Mögliche Formation der USA bei der WM 2026
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein zutiefst gespaltenes Land. Gäbe es in Politik-Talkshows ein Phrasenschwein, müsste man für diesen Satz wahrscheinlich fünf Euro bezahlen. Das macht ihn nicht weniger wahr. Zwischen den politischen Lagern verlaufen tiefe Gräben. Diese Zerrissenheit macht selbst vor dem Sport nicht halt. Während Zuwanderer und progressive Großstädter den Fußball längst als neuen Nationalsport adoptiert haben, blickt das ländliche, konservative Amerika größtenteils herab auf den beliebtesten Sport der Welt.
Doch nicht nur in der Beziehung zum Fußball an sich sind die US-Amerikaner gespalten. Bei keinem anderen WM-Teilnehmer sind sich die Fans des Landes so uneins, was die Chancen ihrer Nationalelf beim Heimturnier angeht. Während die optimistischen Fans vom Titel im eigenen Land träumen, fürchten die Pessimisten ein punktloses Ausscheiden in der Gruppenphase. Ironischerweise lieferten die Vorbereitungsspiele Argumente für beide Lager. Auf der Pro-Seite stehen überzeugende Siege gegen Uruguay (5:1), Japan (2:0) sowie gewonnene Testspiele gegen ihre beiden Gruppengegner Australien und Paraguay (jeweils 2:1). Die Kontra-Seite bilden herbe Klatschen gegen Belgien (2:5) und die Schweiz (0:4) sowie ein peinliches Nations-League-Aus gegen Panama (0:1).
Wirft man einen tieferen Blick auf die Spiele, überraschen diese schwankenden Leistungen nicht. Trainer Mauricio Pochettino hat seit seinem Amtsantritt in 25 Spielen 67 verschiedene Spieler eingesetzt. In der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft kam nie in zwei aufeinanderfolgenden Spielen dieselbe Startelf zum Einsatz. Immerhin hat er nach langem Zögern ein passendes Spielsystem für seine Mannschaft gefunden. Für eine Nationalmannschaft fällt dieses System äußerst komplex aus – vielleicht sogar zu komplex.
Es fällt gar nicht leicht, der amerikanischen Formation eine Zahlenreihe zuzuordnen. Auf dem Papier könnte man die Formation am ehesten als 4-2-3-1 bezeichnen – wobei im Spiel selbst diese Formation nie zu sehen ist. Die US-Amerikaner wechseln geschwind zwischen Dreier-, Vierer- und Fünferkette.
Diese Flexibilität zeigt sich vor allem im Spiel gegen den Ball. Die Spieler beginnen das Pressing in der Regel aus einem kompakten 4-4-2. Sie bauen ihre Viererketten rund um die Mittellinie auf. Aus dieser Formation können sie nach vorne pressen, indem der linke Außenstürmer sich auf die Höhe der beiden Angreifer bewegt.
Im weiteren Verteidigungsverlauf sticht vor allem die Rolle des rechten Außenverteidigers hervor. Je näher die Mannschaft an den eigenen Strafraum rückt, umso tiefer verteidigt er. Am eigenen Strafraum gliedert er sich in die Abwehrkette ein. So stehen die US-Amerikaner im tiefen Block in einem 5-3-2. Sie mischen die Aggressivität eines 4-4-2-Pressings mit der Strafraumsicherung einer Fünferkette.

Wem das bereits zu kompliziert war, dürfte bei der Beschreibung der Offensive endgültig den Faden verlieren. Hier rückt der Rechtsverteidiger-/Rechtsaußen-Hybrid weit vor und gibt die Breite. Auf der anderen Seite rückt der Linksverteidiger nach, wodurch der Linksaußen wiederum einrücken kann. Auch im Zentrum sticht ein Sechser hervor. Er ist meist eher ein verkappter Zehner. Sind alle Verformungen abgeschlossen, ergibt sich bei den USA eine 3-1-5-1-Formation. Taktik-Kenner wissen sofort Bescheid: Diese Aufbau-Variante nutzt auch Julian Nagelsmann mit der deutschen Nationalmannschaft.
Weil das System aber noch nicht komplex genug ist, gibt es noch weitere Details zu entdecken. So kann es passieren, dass im Angriffsverlauf sogar der rechte Halbverteidiger vorrückt. Er besetzt dann die Breite, während der Rechtsaußen-Hybrid einrückt. Auch der Linksverteidiger geht nicht immer stur die Linie entlang, sondern startet gerne diagonal in den Strafraum. Dann geht der eigentliche Linksaußen oder – Achtung, Komplexität! – der Sechser-Zehner-Hybrid auf den Flügel.
Wozu veranstalten die US-Amerikaner diese ganzen Sperenzchen? Sie wollen damit nicht nur den Gegner verwirren. Die unorthodoxe Formation hilft ihnen dabei, sich schnell durch das Zentrum zu kombinieren. Am besten funktioniert das amerikanische Spiel, wenn sie aus den Halbräumen zu Doppelpässen ansetzen können. Vor allem Christian Pulisic blüht im Umfeld der Nationalmannschaft mittlerweile richtig auf: Er findet im Halbraum immer einen Anspielpartner und kann sogleich in die Tiefe starten.

Ich persönlich empfinde das US-amerikanische System als eines der komplexesten und auf dem Papier cleversten dieser WM. Man sieht die Handschrift von Trainer Pochettino. Er verbindet eine kompakte Defensive mit einem schnellen Umschaltspiel und hat zugleich Lösungen für den Ballbesitz ausgearbeitet. Fans seines Ex-Klubs Tottenham schätzen ihn bis heute für die gesunde Mischung aus Ideologie und Pragmatismus.
Das große Fragezeichen lautet nur, ob die US-amerikanischen Spieler wirklich in der Lage sind, die komplexen Anforderungen des Systems zu erfüllen. Dazu müsste man erst einmal wissen, welche Spieler bei der WM überhaupt auf dem Feld stehen. Pochettino hat in der Vorbereitung derart viel rochiert und herumprobiert, dass sich keine klare Startelf abzeichnet. So kamen beispielsweise auf der Rechtsaußen-Position in den vergangenen zehn Spielen sieben verschiedene Spieler zum Einsatz. Manche Spieler wurden in der Vorbereitung auf zig verschiedenen Positionen ausgetestet. Weston McKennie spielte nicht nur als Zehner und auf der Rechtsaußen-Hybridrolle, sondern auch als zentraler Verteidiger der Abwehrkette. Auch Pulisic hat auf verschiedenen Positionen gespielt.
Fixpunkte kennt diese Elf nur wenige. Tyler Adams springt hier als Erster ins Auge. Der frühere Leipziger gestaltet das Spiel aus der Tiefe und ordnet die Mannschaft im Spiel gegen den Ball. Neben ihm dürfte McKennie spielen. Es könnte aber auch Dauerläufer Sebastian Berhalter die Rolle des zweiten Sechsers übernehmen, ähnlich wie dies Leon Goretzka in der deutschen Nationalmannschaft tut. Dann ginge McKennie auf die Rechtsaußen-Hybrid-Position – wodurch allerdings wieder der starke Rechtsverteidiger Antonee Robinson auf die halbrechte Innenverteidiger-Position rücken müsste. Dafür ist der offensivstarke Außen nicht geboren. So hat Pochettino sogar Timothy Weah in der Rolle des rechten Halbverteidigers ausgetestet. Viel verrückter wird es bei dieser WM nicht.

Pochettinos Personalrochaden haben einen Vorteil: Auch die Gegner wissen nicht genau, auf wen sie sich einstellen müssen. Wandelbarkeit dürfte in der komplexen Gruppe D ein wichtiger Erfolgsfaktor sein: Die drei US-Gegner pflegen gänzlich unterschiedliche Stile. Die USA müssen mit dem langsamen Ballbesitzfußball der Türken genauso klarkommen wie mit dem Catenaccio der Australier. Eine Stärke der US-Amerikaner funktioniert unabhängig vom Gegner: Mit Pulisic und Robinson haben sie zwei exzellente Standardschützen, die Innenverteidiger wiederum überzeugen durch ihre Kopfballstärke.
Das abschließende Urteil fällt nicht leicht. Ich kann verstehen, warum manche US-Fans ihrem Team nichts zutrauen; zu häufig wurden die Fans enttäuscht. Gleichzeitig verfügt diese Mannschaft nicht nur über individuelle Qualität in allen Mannschaftsteilen, sondern auch über ein hochinteressantes taktisches System. Wenn alle Rädchen ineinandergreifen, sind die US-Amerikaner in allen Spielphasen gehobenes Turnierniveau. Wenn etwas schiefläuft, kann der Gegner jedoch vergleichsweise leicht durch das Mittelfeld in Richtung des US-amerikanischen Tores vorstoßen. Ob Pochettinos Ideen aufgehen, kann ich beim besten Willen nicht vorhersagen. Man könnte glatt sagen: Ich bin innerlich gespalten.
Die USA setzen auf ein komplexes Spielsystem. Wenn Pochettino die richtige Startelf findet, könnte sich eine Überraschung anbahnen – falls nicht, eine absolute Enttäuschung.
GESAMTFAZIT
Hi Tobi,
vielen Dank für diese guten Analysen. Sehr aufschlussreich und interessant. Ich bin gerade dabei alle durchzulesen. An einer Stelle hast du glaube ich Antonee Robinson mit Sergino Dest vertauscht. Bei der Stelle, wenn McKennie auf rechts rückt und der starke Rechtsverteidiger auf die halrechte IV-Position.
Nochmals danke für die Analysen, es ist eine große Freude sie zu lesen.