Katars mögliche Formation während der WM 2026.
Eine der großen hypothetischen Fragen des Fußballs lautet: Würde Pep Guardiolas Positionsspiel auch funktionieren, wenn er nicht die besten Spieler der Welt zusammenkaufen könnte? Ausgerechnet die Fußballnation Katar liefert interessante Antworten auf diese Frage. Guardiola hat zwar selbst nie als Trainer in Katar gearbeitet. (Er hat allerdings seine Spielerkarriere beim katarischen Klub Al-Ahli ausklingen lassen.) Dafür hat der Verband viele Schritte unternommen, um dessen Spielphilosophie bestmöglich zu kopieren.
Julen Lopetegui ist bereits der vierte Spanier, der in den vergangenen zehn Jahren den Posten als katarischer Nationaltrainer übernommen hat. Auch die Nachwuchsakademie Aspire, zuständig für die katarische Talententwicklung, ist fest in spanischen Händen. Katar investierte nicht nur Millionen in Paris St. Germain und die KAS Eupen, sondern schloss zudem Partnerschaften mit spanischen Teams. Regelmäßig werden katarische Nationalspieler in die zweite spanische Liga verliehen – alles für das Ziel, dass die Talente des Landes irgendwann technisch feinen Fußball beherrschen.
Tatsächlich spielt die katarische Nationalmannschaft einen spanisch angehauchten Ballbesitzstil. Lange Bälle sind bei den Kataris ebenso verpönt wie beim großen Vorbild aus Südeuropa. Mit diesem Spielstil erlangte Katar 2019 und 2024 den Sieg beim Asien Cup. Der Welt dürfte jedoch eher das schwache Abschneiden bei der Heim-WM 2022 in Erinnerung geblieben sein. Dort schied Katar bereits in der Vorrunde sang-, klang- und punktlos aus.
Zuletzt waren Katars Leistungen näher an den Tiefen des WM-Aus 2022 denn an den Höhen des Asien-Cup-Triumphs 2024. Die Qualifikation zur Weltmeisterschaft verlief alles andere als zufriedenstellend. In der Gruppenphase erreichten sie nur den vierten Platz hinter dem Iran, Usbekistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das WM-Ticket sicherten sie sich in den Playoffs, die allerdings unter sonderbaren Bedingungen stattfanden: Katar bekam für das Dreier-Turnier nicht nur das Heimrecht zugesprochen. Vor dem entscheidenden Spiel gegen die VAE hatten die Kataris zudem drei Tage länger Pause als der Gegner. Der katarische 2:1-Sieg besiegelte letztlich die erste Qualifikation Katars für eine Weltmeisterschaft. (2022 mussten sie als Gastgeber die Qualifikation nicht durchlaufen.) Diese Bilanz zeigt jedoch: Allzu viel sollten sich die katarischen Fans für das Turnier 2026 nicht ausrechnen.

Grundlage des katarischen Spielsystems ist in der Regel ein 4-2-3-1-System. Die sechs tiefsten Akteure erledigen in erster Linie defensive Aufgaben. So hält sich die Doppelsechs auch im Spielaufbau eher zurück. Ziel des katarischen Angriffsspiel ist, mit flachen Pässen in die gegnerische Hälfte zu gelangen. Dazu kombinieren nicht nur die vier Verteidiger und die Doppelsechs miteinander. Auch die Außenstürmer kommen dem Ball häufig entgegen. Die Spieler halten zwar nicht starr ihre Positionen. Allerdings verlassen sie ihre Räume nicht allzu weit; der Rechtsaußen bleibt auf dem rechten Flügel, der halblinke Sechser im halblinken Raum, und auch die Außenverteidiger bewegen sich geradlinig nach vorne.
Die große Ausnahme stellt Akram Afif dar. Nominell läuft er meist als Linksaußen auf, wobei Lopetegui ihn auch schon als falsche Neun eingesetzt hat. In der Praxis taucht Katars stärkster Offensivspieler überall in der gegnerischen Hälfte auf. Er verfügt über eine starke Technik sowie einen guten Antritt, weshalb er häufig das Eins-gegen-Eins-Duell forciert. Seine Mitspieler suchen ihn immer wieder, um von seinen Geistesblitzen zu profitieren.
Abseits von Afif ist die katarische Offensive eher bieder. Die zahllosen Flachpässe können nicht verschleiern, dass den meisten Spielern die Vision und die technischen Fähigkeiten abgehen, um progressive Pässe zu spielen. In der Qualifikation bekam die Mannschaft stets Probleme, sobald der Gegner zu einem hohen Pressing ansetzte. Dann wollten die Kataris zwar weiterhin flach aufbauen, neigten unter Druck jedoch zu Fehlern. Gerade die katarischen Torhüter sind nicht besonders spielstark.

Interessanterweise würzen die Kataris ihr Flachpass-Ballbesitzspiel nur selten mit einem aggressiven Pressing. Im letzten Drittel üben sie praktisch nie Druck aus. Damit beginnen sie erst ab dem zweiten Drittel. Hier postiert sich die Mannschaft häufig in einem 4-4-2. Dieses kann auch schon einmal zu einem 5-3-2 werden, wenn sich der Rechtsaußen in die Abwehr zurückfallen lässt. Katar sucht nur selten den Zweikampf, verteidigt zugleich aber in der eigenen Hälfte nicht sonderlich kompakt.
Diese defensiven Schwächen führten in der Qualifikation zu zahllosen Gegentoren. In der zweiten asiatischen Qualifikationsrunde kassierte Katar in zehn Spielen 24 Treffer. Keine andere Nation ließ in dieser Qualifikationsrunde mehr zu. Gruselig ist vor allem Katars Auswärtsbilanz: Hier holte das Team nur gegen Nordkorea einen Punkt. Im Iran (1:4), in Usbekistan (0:3), in den Vereinigten Arabischen Emiraten (0:5) und sogar in Kirgisistan (1:3) hagelte es Niederlagen. Überhaupt konnte Katar seit März 2024 kein Auswärtsspiel mehr gewinnen. Ihr Kurzpassspiel scheint nur in den klimatisierten und mit perfektem Rasen ausgestatteten Stadien Katars zu funktionieren.
Lopetegui kann man die schwache Qualifikation nur in Teilen ankreiden. Er hat den Trainerposten erst im Mai 2025 angetreten. Seitdem hat er verschiedenste Formationen und taktische Kniffe ausprobiert. In einer Partie setzte er auf einen asymmetrischen Aufbau: Der Linksverteidiger rückte weit vor, während sich der Rechtsverteidiger zurückhielt. In einem Freundschaftsspiel gegen Russland (1:4) experimentierte der Spanier mit einer Fünferkette.
Auch auf personeller Ebene ist nicht klar, was man von Lopetegui erwarten sollte. Allein in der Innenverteidigung testete er in sieben Partien zehn verschiedene Spieler. Auf den vier offensiven Positionen waren es zwölf. Dabei setzte er dieselben Spieler teilweise auf unterschiedlichen Positionen ein. So kam Edmilson Junior mal als geradliniger Rechtsaußen zum Einsatz, mal als inverser Linksaußen. Immerhin: Rekord-Torjäger Almoez Ali wurde rechtzeitig zur Weltmeisterschaft fit, nachdem er weite Teile der Saison verletzt verpasst hatte.
Welche personelle oder taktische Variante Katar bei der Weltmeisterschaft wählt, lässt sich zu diesem Zeitpunkt nur mutmaßen. Lopetegui konnte seine Spieler zwar im März zu einem längeren Trainingslager zusammenziehen. Die Anreise war kurz: Sämtliche Spieler stehen bei katarischen Klubs unter Vertrag. Allerdings sagte der Verband die angesetzten Heimspiele gegen Argentinien und Serbien aufgrund der Sicherheitslage ab. Die Staatsführung befürchtete iranische Drohnenangriffe.
So geht Katar als kleine Wundertüte in das Turnier in Nordamerika. Die Wüstennation wird das Spiel flach eröffnen und auf die Künste ihres Stars Afif vertrauen. Das sind die einzig bekannten Variablen im katarischen Spiel. Ob diese Zutaten genügen, um in einer dankbaren Gruppe B den ersten Punktgewinn der katarischen WM-Geschichte zu erzielen? Eins darf man von den Kataris auf jeden Fall nicht erwarten: Auch wenn sie einzelne Elemente des Positionsspiels kopiert haben, könnte ihr Fußball nicht weiter entfernt sein von einer Pep-Guardiola-Mannschaft. Dafür braucht es am Ende eben doch einen etwas talentierteren Kader.
Katar ist eine kleine Wundertüte. Und wer schon einmal eine Wundertüte gekauft hat, weiß: In der Regel ist der Inhalt enttäuschend. Der Kader ist arg limitert.
GESAMTFAZIT
„Ob diese Zutaten genügen, um in einer dankbaren Gruppe B den ersten Punktgewinn der katarischen WM-Geschichte zu erzielen?“
Hm… also ohne etwas von ihnen gesehen zu haben, aber sowohl die kampfbetonten und nimmermüden Bosnier als auch vor allem die eh schon (über-)harten und dann noch aufgezuckerten Kanadier könnten für die zu braven Kataris zum Albtraum werden?