Mögliche Formation der Türkei bei der WM 2026
Wer kurzfristig nach einer Geschäftsidee sucht, sollte noch vor der Weltmeisterschaft Wecker in die Türkei exportieren. Diese dürften einen reißenden Absatz finden. Kaum ein Land auf der Welt ist derart fußballverrückt wie die Nation vom Bosporus. In diesem Sommer wird die Türkei erstmals nach 24 Jahren wieder bei einer WM antreten. Das einzige Problem: Die Spiele finden in Europa aufgrund der Zeitverschiebung am frühen Morgen statt. Wer in Istanbul die WM-Spiele schauen will, muss den Wecker für das Australien-Spiel auf sieben Uhr, für das Paraguay-Spiel auf sechs Uhr und für das USA-Spiel sogar auf fünf Uhr stellen. Es besteht kein Zweifel, dass Millionen Türken genau das tun werden.
Die Chancen stehen äußerst gut, dass die türkischen Fans auch nach der Vorrunde weiter früh aufstehen werden. Die Hoffnungen ruhen nicht nur auf den Superstars Arda Güler und Kenan Yildiz. Der Kader ist gespickt mit Spielern, die bereits in der Champions League internationale Spielminuten gesammelt haben. Trainer Vincenzo Montella hat das Team nach dem Viertelfinal-Aus bei der EM 2024 noch einmal merklich weiterentwickelt. Gleichzeitig werfen die 0:6-Heimniederlage gegen Spanien und die hart erkämpften Playoff-Siege gegen Rumänien (1:0) und Kosovo (1:0) die Frage auf: Wie gut performt das türkische Team unter Druck?
Grundlage des türkischen Spiels ist ein 4-2-3-1-System. Im hohen Pressing laufen die Türken den Gegner mannorientiert an: Der Mittelstürmer erhöht zusammen mit den Außenstürmern den Druck, während die Doppelsechs und der Zehner die Anspieloptionen im Mittelfeld zustellen. Dieses hohe Pressing wagen die Türken vor allem zu Beginn beider Halbzeiten.

Im weiteren Verlauf ziehen sie sich in eine kompaktere Ordnung zurück. Außergewöhnlich ist hierbei die Rolle des rechten Sechsers: Ismail Yüksek lässt sich im Verteidigungsfall in die Rolle des halbrechten Verteidigers zurückfallen. So verformt sich das hohe 4-2-3-1-Pressing zu einem tiefen 5-2-3-Block. In der eigenen Hälfte baut die Türkei ganz auf eine hohe Kompaktheit: Die Abwehr schiebt weit vor, sodass kaum Abstände zwischen Verteidigung und Mittelfeld entstehen.
Die logische Fortführung dieser Defensivkette wäre ein kompaktes 5-4-1 am eigenen Strafraum. Allerdings weichen die Türken auch hier von der Norm ab: Linksaußen Yildiz verbleibt weit vorne. Er lauert auf Umschaltmomente und darf daher die Defensivarbeit etwas vernachlässigen. So entsteht in der tiefen Verteidigung eher ein 5-3-2.
Montella scheut nicht davor zurück, dieses Grundsystem auch einmal an den Gegner anzupassen. Gegen Georgien war das gesamte Konstrukt leicht nach rechts verschoben, um Weltklasse-Dribbler Khvicha Kvaratskhelia aus dem Spiel zu nehmen. Nach dem 0:6-Debakel gegen Spanien stellte der türkische Coach im Rückspiel auf eine neue 5-4-1-Variante um. Mit dieser gelang einer türkischen B-Elf ein 2:2-Unentschieden. Montella ist durchaus in der Lage, dem Gegner mit einem cleveren Matchplan ein Bein zu stellen.
All diese Varianten führen die türkischen Spieler solide aus. Für eine bessere Bewertung verpassen die Türken beizeiten den richtigen Moment, von einer Variante in die nächste zu wechseln. So verfallen sie besonders im Mittelfeldpressing häufig in eine Passivität, welche starke Gegner für Bälle hinter die Abwehr ausnutzen. Spanien hat dies in der Qualifikation vorgemacht.
Mehr als solide ist das Aufbauspiel der Türken. Das Herzstück des türkischen Spiels ist das Mittelfeld: Hakan Çalhanoğlu reißt das Spiel wie gewohnt an sich. Er lässt sich mal tief fallen, wagt aber auch den Sprint nach vorne. Seine Nebenmänner tun es ihm gleich: Zehner Güler kommt häufig entgegen, um den Ball zu empfangen und per Dribbling nach vorne zu schleppen. Yüksek balanciert die Bewegungen seiner Mitspieler aus. Die Türken können den Ball sehr geschwind zwischen Abwehr und Mittelfeld zirkulieren lassen. Selbst die Spanier erzielten gegen die Türken kaum hohe Ballgewinne.
Was den Türken noch fehlt, ist die Fähigkeit, diese Ballzirkulation vor das gegnerische Tor zu tragen. Durch das ständige Zurückfallen Gülers und der eher tiefen Rolle der Sechser und Außenverteidiger gibt es nur wenige Anspielmöglichkeiten im Spiel nach vorne. Hauptziel des türkischen Angriffsspiels lautet es, Yildiz auf der (halb-)linken Seite direkte Duelle zu ermöglichen. Damit sind nicht nur Eins-gegen-Eins-Duelle gemeint: Yildiz nimmt es gerne auch einmal mit zwei oder mehr Gegenspielern auf. Unterstützung erhält er von Linksverteidiger Ferdi Kadıoğlu. Der Dauerläufer aus Brighton vorderläuft Yildiz ständig, um Tiefe zu schaffen und die Aufmerksamkeit der Gegenspieler auf sich zu ziehen. Das Spiel der Türken kennzeichnet entsprechend eine starke Linkslastigkeit. Auf Rechtsaußen hat Montella viele Kombinationen ausgetestet, allerdings noch nicht die perfekte Mischung gefunden.

Diese Linkslastigkeit kann man durchaus als Abhängigkeit bezeichnen. Das liegt nicht zuletzt darin begründet, dass den Türken im letzten Drittel die Durchschlagskraft abgeht. Im Sturmzentrum setzt Montella meist Kerem Aktürkoğlu ein. Der 1,73 Meter kleine Tiefenflitzer ist bei seinem Verein Fenerbahce nicht zufällig als Linksaußen angestellt: Ihm fehlt die körperliche Robustheit, um Flanken ins Tor zu wuchten oder Bälle zu halten. Wenn die Türken sich einen Spielertypen backen könnten, wäre dies ein Strafraumstürmer, der auch mit dem Rücken zum Tor überzeugt. Auf mittlere Sicht dürfte der 21 Jahre junge Deniz Gül dieses Profil erfüllen. Er kommt jedoch aus einem schweren Premierenjahr in Porto und hat bisher nur wenige Minuten für die türkische Elf gespielt.
Die fehlende Durchschlagskraft spiegelt sich in der Statistik wider. In der Qualifikation gelangen den Türken nur sieben Tore aus dem Spiel heraus; sie lagen hiermit gleichauf mit Gruppengegner Georgien. Der Unterschied: Bei der Türkei kamen sechs weitere Treffer nach ruhenden Bällen hinzu. Damit gehörten sie zu den erfolgreichsten Teams der Uefa-Qualifikation nach Ecken und Freistößen. Auf Çalhanoğlu ist eben Verlass.
Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der bei der Türkei keinesfalls vergessen werden darf: ihr unbändiger Wille. Ohne nationale Klischees bedienen zu wollen: Dass die Türken im Nationaldress alles geben, haben sie bereits bei der EM 2024 bewiesen. Ihre Laufleistung und ihre Grätschen machten fußballerische Defizite wett. Allerdings kippen die Türken manches Mal zu sehr in dieses Extrem. Im EM-Viertelfinale versuchten sie trotz 1:0-Führung jeden Freistoß für einen Konter zu nutzen, anstatt Zeitspiel zu betreiben und durchzuschnaufen. Das 0:6 gegen Spanien kam hauptsächlich deshalb zustande, weil die Türken nach dem 0:3-Halbzeitstand ihre Offensivbemühungen noch weiter intensivierten. Die Spanier konterten sie gnadenlos aus. Als Außenstehender möchte man den Türken raten: Weniger ist manchmal mehr.

Diese Leidenschaft eint die türkischen Spieler mit ihren Fans. Nicht nur in Istanbul und Ankara, sondern auch in Berlin und im Ruhrgebiet fiebern viele Menschen den türkischen WM-Auftritten entgegen. Die individuelle Klasse des Teams gepaart mit ihrer Stärke nach Standards machen ein erfolgreiches Abschneiden wahrscheinlich. An den Tagen der türkischen Vorrunden-Spiele brauchen zumindest deutsche Fans keinen Wecker mehr: Sie dürften vom Hupen der türkischen Autokorsos geweckt werden.
Kampfkraft und Standards: Die Türkei hat das Rüstzeug einer klassischen Turniermannschaft. Doch zunächst müssen sie die komplexe Gruppe D überstehen und sich dabei vor allem im Spielaufbau verbessert präsentieren.
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