Senegals mögliche Formation bei der WM 2026
Politiker sonnen sich gern im Glanz des Fußballs. So sehen die Bilder, die in der Nacht auf den 24. Mai am Flughafen Dakar entstanden sind, auf den ersten Blick unverdächtig aus. Präsident Bassirou Diomaye Faye schüttelt einem Haufen Männern die Hand, die allesamt gekleidet sind in Trikots der senegalesischen Nationalmannschaft. Es handelte sich hierbei jedoch nicht um die Verabschiedung der Nationalelf in Richtung der Weltmeisterschaft 2026. Die Aufnahmen dokumentieren die Nachwirkungen des Africa-Cup-Finals aus dem Januar. 18 senegalesische Fans waren im Rahmen der Ausschreitungen rund um das Skandalspiel verhaftet worden. In Schnellverfahren wurden sie zu Haftstrafen verurteilt. Im Vorfeld der WM begnadigte Marokkos König Mohammed VI. die Anhänger – und Senegals Präsident sah eine Chance, sich als Kümmerer zu inszenieren.
Das Africa-Cup-Finale schwebt auch noch ein halbes Jahr später wie eine dunkle Wolke über dem senegalesischen Fußball. Als Gastgeber Marokko kurz vor Spielschluss einen Elfmeter zugesprochen bekam, verließ die senegalesische Elf geschlossen das Spielfeld. Erst nach 20 Minuten kehrten sie zurück. Marokkos Star Brahim Diaz verschoss den Strafstoß, Senegal erzielte in der Verlängerung den Siegtreffer. Der afrikanische Verband kassierte jedoch Senegals sportlichen Sieg aufgrund des unsportlichen Betragens ein. Mittlerweile beschäftigt der Fall den Internationalen Sportgerichtshof CAS.

Der Skandal um das Finale symbolisiert die zwei Pole, zwischen denen der senegalesische Fußball im Jahr 2026 wandert. Sportlich betrachtet stellt der westafrikanische Staat die wohl stärkste afrikanische Mannschaft. Zur Weltmeisterschaft nach Nordamerika schickt der Verband eine Mischung aus etablierten Stars und aufstrebenden Talenten. Man könnte meinen, nun könne nichts mehr schiefgehen beim Versuch, den bisher größten Triumph aus dem Jahr 2002 zu wiederholen. Damals schaltete der Senegal in der Gruppenphase Weltmeister Frankreich aus und stieß bis ins Viertelfinale vor.
Doch auch vor dieser WM wabern Berichte durch das Netz, nach denen es innerhalb der Mannschaft rumoren soll. So musste die Abreise nach Nordamerika verschoben werden. Der Verband betont, es habe logistische Probleme gegeben. Afrikanische Medien berichten hingegen, Trainer Pape Thiaw habe die Abreise bestreikt. Er arbeitet angeblich seit Monaten ohne gültigen Vertrag. Gerade unter dem Hintergrund des Africa-Cup-Finals stellt sich die Frage, welches senegalesische Gesicht wir in Nordamerika erleben werden.
Die Qualifikation verlief für den Senegal etwas holprig. Von den ersten fünf Partien gewann der Favorit nur zwei, dreimal spielte er Remis. In der Tabelle lagen sie zwischenzeitlich hinter dem Sudan und der Demokratischen Republik Kongo. Der Verband entließ angesichts dieser Krise Trainer Aliou Cissé nach fast zehn Jahren Amtszeit. Thiaw übernahm. Seine erste Amtshandlung lautete, die Dreierkette in der Abwehr zugunsten einer Viererkette abzuschaffen. In der neuen Formation gewann der Senegal die fünf finalen Qualifikationsspiele und holte sich den Gruppensieg.
Senegals 4-3-3 überzeugt vor allem durch seine Stabilität. Im Aufbau verbleibt Idrissa Gueye vor der Abwehr, manchmal lässt er sich auch zwischen die Innenverteidiger fallen. Die Außenverteidiger rücken eher gemächlich auf. Über die fünf tiefen Spieler kann der Senegal eine gute Ballzirkulation herstellen.
Die beiden Achter haben eine etwas offensivere Rolle. Auf der halbrechten Seite beackert Pape Gueye die gesamte Halbspur. Der hochgewachsene Box-to-Box-Spieler bewegt sich viel vertikal. Die halblinke Rolle besetzt in der Regel ein filigranerer Akteur, der sich zwischen den Linien anbietet oder nach links herauskippt. Beim Africa Cup spielte hier meist Habib Diarra, aber auch Lamine Camara kam zum Einsatz. Das laufstarke Mittelfeld zeigt sich in seinen Bewegungen enorm wandelbar. So rückt auch Idrissa Gueye manchmal vor, wenn sich seine Kollegen fallen lassen.

Allerdings erhalten die Mittelfeldspieler den Ball selten zwischen den Linien. Falls ein riskanter Ball nach vorne gespielt wird, ist der Abnehmer fast immer ein Stürmer. Linksaußen Sadio Mané ist hierbei der Fokusspieler: Er genießt viele Freiheiten und bewegt sich oft vom linken Flügel in den Halbraum. Hier fordert er den Ball, um anschließend ins Dribbling zu gehen. Auch Rechtsaußen Iliman Ndiaye bietet sich im Halbraum an. Nicolas Jackson fordert im Zehnerraum die Bälle und behauptet sich anschließend mit seinem Körper gegen seinen Manndecker.
Haben die Löwen der Teranga erst einmal Tempo aufgenommen, sind sie kaum mehr zu halten. Alle Angreifer bestechen durch ihre Geschwindigkeit. So attackiert besonders Jackson sofort die Tiefe, wenn ein Mitspieler mit dem Ball auf die Abwehrkette zuläuft. Aber auch Mané ist berüchtigt für seine Tiefensprints. So sind die Senegalesen gerade nach Schnellangriffen und Kontern eine Wucht. Die senegalesische Elf verlässt sich stark auf das Tempo und die Physis ihrer Spieler, um Chancen zu kreieren. So haben sie einige ihrer Treffer nach Hereingaben erzielt. Gerade Linksverteidiger El Hadji Malick Diouf ist ein exzellenter Flankengeber.
Beim Africa Cup ließen nur wenige Gegner diese Schnellangriffe zu. Stattdessen mussten die Senegalesen kompakte Abwehrreihen bespielen. Das taten sie mit viel Ruhe und Geduld. Keine andere Nation sammelte bei diesem Turnier mehr Ballbesitz. Beizeiten kann dieses Ballbesitzspiel einschläfernd wirken. Hier zeigt sich, dass der Senegal bei Ballbesitz eher vorsichtig agiert und die Außenverteidiger kaum aufrücken.
Im Spiel gegen den Ball verformt sich das 4-3-3 zu einem 4-2-3-1. Pape Gueye lässt sich zumeist neben seinen Namensvetter Idrissa fallen, während der halblinke Achter vorrückt. Der Senegal kann allein dank der eigenen Physis in der gegnerischen Hälfte hohen Druck ausüben. Wenn der Gegner das Pressing überspielt, lässt sich Linksaußen Mané in die Abwehrkette fallen. So entsteht in der eigenen Hälfte ein 5-4-1, das vertikal kompakt und horizontal breit angelegt ist.

samt ist die gesamte Formation äußerst kompakt. Grafik mithilfe von Drawtactics.com erstellt.
Trotz des stabilen Spielsystems überkommt mich manchmal das Gefühl, dass die Senegalesen sich auf ihre überlegene Physis verlassen. Das ist kein Verbrechen: Die Spieler sind praktisch allen afrikanischen Konkurrenten physisch überlegen. Hier zeigt sich die gute Ausbildung: Der Senegal verfügt über mehrere Fußballakademien von internationalem Format. Zugleich hat der Verband die europäische Diaspora nach Talenten abgesucht. Dank der individuellen Klasse erreichte das kleine westafrikanische Land bei den vergangenen vier Africa Cups dreimal das Finale.
Das Problem: Diese Attribute heben sie in einer brutalen Gruppe I kaum von der Konkurrenz ab. Die Kader von Frankreich und Norwegen bestehen fast ausschließlich aus menschlichen Maschinen. Zugleich gibt es auf Seiten des Senegals offene personelle Fragen: Kapitän Kalidou Koulibaly hat seit März kein Spiel bestritten und reiste angeschlagen ins Trainingslager. Er muss in der Innenverteidigung Kylian Mbappé und Erling Haaland aus dem Spiel nehmen – wahrlich keine leichte Aufgabe. In den März-Länderspielen testete der Senegal eine Fünferkette, die vielleicht auch im WM-Auftaktspiel gegen Frankreich zum Einsatz kommt.

Der Senegal ist für mich in dieser Gruppe eher ein Außenseiter auf einen der ersten zwei Plätze. Das muss nichts heißen: Schon häufig in seiner Geschichte hat das Land einer schlechten Ausgangslage getrotzt. Selten war ein erfolgreiches Abschneiden so wichtig wie im Jahr 2026. Nur so kann es dem Verband gelingen, die Ereignisse aus dem Januar endgültig in den Hintergrund zu drängen.
Senegal schickt das vielleicht stärkste afrikanische Team zur Weltmeisterschaft. Eventuell könnte ihre starke Physis in der Todesgruppe I nicht so recht zur Geltung kommen.
GESAMTFAZIT
Netter Gag mit der ersten Taktik-Tafel vom Afrika-Cup-Finale^^
Danke dir. Den Elfmeter konnte ich nicht liegen lassen.