Ecuadors mögliche Formation während der WM 2026
Manchmal genügt eine Zahl, um die Fußballwelt in Aufruhr zu versetzen. Bei Ecuador lautet diese Zahl fünf. So wenige Gegentore hat die Mannschaft in den 18 Partien der Qualifikation zugelassen. Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht über Spiele gegen die Slowakei, Nordirland oder Luxemburg. Die südamerikanische Qualifikation gilt traditionell als die schwerste der Welt. Hier spielt jede Nation gegen jede – Heim- und Auswärtspartien gegen die Schwergewichte aus Brasilien und Argentinien inklusive.
Ecuadors Defensivbilanz wirkt noch eindrucksvoller, wenn man sie genauer seziert. Bei den ersten sechs Qualifikationsspielen saß Félix Sánchez Bas auf der ecuadorianischen Trainerbank. Er trat nach dem Viertelfinal-Aus bei der Copa America 2024 zurück. Sein Nachfolger Sebastián Beccacece debütierte mit einer 0:1-Niederlage gegen Brasilien. In den folgenden elf Spielen kassierte Ecuador nur noch ein einziges Gegentor, wobei dieses beim 2:1-Sieg gegen Venezuela nach einer Ecke fiel. Das Gegentor gegen Brasilien war also das letzte Mal, dass Ecuador in einem Pflichtspiel einen Treffer aus dem Spiel kassierte. Diese Partie fand vor knapp zwei Jahren statt. Es war zudem das erste und einzige Spiel, das Ecuador unter Beccacece verlor, Testspiele eingerechnet.
Angesichts dieser Zahlen lässt sich leicht nachvollziehen, warum insbesondere südamerikanische Fans Ecuador zum Geheimfavoriten dieser WM hypen. Die ecuadorianische Defensive gehört zum Besten, was der Verbandsfußball zu bieten hat. Um dem Status des Geheimfavoriten gerecht zu werden, müssen sie eine andere Zahl erhöhen: die geschossenen Tore. Gerade einmal neun Treffer haben sie in den Qualifikationsspielen unter Beccacece geschossen, vier davon in einer Partie gegen Bolivien. Reicht der ausgeklügelte Defensivfußball, um die Weltmeisterschaft aufzumischen?
Angesichts der Gegentorquote könnte man meinen, Beccacece würde den Mannschaftsbus im eigenen Strafraum parken. Dem ist keineswegs so. Die Mannschaft überzeugt durch ein intensives Angriffspressing. Die Grundformation ist in der Regel ein 4-4-2. Die Stürmer laufen leicht seitlich an, um den Gegner zu Pässen in das Zentrum zu zwingen. Hier agieren die Mittelfeldspieler äußerst mannorientiert. Auch die Verteidiger springen häufig aus der Abwehr heraus, um gegnerische Stürmer zu verfolgen. Somit kann Ecuador dem Gegner Zweikämpfe aufzwingen. (Wen das an die Analyse Uruguays erinnert: Der Argentinier Beccacece gilt als Jünger seines Landsmanns Marcelo Bielsa, bei der WM als Trainer Uruguays aktiv.)

Schlägt das Pressing fehl, zieht sich die Mannschaft sofort in einen kompakten Block zurück. Der Übergang zwischen mannorientiertem Pressing und raumorientiertem 4-4-2 funktioniert besser als bei 90% der deutschen Bundesliga-Teams. Sobald der Gegner den Ball laufen lässt, verschiebt Ecuador geduldig von einer Seite zur anderen. Die Verteidiger rücken immer wieder nach, sodass praktisch keine Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr entstehen.
Am meisten hat mich die Wandlungsfähigkeit der ecuadorianischen Defensive beeindruckt. Die Grundlage mag immer eine kompakte 4-4-2-Formation sein. Trainer Beccacece passt seine Mannschaft in Details aber stets an den Gegner an. Wenn dessen Außenverteidiger weit vorrücken, besetzt in der Regel Alan Franco den rechten Flügel. Er agiert im hohen Pressing als Rechtsaußen, zieht sich im weiteren Angriffsverlauf aber in die Abwehrkette zurück. So entsteht ein breites 5-3-2-System. In anderen Partien ließ sich Sechser Moisés Caicedo in die Abwehrkette fallen, um einen Schlüsselspieler des Gegners zu verfolgen. Ecuador geht keine zwei Partien gleich an.
Dass Ecuadors Defensive so gut funktioniert, hat nicht nur taktische Gründe. Sie verfügen schlicht über eine der besten Abwehrketten des Turniers. Willian Pacho gibt im Zentrum den Abwehrchef. Piero Hincapié kommt links von ihm zum Einsatz. Beide standen sich noch vor wenigen Wochen im Champions-League-Finale gegenüber – Pacho für PSG, Hincapié für Arsenal. Rechts an ihrer Seite kickt mit Joel Ordóñez ein großes Talent. Als Linksverteidiger läuft häufig Pervis Estupiñán auf, der beim AC Mailand seine Brötchen verdient. Als er im Herbst verletzt fehlte, rückte Hincapié auf die Linksverteidiger-Position. Dann verschiebt sich die gesamte Formation um eine Position nach links. So oder so: Ecuador verfügt über Klasse in der letzten Linie.

Schlüsselspieler ist indes ein anderer: Caicedo schnappt sich vor der Abwehr jeden freien Ball. Er verfügt über ein herausragendes Gespür für den Raum. Sein Timing leitet das Team: Wenn er vorrückt, spielt Ecuador Pressing; wenn er zurückweicht, sortiert sich das Team um ihn herum. Der Superstar von Chelsea ist der unangefochtene Anführer.
So gut Ecuadors Defensive funktionieren mag: Ganz makellos ist sie nicht. Wenn der Gegner Ecuador herauslockt, finden sich Lücken hinter dem mannorientierten Pressing. Es sind zwar präzise Pässe unter Druck nötig, um diese Räume zu bespielen; Ecuador kehrt – wie gesagt – schnell in eine kompakte Ordnung zurück. Doch gerade Deutschland könnte Ecuador mit den schier endlosen Optionen im Zehnerraum vor Probleme stellen. So muss ich die eingangs heruntergeleierten Zahlen an dieser Stelle relativieren: Ecuador hat in der Qualifikation 13,3 Expected Goals zugelassen, also deutlich weniger Gegentore kassiert als erwartet.
Die Defensive lässt sich aber auch mit Detailanalysen und Expected Goals nicht zur Schwachstelle herunterschreiben. Diese ist ganz klar die Offensive. Auch im Spielaufbau passt sich Ecuador an den Gegner an. Mal schiebt ein Außenverteidiger vor, sodass eine Dreierkette entsteht. In anderen Partien setzen sie auf ein klassisches 4-3-3. Caicedo bleibt auch in dieser Spielphase Schlüsselspieler der Mannschaft. Jeder Angriff läuft über den zurückfallenden Sechser.

Die meisten Akteure rücken eher zaghaft nach vorne. Sowohl die Achter als auch die Außenverteidiger halten sich zurück. Zur Überbrückung des Mittelfelds benötigt Ecuador lange Bälle. Allerdings findet sich vorne kein Spielertyp, der diese Zuspiele halten kann. Stattdessen soll Stoßstürmer Enner Valencia hinter die Abwehr geschickt werden. Ecuadors Rekordtorschütze feiert seine dritte WM-Teilnahme. Er ist mittlerweile 36 Jahre alt – und das spürt man. Sein Spiel ist nicht so dynamisch wie in früheren Tagen. Die (größtenteils sehr jungen) Außenstürmer müssen sich erst auf internationalem Niveau beweisen.
Tore erzielt Ecuador vor allem über Schnellangriffe. Wenn sie nach Ballgewinnen das Tempo ihrer Außenstürmer bedienen können, sind sie kaum mehr zu halten. Hier zeigt auch Valencia seine ganze Routine und Klasse. Er mag nicht mehr als erster Spieler im gegnerischen Strafraum ankommen. Er weiß jedoch genau, wo das Tor steht. So dürfte Ecuador gegen die meisten Gegner bei dieser WM auf wenig Ballbesitz und schnelle Konter bauen.
Ecuadors Hoffnungen für die WM 2026 gründen sich vollends auf die starke Defensive. Wenn die Stars ihr Potenzial abrufen, dürften selbst die stärksten Offensivreihen an der ecuadorianischen Abwehr zerschellen. Ob sie so auftrumpfen wie in der Qualifikation, bleibt abzuwarten. Ecuador holte die Mehrzahl der Punkte in heimischen Stadien. Die wichtigen Qualifikationsduelle trugen sie in Quito aus. Das dortige Stadion liegt fast 3.000 Meter über dem Meeresspiegel. Das ist ein echter Wettbewerbsvorteil, der sich nicht auf ihre Spiele in den USA übertragen lässt. Ecuador wird auch bei der WM gut verteidigen. Ob das für eine Überraschung im Turnierverlauf reicht, ist wiederum eine andere Frage.
Defensiv großartig, offensiv mit vielen Fragezeichen. Ecuador könnte große Gegner ärgern, dürfte sich aber schwertun, sobald das Team gegen Außenseiter selbst kreativ werden muss.
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