Mögliche Formation des Irans bei der WM 2026
Die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft ist voll unrühmlicher Episoden, auf wie neben dem Platz. Im Leichenkeller des Fußballs findet man Korruption, Bestechung und andere Unsportlichkeiten aller Art. Dass sich das Gastgeberland in einem Krieg mit einem der Teilnehmer befand, gab es bei den vergangenen 22 Turnieren nie. Lange Zeit war unklar, ob der Iran überhaupt nach Nordamerika reisen würde. Nachdem die USA und Israel mit der Ermordung der iranischen Staatsführung einen Flächenbrand im Nahen Osten gelegt hatten, wollte sich der Iran zunächst von der WM zurückziehen. Die politische Führung entschied sich dagegen. Mittlerweile erhofft sich das Regime einen Propagandaeffekt, getreu dem Slogan: Wir stolzen Iraner trotzen jedem Gegner! Anfang Mai versammelten sich tausende Iraner, um ihre Nationalmannschaft gen Amerika zu verabschieden.
In den vergangenen Wochen schürte das Gastgeber-Land USA Zweifel an einer Teilnahme Irans. Ein Trump-Vertrauter streute sogar die Idee, Italien anstelle des asiatischen Landes antreten zu lassen. Nach aktuellem Stand hat die iranische Delegation noch keine Visa für die USA erhalten. Die benötigt sie aber: Ihr Quartier haben die Iraner zwar nach Mexiko verlegt. Ihre Gruppenspiele finden aber allesamt an der US-amerikanischen Westküste statt. US-Außenminister Marco Rubio bekräftigte zuletzt, dass Funktionäre kein Visum erhalten, die mit den iranischen Revolutionsgarden verbandelt sind. Die paramilitärische Gruppierung terrorisiert seit Jahren den Nahen Osten und war am Niederschlag eines nationalen Aufstands zu Beginn des Jahres beteiligt. Ob dies auch für Spieler gilt, die ihren Wehrdienst bei den Revolutionsgarden absolviert haben, erklärte das US-Außenministerium bis jetzt nicht.
Mein Ausflug in die Welt des Politikjournalismus beweist: Nichts an der iranischen WM-Teilnahme im Jahr 2026 ist normal. Diese Analyse ist eine der letzten, die ich angefertigt habe. Auch jetzt liegt die Wahrscheinlichkeit über null Prozent, dass der Iran nicht zu seinen Gruppenspielen antritt. Zwei Szenarien wären denkbar: Die USA verweigern einzelnen Mitgliedern der iranischen Entourage die Einreise, was der iranische Verband mit einem Boykott beantwortet. Alternativ könnten die USA auch unerfüllbare Auflagen einfordern, etwa die direkte Anreise aus Mexiko wenige Stunden vor dem Spiel. Eine Nichtteilnahme Irans wäre ein historischer Vorgang und der größtmögliche Unfall für die Fifa. Ihr Ammenmärchen vom unpolitischen Fußball bekäme deutlich sichtbare Risse.
Politische Themen spielen auch in die sportliche Vorschau hinein. Der Iran gehört traditionell zu den stärksten Fußballnationen Asiens. Die Qualifikation zur WM 2026 verlief reibungslos. Die einzige Niederlage gab es gegen Katar (0:1), nachdem der Iran bereits rechnerisch qualifiziert war. Ansonsten ließ der Iran nur gegen Usbekistan Punkte; in vier Aufeinandertreffen trennten sich die beiden WM-Teilnehmer viermal Unentschieden.
Das Spielsystem der Qualifikation kann Nationaltrainer Amir Ghalenoei bei der WM nicht anwenden. Herzstück des Teams war damals der Doppelsturm. Sardar Azmoun agierte um den Tiefensprinter Mehdi Taremi. Die beiden bildeten im Zusammenspiel mit dem vorstoßenden Achter Saman Ghoddos ein explosives Trio. Azmoun wurde jedoch nicht für die WM nominiert. Man munkelt, dies liege an Fotos, die er auf seinen Social-Media-Kanälen gepostet hatte. Diese zeigen ihn mit der Herrscherfamilie der Vereinigten Arabischen Emirate. Der Iran hat in den vergangenen Monaten die Emirate immer wieder mit Drohnen angegriffen.

Ghalenoei musste daher sein Spielsystem umstellen. In den vergangenen Monaten trat seine Mannschaft in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-1-4-1 an. Der Zehner agiert mittlerweile deutlich tiefer und gliedert sich häufig ins Mittelfeld ein. Im zentralen Mittelfeld herrscht eine klare Arbeitsteilung: Sechser Saeed Ezatolahi verbleibt vor der Abwehr. Manchmal lässt er sich auch in die Verteidigung fallen, um eine Fünferkette herzustellen. Der zweite Sechser wiederum schießt nach vorne und hilft sowohl im Pressing als auch im Offensivspiel.
Gegen den Ball verteidigen die Iraner recht mannorientiert. Besonders im hohen Pressing funktioniert dies gut: Hier üben die beiden vorderen Stürmer Druck aus, die Spieler dahinter kleben an ihren Gegenspielern. Gleichzeitig schafft es der Iran, im Anschluss in eine kompakte Ordnung zurückzukehren.
Problematischer wird es in der eigenen Hälfte. Die Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld werden beizeiten arg groß. Wenn sich ein Gegenspieler zwischen die Linien schleicht, rückt ein Innenverteidiger mannorientiert vor. Diese Art der Deckung geht nicht immer gut. Das liegt vor allem in der mangelnden individuellen Klasse begründet: Die Viererkette des Irans ist mit eher zweitklassigen Spielern besetzt.
Im Spielaufbau setzt der Iran vor allem auf Dynamik. Lange Ballbesitzpassagen sucht man eher vergebens: Der Iran möchte schnell durch das Zentrum in Richtung gegnerisches Tor gelangen. Fixpunkt ist auch hier Sechser Ezatolahi. Er verbleibt vor der Abwehr und ordnet das Spiel. Während die Stürmer manches Mal entgegenkommen, sprinten die übrigen Spieler aus der zweiten Linie häufig in die Tiefe. Dies trifft auf die Außenverteidiger genauso zu wie auf die Sechser. Der Iran hat viel Präsenz an der gegnerischen Abwehrlinie. In guten Momenten schaffen sie es, es mit zwei scharfen Pässen die Abwehr des Gegners auszuhebeln.

Wie genau der Iran auftreten wird, dürfte stark vom jeweiligen Gegner abhängen. Tatsächlich stellt Team Melli – so der iranische Spitzname – eine der taktisch am wenigsten ausrechenbaren Mannschaften dieser Weltmeisterschaft. Trainer Ghalenoei hat in den Testspielen seit der geglückten WM-Qualifikation zahlreiche Experimente gewagt. So hat er der Mannschaft eine alternative 5-4-1-Formation beigebracht. Mohammad Mohebi, sonst eigentlich meist als Linksaußen aufgestellt, durfte zwischenzeitlich auf der rechten Seite agieren und in die Mitte ziehen. In einem Testspiel haben die Iraner die rechte Seite stark überladen. In anderen Partien haben sie vermehrt lange Bälle geschlagen.
So ist dieser Tage unklar, wie die iranische Startelf im ersten Spiel gegen Neuseeland aussehen könnte. Das Trainingslager lieferte nur wenig Antworten. Die iranische Delegation schottete sich in der türkischen Provinz ab. Die wenigen anwesenden Journalisten interessierten sich kaum für die sportliche Perspektive des Teams. Die politische Situation im Heimatland schwebt wie eine dunkle Wolke über dem Team. Stürmer Taremi betonte in einem Interview mit Al Jazeera, dass er bei seiner dritten und wahrscheinlich letzten WM-Teilnahme alles um sich herum ausblenden will. So muss es dem ganzen iranischen Team ergehen.
Sportlich gesehen ist die Lage nicht hoffnungslos: Mit einem Sieg gegen Neuseeland könnte der Iran früh die Weichen auf ein Weiterkommen stellen. Sollten der Iran und die USA ihre Gruppe als Zweiter beenden, droht indes das nächste Ungemach: Dann träfen die beiden Kriegsparteien im Sechzehntelfinale aufeinander. Bis dahin muss aber noch viel geschehen. Was das iranische Team betrifft, ist dieser Tage nichts gewiss.
Der Konflikt mit Gastgeber USA überschattet Irans WM-Teilnahme. Doch auch sportlich ziehen sich die Fragezeichen durch diese Vorschau. Bei guter Leistung ist eine Sechzehntelfinal-Teilnahme denkbar.
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