Kanadas mögliche Formation während der WM 2026
Jesse Marsch hatte sich seinen Beitrag zur Weltmeisterschaft 2026 sicher anders ausgemalt. 2022 stand er kurz davor, seinen persönlichen Traumjob anzutreten: Er war in vertieften Gesprächen mit dem US-amerikanischen Verband, neuer Nationaltrainer seines Heimatlandes zu werden. Gerüchten zufolge hatte er dafür einen bereits ausgehandelten Vertrag mit Leicester City platzen lassen. Doch es kam anders. „Mir wurde ganz klar gesagt, dass ich der neue Nationaltrainer werde. Und dann wurde mir ganz klar gesagt, dass ich es doch nicht werde“, sagte Marsch später dem Magazin GiveMeSport. Bis heute kann Marsch seinen Groll kaum verbergen.
An der Weltmeisterschaft 2026 darf er dennoch teilnehmen. 2024 entschied sich der kanadische Verband, die Geschicke seiner Nationalmannschaft in Marschs Hände zu legen. Die Funktionäre scheinen zufrieden mit seiner Arbeit zu sein, sonst hätten sie seinen Vertrag nicht bereits vor der Heim-WM verlängert.
Marsch hat viele Jahre im Kosmos des Red-Bull-Konzerns gearbeitet. Er lernte sein Handwerk als Co-Trainer von Ralf Rangnick. Später betreute er nacheinander die Filialen in New York, Salzburg und Leipzig. Es überrascht daher nicht, dass der Spielstil der kanadischen Mannschaft stark an den RB-Fußball der 2010er-Jahre erinnert. Marsch möchte mit Intensität und schnellem Umschaltspiel den ersten kanadischen Sieg bei einer WM feiern. Auf dem Weg dahin gibt es jedoch noch einige Hürden.
Grundlage des kanadischen Spielsystems ist ein RB-typisches 4-2-2-2. Das Pressing der Kanadier dürfte bei deutschen Fußball-Fans Flashbacks hervorrufen: Vieles funktioniert nach den Mustern, die Ralf Rangnick in seiner RB-Schule einer ganzen Generation an deutschsprachigen Trainern mitgegeben hat. Die Stürmer lenken den Spielaufbau des Gegners in Richtung Außen. Dort schießen die Außenverteidiger nach vorne und isolieren gemeinsam mit den weit herausrückenden Sechsern und Außenstürmern den gegnerischen Spieler am Ball.

Im weiteren Verlauf der Defensivarbeit zeichnet sich Kanada durch enorme Kompaktheit aus. Die Abwehr schiebt weit nach vorne, um die Abstände zum Mittelfeld zu verringern. Die gegenüberliegenden Außenspieler bewegen sich in Richtung der ballnahen Seite. Wenn Kanada ins Pressing geht, ballt sich die gesamte Mannschaft auf einem kleinstmöglichen Areal. Läuft das Pressing schief, kehren sie sofort in eine kompakte 4-4-2-Ordnung zurück.

Die defensive Organisation ist das große Plus der Kanadier. Sämtliche Spieler scheinen zu wissen, was der Trainer im Spiel gegen den Ball von ihnen erwartet. Obwohl Kanada seit dem Viertelfinal-Aus im Gold Cup 2025 nur noch Freundschaftsspiele bestritten hat, setzte Marsch nahezu durchgehend auf dieselbe Startelf. Acht Feldspieler standen mindestens 50% aller möglichen Minuten auf dem Rasen. Das unterscheidet das Team von vielen anderen WM-Teilnehmern. Es spiegelt sich auch in den Ergebnissen wider: In 16 der 29 Partien unter Marsch‘ Ägide blieb Kanada ohne Gegentor.
Das intensive Pressing soll Kanada zu Ballgewinnen um den Mittelkreis verhelfen. Nach Balleroberungen geht es schnell: Die beiden Stürmer attackieren direkt die Tiefe, während sich die Außenspieler im Halbraum anbieten. Gerade zu Stürmer Jonathan David passt diese Strategie: Er ist nicht nur stark im Pressing, sondern auch schnell und agil im Umschaltspiel. Die Offensive ist von seinen Läufen abhängig.
Kanada gibt sich zwar redlich Mühe, die vom Trainer vorgegebene Strategie umzusetzen. Es gelingt jedoch nicht immer. Im Umschaltmoment fehlt manches Mal die technische Brillanz, um den entscheidenden Ball hinter die Abwehr zu spielen. Den Außenstürmern Ali Ahmed und Tajon Buchanan fehlt hierfür häufig der Blick für die entscheidende Aktion. Dafür sind beide exzellente Fernschützen. Das Pressing scheitert wiederum häufig am Timing im Zweikampf. Kanadas Mittelfeldspieler neigen zu überharten Fouls. In den acht Spielen im Vorlauf der Weltmeisterschaft kassierte Kanada gleich drei glatte Rote Karten – das muss man erst einmal schaffen. Immerhin lässt sich so mit Gewissheit sagen, dass Kanada selbst im 4-4-1 kompakt verteidigt.
Weder die Defensive noch das Umschaltspiel sind die größte kanadische Schwäche. Diese findet sich im Spielaufbau. Auch hier folgt Kanada dem klassischen RB-Leitbild: Sobald sie im Rückstand die Spielkontrolle übernehmen müssen, verkommen die Partien zu ganz harter Kost. Kanada verfügt zwar über taktische Mittel, um auch aus dem Ballbesitz Gefahr zu erzeugen. So rücken die Außenstürmer nicht durchgehend ein. In manchen Situationen bewegen sie sich in Richtung der Flügel. Die Außenverteidiger besetzen dafür den Halbraum. Dieses Wechselspiel funktioniert aber eher langsam, sodass dies kaum einen Gegner überrascht.

Solche Positionswechsel bleiben die Ausnahme. Viel eher vertraut die kanadische Elf den klassischen RB-Mitteln. Dazu gehört selbstredend das Steil-Klatsch-Spiel. Die Stürmer bieten sich für die Pässe in die Spitze an, legen den Ball ab und starten sofort wieder durch. Kanada eröffnet dazu das Spiel fast durchgehend flach. Im Zweifel beweisen sie Geduld: Sie spielen viele Pässe in ihrer tiefen 4-2-Staffelung, ehe sie den Durchbruch wagen. Doch auch dieses Stilmittel scheitert häufig an der fehlenden individuellen Klasse der Angreifer. Zudem rücken die Sechser eher zaghaft nach. Kanada kann den gewünschten RB-Stil selten mit Dynamik unterfüttern.
Trainer Marsch hofft, dass Superstar Alphonso Davies dieses Problem behebt. Der dauerverletzte Bayern-Star hat seit März 2025 kein Länderspiel mehr bestritten. Damals übersah das kanadische Athletikteam einen Kreuzbandriss. Davies laboriert bis heute an den Folgen dieser Verletzung. Der FC Bayern München trägt dem Verband diese Episode noch immer nach. Es wabern sogar Gerüchte durch München, der Klub habe auf Davies eingeredet, die WM im eigenen Land von sich aus abzusagen. Doch Bayerns Linksverteidiger steht im Kader. Noch ist jedoch unklar, ob der angeschlagene Star überhaupt mitwirken kann.
Damit ist er nicht allein: Davies‘ Ersatzmann Richie Laryea verpasste das letzte Saisonviertel aufgrund einer Oberschenkelverletzung. Alfie Jones galt als Hoffnung für die Innenverteidiger-Position, hat aber seit Dezember kein Pflichtspiel absolviert. Abwehrchef und Standard-Schütze Derek Cornelius hat weite Teile der Saison verletzt verpasst. Ahmed zog sich am letzten Spieltag ebenfalls eine Blessur zu. Stürmer Promise David wurde Anfang des Jahres an der Hüfte operiert. Sie alle sollen rechtzeitig zur WM fit sein. Sicher ist das nicht. Wenn Marsch dieser Tage zu Pressekonferenzen antritt, hat das etwas von einer ärztlichen Visite im Krankenhaus.
Sollte Kanada in Bestbesetzung antreten können, müssen sie keine Nation der eher leichten Gruppe B fürchten. Ihre gute defensive Organisation macht es den Gegnern schwer, ein Tor zu erzielen. Gleichzeitig plagen das Team offensive Schwächen. Wer weiß, vielleicht können die Nordamerikaner vor heimischem Publikum die nötigen Extraprozentpunkte herauskitzeln, um die Gruppenphase zu überstehen – selbst wenn es für ihren Trainer keine echte Heim-WM sein mag.
Kanada hat dieselben Stärken und Schwächen eines jeden Red-Bull-Teams: Sie sind top im Pressing und flop im Spielaufbau. Wohl und wehe des Turnierverlaufs hängt davon ab, ob die angeschlagenen Spieler rechtzeitig fit werden.
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