Uruguay mögliche Formation bei der WM 2026
Marcelo Bielsa ist bekannt für seine ausufernden Reden. Seine Weisheiten über den Fußball und das Leben hatten einst einen Verlag veranlasst, seine gesammelten Zitate als Buch zu veröffentlichen. Doch bei einer Pressekonferenz im November 2025 ging es für Bielsa nicht darum, seinen Ruf als Fußballphilosoph zu festigen. Er musste seinen Job retten.
Uruguay hatte zuvor 1:5 gegen die USA verloren. Eine höhere Klatsche hatte der zweifache Weltmeister zuletzt vor zwanzig Jahren kassiert. Medien berichteten, dass das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft zerrüttet sei. Die uruguayische Öffentlichkeit forderte seinen Rausschmiss. In einer Talkshow flehte ein Teilnehmer: „Bitte, Donald Trump, verweigere Bielsa das Visum!“
Der Trainerveteran verteidigte sich gewohnt wortgewandt. „Wenn die Spieler wollen, dass ich gehe, ist das ganz einfach. Sie sagen mir: ‚Hören Sie, wir wollen, dass Sie gehen!‘“ Bielsa glaube jedoch an seine Vision. An einen Rücktritt habe er nie gedacht: „Ich habe die gleiche Kraft wie am ersten Tag, um bis zur Weltmeisterschaft bei der Nationalmannschaft zu bleiben.“
Bielsa konnte mit diesem Auftritt zwar seinen Rauswurf verhindern. Doch die uruguayische Öffentlichkeit blickt weiterhin kritisch auf den alten Kauz aus Argentinien. Der 70-Jährige mag mit seinen taktischen Ideen und seiner unbändigen Liebe zum Fußball Trainer wie Pep Guardiola, Mauricio Pochettino und Diego Simeone beeinflusst haben. Doch in das Turnier in Nordamerika geht er mit einer gewaltigen Hypothek.
Dabei sah die Verbindung zwischen Uruguay und Bielsa zunächst nach einer Liebesheirat aus. 2023 verpflichtete der Verband den Argentinier. Bielsa wollte in Uruguay seine charakteristische, intensive Spielweise implantieren. Gegen den Ball setzt Bielsa auf eine enge Manndeckung. Bei Ballbesitz schwärmen die Spieler aus, wobei Bielsa stark in Paaren denkt. Doppelpässe und abgestimmte Bewegungen zwischen den Spielern sind sein Steckenpferd.

Bis zur Copa América 2024 schien alles zu passen. Uruguay scheiterte erst im Halbfinale an Kolumbien. Nach der hitzigen 0:1-Niederlage lieferten sich mehrere uruguayische Spieler eine Schlägerei mit kolumbianischen Fans. Zahllose Stammspieler wurden gesperrt. Im Anschluss an das Turnier suchten mehrere uruguayische Spieler die Öffentlichkeit. Sie warfen Bielsa eine mangelhafte Kommunikation sowie ein zu eintöniges Training vor. Besondere Wellen schlugen die Wortbeiträge von Landeslegende Luis Suarez. Der Stürmer schloss sich der Kritik seiner Kollegen an und trat aus der Nationalmannschaft zurück. Seitdem schießt er immer wieder öffentlich gegen den Nationaltrainer.
Nach der Copa América fand der zweifache Weltmeister nicht mehr in Form. In 17 Spielen feierten die Uruguayer gerade einmal drei Siege, es gab zehn Unentschieden und vier Niederlagen. (Die Spiele gegen die Dominikanische Republik (1:0) und Usbekistan (2:1) klammere ich in den Berechnungen dieses Artikels aus. Hier trat eine uruguayische C-Elf bei einem Turnier in Malaysia an.) Tiefpunkt war die erwähnte 1:5-Niederlage gegen die USA, bei der Uruguay bereits nach 40 Minuten 0:4 zurücklag.
Was läuft sportlich schief? Uruguay ist auf den ersten Blick ein typisches Bielsa-Team. Gegen den Ball bedeutet dies, dass sie aus einer 4-2-3-1-Formation auf eine Manndeckung setzen. Uruguay geht dabei nicht mit vollem Furor ins Pressing. Erst um den Mittelkreis herum setzt das Team zu den für Bielsa typischen Mannorientierungen an. Ab hier verfolgen sie den Gegner eng. Das passt zu einer Fußballnation, die mit Kämpfernaturen und defensiven Eins-gegen-Eins-Spezialisten gesegnet ist.

Entsprechend ist die Defensive nicht die größte Schwachstelle Uruguays. Seit der Copa América blieb das Team in neun der 17 Spiele ohne Gegentor. Das Problem findet sich in der Offensive: In zehn Spielen schoss Uruguay kein Tor. (Sieben der 17 Spiele endeten entsprechend 0:0.) Bielsa sagt selbst: „Wir waren eine Mannschaft mit offensivem Profil. In der letzten Zeit kommt der Ball nicht mehr klar bis ins vordere Drittel. Das ist das Problem.“
Offensiv sieht man zwar einige für Bielsa typische Elemente. Im Aufbau verformt sich die Vierer- zu einer Dreierkette. Meist geschieht dies über ein asymmetrisches Vorrücken des Rechtsverteidigers. Manchmal rücken auch beide Außenverteidiger vor und ein Sechser lässt sich fallen.
So oder so: Uruguay möchte den Ball aus der Dreierkette im Aufbau möglichst schnell in Richtung Angriffszone befördern. Die Mittelfeldspieler postieren sich entsprechend hoch. Mit Ausnahme des Sechsers sprinten sämtliche Mittelfeldspieler ständig nach vorne, seien es die beiden Achter oder die Außenspieler. Sie attackieren die letzte Linie, während Stürmer Rodrigo Aguirre oder der jeweilige Rechtsaußen lange Bälle weiterleiten sollen.
Diese langen Bälle sind aber oft der einzige Weg, um ins Angriffsdrittel zu gelangen. Ein Spiel durch das Mittelfeld findet praktisch nicht statt. Die für Bielsa so charakteristischen Positionswechsel und die nachrückenden Läufe der Verteidiger sieht man nur selten. Einzig Rodrigo Bentancur sorgt für Überraschungsmomente, wenn er den Ball aus dem Sechserraum nach vorne schleppt. Dass er rechtzeitig zur WM fit wird, ist eine gute Nachricht für das Team.

Das taktische System wirft Fragen auf – vor allem nach der Rolle von Federico Valverde. Bei Real Madrid sammelte der vielseitige Mittelfeldspieler in der abgelaufenen Saison die drittmeisten Scorerpunkte nach Kylian Mbappé und Vinicius Junior. In der uruguayischen Nationalmannschaft läuft das Spiel komplett an ihm vorbei. Er zeigt unterstützende Läufe nach vorne, geht gegen den Ball gewissenhaft seiner Manndeckung nach. Ansonsten sieht man ihn praktisch nicht. Es spricht Bände, dass er seit der Copa América in elf Länderspielen gerade einmal zwei direkte Torbeteiligungen vorzuweisen hat.
Eine Schwachstelle ist die Torhüter-Position. Uruguay fahndet verzweifelt nach einem Nachfolger für Fernando Muslera. Es erscheint sogar möglich, dass der zwischenzeitlich zurückgetretene Muslera ins Tor zurückkehrt. Beim 1:1 im März gegen England stand er jedenfalls im Kasten, im Kader für Nordamerika steht er ebenfalls. Er feiert während der WM seinen 40. Geburtstag.
Uruguay geht als kleine Wundertüte in dieses Turnier. Betrachtet man die jüngsten Leistungen und vertraut den Berichten über das zerrüttete Verhältnis zwischen Trainer und Spielern, wird das Turnier eher ein Reinfall. Uruguay muss aufpassen, Blamagen gegen Kap Verde und Saudi-Arabien zu vermeiden. Zugleich beinhaltet der Kader viele starke Spieler. Die meisten Teilnehmer dürften Uruguay um eine Innenverteidigung aus José María Giménez und Ronald Araujo beneiden. Bielsa muss aber in der Vorbereitung an den massiven offensiven Schwächen feilen.
Und an sich selbst. Er wolle seine Kommunikation überdenken, sagte er auf der eingangs erwähnten Pressekonferenz. „Ich bin ein schüchterner, zwanghafter, mechanischer Mensch. Es fällt mir schwer, locker, ungezwungen und freundlich aufzutreten“, gab er offen zu. Und er fügte hinzu: „Ich bin toxisch.“ Es bleibt für „el Loco“ zu hoffen, dass er nicht nur für Pressekonferenzen wie diese in Erinnerung bleibt – sondern für seine Vision eines offensiven Fußballs.
So sehr ich Bielsa ein erfolgreiches Turnier gönne: In der Vorbereitung deutete wenig darauf hin, dass Uruguay weiter als bis ins Sechzehntelfinale gelangt. Das Potenzial für mehr ist aber auf jeden Fall vorhanden.
GESAMTFAZIT
das absurde ist ja, dass sie wohl als einziges Teams garkein Vorbereitungsspiel absolvieren (passt aber auch irgendwie zu Bielsa). wobei es wahrscheinlich kaum ein Team nötiger hätte als sie. so wenig wie die letzten Jahre gelaufen ist, und so viele wichtige Spieler wenig Spielpraxis über die Saison hatten durch Verletzungen, Formschwächen usw (Gimenez, Ugarte, Nunez, de Arrascaeta, Betancur, Araujo), und sie auch in vielen Partien zuletzt immer wieder auf Topspieler verzichten mussten.
Eigentlich kann das alles nicht gut gehen
Ja, selbst mit einer Bielsa-Fanbrille wirkt das alles seltsam. Bei der Kadervorstellung drehte sich natürlich alles um Luis Suarez, wobei der ja kurz vor dem Ende seiner Karriere steht. Er hatte aber vorher öffentlich betont, dass er zurückkommen würde für die Nationalelf. Bielsa hat ihn nicht nominiert. Da fragt man sich, ob der Move von Ancelotti nicht cleverer war: Neymar nominieren, den Hype mitnehmen und ihn dann von der Bank ein paar Minuten spielen lassen. Uruguay ist mein erster Kandidat für eine sensationelle Niederlage.
Bin auch ein großer Bielsa-Fan (seit Chile 2010) und finds immer wieder schade, dass diese Liebling aller Fußball-Nerds überall wo er arbeitet nur so eine geringe Halbwertszeit hat…und gefühlt auch nirgendwo im Guten weggeht. Wohl das beste Beispiel, dass das Coaching-Dasein eben nicht nur Ahnung von der Materie, sondern auch dringend (soziale) Vermittlungsqualitäten mit sich bringt. Bielsa ist wie so ein Film, auf den man sich lange freut, weil Lieblings-Regisseur, Lieblings-Schauspieler und dreifach oscarprämierter Drehbuchautor ist mit einer coole Storyidee auch mit am Start – und dann passt das alles hinten und vorne nicht zusammen. Schade um das Potential, das man viel zu selten am Tag X (WM) zu sehen bekommt. Chile ist ja damals 2010 auch schon im Achtelfinale gegen biedere Brasilianer raus.