Norwegens mögliche Formation während der WM 2026
Norwegen hat sich mit dem WM-Fieber infiziert. Die erste Qualifikation seit 28 Jahren als Ereignis zu bezeichnen, käme dem Hype um das Team nicht ansatzweise gerecht. Netflix hat eine Hochglanz-Dokumentation produziert, in der die norwegischen Protagonisten alle Stationen der Qualifikation nacherzählen. Unter anderem kommen Trainer Ståle Solbakken und Kapitän Martin Ødegaard zu Wort. Wer die Geschichte lieber lesen statt sehen möchte, kauft das Buch ‚Oppstandelsen‘ des Journalisten Alfred Fidjestøl. Er hat die norwegische Nationalmannschaft drei Jahre lang begleitet. Die offizielle Kaderverkündung erfolgte nicht über eine Pressekonferenz, sondern mithilfe eines Hochglanz-Videos, für das in ganz Norwegen gedreht wurde. Die Erzählstimme aus dem Off stammt von niemand Geringerem als König Harald V. Das Projekt Weltmeisterschaft genießt damit royalen Segen. Selbst das offizielle Mannschaftsfoto bekam einen besonderen Touch: Der norwegische Tross ließ sich in Wikingerkluft ablichten.
Obwohl Norwegen seit 1998 bei keinem Turnier vertreten war, reist das Team in den Augen vieler Betrachter als Geheimfavorit nach Nordamerika. Wobei: Wie geheim kann ein Favorit sein, der auf die Torjägerkünste von Erling Haaland vertrauen kann? Damit nicht genug: Die gesamte Offensive der Norweger strotzt nur so vor Angriffskraft. In der Qualifikation stellten sie mit 37 Treffern den europäischen Torrekord auf – und das, obwohl sie Israel und allen voran Italien bespielen mussten. Besonders die Kantersiege gegen den vierfachen Weltmeister (3:0 & 4:1) haben Aufsehen erregt.

Trainer Solbakken gelang es nach Jahren der Suche endlich, ein passendes System für seine Superstars zu basteln. Die Norweger schicken eine eingespielte Gemeinschaft zur WM, wobei sie im Vergleich zu manch anderem Geheimfavoriten keinerlei herbe Ausfälle verkraften müssen. Dennoch gibt es Gründe, warum Norwegen eher das Prädikat Geheim- denn Mitfavorit gebührt.
Solbakken ist bereits seit 2020 norwegischer Nationaltrainer. Der frühere Nationalspieler mühte sich in den ersten Jahren seiner Amtszeit vergebens, aus seinen talentierten Spielern eine schlagkräftige Mannschaft zu formen. Die WM 2022 verpasste Norwegen knapp. Die Qualifikation für die EM 2024 endete in einer Blamage: In einer Gruppe mit Spanien, Schottland, Georgien und Zypern gelangen Solbakkens Elf nur drei Siege. Der Trainer selbst gab später zu, dass er zu diesem Zeitpunkt als norwegischer Nationaltrainer hinschmeißen wollte.
Er tat es nicht. Stattdessen entwarf Solbakken ein völlig neues Spielsystem. Er nahm weniger Rücksicht auf die Befindlichkeiten seiner Stars. Seine wohl wichtigste Maßnahme lautete, Mittelstürmer Alexander Sørloth die Rolle des Rechtsaußen schmackhaft zu machen. Zuvor hatte er entweder neben Haaland spielen oder auf der Bank Platz nehmen müssen.
Solbakken baute das neue 4-3-3-System um die Rolle seines Rechtsaußen herum. Sørloth gibt zwar gegen den Ball den Außenstürmer, rückt bei Ballbesitz aber in die vorderste Linie. Für Breite sorgt stattdessen Rechtsverteidiger Julian Ryerson. (Interessanterweise hat der Verband Ryerson bei der WM als Angreifer gemeldet.) Auf der linken Seite funktioniert das Zusammenspiel anders: Hier hält Linksaußen Antonio Nusa die Breite, während Linksverteidiger David Møller Wolfe in den Halbraum einrückt.

Um die hohe Rolle der Außenverteidiger abzufedern, lässt sich ein Mittelfeldspieler in die Abwehr fallen. Dazu holt entweder der rechte Achter Ødegaard in seiner typischen Manier den Ball tief ab. Alternativ bewegt sich Sander Berge zwischen oder neben die Innenverteidiger. Berge ist allgemein ein wichtiger Akteur: Er balanciert im zentralen Mittelfeld die eher freie Rolle von Ødegaard aus. Der halblinke Achter – eine der wenigen offenen Positionen in der Startelf – hat die Aufgabe, zwischen den Linien den Ball zu fordern.
Norwegen bekommt durch diese Raumaufteilung ein gutes Offensivspiel hin. Sie können sowohl über die Flügel als auch mit progressiven Pässen über die Halbräume Raumgewinn erzielen. Von dort haben sie mehrere Optionen, hinter die Abwehr zu kommen: Nusa sucht gerne das Eins-gegen-Eins, während Ryerson auf der anderen Seite Flanken schlägt. Ødegaard ist berühmt für seine Chipbälle, für die Haaland der perfekte Abnehmer ist. Diese Vielseitigkeit ist eine Stärke der Norweger: Jeder Angreifer bringt eine herausragende Eigenschaft mit, die für jeden Gegner gefährlich werden kann. Kombiniert man diese Fähigkeiten, werden Norwegens Angriffe absolut unberechenbar.
Die größte Stärke findet sich indes in einem anderen Bereich: dem Umschaltspiel. Den Torrekord holte Norwegen in der Qualifikation, indem sie nach Führungen ihre Gegner eiskalt auskonterten. Wohl dem Team, das die Geschwindigkeit und den Abschluss eines Haalands mit den Pässen eines Ødegaards paaren kann.
Um diese Ballgewinne zu forcieren, setzt Norwegen auf ein raumorientiertes 4-3-3. Die Mannschaft baut sich um die Mittellinie herum auf. Die beiden Achter schießen immer wieder aus der eigenen Formation und setzen die gegnerischen Verteidiger unter Druck. Wenn der Gegner Raumgewinn erzielt, ziehen sich die Norweger in eine kompakte 4-1-4-1-Ordnung zurück. Teilweise lässt sich Nusa in die Abwehrkette fallen, sodass ein 5-4-1 entsteht. Norwegen verfügt sowohl im Mittelfeldpressing als auch in der tiefen Verteidigung über eine gute Organisation.

Individuelle Schwachstellen finden sich im Kader allenfalls in der Defensive. Die Innenverteidiger agieren solide und verfügen über ein gutes Kopfballspiel. Sie verkörpern defensiv aber genauso wenig internationales Niveau wie die Außenverteidiger. Wolfe lässt sich schon einmal übertölpeln, und auch Ryerson sah gegen hochklassige Gegner in der abgelaufenen Spielzeit nicht immer gut aus.
Die Elf der Qualifikation dürfte trotz dieser Schwächen gesetzt sein. Es fehlen schlicht die Alternativen. Das zeigte sich im Märzfenster, als die Stars größtenteils geschont wurden. Norwegen überzeugte gegen die Niederlande (1:2) und die Schweiz (0:0) nicht. Solbakkens System ist vollends auf die Stärken der ersten Elf zugeschnitten, einzelne Spieler lassen sich nicht austauschen. Zudem kicken die Ersatzspieler vornehmlich in der norwegischen Liga. Bodø/Glimt stellt drei Spieler. Der Verein sorgte in der Champions League zwar für Aufsehen mit seinem hochenergetischen Umschaltspiel. Dass sie im Achtelfinale 0:5 gegen Sporting Lissabon verloren, war jedoch auch kein Zufall.
Eine hochklassige Alternative findet sich auf der Linksaußen-Position. Andreas Schjelderup mauserte sich bei Benfica in der Rückrunde mit sechs Toren und vier Assists zum Shooting-Star. Er dribbelt mit kleineren Schritten als Nusa, ist dafür aber wendiger und defensiv etwas aggressiver. Beide kämpfen um einen Startplatz.
Im Bestfall kann Solbakken durchgehend auf seine erste Elf setzen. Diese muss sich sowohl individuell als auch taktisch vor kaum einem WM-Teilnehmer verstecken. Dass sie zum Auftakt mit dem Irak ein leichtes Los erwischt haben, erleichtert die Aufgabe in einer durchaus komplizierten Gruppe mit Senegal und Frankreich.
Laut den zahllosen Publikationen zur WM-Qualifikation ist die Geheimwaffe des norwegischen Teams eine ganz andere: ihr Zusammenhalt. So habe es die Spieler zusammengeschweißt, in einer Länderspielpause die TV-Show „Die Verräter“ nachzuspielen. Selbst wenn Norwegens WM-Teilnahme 2026 nicht als erfolgreichste in die Geschichte eingehen sollte: Sie dürfte angesichts all der Dokus und Bücher die transparenteste sein.
Norwegen ist kein Geheimfavorit mehr. Ihre erste Elf hat das Potenzial, ganz weit im Turnier vorzustoßen. Dahinter wird der Kader deutlich schwächer. Es darf sich keiner der Stars verletzen.
GESAMTFAZIT
Danke für diese Analyse. Ich muss gestehen: Ich traue dem Hype um Norwegen nicht ganz. Das hat mehrere Gründe, die größtenteils in der Vergangenheit liegen (also teilweise vermutlich völliger Unsinn sind).
1. wann ist so ein Riesenhype um ein Team, der nicht erst beim Turnier selbst entstanden ist, sondern „mitgebracht“ wurde schonmal wirklich gut ausgegangen?
2. ich bin aus Österreich, mein Land wurde, nach ewig langer Abwesenheit von großen Turnieren, vor der EM 2016 auch zum favoritigsten aller Geheimfavoriten erklärt, weil wir (mit einem schwächeren Kader als Norwegen heuer) durch die Qualifikation gerauscht sind und coolen Pressingfußball gespielt haben, um dann in einer Gruppe mit Ungarn, Portugal und Island zu verkacken. Diese Norwegen-Vorschusseuphorie hat ganz üble 2016er Vibes für mich.
3. Diese völlige Abwesenheit von einem Plan B ist auch etwas, was sie mit Österreich gemeinsam haben (damals wie heute).
4. Auch die zu diesem Zeitpunkt geringe Turniererfahrung haben sie mit dem 2016er-Österreich gemeinsam, das hat definitv eine Rolle gespielt.
5. Ja gut, ein Teil meines Pessimismus‘ rührt auch von meiner grundsätzlichen Skandinavien-Fußball-Skepsis, die in den Jahr(zehnt)en entstanden ist, in denen uns insbesondere Schweden mit dogmatisch-starrem 4-4-2-Gebolze gequält hat. Norwegen eh auch, nur erfolgloser, wodurch ewig lang weniger als nichts aus dieser Spielergeneration herausgeholt wurde – vom selben Coach, der jetzt zur WM fährt. Noch unmittelbar vor der Quali, wurden die Norweger in der Nations League von Österreich mit 5:1 aus dem Stadion geschossen. Mit Haaland und Sørloth.
Du hast es eh in deiner Analyse beschrieben, aber so ganz kann ich mir noch nicht ausmalen, wie aus dieser starbesetzten aber nach wie vor ein wenig biederen Truppe in so kurzer Zeit so ein Spitzenteam werden konnte, das jetzt die WM aufmischen soll.
Mein Kandidat für die Enttäuschung des Turniers, aber vielleicht will ich ja auch einfach nur gescheiter sein als alle anderen.
Du musst selber gestehen: Deine Argumente 1, 2, 4 und 5 fußen auf den Erfahrungen aus der Vergangenheit. Das kann, muss aber nichts heißen. Belgien kam 2014 auch ohne Turniererfahrung nach Brasilien und hat (mit ziemlich mistigen Fußball) auf Anhieb das Viertelfinale erreicht. Italien hat drei Weltmeisterschaften verpasst, und trotzdem zwischendurch die Euro 2021 gewonnen. Bei Norwegen kommt Talent und ein gutes System zusammen. Nur mit einem gebe ich dir recht: deinem Punkt 3. Wenn die Gegner ihren Plan A zerlegen, sehe ich schwarz für Norwegen. Dann wäre sogar ein Vorrundenaus drin. (Was in einer Gruppe mit viereinhalb Sterne Frankreich und drei Sterne Senegal – der aus meiner Sicht besten Mannschaft Afrikas – auch keine unendlich große Schande wäre.)