Mögliche Formation und Aufstellung der Schweiz bei der WM 2026
Die Schweiz ist mein persönlicher Prognose-Endgegner. Vor den vergangenen Großereignissen durfte ich das Team jedes Mal für die Hefte von Spielverlagerung.de oder für Schweizer Medien analysieren. In schöner Regelmäßigkeit hat die Schweiz beim Turnier ganz anders performt, als die Qualifikations- und Testspiele erahnen ließen. 2024 twitterte ich: „Ich werde der Schweiz noch lange nachtragen, dass ich mir ihre qualvollen Quali- und Testspiele anschauen musste, nur damit sie dann im Turnier plötzlich aufspielen, als hätte der Fußballgott sie höchstpersönlich trainiert.“
2026 hat die Schweiz das Potenzial, dieses Muster zu wiederholen. Die Jahre seit dem 2024er-Turnier verliefen eher schleppend. Bei der Europameisterschaft hatten die Eidgenossen den Gastgebern Deutschland ein Unentschieden abgerungen und waren erst im Elfmeterschießen am späteren Finalisten England gescheitert. Danach stiegen sie jedoch aus der Nations League A ab. In einer Gruppe mit Spanien, Dänemark und Serbien gelang ihnen kein einziger Sieg. Zwei dieser drei Teams sind bei der Weltmeisterschaft gar nicht erst vertreten.
Trainer Murat Yakin steuerte um. Er verzichtete auf das offensive 3-4-3-System, das durch die tororientierte Rolle der Außenverteidiger bestach. In der WM-Qualifikation ließ Yakin durchgehend ein 4-3-3-System spielen. Zudem setzte der Coach voll auf Erfahrung: Neun der elf Stammspieler in der Quali waren 27 Jahre oder älter. Außerdem rotierte Yakin kaum. Acht Spieler standen in allen sechs Qualifikationsspielen in der Startelf, Dan Ndoye fehlte nur in einer. Talente wie Johan Manzambi oder Luca Jaquez mussten sich hintenanstellen.
Der Plan ging auf – zumindest von den Ergebnissen her. Die Schweiz gewann die Qualifikationsgruppe vor dem Kosovo, Slowenien und Schweden. Sie überzeugte vor allem durch ihre defensive Stabilität. Gerade einmal zwei Gegentore ließen die Schweizer in sechs Partien zu. Das ging jedoch zulasten der Offensive. Von allen europäischen WM-Teilnehmern gab nur Gruppengegner Schweden weniger Schüsse ab – und die kamen als Gruppenletzter bekanntermaßen nur über die Nations League in die Playoffs. Die große Frage vor der Weltmeisterschaft lautet daher, ob Yakin seinen Spielern bis zum Turnier neue offensive Tricks beibringen kann.

Dreh- und Angelpunkt des Schweizer Spiels ist Granit Xhaka. Er führte in der abgelaufenen Spielzeit Aufsteiger Sunderland zur ersten Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb seit über fünfzig Jahren. Im Schweizer Spielsystem bekleidet Xhaka die Rolle des alleinigen Sechsers. Er räumt vor der Abwehr ab und holt sich die Bälle aus der eigenen Innenverteidigung ab. Die Außenverteidiger rücken selbst dann kaum auf, wenn Xhaka sich zwischen oder hinter die Verteidiger fallen lässt. Die Schweizer Aufbauformation ließe sich am ehesten als 2-3-2-3 bezeichnen, wobei sich durch die tiefe Rolle von Xhaka und den Außenverteidigern häufig ein flaches 5-2-3 ergibt.
Die beiden anderen Mittelfeldspieler sind dafür zuständig, den Ball in der gegnerischen Hälfte zu erhalten. Augsburgs Fabian Rieder mäandert zwischen einer Achter- und Zehnerrolle. Er attackiert immer wieder die Tiefe. Der zweite Achter ist für die Balance zuständig: Er bietet sich zwischen den Linien an, wenn Xhaka abkippt. Sollte der Schweizer Kapitän zu einem Lauf nach vorne aufbrechen, sichert der Achter für ihn ab. In der Qualifikation übernahm zumeist Routinier Remo Freuler diese Rolle. Zwischenzeitlich kam hier auch Michel Aebischer zum Einsatz.

Im letzten Drittel hängt viel von den Einfällen der Außenstürmer ab. Ndoye und Ruben Vargas rücken leicht ein, um im Halbraum zu Dribblings anzusetzen. Die beiden Techniker agieren dabei gewohnt tororientiert. Erst, wenn sich die Schweiz im letzten Drittel festsetzt, rücken auch die Außenverteidiger vor. Ihre Flanken soll Breel Embolo ins Tor wuchten. Der Mittelstürmer hat nichts von seiner physischen Präsenz eingebüßt. Mit vier Treffern war er Top-Torjäger der Schweizer Qualifikation.
Egal, ob die Schweiz über diagonale Spielzüge, Dribblings aus dem Halbraum oder Flanken in den Strafraum einbricht: Xhaka ist praktisch immer an diesen Aktionen beteiligt. Seine Bälle in die Tiefe sind das Salz einer ansonsten eher faden Suppe. Teilweise passierte in den Schweizer Partien über quälend lange Passagen gar nichts: Die Spieler hielten brav ihre Positionen, Xhaka suchte das Zusammenspiel mit den Innen- und Außenverteidigern. Es ist kein Zufall, dass von allen europäischen WM-Teilnehmern nur Schweden und die Türkei weniger Expected Goals pro Partie herausspielten.
Diese hohe Positionstreue hat einen Vorteil: Die Schweiz gelangt schnell zurück in eine kompakte Ordnung. Allgemein spürt man, dass Yakin nach der verpatzten Nations League hauptsächlich an der Defensive gefeilt hat. Die Schweiz stellt aus dem eigenen 4-3-3 gegen den Ball häufig ein 4-4-2 her. Rieder startet das Pressing und agiert dabei meist sogar höher als Embolo. Anschließend verfolgt die Schweiz den Gegner mannorientiert. Sobald das Pressing fehlschlägt, ziehen sie sich zunächst in eine kompakte 4-4-2-Ordnung zurück, ehe sie in ein 4-1-4-1 fallen. Kein Gegner der Qualifikation wusste diese kompakte Ordnung zu knacken.

Das Schweizer Konstrukt war in der Qualifikation äußerst stabil, allerdings beizeiten auch arg ausrechenbar. Erst, wenn der Gegner etwas mehr Räume anbietet, kann sich die Kreativität der Schweizer Außenspieler entfalten. So folgten die Qualifikationsspiele stets demselben Muster: Die Schweiz ging nach einem Standard oder per Elfmeter in Führung. Anschließend verteidigten sie souverän und schraubten mit Schnellangriffen das Ergebnis noch.
Wenn Yakin etwas mehr Kreativität wünscht, kann er von der Bank nachlegen. Freiburg-Fans verehren Manzambi für seine Flexibilität wie Wildheit. Im Schweizer Dress kommt er meist vom Flügel zum Einsatz. Dribbler Noah Okafor wurde nach zwischenzeitlicher Verbannung aus der Nationalelf von Yakin begnadigt. Auf manchen Positionen fehlt der Schweiz jedoch die Tiefe im Kader. Embolo-Ersatz Zeki Amdouni hat die gesamte Saison mit einem Kreuzbandriss verpasst, während Cedric Itten gerade mit Fortuna Düsseldorf aus der Zweiten Bundesliga abgestiegen ist. Und wenn Xhaka sich verletzt, kann die Schweiz eigentlich gleich die Heimreise buchen.
Die große Frage lautet, ob das Geschriebene nicht ohnehin mit Anpfiff des ersten Spiels obsolet ist. Im März-Länderspielfenster hat Yakin experimentiert. Gegen Deutschland testete er eine wilde Aufbauvariante, bei der Innenverteidiger Manuel Akanji ins Mittelfeld vorstieß und Freuler sich dafür fallenließ. Es folgte ein spektakuläres 3:4. Gegen Norwegen verteidigte die Schweiz in einer Fünferkette. Das 0:0 als langweilig zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung für jedes langweilige Spiel. Yakin hat also Optionen, um bei der WM vom 4-3-3 abzuweichen.
Bleibt alles beim Alten, darf man von den Schweizern kein Spektakel erwarten. Im Idealfall lassen sie gegen Katar, Bosnien-Herzegowina und Kanada kein Gegentor zu. Als Gruppensieger würde im Achtelfinale der Erste der Gruppe K warten. Das könnte Portugal sein. Mit den Iberern hat die Schweiz noch ein Hühnchen zu rupfen: 2022 verlor die Schweiz ihr Achtelfinale gegen Portugal mit 1:6. Damals hatte ich vor dem Turnier eine starke Schweizer Performance prophezeit. Mal sehen, in welche Richtung ich diesmal falschliege.
Die Schweiz fiel in der Qualifikation durch hohe Stabilität auf. Wollen die Eidgenossen weiterkommen als bis ins Achtelfinale, müssen sie sich vor allem offensiv steigern.
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