Mögliche Formation Saudi-Arabiens bei der WM 2026
Erfolg kann man sich nicht kaufen – zumindest nicht im Verbandsfußball. Sicher: Westeuropäische Länder wenden viele Ressourcen auf, Fußballtalente früh zu entdecken und bestmöglich zu fördern. Doch wenn eine Spielergeneration keinen Rechtsverteidiger hervorbringt, kann ein Verband nicht einfach auf Shopping-Tour gehen. Eine Nationalmannschaft muss mit den Spielern arbeiten, die über den richtigen Pass verfügen.
Saudi-Arabien bekam diese Realität zu spüren. Der Staatsfonds PIF investierte Milliarden in den Fußball. Er kaufte Vereine in Europa, investierte in die nationale Liga und lockte einige der teuersten Spieler der Welt auf die arabische Halbinsel. Die Investitionen sind Teil der Vision 2030, mit deren Hilfe der Staat unabhängiger werden will von Öl-Exporten. Außerdem sieht Saudi-Arabien die Chance, den eigenen Ruf zu verbessern. Über die Austragung teurer Sport-Events will das Land von eigenen Menschenrechtsverbrechen ablenken. Dieses Phänomen ist als Sportswashing bekannt.
In den Sonntagsreden des saudischen Königshauses kommen diese Aspekte selten vor. Für ihre Milliarden-Investitionen in den Sport heben sie hehre Gründe vor. So sollen sportliche Erfolge das eigene Volk anspornen, gesünder zu leben. Das ist in der Tat ein großes Problem des Landes: In Saudi-Arabien ist der Anteil übergewichtiger Personen so hoch wie in den Vereinigten Staaten und damit doppelt so hoch wie in Deutschland. Das Kalkül: Wenn Cristiano Ronaldo und Karim Benzema in der nationalen Liga spielen, verführt das nicht nur die Jugend zu mehr Bewegung. Es hilft auch der saudischen Nationalmannschaft. Deren Spieler können sich mit den Besten der Besten messen. Siege der Nationalelf machen wiederum das eigene Volk glücklich.
Doch wie gesagt: Erfolg kann man sich nicht kaufen. Seit dem sensationellen 2:1-Sieg bei der WM 2022 gegen den späteren Weltmeister Argentinien folgte nicht viel. Beim Asia Cup 2023 schied Saudi-Arabien in der ersten K.O.-Runde aus. 2025 nahmen die Asiaten als Gast am Gold Cup teil. Auch hier war nach einem 0:2 gegen Mexiko bereits in der ersten K.O.-Runde Schluss.
Einen bitteren Realitätscheck bot die Qualifikation zur WM 2026. Saudi-Arabien wurde in der eigenen Qualifikationsgruppe nur Dritter hinter Japan und Australien. Im Playoff-Turnier zitterten sie sich zur WM. Dabei hatte der asiatische Verband Saudi-Arabien den Teppich ausgerollt: Das Turnier fand in Jeddah statt, die Saudis hatten nach dem 3:2-Auftaktsieg gegen Indonesien drei Tage mehr Pause als der Irak. Trotzdem brachten sie nur ein 0:0 zustande. Saudi-Arabien qualifizierte sich lediglich über das bessere Torverhältnis.
Trotz der negativen Ergebnisse hielt der Verband lange an Trainer Hervé Renard fest. Doch im April riss der Geduldsfaden. Saudi-Arabien war wenige Tage zuvor gegen Ägypten mit 0:4 untergegangen. Vier Wochen vor der Weltmeisterschaft standen die Saudis ohne Trainer da.
Die Entlassung war indes folgerichtig: Saudi-Arabien zeigte unter Renard mehrere schwache Leistungen. Der einstige Nationaltrainer Marokkos versuchte, seiner Mannschaft die Prinzipien des Positionsspiels beizubringen. Seine Elf stellte sich im Aufbau häufig in einem 2-3-5 auf oder 3-2-5 auf – je nachdem, ob sich Sechser Abdullah Al-Khaibari in die Abwehr fallenließ.

Doch der Ballvortrag blieb eher schwerfällig. Saudi-Arabien versuchte, die Außenstürmer in Eins-gegen-Eins-Situationen zu bekommen. Sie suchten vor allem ihren Linksaußen Salem Al-Dawsari; er genießt spätestens seit seinem Treffer gegen Argentinien 2022 Legendenstatus in seinem Heimatland. Selbst wenn die Mannschaft ihren Kapitän im letzten Drittel in Szene setzen konnte, folgte fast nie eine Anschlussaktion. Das liegt nicht zuletzt daran, dass dem Team ein tororientierter Mittelstürmer fehlt.
Entsprechend niedrig fiel die Torquote aus. In 18 Qualifikationsspielen gelangen Saudi-Arabien nur 22 Tore. Rechnet man die erste Qualifikationsrunde mit Gegnern wie Tadschikistan und Pakistan heraus, kommt das Team nur auf zehn Tore in zwölf Spielen. Man muss fairerweise dazu sagen, dass bei keinem asiatischen WM-Teilnehmer die Diskrepanz zwischen Expected Goals und real erzielten Toren höher ausfiel.
Auch die Defensive präsentierte sich einer Weltmeisterschaft nicht würdig. Die Saudis setzen auf Mannorientierungen im Spiel gegen den Ball. Allerdings führten sie diese unter Renard äußerst defensiv aus: Die Spieler verfolgten ihre Gegenspieler bis in die eigene Abwehrkette. So stand das Team häufig in einem wenig kompakten 6-2-2 in der eigenen Hälfte. Beim 0:4 gegen Ägypten experimentierte Renard mit einer Fünferkette. Als dieser Test schieflief, zog der Verband die Handbremse.

Georgios Donis soll nun das Land in die Weltmeisterschaft führen. Anhaltspunkte für dessen Spielweise liefern bisher nur die Kadernominierung sowie ein Testspiel gegen Ecuador (1:2). Bei der Wahl der Spieler zeigte sich der Grieche streng. Saleh Abu Al-Shamat, eigentlich mein Kandidat für den „Player to watch“, wurde aufgrund mangelhafter Kondition gestrichen. Zakaria Hawsawi, auf dem Papier Saudi-Arabiens bester Linksverteidiger, bleibt wie schon unter Donis‘ Vorgänger außen vor.
Das Testspiel gegen Ecuador ging die Elf forsch an. Die Mannschaft setzte auf ein 4-2-3-1-System und presste wesentlich aggressiver als unter Renard. Im Ballbesitz bekamen die Spieler weniger Beschränkungen. So rückte Stürmer Firas Al-Buraikan häufig auf die rechte Seite, während Mohammed Abu Al-Shamat vom rechten Flügel ins Zentrum ging. (Mohammed ist der Zwillingsbruder des oben erwähnten Saleh und eigentlich gelernter Rechtsverteidiger.)
Die neue Ausrichtung half vor allem einem Spieler: Musab Al-Juwayr. Der Mittelfeld-Tausendsassa gilt als größtes Talent der Mannschaft. Er überzeugt durch seine Geschwindigkeit und seine unorthodoxen Laufwege. Diese kann er im nun freieren System auf der Zehner-Position voll zur Geltung bringen, zumal ihn die eher defensive Doppelsechs gegen Ecuador absicherte.

Dennoch bleiben angesichts des kurzfristigen Trainerwechsels viele personelle Fragen. Vor allem in der Abwehr gibt es keine feste Aufstellung. In den vergangenen zehn Partien kamen in der Abwehrkette 18 verschiedene Spieler zum Einsatz. Kein Spieler kam auf über 50% der möglichen Spielminuten. Nur Saud Abdulhamid dürfte sein Stammelf-Ticket sicher haben. Der Rechtsverteidiger von Stade Rennes ist der einzige saudische Nationalspieler, der nicht in der heimischen Liga kickt.
Ist diese Mannschaft gut genug, um die Offensivreihen von Uruguay und Spanien auszuschalten? Saudi-Arabiens Staatsfond hat viel Geld ausgegeben, um das Niveau der heimischen Liga zu heben. Die Verteidiger messen sich mit individuell starken Gegnern. Doch bei den wenigen Malen, in denen ich Spiele der saudi-arabischen Liga sah, fiel mir die niedrige Intensität der Partien auf. Ein hohes Pressing gab es dort nur in Phasen zu beobachten. Spanien, Uruguay und sogar Außenseiter Kap Verde setzen auf ein hochintensives Pressing im Dauersprint. Ob der saudische Spielaufbau dem standhalten kann?
Wer weiß: Vielleicht liege auch ich falsch und man kann sich auch im Verbandsfußball Erfolg kaufen. Saudi-Arabien hätte dies in Form von Investitionen in Liga und Trainingsanlagen getan. Es wäre jedoch eine der größeren Überraschungen dieser Weltmeisterschaft, sollte Saudi-Arabien weiter als bis in die Runde der besten 32 vorstoßen.
Die schwierige Qualifikation und der mittelmäßige Kader deuten auf ein Vorrunden-Aus. Der späte Trainerwechsel könnte aber neue Kräfte freisetzen.
GESAMTFAZIT