Bosniens mögliche Formation während der WM
Bosnien-Herzegowinas Sommerhit steht bereits fest. „I am from Bosnia, take me to America!”, sangen die bosnischen Fans, nachdem sich die Nationalmannschaft zum zweiten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte. Der Ethno-Pop-Song aus der Feder des Dubioza Kollektivs dürfte während aller bosnischer WM-Spiele von den Tribünen schallen.
Die Frage lautet: Wie häufig werden wir den Hit in diesem Sommer hören? Angesichts einer eher schwach besetzten Gruppe B stehen die Chancen für Bosnien-Herzegowina günstig, erstmals die K.O.-Phase eines großen Turniers zu erreichen. Immerhin haben die Bosnier in den WM-Playoffs erst die favorisierten Waliser ausgeschaltet, ehe sie dem vierfachen Weltmeister Italien das WM-Ticket stibitzten. In beiden Partien mussten sich die Bosnier durch ein Elfmeterschießen zittern.
Das deutet bereits auf das große Aber hin: Während der Saison 2025/26 konnte Bosnien-Herzegowina nur zwei ihrer sieben Pflichtspiele gewinnen, ein 6:0 gegen San Marino und ein hart umkämpfter 3:1-Erfolg über Rumänien. In der Gruppenphase der Qualifikation blieben die Bosnier hinter Österreich, gegen die sie erst 1:2 verloren und dann 1:1 spielten. Bosnien-Herzegowinas kampfstarke Elf mag schwer zu bezwingen sein. Doch Spiele über die eigene Offensive für sich zu entscheiden, beherrscht sie nicht. Ob das für ein Ticket für das Sechzehntelfinale genügt?
Angeführt wird die bosnische Delegation von Trainer Sergej Barbarez. Der frühere Stürmer kickte lange Jahre in der Bundesliga und lebt noch heute in Hamburg. 2024 übernahm er die Geschicke seines Heimatlands. Während der Nations-League-Saison 2024 wagte er einige taktische Experimente, etwa ein Pressing aus einer Rautenformation oder eine Fünferkette in der Abwehr. Das ging gewaltig schief, insbesondere beim 0:7 gegen Deutschland.

Danach legte sich Barbarez auf eine eher handelsübliche 4-4-2-Formation fest. Die große Stärke der Bosnier ist ihr Pressing. Besonders in den Anfangsminuten eines Spiels überrennen sie den Gegner. Baut der Gegner in einer Viererkette auf, üben die beiden Angreifer in vorderster Linie Druck auf. Bei einer Dreierkette zieht sich ein Stürmer zurück, die Außenstürmer rücken vor. Es entsteht ein 4-2-1-3. In beiden Varianten ziehen die Bosnier eine enge Manndeckung auf. Gerade die Mittelfeldspieler stehen ihren Gegenspielern auf den Füßen. In der Abwehr orientiert sich stets ein Innenverteidiger am Raum und sichert für seine Kollegen ab.
Diese Phase des hohen Pressings hält meist nur kurz. Anschließend zieht sich Bosnien-Herzegowina in einen tiefen Block zurück. Auch hier stehen die Mannorientierungen im Vordergrund. Die Viererkette orientiert sich zwar nun stärker am Raum. Doch gerade im Mittelfeld bewachen die Bosnier ihre Gegenspieler eng. Da kann es schon einmal passieren, dass sich einzelne Mittelfeldspieler in die Abwehr fallen lassen, um ihren Gegner zu verfolgen. Dies geschieht besonders häufig auf dem Flügel, sodass Bosnien oft in einem 5-3-2 oder gar 6-2-2 steht.

Wer gegen Bosnien-Herzegowina spielt, muss sich auf eine kampfbetonte Partie einstellen. Die Spieler weichen ihren Gegner nicht von der Seite und werfen sich in jeden Zweikampf. Zugleich sind die Bosnier immer in der Lage, aus ihrer passiven Grundordnung zu einem aggressiven Pressing überzugehen. In beiden WM-Playoff-Spielen ging der Gegner in Führung. In Rückstand jagten die bosnischen Spieler den Gegner mit ihrer Manndeckung über das gesamte Feld.
Durch die zahlreichen Mannorientierungen steht die Elf vom Balkan nicht immer kompakt. Der Gegner kann über clevere Läufe das Mittelfeld der Bosnier nach hinten drücken und anschließend den Rückraum bespielen. Man sollte aber nie den Einsatz der Bosnier unterschätzen: Sie sprinten auch in der zweiten Halbzeit der Verlängerung ihren Gegenspieler hinterher, bis sie ihn gestellt haben.
Die Defensive und die Kampfstärke sind das Plus der Bosnier. Der Spielaufbau hingegen ist eher rudimentär angelegt. Die beiden Sechser halten sich stark zurück, sodass die Bosnier das Spiel aus einem 4-2 eröffnen. Der Ball wird vor allem über hohe Zuspiele nach vorne getragen. Dabei setzen die Bosnier auf diagonale Spielverlagerungen in Richtung der Außenstürmer.
In der gegnerischen Hälfte angekommen, führen alle Wege zu Edin Dzeko. In der Qualifikation gingen sechs der 18 bosnischen Treffer auf das Konto des 40 Jahre alten Stürmers. Der Plan lautet, den Superstar über Hereingaben zu füttern. Die Flanken folgen einem klaren Muster: Aus dem Halbfeld flanken die Bosnier hoch an den zweiten Pfosten. Wenn sie an die Grundlinie durchbrechen, folgt fast immer eine scharfe, flache Hereingabe.

Die restlichen Spieler dienen als Zuarbeiter. Ermedin Demirović spielt um Dzeko herum und ist als Tausendsassa überall zu finden. Mal attackiert er die letzte Linie, mal sucht er das Zusammenspiel im Mittelfeld, mal lauert er auf zweite Bälle. Durch seine Laufstärke ist er ein Schlüsselspieler der Elf. Nur in Toren drückt sich das nicht aus. Während der Qualifikation vergab der sonst so abschlussstarke Stürmer des VfB Stuttgarts beste Chancen auf fast schon komödiantische Art und Weise.
Vielversprechend sind die Optionen, die Barbarez auf dem Flügel zur Verfügung stehen. Der 21-jährige Esmir Bajraktarevic überzeugt durch verschnörkelte Dribblings. Der Rechtsaußen zieht gerne mit seinem starken linken Fuß in die Mitte. Er hat sich in der Qualifikation zum Stammspieler gemausert. Auf der linken Seite schart ebenfalls ein junger, inverser Flügelstürmer mit den Hufen. Kerim Alajbegovic wechselt im Sommer zu Bayer Leverkusen, nachdem er für Salzburg diese Saison 13 Tore erzielt hat. Der gebürtige Kölner teilt eine Stärke mit einem anderen berühmten Fußballer der Stadt: Wie Lukas Podolski verfügt er über eine herausragende Schusstechnik. Angesichts seiner defensiven Schwächen könnte Barbarez aber dem solideren Amar Memić den Vorzug geben. Interessant: Auch er spielt auf der linken Seite invers. In Kombination mit der erfahrenen Abwehr um Nikola Katic und Sead Kolasinac ergibt sich eine solide erste Elf.
Schwächen finden sich – wie bei so vielen WM-Teilnehmern – auf der Doppelsechs. Ivan Sunjic, Ivan Basic und Benjamin Tahirović fehlt der kreative Geist. Torhüter Nikola Vasilj wiederum ist eine riesige Wundertüte, wie Fans des FC St. Pauli nur zu gut wissen. Er leitet schon einmal eine Riesenchance durch einen Fehlpass ein, nur um sich anschließend mit einer Glanzparade auszuzeichnen. Vasilj kann Spiele in beide Richtungen entscheiden.
Ob die Mischung aus kampfstarker Elf und einem 40-jährigen Dzeko Bosnien-Herzegowina in die K.O.-Phase tragen? Die Hymne des Dubioza Kollektivs handelt davon, dass der Sänger in sein Traumland USA auswandert. Dort angekommen muss er feststellen: Die Hoffnungen und Versprechungen erfüllen sich nicht. Im Heimatland ist es doch am schönsten. Gut möglich, dass dieser Song der passende Eintrag für den bosnischen WM-Auftritt wird – in jeder Hinsicht.
Bosnien-Herzegowina setzt auf Manndeckung und Kampfesgeist. Damit der Abstecher nach Nordamerika länger dauert, müssen vor allem die jungen Außenstürmer auftrumpfen.
GESAMTFAZIT
„ehe sie dem dreifachen Weltmeister Italien das WM-Ticket stibitzten“
Haben sie dabei dem vierfachen Weltmeister Italien direkt noch einen Titel stibitzt? 😉