenden Star in ihrem Team.
GESAMTFAZIT
Hi. Tobias. Great analysis but a little bit typo at the end. It should be Alfaro as acoach not Almiron. 👍
Thank you very much! It should be all good now. No idea how Almiron came to my mind lol
Moin Tobi, ich hatte mir Paraguay auch angeschaut gehabt und war tatsächlich von ihrer Körperlichkeit überrascht. Natürlich je defensiver die Spieler wurden, desto härter wurde es, an der Spitze dann Alderete. Könnte einesm sehr hohe Körperlichkeit die anderen beiden Favoriten in der Gruppe und erschrecken bzw. Überrumpeln? Besonders die Türkei sind in der Spitze eher filigran statt körperlich. Für mich könnte Paraguay überraschen.