Ägyptens mögliche Formation bei der WM
Mohamed Salah muss keinem Ägypter mehr etwas beweisen. Sein Status als größter Sohn des Landes ist längst zementiert. Nicht umsonst nennen sie ihn in seinem Heimatland „die vierte Pyramide“. Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Während Salah mit dem FC Liverpool alles gewonnen hat, was es im Weltfußball zu gewinnen gibt, fällt seine Bilanz im ägyptischen Dress ernüchternd aus. Zwei verlorene Africa-Cup-Finals, ein siegloses Ausscheiden in der Gruppenphase der WM 2018: Mehr hat Salah nicht vorzuweisen. 2026 ist seine vielleicht letzte Chance, noch einmal auf der ganz großen Bühne zu glänzen.
Sein Trainer weiß hingegen, wie man das Heimatland zu Ruhm und Ehre führt: Hossam Hassan gewann während seiner langen Spielerkarriere dreimal den Africa Cup of Nations (1986, 1998, 2006). Gebetsmühlenartig erinnert er seine Spieler daran, welche besondere Ehre es darstellt, das Trikot der Nationalmannschaft zu tragen. Der Trainer möchte eine willensstarke Defensive mit den Superstar-Qualitäten von Salah und Omar Marmoush kombinieren. So soll Ägypten in einer dankbaren Gruppe erstmals die K.O.-Phase einer Weltmeisterschaft erreichen.
Die Generalprobe ging nur in Teilen auf. Beim Africa Cup im vergangenen Winter verpasste Ägypten den achten Titelgewinn. Schon das Weiterkommen im Achtelfinale (3:1 n.V. gegen Benin) und im Viertelfinale (3:2 gegen die Elfenbeinküste) war hart umkämpft, ehe das Team im Halbfinale am Senegal scheiterte (0:1). Trainer Hassan betonte zwar, dass er aus dem Turnier positive Erkenntnisse mitnehme. So beherrsche seine Mannschaft mittlerweile mehrere Formationen. Er bilanzierte aber auch: Mit derartigen Leistungen komme Ägypten bei der WM nicht weit.

Grundlage des ägyptischen Spiels ist eine kampfbetonte, mannorientierte Defensive. Trainer Hassan spiegelt zumeist die Formation des Gegners. Während des Africa Cup kamen sowohl ein 4-2-3-1 als auch ein 3-4-1-2 zum Einsatz. Während der März-Testspiele probierte Hassan eine 4-1-4-1-Formation aus. Alle Formationen haben gemein, dass die Verteidiger sich stark an ihren Gegenspielern orientieren.
Ich würde hierbei von einer Mannorientierung, nicht von einer Manndeckung sprechen. Ägypten verteidigt aus einer Formation mit einer klaren Positionsaufteilung, ehe sie sich im Pressing am Gegner orientieren. So verfolgen etwa die Mittelfeldspieler ihre Gegner sehr weit. In der Abwehr springen einzelne Verteidiger heraus; beim Africa Cup fiel Hossam Abdelmaguid durch ein aggressives Vorrücken auf.
Ägyptens Plus ist die hohe Intensität, mit der die Spieler diese Zweikämpfe führen. Spaß machen Spiele gegen die Pharaonen nicht: Immer wieder schubsen die Verteidiger von hinten, treten ihren Gegenspielern auf die Füße, verschaffen sich mit ihren Oberkörpern Respekt. In der eigenen Hälfte nehmen die Ägypter jeden Zweikampf an.
Im Africa-Cup-Halbfinale sah man diese Philosophie im praktischen Einsatz: Vorne gingen Salah und Marmoush nicht ins Pressing. Der Gegner durfte in der ersten Linie den Ball zirkulieren lassen. Dahinter begann jedoch die enge Deckung. Senegal baute aus einem 4-3-3 auf. Der senegalische Sechser Idrissa Gueye wurde vom ägyptischen Zehner Ahmed Fatouh konsequent verfolgt, auch die übrigen Mittelfeldspieler standen eng am Gegenspieler. Sobald der Ball zum Außenverteidiger gespielt wurde, schossen Ägyptens Außenspieler nach vorne. Ägypten konzentrierte sich ganz auf die Defensive: Der Ballbesitz gegen Senegal lag unter 30 Prozent. Bereits im Gruppenspiel gegen Südafrika (1:0) und im Viertelfinale gegen die Elfenbeinküste hatte Ägypten ähnlich niedrige Werte erzielt.

Wie gut diese mannorientierte Defensive funktioniert, unterstreichen die Ergebnisse. Seit Hassan die Mannschaft im Frühjahr 2024 übernommen hat, blieb sie in 16 von 28 Spielen ohne Gegentor. Nur dreimal mussten die Ägypter zwei Gegentore oder mehr hinnehmen: Im zweiten Spiel unter Hassans Ägide im März 2024 gegen Kroatien (2:4), bei einem Testspiel gegen Usbekistan im November 2025 (0:2) und beim erwähnten Viertelfinale gegen die Elfenbeinküste (2:3). Selbst in einem Testspiel gegen Spanien (0:0) hielten sich die Ägypter im März schadlos – wobei Spanien mit einer B-Elf antrat.
Diese defensive Stabilität geht jedoch zulasten der Offensive. Es fällt mir schwer, über eingespielte Abläufe oder wiederkehrende Muster zu schreiben. Denn eigentlich beruht das ägyptische Angriffsspiel nur auf einer Idee: Die Superstars werden die Sache schon regeln! Der Ball soll irgendwie zu Salah oder Marmoush gelangen. Dazu nutzt Ägypten gerne lange Bälle. Die beiden Stürmer sind vorne weitestgehend auf sich allein gestellt. Während des Africa Cups erhielten sie zeitweise nicht einmal Unterstützung aus dem Mittelfeld. Häufig sahen sie sich drei oder mehr Gegenspielern gegenüber – und gingen trotzdem ins Dribbling. Sie wussten: Warten lohnt sich nicht, denn kein Mitspieler wird nachrücken.
In der Regel unterstützen nur wenige Spieler die Stürmer. Der offensive Mittelfeldspieler verlässt dazu häufig seinen Zehnerraum. Ägypten verfügt über mehrere Spielertypen, die auf der Zehn agieren können. Emam Ashour rückt als Zehner gerne auf die Flügel, Trezeguet hingegen startet häufiger in den Strafraum. In den entscheidenden K.O.-Spielen des Africa Cups standen sie jedoch nie zusammen auf dem Feld: Hassan vertraut nur einem der beiden die offensive Rolle im Mittelfeld an. Die Doppelsechs dahinter hält sich stark zurück. Teilweise agierte während des Africa Cups Hamdy Fathy auf der Sechs – ein Defensivspezialist, der bei seinem Verein in Katar in der Innenverteidigung spielt. Die Defensive geht eben vor.
Der einzige weitere Akteur, den man ab und an im gegnerischen Drittel antrifft, ist Rechtsverteidiger Mohamed Hany. Er bietet sich für Spielverlagerungen an oder hinterläuft den einrückenden Salah. Zuletzt wurde sein Aufrücken auch taktisch stärker eingebunden. So rückte im März-Testspiel gegen Saudi-Arabien ein Sechser auf die rechte Seite, wodurch Hany noch etwas früher und weiter aufrücken konnte. So konnte Ägypten das Spiel häufig auf die rechte Seite verlagern. Überhaupt blieb dieses Testspiel positiv in Erinnerung. Ägypten verdiente sich den 4:0-Erfolg durch ein hohes 4-3-3-Pressing.

Grundsätzlich bleibt das Offensivspiel aber abhängig von Marmoush und Salah. Sollten beide Superstars während der WM fit sein, dürfte Ägypten das gesamte Spielsystem auf sie ausrichten. In der favorisierten 3-4-1-2-Variante haben die beiden Stürmer Freiräume auf ihrer jeweils liebsten Seite: Marmoush startet aus dem linken Halbraum, während Salah von rechts zu seinen charakteristischen Dribblings ansetzt. Ob Ägypten bei der WM überhaupt Torgefahr entwickelt, wird einzig an der Form der beiden Stürmer hängen.
Ein Spektakel darf man von Ägypten nicht erwarten. Dafür ist ihr Spiel zu defensiv ausgelegt. Dennoch stehen ihre Chancen auf ein Weiterkommen nicht schlecht. Ihre mannorientierte, körperbetonte Defensive dürfte den Gruppengegnern nicht schmecken. Die Null könnte auch bei diesem Turnier stehen. Da bleibt nur die Frage: Können Marmoush und Salah den hohen Erwartungen gerecht werden? Zumindest für Salah dürfte es die letzte Chance sein, sich nicht nur in die Geschichte des Vereins-, sondern auch des Verbandsfußballs zu schreiben.
Ägypten ist eklig zu bespielen und kann mit Starpower auftrumpfen. Nur in Rückstand geraten dürfen sie nicht. Dann werden ihre Schwächen im Offensivspiel evident.
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