Deutschlands mögliche Formation bei der WM 2026
Deutschland befindet sich in einer Krise. Dieser Satz ist zu jedem Zeitpunkt der Geschichte wahr, zumindest, wenn man die ewig-pessimistische Grundstimmung des Landes betrachtet. Auf die deutsche Nationalmannschaft traf diese Zustandsbeschreibung jedoch nie so zu wie aktuell. Bei den vergangenen beiden Weltmeisterschaften schied die DFB-Elf bereits in der Vorrunde aus. Zuletzt gelang es dem deutschen Team bei der Europameisterschaft 2016, in das Halbfinale eines großen Turniers vorzustoßen. Zehn Jahre ohne Halbfinalteilnahme: Eine längere Durststrecke gab es nur zwischen 1934 und 1954 – und dazwischen lag eine mehrjährige Turnierpause aufgrund des Zweiten Weltkriegs.
Die deutsche Öffentlichkeit blickt kritisch auf ihre Nationalelf. Dabei war die Stimmung nach der Heim-EM 2024 so gelöst. Im Viertelfinale hatte Julian Nagelsmanns Team den späteren Europameister Spanien näher an einer Niederlage gebracht als jeder andere Gegner. Im Schmerz des Ausscheidens sagte der Bundestrainer: „Dass man zwei Jahre warten muss, dass man Weltmeister wird, tut weh.“ Und auf Nachfrage: „Soll ich sagen, dass wir in der Vorrunde ausscheiden? Natürlich wollen wir Weltmeister werden!“
Diese Aussagen verfolgen den Bundestrainer seitdem. Weltmeister? Mit diesen Spielern? Die Nations-League-Niederlagen gegen Portugal (1:2) und Frankreich (0:2) gossen Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker. Auch die WM-Qualifikation verlief holprig. Nach einem Fehlstart gegen die Slowakei (0:2) gab es eher mühsame Siege gegen Luxemburg und Nordirland. Erst im allerletzten Duell mit der Slowakei ließ die DFB-Elf ihr Potenzial aufblitzen und gewann 6:0. Angesichts dieser Ergebnisse trauen nur wenige Deutsche dem Team etwas zu bei dieser WM. Die deutsche Mannschaft ist jedoch nicht annähernd so schlecht, wie sie hierzulande gesehen wird. Allerdings verfügt sie über Schwachstellen, aufgrund der sie nicht als Mitfavorit in das Turnier gehen.

Bei der Europameisterschaft 2024 hatte Nagelsmann sein Spielsystem um Superstar Toni Kroos herum entwickelt. Nach dessen Rücktritt hat der ehemalige Bayern-Coach versucht, eine neue Formation zu finden. Die Versuche schlugen weitestgehend fehl. Aus diesem Grund ähnelt das deutsche System bei der WM 2026 stark dem der EM 2024. Nur die Spielerprofile haben sich verändert.
Wichtigster taktischer Schachzug der deutschen Elf ist das asymmetrische Aufrücken der Außenverteidiger. Der Linksverteidiger bewegt sich schon im Aufbau in die vorderste Linie. Rechtsverteidiger Joshua Kimmich wiederum gliedert sich in den Spielaufbau ein. Er rückt leicht ins Zentrum ein. So schlägt Nagelsmann zwei Fliegen mit einer Klappe: Kimmich kann defensiv als Rechtsverteidiger aushelfen – eine Position, auf der Deutschland seit Jahren keinen konkurrenzfähigen Spieler hervorbringt. Gleichzeitig kann Kimmich – ähnlich wie bei den Bayern – im rechten Halbraum das Spiel an sich ziehen.
Zwischen den Sechsern herrscht eine klare Arbeitsteilung: Einer verbleibt vor der Abwehr und bietet sich als Ankersechser an. Diese Rolle fällt bei der WM Aleksandar Pavlović zu. Er bildet mit den drei Verteidigern eine Raute im Aufbau. Der zweite Sechser soll hingegen vorrücken. Lange Zeit schien Leon Goretzka für diese Rolle gesetzt, ehe Felix Nmecha sich in der Vorbereitung aufdrängte. Beide interpretieren die Rolle leicht unterschiedlich: Nmecha bewegt sich häufig in den rechten Halbraum, während Goretzka zentral an die letzte Linie vorrückt.
Aus dieser Grundstellung im Aufbau möchte die deutsche Elf die zahllosen Spieler im offensiven Mittelfeld füttern. Florian Wirtz, Jamal Musiala, selbst Stürmer Kai Havertz: Sie bevölkern den deutschen Zehnerraum und suchen das Zusammenspiel selbst auf engstem Raum. Breite gibt auf rechts der Rechtsaußen. Diese Rolle war für Lennart Karl angedacht, der sich allerdings verletzte. Leroy Sané und Jamie Leweling streiten sich um diese Position. Auf links besetzt der jeweilige Linksverteidiger die Seite. David Raum agiert hier äußerst geradlinig. Zuletzt schien ihm Nathaniel Brown den Rang abzulaufen. Der Frankfurter zieht häufiger in die Mitte, wodurch die deutsche Elf hier noch mehr Überraschungsmomente kreiert.

Das Offensivspiel der deutschen Elf ist äußerst variabel. Mal kombiniert sich das deutsche Team mit kurzen Pässen durch das Zentrum. In anderen Partien geben die Angreifer viel Tiefe, Kimmich und Pavlović schicken sie mit Chipbällen. Manchmal möchte das DFB-Team durch seine hohe Zentrumspräsenz auch nur dafür sorgen, dass sich der Gegner zusammenzieht. Dann suchen die Spieler den Weg über Flügel und schlagen Flanken auf Havertz oder alternativ Nick Woltemade bzw. Deniz Undav.
Funktionieren all diese Wege nicht, bleiben den Deutschen noch Ecken und Freistöße. Seit der Ankunft von Standard-Coach Mads Buttgereit gehört das deutsche Team zu den stärksten Nationen bei ruhenden Bällen. Entsprechend muss man sich um Deutschlands Offensive eher wenig Sorgen machen. In 33 Länderspielen unter Nagelsmann blieb die DFB-Elf nur viermal ohne eigenes Tor, im Schnitt erzielten sie 2,33 Treffer.
Sorgen bereitet die Defensive. Die deutsche Mannschaft verteidigt in einer 4-2-3-1-Formation. Im hohen Pressing setzt sie auf Mannorientierungen: Die Offensivspieler sollen jeweils ihren Gegenspieler verfolgen. Im Mittelfeld oder in der Abwehr sichert ein Akteur ab. Wenn die deutsche Mannschaft Druck erzeugen kann, zwingt sie den Gegner zu langen Bällen. Das Innenverteidiger-Duo Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck gewinnt in der Regel das Kopfballduell. Der Teufel steckt im Wort „Wenn“: Nicht immer gelingt es den Angreifern, mit genügend Intensität in das Pressing zu gehen. Dann entpuppt sich der mannorientierte Ansatz schnell als löchrig.

In der eigenen Hälfte baut die deutsche Elf zwei Viererketten auf. Dass die tiefe Verteidigung nicht der Fokus des Trainerteams darstellt, zeigt sich in den Spielen immer wieder. Deutsche Fans kennen dieses unwohle Gefühl, sobald der Gegner länger den Ball hält. Nagelsmanns Elf braucht ein Ballbesitzplus, um ihre defensiven Schwächen zu verstecken. Eventuell könnte Nagelsmann ab der K.O.-Phase seine Formation verändern. Schon in der Nations League experimentierte er mit einer Dreierkette. Antonio Rüdiger stünde für diese Variante bereit.
Eine andere Baustelle hat der Bundestrainer selbst eröffnet. Manuel Neuer feiert bei der WM ein überraschendes Comeback. Ob der mittlerweile 40 Jahre alte Weltmeister allein durch seine Aura Tore verhindern kann? Er ist nicht der einzige Akteur, über dessen Form ein großes Fragezeichen schwebt. Musiala wirkt nach seiner langen Verletzung noch nicht wie der quirlige Nadelspieler des Jahres 2024.
So fehlen der deutschen Mannschaft ein paar Prozentpunkte, um sie in die Riege der Topfavoriten aufzunehmen. Zumal die Auslosung keinen leichten Pfad beschert hat: Nach dem Auftaktspiel gegen Außenseiter Curacao warten mit der Elfenbeinküste und Ecuador zwei physisch starke Teams. In der Qualifikation hatte die deutsche Elf Probleme mit Gegnern, die ihren Körper in jeden Zweikampf stellen. Je nach Gruppenposition folgt im Sechzehntel- oder Achtelfinale ein Gegner aus der „Todesgruppe“ I – Frankreich, Senegal oder Norwegen. Leicht wird der Weg zum fünften Weltmeistertitel also keineswegs.
Doch ehe das Hochland des Pessimismus die WM bereits abschenkt, sei gesagt: Auch früher wurde die DFB-Elf vor jedem Turnier auseinandergepflückt. Allerdings wurde das Prädikat „Turniermannschaft“ nicht zufällig für die deutsche Nationalmannschaft erfunden. Das WM-Team 2026 hat viele der Qualitäten, die Deutschland in der Vergangenheit stark gemacht haben: ein starker Bayern-Block, der sich aus dem Verein kennt, sowie starke Standards und gute Einwechselspieler. Wer weiß, vielleicht wird Deutschland 2026 endlich wieder seinem Ruf gerecht.
Deutschland besticht mit einer starken Offensive und einem klaren Spielsystem. Die Defensive bereitet Sorgen – und verwehrt dem vierfachen Weltmeister (knapp) den Status eines Titelfavoriten.
GESAMTFAZIT
Moin Tobi, ich finde die generelle Auffassung der deutschen Mannschaft kommt mir immer zu schlecht weg, dabei sieht es gar nicht so schlecht aus. Wer weiß wie weit man mit Lennart Karl gekommen wäre, ich denke schon dass man einen shot auf den Titel gehabt hätte. Nunja, wie kompensieren wir nun den Karl Ausfall. Sane ist nicht die Lösung, für mich muss dort Leweling spielen. Über eine Personalie die wir noch nicht geredet haben ist Maxi Beier, warum ist er keine Option. Würde er nicht mit seiner Attacking threat die Kreativität der Front vollenden? Für mich könnte er der geheime Star sein, aber dafür müsste er spielen.
Ich denke auch dass Musiala auf rechts rücken könnte und somit Platz auf der 10 wäre. Erklärt dann auch die ouedraogo Nominierung.
Ich bin ein riesengroßer Maxi-Beier-Fan, habe aber in sämtlichen Artikeln auf „Was-wäre-wenn“-Spielchen verzichtet. Bisher hat er unter Nagelsmann nur eine untergeordnete Rolle gespielt, daher kommt er im Artikel nicht vor. Ich könnte ihn mir auch gut als Tiefensprinter vorstellen. Wobei an guten Tagen Musiala, Wirtz und Havertz diese Aufgabe übernehmen.
Das Problem mit dem rechten Flügel ist, dass hier durch die Kimmich-Rolle ein durchgehender Breitengeber gesucht wird. Würde der Rechtsaußen wie Linksaußen Wirtz einrücken, gäbe es auf dem Flügel keine Breite mehr. Das würde den Fokus auf das Zentrum arg verkomplizieren. Insofern brauchst du da schon einen ganz bestimmten Spielertyp und kannst nicht einfach einen Zentrumsspieler dort parken. Leweling wäre für mich nach der Saison auch die interessantere Variante als Sane.