Als Europameister an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, verheißt nichts Gutes. Die Bilanz der vergangenen zehn Turniere liest sich grauenerregend: Drei Europameister konnten sich für die darauffolgende WM gar nicht erst qualifizieren (Dänemark 1994, Griechenland 2006, Italien 2022). Zwei weitere scheiterten bereits in der Gruppenphase (Frankreich 2002, Spanien 2014), zwei flogen im Achtelfinale raus (Niederlande 1990, Portugal 2018). Deutschlands schwaches Abschneiden bei der WM 1998 liest sich unter diesen Gesichtspunkten gar nicht so schlecht: Berti Vogts Team kam immerhin ins Viertelfinale. Nur ein einziger Europameister konnte im folgenden Turnier restlos überzeugen: Die Spanier krönten sich nach ihrem EM-Triumph 2008 zwei Jahre später zum Weltmeister.
Diese Leistung möchte „La Furia Roja“ im Jahr 2026 wiederholen. Sie reisen mit breiter Brust zum Turnier: Seit einer 0:1-Testspiel-Niederlage gegen Kolumbien im März 2024 haben sie kein Länderspiel mehr verloren. Die Nations League im vergangenen Sommer gewann Spanien nur deshalb nicht, weil im Elfmeterschießen gegen Portugal die Nerven versagten.

Die Iberer schicken das wahrscheinlich kompletteste Team nach Nordamerika. Ihre gesunde Mischung aus klarer Strategie, ausgewiefter Taktik und hoher individueller Klasse ist in der Theorie jedem WM-Gegner überlegen. Ob das auch in der Praxis gilt, ist wiederum eine andere Frage: Spanien muss nicht nur dem Europameister-Fluch trotzen, sondern auch diversen Form- und Verletzungssorgen.
Spanien hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren gänzlich dem Ballbesitzfußball verschrieben. Seit Pep Guardiola mit dem FC Barcelona große Erfolge gefeiert hat, setzt auch die spanische Nationalmannschaft auf den „Tod durch tausend Pässe“. Beizeiten verkam das spanische Passspiel zum Selbstzweck. Nicht umsonst hat die Weltmeister-Elf von 2010 den Begriff „tikinaccio“ geprägt, ein Mischwort aus „tiki taka“ und „Catenaccio“.
Nationaltrainer Luis de la Fuente hat dem spanischen Fußball ein Upgrade verpasst: Seine Elf setzt auf ein deutlich zielgerichteteres und schnelleres Passspiel. Grundlage ist noch immer ein klar definiertes Positionsspiel. Sechser Rodri lässt sich zwischen die Innenverteidiger fallen. Im initialen Moment entsteht so eine 5-2-3-Formation. Durch das Vorrücken der Außenverteidiger entsteht im weiteren Angriffsverlauf ein 3-2-5. Die Spanier besetzen die Positionen auf dem Feld recht gleichmäßig. Sie ziehen das Spiel ganz in die Breite und erzeugen über ihre Angreifer auch viel Tiefe.

Für die Spanier ist diese Aufteilung nur der Ausgangspunkt. Das Herzstück ihres Spiels findet sich auf den Außen: Lamine Yamal und Nico Williams bilden die dribbelstärkste Flügelzange dieser WM. Williams agiert von der linken Seite aus enorm tororientiert. Er rückt häufig in den Halbraum ein und startet von dort zu Dribblings. Rechtsaußen Yamal verbleibt etwas häufiger in der Breite. Mit seinen schnörkeligen Dribblings hat Yamal schon manchem Weltklasse-Verteidiger die Beine verdreht. Die vakante Stelle im Halbraum besetzt der Rechtsverteidiger. Spanien bindet die Außenstürmer häufig in das Angriffsspiel ein. So fliegen aus der Verteidigung ständig Diagonalbälle in Richtung der Flügel, wo Yamal und Williams selbst schwer zu verarbeitende Pässe mühelos herunterpflücken.
Wenn die Außenspieler das Herz sind, stellen die Achter die Lunge dar. Sie sorgen dafür, dass Spaniens Ballbesitzspiel nicht zu starr wird. Egal, ob Pedri, Gavi, Mikel Merino oder Fabian Ruiz die beiden vakanten Positionen im Mittelfeld besetzen: Sie alle legen in neunzig Minuten regelmäßig zwölf oder gar dreizehn Kilometer zurück. So tauchen sie im spanischen Spiel überall auf: Mal unterstützen sie Rodri tief im Aufbau, mal besetzen sie die letzte Linie und attackieren die Tiefe. Die Achter sind auch häufig auf den Flügeln anzutreffen, um hier Überzahlmomente mit den Außenstürmern zu schaffen.
Sobald das spanische Passspiel erst einmal läuft, kann der Gegner es kaum mehr stoppen. Die Spieler passen sich die Bälle mit einer derartigen Präzision und Wucht zu, dass die gegnerische Abwehr keinen Zugriff erlangt. Am ehesten kann man die Spanier noch stellen, wenn sie sich in der ersten Aufbaulinie befinden. Allerdings bestrafen sie ein zu aggressives Pressing mit unerwarteten Bällen hinter die Abwehr. Im letzten Drittel angekommen sind sie indes kaum mehr zu halten. Dann zaubern Yamal und Williams, was das Zeug hält.
Selbst die Mittelstürmer-Position ist nicht mehr das große Problem vergangener Tage. Mikel Oyarzabal reist in starker Form zur WM. 2026 gelangen ihm in 26 Pflichtspielen 15 Tore, u.a. traf er im Finale der Copa del Rey. Entsprechend ist die Offensive Spaniens Faustpfand. Seit der WM haben sie im Schnitt 2,88 Tore pro Pflichtspiel erzielt. Dabei trafen sie in der Nations League auf Top-Gegner wie die Niederlande (2:2 & 3:3), Frankreich (5:4) und Portugal (2:2).
Die Ergebnisse zeigen jedoch auch: Spanien ist anfällig in der Defensive. Etwas relativiert werden die vielen Gegentore durch das Fehlen von Stabilisator Rodri; die genannten Partien fielen allesamt in die Zeit seines Kreuzbandrisses. Martín Zubimendi kann ihn nicht annähernd ersetzen. Aber auch mit Rodri gibt es Schwachstellen, die starke Gegner angreifen können. Spanien möchte den Ball möglichst früh erobern. Sie wechseln dabei zwischen einem 4-3-3- und einem 4-4-2-Pressing – je nach Aufbauvariante des Gegners. In der Absicherung hinter dem hohen Pressing agieren sie oft mannorientiert. Clevere Gegner locken Spanien heraus und attackieren sofort die Tiefe. Auch nach Ballverlusten wirkt Spanien nicht durchgehend sattelfest: Sobald die erste Gegenpressing-Linie überspielt wurde, schwimmt die weit vorgerückte Restverteidigung. Doch um diese Schwächen auszunutzen, muss der Gegner über enorme Passsicherheit unter Druck verfügen. Denn die Spanier machen immer Druck – egal, ob gerade die vierte Minute der ersten Halbzeit oder die dreizehnte Minute der Verlängerung läuft.

Lange Zeit waren die Spanier meine Benchmark für die Sterne-Bewertung. Ich hatte geplant, sie als einzige Nation mit fünf Sternen zu prämieren. Alle anderen Teams habe ich im Anschluss mit Spanien verglichen. Ich muss aber kurz vor der WM einen halben Stern abziehen. Zu groß sind die Fragezeichen hinter der Form der angeschlagenen Spieler. Yamal und Williams kommen aus einer Verletzung. Sie können wahrscheinlich erst im Laufe des Turniers eingreifen. Auch Merino ist nicht fit. Das mag zunächst weniger dramatisch klingen als ein Ausfall der Flügelflitzer. Aber der Arsenal-Star war mit sechs Treffern nicht zufällig Torschützenkönig der spanischen Qualifikation. Seine vertikalen Läufe bringen eine Facette ins Mittelfeld, die sonst nur der (zurzeit nicht gesetzte) Dani Olmo liefert. Immerhin: Der Turnierauftakt fällt mit Spielen gegen Kap Verde und Saudi-Arabien moderat aus. Es kann angesichts eines längeren Turniers sogar ein Vorteil sein, wenn Spaniens Topstars am Ende zwei oder drei Spiele weniger in den Knochen stecken.
Nicht unerwähnt bleiben soll die fast schon freche Konkurrenzsituation im Tor: Hier hat de la Fuente die Wahl zwischen dem Stammtorhüter des spanischen Meisters (Joan Garcia), dem Keeper des englischen Titelträgers (David Raya) sowie dem Rückhalt der vergangenen Turniere (Unai Simon). Jetzt gilt es nur noch, den Fluch des Europameisters zu brechen. Spanien kennt beide Extreme: 2010 gewannen sie als Europameister den Titel. 2014 jedoch endete ihre erste große Ära im Weltfußball mit einem peinlichen Vorrunden-Aus. Wenig deutet daraufhin, dass für Spanien die WM 2026 ähnlich desolat verläuft. Andererseits: Auch bei den anderen Europameistern hat sich der Absturz nicht unbedingt abgezeichnet.
Spanien geht als einer der Topfavoriten in dieses Turnier. Kein anderes Team verbindet individuelle Klasse so harmonisch mit einem ausgefeilten taktischen Konzept.
GESAMTFAZIT
hey, nur kurze info, im titel fehlt „Spanien“
LG
Danke dir!