Marokkos mögliche Formation bei der WM 2026
„Glücklich ist nicht, wer anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür hält.“ Der römische Philosoph Seneca mag beim Aussprechen dieser Weisheit an vieles gedacht haben, sicher aber nicht an den marokkanischen Fußball im Jahr 2026. Von außen betrachtet sollte unter marokkanischen Fans Friede, Freude und Eierkuchen herrschen. Das nordafrikanische Land befindet sich in der erfolgreichsten Periode seiner Fußballgeschichte: 2022 erreichte Marokko als erste afrikanische Nation das Halbfinale einer Weltmeisterschaft. 2025 gewann das Land mit der U20-Weltmeisterschaft den ersten internationalen Titel.
Der Africa Cup 2025 sollte die Krönung dieser Entwicklung sein. Die 50-jährige Durststrecke seit dem letzten Triumph sollte im eigenen Land endlich enden. Auf dem Papier gelang das: Marokko ist Sieger des Turniers – zumindest nach aktuellem Stand. Senegal hatte das Finale ursprünglich 1:0 nach Verlängerung gewonnen. Während der Partie waren die senegalesischen Spieler in die Kabine verschwunden, um gegen einen Elfmeterpfiff zu protestieren. Der afrikanische Verband sprach daher Marokko den Sieg zu. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen: Das skandalträchtige Finale beschäftigt derzeit den internationalen Sportgerichtshof CAS.
Nicht nur die Umstände rund um das Finale haben in Marokko zahllose Diskussionen hervorgerufen. Während der gesamten Afrika-Meisterschaft überzeugten die Löwen vom Atlas selten. Viele Anhänger suchten die Schuld bei Walid Regragui. Sie warfen dem Erfolgstrainer der WM 2022 nicht nur eine zu defensive Taktik vor, sondern auch eine verfehlte Personalpolitik. Der Druck auf den Coach nahm derart zu, dass er Anfang März seinen Rücktritt einreichte. Nur drei Monate vor der WM musste der Verband einen neuen Trainer suchen. Er fragte u.a. Weltmeister Xavi an, entschied sich letztlich aber für U20-Nationaltrainer Mohamed Ouahbi.
Die Vorgeschichte der vergangenen Monate hat sich bei Marokko zu einem explosiven Cocktail gemischt. Die marokkanische Öffentlichkeit fordert nicht weniger als die Wiederholung der erfolgreichen WM 2022. Gleichzeitig soll der neue Trainer jungen Talenten im Hinblick auf die Heim-WM 2030 Spielpraxis verschaffen. Kann Ouahbi in diesem Spannungsfeld aus Erwartung, Qualität und kurzer Einarbeitungszeit bestehen?
Rückblick: Unter Regragui hat sich Marokko zur erfolgreichsten afrikanischen Nation gemausert. Grundlage war ein 4-3-3-System, das sich defensiv meist zu einem 4-1-4-1 wandelte. Die Marokkaner überzeugten vor allem mit ihrer wahnwitzigen Intensität: Zwar verteidigte das Team in wichtigen Spielen fast durchgehend am eigenen Strafraum. Doch die einzelnen Spieler schoben immer wieder so aggressiv heraus, dass Marokko in der eigenen Hälfte ständig Druck ausüben konnte. Der ballführende Spieler wurde in der Regel von zwei oder mehr Gegenspielern attackiert.

Die Defensive war in den vergangenen Jahren das Steckenpferd der Marokkaner. Während des Africa Cups kassierten sie in sieben Partien nur zwei Gegentore – beim 1:1-Gruppenspiel gegen Mali sowie im Finale gegen Senegal. Die Mischung aus ultimativer Kompaktheit und gnadenloser Intensität funktionierte gegen jeden Gegner.
Zugleich muss man relativierend sagen: Marokko traf beim Africa Cup nur auf eine einzige Nation, die sich für die WM 2026 qualifiziert hat: Senegal im Finale. Dieses Spiel ging sportlich verloren. Gegen Außenseiter wie die Komoren (2:0) und Tansania (1:0) fiel Marokko das Toreschießen schwer. Das Halbfinale gegen Nigeria gewannen sie nach einem 0:0 erst im Elfmeterschießen. Selbst in der wohl leichtesten WM-Qualifikationsgruppe Afrikas gelang es ihnen nur in zwei ihrer acht Partien, mehr als zwei Tore zu erzielen.
Regragui forderte selbst gegen Außenseiter stets eine starke Absicherung. So rückten zwar die Achter häufig auf und besetzten den Halb- oder Zehnerraum vor der gegnerischen Abwehr. Doch besonders die Außenverteidiger hielten sich eher zurück. Achraf Hakimi, der wohl offensivstärkste Rechtsverteidiger der Welt, stürmte erst nach vorne, sobald der Sechser oder der Achter auf die Außenverteidiger-Position zurückgefallen war. Marokko konnte daher in der gegnerischen Hälfte selten Dynamik aufnehmen. Der Gastgeber war beim Africa Cup abhängig von Einzelaktionen von Brahim Díaz. Er bewegte sich vom rechten Flügel häufig ins Angriffszentrum.
Der neue Trainer Ouahbi soll nicht nur Spiele gewinnen, sondern auch den Spielstil deutlich offensiver anlegen. In den Testspielen im März lieferte der neue Trainer einen kleinen Vorgeschmack. Marokko nutzte ein 4-2-3-1-System. Schon als Trainer der U20-Nationalelf setzte Ouahbi auf Asymmetrien im Spiel mit und gegen den Ball. Diese scheint er nun auch bei der A-Elf zu implementieren: Im Spielaufbau rückte Hakimi wesentlich früher und wesentlich weiter auf. Der Rechtsaußen konnte dadurch permanent einrücken. Im Aufbau verblieb eine Dreierkette. Marokko fokussierte noch stärker als in der Vergangenheit Angriffe über den rechten Flügel.

Auch das Pressing war leicht asymmetrisch angelegt: Ein Außenstürmer rückte neben die beiden Stürmer, um vorne hohen Druck auszuüben. So wandelte das Team zwischen einem 4-4-2-, 4-3-3 und einem 5-3-2, wenn sich ein Außenstürmer zurückfallen ließ. Marokko störte den Gegner früher als unter Regragui. Auch die Abwehrkette schob deutlich weiter nach vorne. Nach dem 2:1-Erfolg über Paraguay hob der neue Trainer die Intensität im Spiel gegen den Ball hervor. Sein Versuch, beim 1:1 gegen Ecuador mit einer falschen Neun zu agieren, funktionierte indes kaum.
Angesichts des kurzfristigen Trainerwechsels schwirren noch viele Fragezeichen um das marokkanische Team. Nur drei Spieler standen in beiden März-Länderspielen in der Startaufstellung: Diese Ehre kam neben Torhüter Yassine Bounou lediglich Hakimi, Sechser Neil El Aynaoui und Innenverteidiger Issa Diop zuteil. Letzterer schloss sich erst nach dem Africa Cup dem marokkanischen Verband an. Dies fasst recht anschaulich zusammen, wer die Schlüsselspieler des Teams sind. Gerade von El Aynaouis Aggressivität und Organisation hängt vieles ab.

Wie Marokkos Startelf bei der WM aussehen wird, lässt sich nicht seriös vorhersagen. Die Spieler, die bereits beim Africa Cup auf dem Feld standen, dürften das Rückgrat der Mannschaft stellen. Ouahbi hat aber auch zehn Akteure in den WM-Kader berufen, die im Winter noch nicht dabei waren. Die Neulinge senken den Altersschnitt, etwa U20-Weltmeister Gessime Yassine (21) oder Eintracht Frankfurts Ayoube Amaimouni-Echghouyab (21). Das größte Talent dürfte der 18 Jahre junge Ayyoub Bouaddi sein. Als Achter vereint er die filigrane Dribbelstärke eines Außenstürmers mit der Dynamik und Zweikampfführung eines Box-to-Box-Achters.
Talente wie Bouaddi schüren die Hoffnung, dass Marokkos Abschneiden bei der WM 2022 keine Ausnahme bleibt. Zugleich überraschte Marokko damals die gesamte Welt und schwebte wie auf Wolke sieben durch das Turnier. Die Ausgangslage vor der WM 2026 ist eine gänzlich andere. Die Erwartungshaltung im Heimatland ist derart groß, dass die Mannschaft bereits nach einer Niederlage gegen Brasilien massiv unter Druck stünde. Gleichzeitig verfügen die Spieler über das Talent und vor allem die Intensität im Spiel gegen den Ball, um an einem guten Tag jeden WM-Teilnehmer zu ärgern. So findet sich auch für die Ausgangslage ein passendes Zitat von Seneca: „Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe.“ Bleibt nur abzuwarten, ob die Treppe für Marokko nach oben oder nach unten führt.
Marokkos explosive Mischung wird in die Luft fliegen. Die Frage ist nur, ob sie oder ihre Gegner die Leidtragenden sein werden. Das Auftaktspiel gegen Brasilien wird die Stimmung für die WM vorgeben.
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