Brasiliens mögliche Formation während der WM 2026
Ein europäischer Text über Brasiliens Nationalmannschaft kann nicht ohne Klischees auskommen. Auf dieser Seite des Atlantiks steht der brasilianische Fußball für ‚jogo bonito‘, das schöne Spiel, Inspiration und technische Klasse. Spricht man mit Brasilianern dieser Tage, könnten ihnen diese Attribute nicht egaler sein. Sie wollen nur eins: endlich wieder gewinnen!
Brasilien ist eine erfolgsverwöhnte Fußballnation. Doch seit dem WM-Titel 2002 lastet ein Fluch auf der Seleção. Seit nunmehr 24 Jahren wartet das Land auf den sechsten Weltmeistertitel. Besonders bitter ist die Bilanz gegen europäische Nationen: Deutschland war im WM-Finale 2002 das letzte europäische Land, gegen das Brasilien ein K.O.-Spiel einer Weltmeisterschaft gewann. Bedenkt man weiterhin, dass die Brasilianer nur eine der letzten sechs Copa-America-Ausgaben als Sieger verließen, kann man nur zu dem Schluss kommen: Brasilien befindet sich im größten Tief seiner stolzen Fußballgeschichte.
Die Hoffnung, dass sich der Wind ausgerechnet 2026 dreht, ist auf den ersten Blick klein. Der Kader, den Brasilien nach Nordamerika schickt, ist der wohl am wenigsten talentierte seit der Weltmeisterschaft 1990. Stereotypische brasilianische Ballkünstler sucht man vergebens. Die wenigen verbliebenen Stars haben eine schwere Saison hinter sich (Vinicius) oder gehen auf das Fußballer-Rentenalter zu (Casemiro). Die Verzweiflung ist so groß, dass der Verband kurzerhand den 34 Jahre alten Neymar reaktiviert hat.

Mit Carlo Ancelotti leistet sich Brasilien den teuersten Trainer dieser Weltmeisterschaft. Er hat für dieses Turnier ein simples Mantra ausgerufen: Bei einer Weltmeisterschaft gewinne nicht das Team mit den meisten Toren – sondern dasjenige, das am wenigsten Gegentore zulässt. Entsprechend stark fokussiert sich der Italiener auf die Defensive.
Brasilien setzt auf eine Mischung aus 4-3-3 und 4-4-2. Das Scharnier zwischen beiden Formationen ist Matheus Cunha: Bei gegnerischem Ballbesitz presst er in vorderster Linie. Bei eigenem Ballbesitz agiert er auf einer Höhe mit Achter Casemiro. Das erinnert nicht nur auf dem Papier an Ancelottis Zeit bei Real Madrid. Die taktischen Mittel sind praktisch dieselben. Die Brasilianer gehen früh in einem organisierten 4-2-4-Verband auf den Gegner, ziehen sich aber im Anschluss weit zurück. Im Testspiel gegen Frankreich (1:2) verharrten sie über weite Strecken der ersten Halbzeit am eigenen Strafraum. Die defensive Organisation ist den Brasilianern wichtiger denn je.

Es gibt Ausnahmen vom Defensivfokus. Ancelotti war schon immer ein Coach, der seinen Stars die nötigen Freiräume gewährt. Brasiliens Star heißt Vinicius Junior. Das Spielsystem ist um den Stürmer gebaut. Er darf als einziger Spieler in der vordersten Linie das Spiel gegen den Ball auch einmal schleifen lassen. Dafür erwartet Ancelotti aber, dass Vinicius im Umschaltmoment sofort bereitsteht.
Überhaupt ist das Konterspiel der hoffnungsvollste Faktor auf dem Weg zum sechsten Titel. Praktisch alle Angreifer, die Ancelotti aufbieten kann, verfügen über einen pfeilschnellen Antritt. Auf der linken Seite kann Gabriel Martinelli in die Mitte ziehen, während Vinicius nach Außen rückt und zu Dribblings ansetzt. Auf rechts bringt Raphinha oder Rayan Zug zum Tor.
Für Umschaltmomente benötigt eine Mannschaft zunächst einmal Ballgewinne – und hier liegt noch Verbesserungspotenzial. Zwar arbeiten alle Spieler im Pressing gut mit, selbst Vinicius in manchen Momenten. Doch gerade auf den Flügeln misslingt der Zugriff manches Mal. Für Ballgewinne sind die Brasilianer weiterhin abhängig von Casemiro. In einigen Situationen mag der 34-Jährige zwar seine Dynamik überschätzen – der Mensch wird eben nicht jünger. Doch er bleibt einer der druckvollsten Zweikämpfer der Welt, wie seine starke Saison mit Manchester United unterstreicht.
Dennoch: Dass die Brasilianer defensiv von ihrem alternden Kapitän abhängen, deutet auf ein Problem hin. Die Abwehr gehört nicht zu den stärksten dieses Turniers. Gabriel und Marquinhos verkörpern in der Innenverteidigung zwar internationale Klasse. Die Außenverteidiger-Positionen bereiten jedoch Kopfschmerzen. Auf links testete Ancelotti in den vergangenen zehn Partien vier verschiedene Verteidiger, auf rechts waren es sogar sechs.
Ancelotti macht aus der Not eine Tugend. Die Außenverteidiger sind bei ihm praktisch nur Verteidiger. Im Spielaufbau rücken sie erst spät auf, meist mit leicht einrückenden Läufen. Dazu passt, dass Ancelotti seine Viererkette auf rechts gerne mit gelernten Innenverteidigern auffüllt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass spätestens ab der K.O.-Phase ein Innenverteidiger wie Roger Ibañez den Rechtsverteidiger mimt. Selbst eine Wiederauflage von Jogi Löws „Viererkette mit vier Innenverteidigern“ erscheint möglich.
Die passive Rolle der Außenverteidiger unterstreicht, wie Ancelotti internationale Turniere sieht: Die Defensive gewinnt Weltmeisterschaften. Zugleich sorgt diese Zurückhaltung dafür, dass Brasilien sich mit dem eigenen Spielaufbau eher schwertut. Vor der Abwehr reißt Sechser Bruno Guimarães das Spiel an sich. Brasilien lässt den Ball relativ lange zwischen ihm und der Viererkette laufen; auch Casemiro verbleibt eher tief.
Vorne bewegt sich Vinicius von seiner zentralen Rolle im Pressing meist auf die linke Seite. Das hat einige Kettenreaktionen zur Folge: Der Linksaußen rückt ein, der Zehner zieht sich wiederum zurück. Er will häufig den Ball im Halbraum erhalten und von dort weiter auf die Flügel verteilen. Der Rechtsaußen wiederum agiert tororientierter. Dafür rückt der rechte Außenverteidiger weit vor. Der linke hält sich etwas zurück, sodass manches Mal ein 3-2-5 im Aufbau entsteht.

Meistens ist das Offensivspiel jedoch eher starr. Die Spieler halten ihre Positionen. Wenn sie den Ball erhalten, versuchen sie ins Eins-gegen-Eins zu gehen oder mit einem Doppelpass Tempo aufzunehmen. Zumindest die Besetzung des Strafraums funktioniert meistens gut, sobald Brasilien erst einmal Tempo aufgenommen hat. Das liegt an der Tororientierung der Außenstürmer und an Cunha, der immer wieder aus der Tiefe in den Rückraum sprintet. Doch gerade, wenn der Gegner defensiv kompakt steht, sind solche Momente rar gesät. Dann gilt es eigentlich nur, Vinicius auf links konsequent zu doppeln – und schon ist Brasilien zur Ballschieberei verdammt.
Die Offensivprobleme werden potenziert durch das Verletzungspech, das die Seleção verfolgt. Im Herbst testete Ancelotti eine Variante, bei der im Spielaufbau eine Raute entstand. Linksaußen Rodrygo rückte hierfür auf die Zehn, sobald Vinicius nach links außen ging. Rodrygo verpasst jedoch die WM. Auf Rechtsaußen haben die Stammkandidaten Raphinha und Estêvão weite Teile der Rückrunde verletzt gefehlt. Speziell Estêvão hatte im Herbst mit vier Toren in vier Spielen die Fantasie der brasilianischen Fans angeregt. Raphinha steht immerhin im Kader. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf einem alternden Superstar: Neymar könnte in den Gruppenspielen Einsatzzeit bekommen, um als Zehner für magische Momente zu sorgen – sofern seine Verletzungsanfälligkeit dies zulässt.
Man darf von Brasilien dennoch kein Spektakel erwarten. Dazu liegt Ancelottis Fokus zu klar auf der Defensive. Manch Abgesang auf den fünffachen Weltmeister kommt aber zu früh. Brasiliens Truppe mag keinen Fußballpoeten zu einem Gedicht inspirieren. Sie bietet aber soliden Konterfußball. Sollten sich die Brasilianer in der Gruppenphase damit nicht selbst ein Bein stellen, können sie in der K.O.-Phase den ein oder anderen Gegner überraschen. Und wenn einer weiß, wie man mit einer taktisch unterlegenen Mannschaft ein großes Turnier gewinnt, ist dies der fünffache Champions-League-Sieger Ancelotti.
Brasilien spielt klassischen Konterfußball. Das ist gewöhnungsbedürftig, passt aber zum Kader. Wenn sie die Gruppenphase heil überstehen, ist ein weites Vorstoßen möglich.
GESAMTFAZIT
Moin Tobi, vielen Dank erstmal für die ausführlichen und flüssigen Berichte. Wir in der Freundesgruppe stellen ebenfalls jedes Team vor und das ist ein heiden Aufwand. Da du ebenfalls wie ich ein Fan von Douglas Santos bist, ich mir auch ein Trikot von ihm geordert habe, habe ich folgendes festgestellt : Die Nummer der brasilianischen Nationalmannschaft werden nach Position vergeben. Ich musste daher viel zu lange warten um mein Trikot zu ordern, denn drei RVs haben darum gekämpft. Alex Sandro hat nun den Vorzug bekommen und wird laut der Tradition spielen. Zumindest gibt es Bilder wo Douglas Santos mit einer 6 posiert , jetzt trägt er die 16. Zum Glück habe ich abgewartet und ein richtiges Trikot bestellt.
LG
Ich muss gestehen, dass ich nicht alle Analysen in den vergangenen Tagen angefertigt habe. Brasilien war eins der ersten Teams, das ich fertiggestellt hatte. Da schien es mir noch so, dass Santos die Nase vorn hat. Dir trotzdem viel Freude mit dem Douglas-Santos-Trikot, ist keine schlechte Wahl!