Frankreichs mögliche Formation während der WM 2026
Bei normalen WM-Teilnehmern stellt sich bei einem Blick auf den Kader die Frage: Welche Spieler haben es zur WM geschafft? Bei Frankreich lautet das große Rätsel: Welche Superstars müssen zu Hause bleiben? Keine andere Nation auf der Welt hat in den vergangenen Jahren derart viele Spieler auf Weltniveau entwickelt. Entsprechend hart sind die Entscheidungen, die Trainer Didier Deschamps treffen muss. 2026 heißen die Leidtragenden Eduardo Camavinga, Kingsley Coman, Randall Kolo Muani und Esteban Lepaul – seines Zeichens Torschützenkönig der Ligue 1. Bei einem Großteil aller WM-Teilnehmer wären diese Akteure unangefochtene Stammspieler.
Damit ist der Ton für Frankreichs Angriff auf den dritten WM-Titel gesetzt. Die allesentscheidende Frage lautet nicht, ob der französische Kader das Zeug zum Weltmeister hat; das dürfte niemand bestreiten. Die Zweifel gelten eher dem Trainer: Schafft er es wie 2018 und 2022, aus der Ansammlung an Stars ein funktionierendes Team zu formen?

Vor allem Frankreichs Auftritt bei der Europameisterschaft 2024 hat Zweifel gesät. Spiele mit französischer Beteiligung wirkten auf den neutralen Zuschauer wie Schlafmittel. Deschamps war noch nie ein Verfechter des offensiven Spektakels. Bei der EM hat er es hinbekommen, dass ein Angriff mit Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé und Antoine Griezmann in sechs Spielen gerade einmal vier Tore schoss.
Wer hofft, Deschamps sei aus dem Halbfinal-Aus gegen Spanien geläutert hervorgegangen, dürfte enttäuscht werden. Die Handschrift des Weltmeister-Coachs von 2018 hat sich nicht geändert. Frankreich setzt auf ein 4-2-3-1-System, das sich zeitweise zu einem 4-3-3 wandelt. Die Aufgaben sind klar verteilt: Die vier vorderen Akteure sind für die Offensive zuständig, die restlichen Spieler haben die Absicherung im Fokus. Vor allem die Außenverteidiger halten sich im Angriffsverlauf lange zurück. Erst spät hinterlaufen sie die Außenstürmer.
Der Aufbau erfolgt entsprechend aus einer 4-2-Staffelung. Die sechs tiefen Akteure lassen den Ball zirkulieren, während die vorderen Akteure immer wieder zurückfallen. Sie fordern die Kugel im Halbraum. So soll der Übergang von der eigenen in die gegnerische Hälfte gelingen. Zugleich hilft diese Variante bei der Absicherung: Meist befinden sich nahezu alle französischen Spieler hinter oder nur knapp vor dem Ball. Einzig Kylian Mbappé verbleibt fast durchgehend vorne. Der Superstar lauert auf Durchbrüche hinter die Abwehr.
Das klingt zunächst einmal so, als setze Frankreich 2026 auf eine zutiefst vorsichtige Spielweise. Dennoch gehe ich davon aus, dass die Equipe Tricolore bei dieser WM deutlich mehr Offensivpower entfacht als vor zwei Jahren. Das liegt nicht am Trainer – sondern an den Spielern.

Deschamps wurde in den vergangenen Jahren ein Umbruch aufgezwungen: Michael Olise, Désiré Doué und Rayan Cherki haben in ihren Vereinen derart außerordentliche Leistungen gezeigt, dass sie allesamt Startelfkandidaten sind. Mbappé trifft weiterhin das Tor präzise wie kein zweiter Spieler auf der Welt. Dembélé hat sich derweil zum Ballon-d’Or-Sieger gemausert, und auch Bradley Barcola gehört zu den besten Angreifern der Welt. Mit Marcus Thuram steht eine weitere wuchtige Alternative zur Verfügung. Und weil der Fußballgott Frankreich noch nicht mit genug Talent gesegnet hat, hat auch noch Dribbler Maghnes Akliouche in Monaco eine Fabelsaison gespielt.
Deschamps hat die Qual der Wahl, welchen vier Angreifern er sein Vertrauen schenkt. Neben Kapitän Mbappé dürfte vor allem Olise gesetzt sein. Anders als bei den Bayern kommt er im Nationaldress meist nicht als Rechtsaußen, sondern als Zehner zum Einsatz. Er zeigt auch im Zentrum seine gewohnt verspielten Dribblings, spielt den Ball aber deutlich zügiger ab. Häufig bietet er sich für Doppelpässe an oder füttert seine Kollegen mit Bällen hinter die Abwehr. Das gelingt vor allem, wenn Dembélé die Rolle auf Rechtsaußen bekleidet. Dann wechseln Olise und Dembélé fröhlich die Positionen.
Auf der linken Seite forciert Deschamps ein ähnliches Wechselspiel. Mbappé agiert zwar zentraler als in der Vergangenheit. Beizeiten weicht der frühere Linksaußen aber noch immer auf seine Lieblingsseite aus. Am besten funktioniert das französische Spiel, wenn der Linksaußen dann die Sturmmitte besetzt. Beim überragenden Testspielsieg über Brasilien – das 2:1 hätte auch 5:1 ausfallen können – übernahm Hugo Ekitike die Rolle des Linksaußen. Er verpasst die WM verletzt. Daher könnten Doué, Barcola oder auch Thuram diese Rolle übernehmen. Leidtragender dieses personellen Überangebots dürfte Cherki sein. Der Zehner überragte bei Manchester City als omnipräsenter Spielgestalter. Im Nationaldress ist er hinter Olise nur zweite Wahl. Zuletzt testete Deschamps bei der 1:2-Niederlage gegen die Elfenbeinküste aber auch eine Variante, bei der Cherki als Zehner und Olise als Rechtsaußen agierte.
So oder so: Frankreichs Vier-Mann-Sturm ist unfassbar schwer zu halten. Wenn Mbappé, Olise, Dembélé und Doué gemeinsam auflaufen, muss der Gegner vier potenzielle Ballon-d’Or-Kandidaten verteidigen. Da ist es fast schon egal, dass von den Außenverteidigern und Sechsern wenig Unterstützung kommt. Jeder Angreifer kann plötzlich zu einem Solo ansetzen oder mit einem Lauf hinter die Abwehr für Dynamik sorgen.
Frankreich bindet die individuellen Stärken dieser Angreifer zudem besser ein als früher. Das liegt in erster Linie an den Innenverteidigern: Dayot Upamecano und William Saliba eröffnen das Spiel häufig flach. Frankreich lockt den Gegner mit kurzen Pässen zwischen den Innenverteidigern und den Sechsern, um anschließend über die Halbräume Tempo aufzunehmen.

Die neue Generation der französischen Angreifer bringt eine weitere Stärke mit: Sie sind sich nicht zu schade, im Spiel gegen den Ball Vollgas zu geben. Mbappé wird zwar in diesem Leben kein Pressing mehr betreiben. Das machen die Spieler hinter ihm aber wett. Das 4-2-3-1-Pressing mag nicht auf dem Niveau Spaniens sein. Spätestens, wenn sich Frankreich im 4-1-4-1 an den eigenen Strafraum zurückzieht, kommt ihre individuelle Stärke wieder zur Geltung.

Ganz ohne Schwächen ist die französische Elf nicht. Damit ist ausnahmsweise nicht die Außenverteidiger-Position gemeint. Auf links dürfte Theo Hernandez zum Einsatz kommen, während sich auf rechts Malo Gusto und Jules Koundé um einen Posten streiten – allesamt Spieler, die Deschamps‘ balancierende Außenverteidiger-Rolle beherrschen.
Kopfschmerzen bereitet eher das zentrale Mittelfeld. Seit Jahren schon versucht Deschamps, die Weltmeister-Doppelsechs von 2018 zu reproduzieren. Die Mischung aus N’Golo Kantés Absicherung und Paul Pogbas Vorwärtsdrang sucht der französische Trainer jedoch vergebens. Zuletzt übernahm Aurélien Tchouaméni die tiefere Rolle, während Adrien Rabiot die Verbindung zur Offensive herstellen sollte. Das funktioniert eher mäßig. Mit Warren Zaïre-Emery hat Deschamps bisher eher gefremdelt. Der Weltmeistercoach klammert sich so an seine Mittelfeld-Aufteilung, dass er auch 2026 den mittlerweile 35 Jahre alten Kanté berufen hat. Es hat schon fast etwas Tröstliches, dass Frankreich wenigstens auf einer Position nicht außerirdisch gut besetzt ist.
Trotz dieser kleinen Schwachstelle schickt Frankreich den mit Abstand stärksten Kader zur Weltmeisterschaft. Nun muss Deschamps die Einzelteile nur noch zu einer funktionierenden Elf zusammenfügen. Zumindest eins scheint sicher: Diese Mannschaft ist individuell zu gut, als dass sie wie 2024 die Zuschauer einschläfert. Ob es zum Weltmeister-Titel genügt, entscheidet die Form der Einzelspieler. Auch in seinem letzten Turnier bleibt Deschamps seiner Linie treu: Er nervt seine Spieler nicht mit Vorträgen über Taktik. Der Fußball gehört den Fußballern. Und davon hat Frankreich unverschämt talentierte.
Frankreich ist allein angesichts des Kaders einer der heißesten Anwärter auf den Turniersieg. Fragezeichen bleiben hinter Deschamps‘ Taktik und der nicht ganz leichten Ausgangslage in Gruppe I.
GESAMTFAZIT
Moin Tobi, langsam muss ich meine Tipps abgeben, und aktuell tendiere ich dazu, auf Frankreich zu setzen. Die von dir angesprochenen Schwachstellen sind allerdings definitiv vorhanden. Rabiot und Tchouaméni sind in diesem Starensemble die klaren Schwachpunkte. Es fehlt, wie so oft bei Top-Nationen, ein Akteur mit echter Weltklasse-Passing-Range, die in K.o.-Spielen und Topteams Erfolgsgaranten sind. Beide tragen oder spielen den Ball häufig zu langsam nach vorne. Mit Pogba war das, wie du schon gesagt hast, eine ganz andere Dynamik.
Auch die Außenverteidiger sehe ich kritisch. Deschamps setzt Koundé als relativ offensiven Außenverteidiger ein, aber seine Entscheidungsfindung hinsichtlich Timing und Laufwegen passt nicht wirklich, was auch nicht überrascht, da er eigentlich ein defensiv orientierter AV ist und nicht in dieser Rolle eingesetzt werden sollte. Wenn man schon offensiv spielen will, wäre Gusto die passendere Wahl, auch wenn er defensiv seine Schwächen hat. Hernandez sieht so aus als wäre er washed, sollte aber noch funktionieren.
In der Innenverteidigung hat man dafür zwei absolute Freaks. Insgesamt sehe ich vor allem die IV und die vorderen Vier als absolute Leistungsträger, weshalb es reichen wird. Doué ist dabei genau der Spielertyp, den Mbappé braucht, wenn er auf die linke Seite ausweicht.
Ja, wie im Artikel beschrieben: Es gibt Kleinigkeiten, die eine absolute Top-Wertung verhindern. Wenn wir bei CR7 über seine mangelnde Defensivarbeit reden, dürfen wir das auch bei Mbappe nicht unterschlagen. Und die anderen Punkte hast du ja schon genannt. Andererseits hat Deschamps es bei Weltmeisterschaften immer hinbekommen, dass seine Spieler zu 100% motiviert sind. WM-Frankreich ist nicht EM-Frankreich.