Mögliche Formation Belgiens bei der WM 2026
Der Begriff „Goldene Generation“ wird im Fußball recht inflationär gebraucht. Vertraut man der englischen Wikipedia, schicken 2026 acht Nationen eine „Goldene Generation“ zur WM. Belgien gehört nicht dazu. Laut der Online-Enzyklopädie endete ihre große Ära 2022. Man kann geflissentlich darüber streiten, ob die Elf um die Jahrhunderttalente Kevin de Bruyne, Eden Hazard und Romelu Lukaku wirklich das Prädikat „golden“ verdient. Einen Titel gewonnen haben sie mit der Nationalmannschaft nie. 2018 wurde Belgien WM-Dritter. Ansonsten blieben die Roten Teufel bei Welt- wie Europameisterschaften stets unter den Erwartungen.
Ihren Tiefpunkt erreichten sie 2022. Schon im Vorfeld des Turniers bezeichnete de Bruyne seine eigene Nationalmannschaft als „zu alt“ und „chancenlos“ im Hinblick auf den WM-Titel. Tatsächlich stellte Belgien die älteste Startelf des Turniers und flog bereits in der Vorrunde raus. 2024 folgte ein nicht minder enttäuschendes Achtelfinal-Aus bei der Europameisterschaft.
Seitdem hat sich einiges getan. Trainer Rudi Garcia hat den unter Domenico Tedesco begonnenen Umbruch konsequent fortgeführt. Alternde Superstars wie de Bruyne (34), Thomas Meunier (34) und Leandro Trossard (31) bilden noch immer den Kern des Teams. Doch besonders in der Defensive hat der französische Coach die Mannschaft merklich verjüngt. Bei der WM 2026 wird sich zeigen, ob Spieler wie Zeno Debast (22), Jérémy Doku (23) und Amadou Onana (24) die belgische Elf zu unbekannten Höhen führen.

De Bruynes Kritik vor der WM 2022 kostete ihm zwar das Kapitänsamt; dieses bekleidet mittlerweile Youri Tielemans. Das Spiel der belgischen Nationalmannschaft dreht sich trotzdem noch immer um die Ideen des genialen Spielgestalters. Als Zehner genießt de Bruyne viele Freiheiten. So mäandert die Formation der Belgier zwischen einem 4-2-3-1 und einem 4-3-3. Mal gliedert sich de Bruyne als rechter Achter ins Mittelfeld ein, mal fordert er als Zehner zwischen den Linien den Ball. Die übrigen Mittelfeldspieler müssen auf die Laufwege des Superstars reagieren. So wird vor allem Onana die Aufgabe zuteil, die Bewegungen des Schlüsselspielers auszubalancieren.
Das Herz des belgischen Spiels findet sich derweil auf den Flügeln. Die Außenstürmer gönnen sich wie de Bruyne viele Freiheiten: Sie bieten sich mal in der Breite an, mal rücken sie in den Halbraum, um von dort aus Richtung Tor zu ziehen und direkt abzuschließen. Die Außenverteidiger sichern ihre Kollegen ab und füllen die offenen Räume. Dies gelingt vor allem auf der linken Seite gut. Brightons Maxim De Cuyper vorder- oder hinterläuft seinen Vordermann in den passenden Situationen.

Die linke Seite ist ohnehin die Schokoladenseite des belgischen Spiels. Das ist keine Überraschung, wenn man den Kader betrachtet: Mit Trossard und Doku stehen gleich zwei Linksaußen von Weltformat im Aufgebot. Dieses Luxusproblem hat Garcia in der Qualifikation einige Kopfschmerzen bereitet. Häufig musste Doku auf die für ihn untypische rechte Seite ausweichen. Hier bietet er sich nicht wie gewohnt an der Seitenlinie an und zieht invers in den Strafraum, sondern agiert etwas zentraler. Trossard hingegen interpretiert die Rolle des Linksaußen geradlinig-tororientiert.
Überhaupt hat Garcia auf den Flügeln die Qual der Wahl. Auf rechts mag Alexis Saelemaekers etwas weniger explosiv agieren als seine Konkurrenten. Dafür agiert er defensiv stabiler als Doku oder Dodi Lukebakio. Letzterer mag defensive Schwächen haben, kann dafür aber den Ball aus den verrücktesten Positionen ins Tor dreschen. Fernschüsse sind allgemein eine Stärke der Mannschaft. Tielemanns, Doku, Lukebakio, de Bruyne: Sie alle zirkeln den Ball präzise in den oberen oder unteren Torwinkel. Belgien kombiniert sich häufig am Flügel durch, um anschließend den Ball in den Rückraum zu spielen. In der Qualifikation gaben die Belgier im Schnitt sechs Schüsse pro Spiel von außerhalb des Strafraums ab. Von den qualifizierten Teams aus Europa lagen nur Frankreich und Portugal vor ihnen.
Das deutet zugleich auf eine Schwachstelle der belgischen Elf hin: Nach der schweren Verletzung von Lukaku bestritten die Belgier die Qualifikation ohne klassischen Mittelstürmer. Charles De Ketelaere half im Sturmzentrum aus, spielt bei Atalanta aber eher als hängende Spitze. Die Not ist so groß, dass Lukaku bei der WM Spielminuten bekommen dürfte, obwohl er für Napoli in dieser Saison nur 64 Minuten auf dem Feld stand. Immerhin: Garcia überzeugte vor dem Turnier den 21-Jährigen Matias Fernandez-Pardo, vom spanischen zum belgischen Verband zu wechseln. Der Torjäger aus Lille bietet zwar wenig Präsenz im Strafraum, verfügt aber über ein gutes Timing beim Lauf hinter die Abwehr – ideal für das Zusammenspiel mit de Bruyne.
Personelle Kopfschmerzen bereitet Garcia die Innenverteidiger-Position. In der Qualifikation absolvierten Arthur Theate und Zeno Debast die meisten Partien. Theate hat in der Rückrunde bei Eintracht Frankfurt kaum gespielt. Debast wiederum reiste mit einer Verletzung ins Trainingscamp. Garcia könnte gezwungen sein, mit Koni de Winter (23) und Nathan Ngoy (22) eine extrem junge Innenverteidigung aufzustellen.
Die Defensive ist eine Schwachstelle der Belgier. Sie verteidigen in einer Mischung aus 4-4-1-1 und 4-1-4-1. Auch diese Gratwandlung zwischen den Formationen hängt an Superstar de Bruyne: Er geht selten in vorderster Linie ins Pressing. Am besten funktioniert das Angriffspressing, wenn die beiden Außenstürmer zusammen mit dem Mittelstürmer eine gegnerische Dreierkette pressen können.

Problematisch wird es, wenn das Angriffs- oder Mittelfeldpressing schiefläuft: Die Außenverteidiger sind in der Folge häufig isoliert, die gesamte Abwehrkette muss weit einrücken. Belgien war in der Qualifikation anfällig für Bälle auf den zweiten Pfosten. Außerdem gelingt es Sechser Onana nicht immer, die fehlende Defensivarbeit de Bruynes zu kompensieren. Diese Probleme sah man nicht nur in den März-Testspielen gegen die USA (5:2) und gegen Mexiko (1:1), sondern vor allem in den Qualifikationsspielen gegen Wales. Im Hinspiel verspielte Belgien eine 3:0-Führung, gewann aber dennoch 4:3. Im Rückspiel belagerten die Briten zwischenzeitlich den belgischen Strafraum. Dank zweier Elfmeter gewannen die Roten Teufel dennoch mit 4:2.
Belgien wandelt zwischen zwei Polen: Die individuell herausragend besetzte Offensive schenkt an einem guten Tag jedem Gegner drei Tore ein. Gleichzeitig ist die Defensive weder taktisch noch personell so bestückt, dass sie einen 2:0-Vorsprung problemlos verwalten könnte.
Belgiens größtes Faustpfand ist die Auslosung: Die eher schwachen Gegner aus Ägypten, dem Iran und Neuseeland bieten die Möglichkeit, sich zunächst einzuspielen. Sollte Belgien die Gruppe gewinnen, droht erst im Viertelfinale mit Spanien ein Gegner auf Höchstniveau. Spätestens dann könnten Belgiens herausragende B-Noten zuschlagen. Damit gemeint sind de Bruynes Standards sowie die wahnwitzige Besetzung der Torhüter-Position, wo Garcia zwischen Routinier Thibaut Courtois und Shooting-Star Senne Lammens wählen kann. Wenn Garcia vor dem Turnier die Defensive in den Griff bekommt, könnte sich die neue Generation endgültig die Bezeichnung verdienen, den Hazard & Co. nur auf Wikipedia haben: den Titel der „goldenen Generation“.
Belgien verfügt über offensive Stärken. Um als Turnierfavorit zu gelten, ist die eine Hälfte des Kaders zu jung und die andere Hälfte zu alt.
GESAMTFAZIT
Gehst du davon aus, dass De Ketelaere der Startstürmer bleiben wird, oder könnte Lukaku noch so fit werden das er in die Startelf rückt? Wird De Ketelaere dann auch als klassicher Zielspieler eingesetzt, auch wenn das eigentlich nicht seine präferierte Rolle ist?
Hi Bernd! Lukaku hat jetzt in beiden Testspielen seine Minuten bekommen. Begonnen hat aber jeweils De Ketlaere, und ich denke, so werden sie auch ins erste Spiel gehen. Als Zielspieler wird er eher selten eingesetzt, sondern wie im Artikel beschreiben: Er bietet vorne zwar Präsenz, aber Belgien fokussiert eher Angriffe über die Flügel mit Dribblings nach innen oder Chipbälle durch de Bruyne.