Iraks mögliche Formation während der WM 2026
Sie gehört zu Weltmeisterschaften wie Nationalhymnen und Flitzer: die Todesgruppe. Bei jedem Turnier gab es mindestens eine Vorrundengruppe, die durch große Namen herausstach. Bei dieser WM gebührt diese Zuschreibung der Gruppe I. Vize-Weltmeister Frankreich, Geheimfavorit Norwegen, Vielleicht-Africa-Cup-Sieger Senegal: In kaum einer anderen Gruppe sind die ersten beiden Plätze derart hart umkämpft.
Und dann wäre da noch das vierte Team. Den Irak als Außenseiter der Gruppe zu bezeichnen, wäre fast schon ein Euphemismus. Keine andere Nation musste einen längeren Pfad auf dem Weg nach Nordamerika nehmen. 21 Spiele haben sie absolviert, ehe sie ihr Ticket lösten. Im Kampf um den letzten Platz des asiatischen Verbandes setzten sie sich auf die dramatisch möglichste Weise gegen die Vereinigten Arabischen Emirate durch. In der 14. Minute der Nachspielzeit bekamen sie dank VAR-Unterstützung einen Handelfmeter zugesprochen. Sie qualifizierten sich damit für die interkontinentale Playoff-Runde. Lange Zeit blieb unklar, ob sie an dieser überhaupt teilnehmen können. Durch den Krieg zwischen den USA und dem Iran blieb der irakische Luftraum gesperrt. Letztlich musste die Nationalmannschaft erst zwölf Stunden mit dem Bus nach Jordanien reisen, ehe sie ein Privatjet von Amman aus nach Mexiko flog. Dort setzten sich die Löwen aus Mesopotamien mit 2:1 gegen Bolivien durch. Der Irak war die buchstäblich letzte Nation, die sich für die WM qualifizierte.

Diese Odyssee zeugt davon, welche Widerstände die Iraker überwinden mussten, um erstmals seit vierzig Jahren an einer WM teilzunehmen. Zugleich unterstreicht die Playoff-Tournee: Ohne die Aufblähung des Turniers auf 48 Teams wären die Iraker nicht in die Nähe der Endrunde gelangt. Schon in der dritten asiatischen Qualifikationsrunde blieben sie klar hinter Südkorea und knapp hinter Jordanien. Die Iraker mögen nicht die schlechteste Elf des Turniers stellen – weit davon entfernt sind sie jedoch nicht. Dass sie es in der Todesgruppe mit Frankreich, Norwegen und dem Senegal aufnehmen müssen, verdüstert die Hoffnung auf eine erstmalige Qualifikation für die K.O.-Runde.
Graham Arnold führt das Team als Trainer an. 2022 gelang ihm in Katar das Kunststück, mit Australien das Achtelfinale zu erreichen. Die Stärke der Socceroos war ihre kompakte, kampfstarke Defensive. Arnolds Fokus hat sich bei seiner neuen Nationalmannschaft nicht verändert. Der Australier hat in der Qualifikation sowohl eine 4-4-2-Variante mit zwei echten Mittelstürmern als auch ein 4-4-1-1 spielen lassen. Unabhängig von der Formation verteidigt der Irak mit zwei kompakten Viererketten. Ein hohes Pressing zeigen sie nur in wenigen Phasen des Spiels. Meist ziehen sie sich an den Mittelkreis zurück und bauen dort ihre Viererketten auf. Häufig bleibt die Intensität aber gering. So lassen sich die Außenstürmer gerne auf Höhe der Viererkette fallen, sodass ein 5-3-2 oder gar ein 6-2-2 entsteht.

Entscheidend für die Pressinghöhe des Teams ist der zentrale Mittelfeldspieler Amir Al-Ammari. Als Mittelfeld-Chef bestimmt er den Rhythmus des Spiels – nicht nur gegen, sondern auch mit dem Ball. Dazu lässt sich der im polnischen Krakau spielende Sechser häufig in die Abwehr fallen. Zum Schlüsselspieler avanciert er vor allem dank seiner Standards. Sowohl gegen die Vereinigten Arabischen Emirate als auch gegen Bolivien bereitete er mit seinem feinen linken Fuß ein Tor nach einer Standardsituation vor. Seine ruhenden Bälle sind die größte offensive Gefahrenquelle.
Ansonsten haben die Iraker wenige Mittel, um einer starken Abwehr gefährlich zu werden. Der Spielaufbau erfolgt aus einer 4-2-Formation, wobei sich die Sechser eher tief positionieren. Lange Bälle sind meist das einzige Mittel, die großen Abstände zwischen Mittelfeldspielern und Angreifern zu überwinden.
Empfangen sollen diese langen Bälle die Stürmer. Kapitän Aymen Hussein weist eine hohe körperliche Stärke auf und fungiert daher als Zielspieler. Mit neun Toren war er irakischer Top-Torjäger in der Qualifikation, er erzielte u.a. den entscheidenden Treffer gegen Bolivien. Er dürfte daher die Nase vorne haben vor den jüngeren und quirligeren Alternativen Ali Al-Hamadi und Mohanad Ali. Toreschießen ist allerdings nicht die Stärke des Teams. Klammert man die erste Qualifikationsrunde aus, als der Irak auf Teams der unteren Kategorie traf, erzielten sie in 15 Qualifikationsspielen gerade einmal 15 Treffer.
Coach Arnold glaubt dennoch an sein Team. Er baut auf den Zusammenhalt seiner Spieler angesichts der historischen Teilnahme an einer WM. So möchte er die Gruppe I nicht als Gruppe des Todes, sondern als „Gruppe der Vorfreude“ bezeichnen. Und er hat in einem Punkt recht: Der Druck lastet nicht auf den irakischen Schultern. Die Gegner benötigen dringend drei Punkte gegen den Irak, um im Zweifel über die Wertung der Gruppendritten weiterzukommen. Dies könnte dem Irak in die Karten spielen: Je länger es 0:0 steht, umso nervöser könnten die Gegner werden. Beim 1:1-Testspiel gegen (offenbar nicht voll motivierte) Spanier hielt immerhin die Defensive. Es darf dennoch bezweifelt werden, dass der Irak auch bei der WM den Rekord für die meisten Spiele aufstellt. Für manche Nationen heißt es trotz der Erweiterung auf 48 Teams: Dabei sein ist alles.
Sollte der Irak in der Vorrunde auch nur einen Punkt ergattern, wäre dies eine der größeren Überraschungen dieser Weltmeisterschaft.
GESAMTFAZIT