Australiens mögliche Formation während der WM 2026
Ein Tapetenwechsel tut manchmal gut. 2005 sprengte Australien die Grenzen geographischer Logik und wechselte vom ozeanischen in den asiatischen Verband. Seitdem sind die Socceroos regelmäßige Gäste bei Weltmeisterschaften. 2026 markiert ihre sechste Teilnahme in Folge. Auf dem nordamerikanischen Kontinent möchten die Australier das Kunststück wiederholen, das ihnen 2022 gelang. Damals überstanden sie die Gruppenphase und scheiterten erst im Achtelfinale an Argentinien. Bei der denkbar knappen 1:2-Niederlage belagerten sie in den Schlussminuten den Strafraum des späteren Weltmeisters.
Solche Bilder sind von Australien in diesem Jahr kaum zu erwarten. Die Qualifikation verlief – freundlich gesagt – schleppend. Nachdem Australien mit einem 0:1 gegen Bahrain und einem 0:0 gegen Indonesien in die Qualifikation gestartet war, sah sich Erfolgstrainer Graham Arnold zum Rücktritt gezwungen. Auch unter Nachfolger Tony Popovic lief es zunächst nicht rund. Nach sechs Spieltagen stand gerade einmal ein Sieg zu Buche. Ein Kraftakt mit vier Siegen aus den finalen vier Partien wuchtete Australien doch noch zum Turnier.
Popovic sicherte die Qualifikation mit einer komplett defensiven Strategie. In den entscheidenden Spielen gegen Japan (1:0) und Saudi-Arabien (2:1) sammelte Australien jeweils 30% Ballbesitz. Auch bei der WM dürfte Australiens Motto lauten: Sicherheit geht vor! Die entscheidende Frage lautet, ob Popovic seinem Team seit der schwachen Qualifikation neue Tricks beibringen konnte, sodass es im Zweifel mehr kann als nur verteidigen.
Die Mission war klar: Popovic musste mit Australien die Qualifikation erringen – mit allen Mitteln. Er stellte seine Australier auf ein kompaktes 5-4-1-System um. Die Außenstürmer agieren dabei äußerst zentral. Es entsteht ein Fünfeck im Zentrum: Die Außenstürmer stehen leicht versetzt vor der Doppelsechs, der Mittelstürmer wiederum sichert die Passwege ins Zentrum. Australien möchte das Zentrum kompakt halten, sodass der Gegner hier nicht durchspielen kann.

Sobald der Gegner den Pass auf die Flügel spielt, schlägt die Stunde der Außenverteidiger. Sie schießen nach vorne und stellen den Gegner. Ich wähle mit Absicht das Wort „stellen“: Australien ist weniger auf Ballgewinne aus, sondern möchte eher die Zuspielwege nach vorne kappen. Der Gegner soll ruhig in der eigenen Abwehrkette den Ball laufen lassen. Er darf nur nicht ins australische Drittel gelangen.
Die Socceroos halten den bespielbaren Raum für den Gegner extrem klein. Dafür sorgt die Abwehr: Die Fünferkette rückt immer wieder aktiv nach. So entstehen praktisch keinerlei Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld. Die absolute Stärke des australischen Teams: Sie halten diese Kompaktheit notfalls über 90 Minuten. Japan und Saudi-Arabien fanden in den entscheidenden Qualifikationsduellen nur selten Lücken in Australiens 5-4-1-Konstrukt.
Aber es gibt Lücken. Australien ist, wie bereits ausgeführt, nur selten auf den Ballgewinn aus. Wenn der Gegner über die Flügel angreift, rücken auch die Sechser und die Außenstürmer weit nach hinten. So soll der Gegner isoliert werden. Meist öffnen sich dadurch aber Lücken im Rückraum. Japan bespielte diese Räume in Phasen gut und erarbeitete sich ein klares Chancenplus.
Offensiv setzt die australische Mannschaft auf den frühen Ball in die Spitze – ziemlich berechenbar für ein Dreißig-Prozent-Ballbesitz-Team. Der Aufbau erfolgt aus einem 3-2-5-System. Entweder gelangt der Ball direkt zu den einrückenden Außenstürmern. Besonders Connor Metcalfe zieht die Bälle im Halbraum an sich. Oder aber die Kugel fliegt lang in Richtung des Mittelstürmers. Für zweite Bälle schießen wiederum die Sechser nach vorne. Diese Rolle ist wie gemacht für St. Paulis Kapitän Jackson Irvine. Er agiert so vorwärtsgerichtet, wie wir ihn aus der Bundesliga kennen. Mit drei Toren war er Australiens Top-Torjäger in der finalen Qualifikationsphase.

Kompakte 5-4-1-Defensive, lange Bälle, schnelle Konter: Dieser Dreiklang stieß schon gegen Japan und Saudi-Arabien an seine Grenzen. Beide Spiele hätte Australien bei anderer Chancenverwertung durchaus verlieren können. Entsprechend hat Popovic das Jahr nach der erfolgreichen Qualifikation dafür genutzt, sein Team etwas breiter aufzustellen.
Das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes: Die Flügelverteidiger avancierten zuletzt zu den Schlüsselspielern der Mannschaft. Sie positionieren sich im Aufbau nicht mehr durchgehend in der letzten Linie, sondern fordern auch in der ersten Aufbauphase die Bälle. Gerade Linksverteidiger Jordan Bos spielte sich hier in den Fokus: Bei seinem Klub Feyenoord bereitete er in dieser Saison mehr Tore vor als jeder seiner Mitspieler. Mit seinen langen, schlaksigen Schritten und überraschenden Richtungswechseln ins Zentrum mauserte er sich auch in der Nationalmannschaft zur größten offensiven Gefahr. Auf rechts fiel mir Jacob Italiano von Sturm Graz durch seine unbekümmerten Dribblings auf.
Australien hat das Glück, dass sich zuletzt einige Talente nach vorne gedrängelt haben. Der 22 Jahre junge Innenverteidiger Alessandro Circati ist zum Abwehrchef aufgestiegen. Der 18-Jährige Lucas Herrington verteidigte zuletzt an seiner Seite und fiel durch mutige Pässe auf. Vorne gelangen dem 20-Jährigen Nestory Irankunda vier Tore in acht Länderspielen. Sein Tempo und seine Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins hatte einst Bayern München auf den Plan gerufen. Sie haben ihn inzwischen an Watford abgegeben, wo er sich langsam zum Stammspieler entwickelt.

Ob Popovic sich traut, Spieler wie Irankunda bei einer WM einzubauen? Bislang setzte er in vorderster Linie eher auf körperlich robuste Spieler. Die Versuche, das kompakte 5-4-1 um ein hohes 3-4-3-Pressing mit schnellen Stürmern zu erweitern, liefen eher schief. Der Abwehr fehlte häufig das Timing, um das hohe Pressing abzusichern. Aus diesem Grund sind dynamischere Spieler wie Irankunda oder Al Hassan Touré eher Kandidaten für Einwechslungen.
Popovic dürfte im Zweifel die defensiven Fähigkeiten seiner Spieler höher gewichten – und vor allem deren körperliche Präsenz. Die eher unkreativen Australier brauchen nämlich groß gewachsene Spieler, um ihre größte Stärke abzurufen: Standards. Schon in der Qualifikation erzielten sie wichtige Tore nach ruhenden Bällen, darunter das 2:1 gegen Saudi-Arabien. Auch bei der WM dürfte das Trainerteam einen hohen Fokus auf Eckbälle und Freistöße legen.
Niemand darf von den Socceroos Spektakel erwarten, schon gar nicht in einer Gruppe mit den USA, der Türkei und Paraguay. Hier kommt den Australiern die Rolle des Spielverderbers zu, der die hohen Ambitionen der Gruppengegner bestrafen möchte. Australien wird ganz auf die Kompaktheit des eigenen 5-4-1-Systems bauen. Angesichts ihrer Körperlichkeit und ihrer Kampfeslust sind sie dennoch immer ein Kandidat für die K.O.-Phase. Damit würden sie die Bilanz des asiatischen Verbands verbessern – allen geographischen Realitäten zum Trotz.
Ein Weiterkommen der Socceroos ist nicht ausgeschlossen. Ein punktloses Ausscheiden nach drei gähnend langweiligen Partien jedoch auch nicht.
GESAMTFAZIT
Hinweis: In der Bildbeschreibung zur zweiten Taktiktafel hat sich ein „c“ in „Irvin(c)e“ eingeschlichen. Ansonsten Top 🙂
Danke dir, ich habe es verbessert!
Hat diese Taktik parallelen zu der von Costa Rica 2014 ?