Mögliche Formation Kap Verdes bei der WM 2026
Bei der Erweiterung der WM auf 48 Teilnehmer war stets eingepreist, dass auch Nationen am Turnier teilnehmen, die bislang nicht einmal in die Nähe einer WM kamen. Keine Sensation war dabei so groß wie die Qualifikation von Kap Verde. Der 500.000 Einwohner zählende Inselstaat an der Westküste Afrikas stellt zwar nur den zweitkleinsten Teilnehmer – Curacao hat ihnen diesen Superlativ abgeluchst. Im Vergleich zu den Mittelamerikanern mussten sie sich in der Qualifikation jedoch nicht gegen drittklassige Jamaikaner behaupten, sondern ließen mit Kamerun ein Schwergewicht des afrikanischen Fußballs hinter sich.
Ein Zufall ist Kap Verdes Teilnahme nicht. Der Verband ging in den vergangenen Jahren den Weg, den viele afrikanische und mittelamerikanische Landesverbände wählten: Sie suchten in Europa und Nordamerika nach Spielern mit kapverdischen Wurzeln. Als der Verband den Verteidiger Roberto Lopes für sich gewinnen wollte, hielt dieser eine LinkedIn-Nachricht von Trainer Bubista zunächst für Spam. Doch im zweiten Versuch hörte er auf den Ruf der Nationalmannschaft. Viele taten es ihm gleich. Die meisten kapverdischen Spieler stammen aus Portugal, der einstigen Kolonialmacht, der das Land bis 1975 angehörte. Andere Spieler sind in Frankreich, den Niederlanden oder Irland geboren.
Dennoch: Kap Verdes Teilnahme steht für die Licht- und Schattenseiten der Erweiterung des Turniers. Auf der einen Seite erwärmen die Bilder freudestrahlender Kapverdianer das Herz eines jeden Fußballfans. Auf der anderen Seite finden sich sportlich wenig Argumente, warum die Welt auf das Duell Saudi-Arabien gegen Kap Verde hinfiebern sollte. Der bunt zusammengewürfelte Haufen überzeugt bei Standards und Kontern, lässt aber in der Defensive die Organisation vermissen.
Kap Verde setzt auf eine Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1. Vor allem im Mittelfeld tauschen die Spieler wild ihre Positionen. Es ändert sich minütlich, welcher Spieler sich auf der Sechs, auf der Acht oder auf der Zehn anbietet. Manches Mal fallen die zentralen Mittelfeldspieler auch auf die Außenverteidiger-Position zurück, sodass diese weit nach vorne rücken können.
Diese Ansätze im Mittelfeld spielt Kap Verde aber selten aus. Sie versuchen zwar, den Gegner mit kurzen Pässen zu locken. So wählen sie bei eigenen Abstößen fast immer die kurze Variante. Spätestens nach dem zweiten oder dritten Pass folgt jedoch der lange Ball. Kap Verde möchte die Kugel vor allem auf die Außen bekommen. Hier haben sie zahlreiche schnelle wie robuste Spieler zur Verfügung. Diese sollen sich am Boden und in der Luft durchsetzen.

Diese Spielanlage wirkte vor allem zu Beginn der Qualifikation nicht sonderlich ausgereift. Man spürte, dass dieses Team noch Monate zuvor sang- und klanglos in der Qualifikation zum Africa Cup gescheitert war. Dort wurden sie Gruppenletzter hinter Ägypten, Botswana und Mauretanien. Zunächst schien es fragwürdig, wie Kap Verde mit Kamerun mithalten will. Das Hinspiel in Yaoundé ging krachend mit 1:4 verloren. Nach drei Spieltagen lagen die „Blauen Haie“ mit vier Punkten auf dem vierten Platz ihrer Qualifikationsgruppe.
Danach folgte die Wende: Kap Verde gewann sechs der ausstehenden sieben Partien. Ein Eckpfeiler für diesen Turnaround war der Einbau von Angreifer Dailon Livramento. Der in Rotterdam geborene Mittelstürmer brachte dem kapverdischen Spiel eine Facette, die zuvor massiv vermisst wurde: Geradlinigkeit. Livramento geht nicht nur im Pressing vorneweg, sondern startet auch im Ballbesitzspiel ständig hinter die gegnerische Abwehr. Er sorgt für Tiefe innerhalb des eigenen 4-2-3-1-Systems. In den wichtigen Spielen gegen die stärksten Konkurrenten in der Qualifikation, Angola (2:1) und Kamerun (1:0), erzielte Livramento sämtliche Tore.
Dessen Sprintstärke wissen seine Mitspieler vor allem im Umschaltmoment einzusetzen. Hier schlummert eine Stärke des Teams: Die Mannschaft verfügt im letzten Drittel über viel Tempo, während Routinier Ryan Mendes den tödlichen Pass spielen kann. Kap Verdes Rekordnationalspieler und Rekordtorschütze wurde in der Qualifikation auf praktisch allen Positionen der offensiven Dreierreihe eingesetzt und ist ein unverzichtbarer Teil des Offensivspiels.

Die meisten Tore erzielte Kap Verde indes nicht über das Umschaltspiel. Acht der 14 Tore fielen nach Hereingaben vom Flügel, wobei fünf ihrer Tore ein Standard vorausging. Besonders Rechtsverteidiger Wagner Pina überzeugt mit einer starken Technik bei Hereingaben. Neben Livramento sind auch Willy Semedo und Innenverteidiger Diney Borges Kopfballspezialisten. Allerdings zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass die hohe Zahl an Standardtoren eng mit der Schwäche der Gruppengegner zusammenhing. Kap Verde erzielte teils Tore nach komödiantischen Abwehr- und Torwartpatzern.
Defensiv verteidigt Kap Verde nicht auf dem allerhöchsten Niveau. Das wurde spätestens in den Testspielen im März deutlich, als sich die nicht für die WM qualifizierten Teams aus Chile (2:4) und Finnland (1:2) Chancen im Minutentakt erspielten. Zwar hat sich das Pressing durch Livramento verbessert. Grundsätzlich orientieren sich Kap Verdes Spieler stark am jeweiligen Gegenspieler. Besonders im Mittelfeld nehmen die Spieler früh die Mannorientierungen auf. Im Gegensatz zu vielen anderen WM-Teilnehmern schiebt ihre Abwehr aber nicht allzu weit nach vorne. So entstehen manches Mal Lücken vor der Abwehrkette. Umso wichtiger ist es, dass die erste Pressinglinie Druck ausübt. Livramento beherrscht dies dank seines großen Tempos.

Aber auch in der neuen Besetzung bleibt die Defensive die große Baustelle der Mannschaft. Kap Verde verteidigt tief, mannorientiert und dadurch mit wenig Kompaktheit. Sie verlassen sich vollkommen auf die Zweikampfstärke und die Geschwindigkeit ihrer Spieler. Das mag gegen zweitklassige afrikanische Gegner funktionieren. Gegen stärkere Gegner führt dies zu argen Problemen. Chile und Finnland kamen immer wieder völlig frei in den Raum vor der Abwehr. Auch im Umschaltmoment ist Kap Verde defensiv verwundbar.
Einen X-Faktor hat Trainer Bubista noch in der Hinterhand: Logan Costa. Der Innenverteidiger von Villareal ist der einzige kapverdische Akteur auf gehobenem internationalem Niveau. Allerdings hat er die gesamte Saison mit einem Kreuzbandriss verpasst. Er kehrt rechtzeitig zur Weltmeisterschaft in den Kader zurück und absolvierte beim 3:0-Testspielsieg gegen Serbien eine Halbzeit. Wie viel Spielzeit er bei der WM erhält, ist freilich eine andere Frage. Apropos Testspielsiege: Auch gegen Bermuda setzte sich Kap Verde mit 3:0 durch. Die beiden deutlichen Siege unterstreichen ihr offensives Potenzial.
Bei der Auslosung hatte Kap Verde wenig Glück. Bereits zum Auftakt wartet mit Spanien das wohl offensivstärkste Team dieser Weltmeisterschaft. Es erscheint kaum vorstellbar, dass der Außenseiter gegen den amtierenden Europameister defensiv bestehen kann. Für den Traum vom Sechzehntelfinale benötigt es starke Konter gegen Uruguay und eine tadellose Leistung gegen Mit-Außenseiter Saudi-Arabien. Für das kleine Land ist indes bereits die Qualifikation für das Turnier ein Riesenerfolg. Selbst wenn sie in der Vorrunde ausscheiden: Allein ihre Teilnahme bietet eine Geschichte für die Ewigkeit.
Nicht vom Namen abschrecken lassen: Kap Verde hat viele Spieler im Kader, die in Europa eine Top-Ausbildung genossen haben. Für eine WM-Überraschung müssen sie sich jedoch defensiv stark steigern.
GESAMTFAZIT
Ein wenig unwirklich, dass ich Sidny Lopes Cabral vor vier Jahren noch in der Oberliga für Erfurt gegen Bautzen hab spielen sehen. Bin sehr gespannt auf Kap Verde, Yannick Semedo hatte ich mal bei FM als Box-to-Box Spieler
Ich glaube gerade hier tummeln sich einige User, die sich auf eine WM vor allem wegen Spielen wie Saudi Arabien vs. Kap Verde freuen, auch wenns fußballerische Magerkost sein mag. Da zähle ich mich dazu. England-Frankreich kann ich mir gefühlt jedes Jahr anschauen, aber diese spezielle Stimmung, die gerade bei Weltmeisterschaften aufkommt, wenn ein Neuling/Underdog sich schon bei der Hymne komplett zerreißt, dafür liebe ich die Gruppenphase. Kap Verde war für mich sowieso nur ne Frage der Zeit, dass die sich mal qualifizieren. Dem Vernehmen nach einer der professioneller organisiertenVerbände in Afrika.
Ich denke Kap Verde hat sich defensiv gesteigert. Es hat mir große Freude gemacht sie gegen Spanien so beherzt verteidigen zu sehen.