Julian Nagelsmann, als er noch jung war (2023)
Zunächst einmal ist es etwas Schönes, wenn ein Team bereits vor dem letzten Spieltag als Gruppensieger feststeht. Die Mannschaft hat sich in den ersten beiden Spielen eine Ausgangssituation erarbeitet, dank der nichts mehr schieflaufen kann.
Der Trainer hat nun zwei Optionen. Er kann die Gelegenheit nutzen, den siegreichen Spielern der ersten Spieltage eine Pause zu gönnen. Eine Weltmeisterschaft ist intensiv, die Kräfte wollen eingeteilt werden. Gleichzeitig gibt es aus der Vergangenheit Beispiele, dass solch ein Vorgehen schieflaufen kann. Die zweite Elf verliert das Spiel, die erste Elf verliert den Rhythmus – und dann heißt es plötzlich „Goodbye!“ in der Zwischenrunde.
Der Trainer kann daher auch dem alten Rat folgen: „Never change a winning team!“ Die eingespielte erste Elf darf – mit der ein oder anderen Ausnahme – auch das finale Gruppenspiel bestreiten. Mit drei Siegen aus drei Spielen tankt die Elf weiter Selbstvertrauen. Das soll sie bis zum großen Ziel WM-Titel tragen.
Also: Entweder spielt die zweite Geige. Dann ist es egal, ob das Team gewinnt oder verliert. Oder aber es spielt die erste Elf. Dann sollte ein Sieg her, um diese Entscheidung zu rechtfertigen. Nur eins sollte nicht passieren: dass die erste Elf spielt und verliert. Und das womöglich noch kombiniert mit einer schwachen Leistung.
Und nach dieser langen Einleitung sind wir auch endlich beim dritten deutschen WM-Spiel angekommen. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat sich entschieden, seine erste Elf durchspielen zu lassen. Die Begründung klang schlüssig. Seine Mannschaft habe sich erst kurz vor der WM gefunden. Sie habe gerade einmal drei Spiele in der gleichen Startelf bestritten. Da helfe jedes weitere Spiel, um in den entscheidenden K.O.-Spielen eingespielt zu sein.
Das Problem: Deutschlands letztes Gruppenspiel stärkte nicht gerade das Vertrauen in das Team. Im Gegenteil: Viele Alarmsignale, die in den ersten beiden Gruppenspielen nur ganz leicht leuchteten, blinken gegen Ecuador rot auf.
Zuallererst betrifft dies die Form mehrerer Schlüsselspieler. Dass Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic nach zwei starken Auftritten einen schwachen Tag erwischten – geschenkt! Florian Wirtz und Jamal Musiala hingegen haben bereits gegen die Elfenbeinküste kaum erfolgreiche Dribblings gezeigt. Gegen Ecuador gelangen ihnen jeweils drei – kein herausragender Wert, wenn man bedenkt, wie häufig Deutschland Durchbrüche durch das Zentrum forcieren wollte. Die beiden deutschen Wunderkinder suchen ihre Bestform.
Auch die Leistung von Manuel Neuer hat mehr Fragen aufgeworfen denn beantwortet. Der Bundestrainer hatte angekündigt, der 40 Jahre alte Weltmeister könne qua seiner Aura Stürmern Angst machen. Ecuadors Angreifer wirkten jedoch nicht besonders ehrfürchtig. Im Gegenteil. Mindestens beim zweiten Treffer sah Neuer schwach aus.
Bei mir hat das Spiel auch Fragen bezüglich des Systems hinterlassen. Ich verstehe Nagelsmanns Idee, die Breite in der eigenen Hälfte besser sichern zu wollen. Leroy Sané lässt sich in tiefen Phasen als Aushilfs-Linksverteidiger weit fallen, sodass ein 5-4-1 entsteht. Die Ausführung empfinde ich jedoch als eher mau. Ich kann nicht einmal genau benennen, was mich stört; ich weiß nur, dass mir diese Abwehrvariante vor einem Achtelfinale gegen Frankreich oder Norwegen Sorgen bereitet.
Gleichzeitig muss ich mich selbst bremsen. Es ging für Deutschland um die goldene Ananas. Das spürte man spätestens bei den Wechseln: Dass Malick Thiaw ins Spiel kam, lag einzig daran, dass Joshua Kimmich vor den K.O.-Spielen noch einmal eine kleine Pause bekommen sollte. Weder Thiaw noch Pascal Groß oder Maximilian Beier werden noch eine große Rolle in diesem Turnier spielen. Die unorthodoxen Wechsel erklären in Teilen, warum die deutsche Elf nach dem 1:2 keinerlei Torgefahr kreierte.
Nur: Die deutsche Mannschaft muss bis Montag den Schalter umlegen. Nagelsmann kann diese Niederlage nicht mit der Ausrede abtun, dass wir im Sechzehntelfinale eine andere Elf sehen werden. Wir werden ziemlich genau dieselbe Elf sehen. Nur muss sie dann ein anderes Gesicht zeigen. Egal, wie der Gegner heißt.
Kurze Beobachtungen
- Erst einmal: Es tut mir leid, dass es hier etwas ruhiger war! Ich kämpfe mich mit einer Krankheit durch das Turnier. Ich habe ein paar Tage aufzuholen, daher fallen die kurzen Beobachtungen heute etwas länger aus. Los geht es mit Real Madrid. Entschuldigt! Ich meine natürlich Brasilien. Beide Teams ähneln sich so sehr, da kann es schon einmal zu Verwechslungen kommen! Carlo Ancelotti setzt auf exakt jene Spielweise, mit der er Real Madrid zu zwei Champions-League-Titeln geführt hat. Ein wenig hohes Pressing, viel (überraschend unkompaktes) Verschieben in der eigenen Hälfte, eher langsame Ballzirkulation und als X-Faktor: Konter. Brasilien wirkte in den Gruppenspielen zwischendurch wackelig und verwundbar. Und dennoch haben sie ohne größere Probleme und mit zwei 3:0-Siegen im Gepäck ihre Gruppe gewonnen. Ohne Glanzleistungen von Erfolg zu Erfolg? Das ist der Real-Madrid-Weg zum Titel!
- Die Gruppe F ist leider diejenige Gruppe, von der ich im bisherigen Turnierverlauf am wenigsten mitbekommen habe. Ihre Spiele fanden in großen Teilen direkt vor oder direkt nach den Deutschland-Spielen statt, zu einer Zeit also, als ich eingespannt war in die Bohndesliga-Watchpartys. Dennoch sage ich: Schweden ist eine positive Überraschung des Turniers. Gar nicht ausschließlich wegen der Ergebnisse. Viel eher gehört Trainer Graham Potter zu den wenigen Trainern, die aktiv ihre Formation während des Spiels ändern. Gegen Japan stellte er zwischenzeitlich von einem 3-4-3 auf ein 5-3-2 um. Taktikguru Michael Cox hatte bereits das schwedische Spiel gegen Niederlande als das taktisch spannendste Duell dieser WM bezeichnet. Sollte Schweden der deutsche Sechzehntelfinalgegner sein, dürfte dies kein leichtes Spiel werden.
- Englands 4:2-Erfolg über Kroatien hat die Hoffnung keimen lassen, dass die Briten unter Thomas Tuchel offensiver und spektakulärer auftreten als unter Gareth Southgate. Das 0:0 hat dieses zarte Pflänzchen wieder zerstört. Wenn der Gegner sich am eigenen Strafraum verbarrikadiert, fehlen den Engländern die passenden Lösungen. Die besten Akteure für solche Spiele hat Tuchel zu Hause gelassen: Trent Alexander-Arnold für dynamische Flanken etwa oder Cole Palmer für Dribblings aus dem Halbraum. Ich würde das 0:0 dennoch nicht zu hoch hängen. England überzeugt unter Tuchel vor allem durch defensive Stabilität. Diese wird spätestens in der K.O.-Phase gefragt sein.
- Die größte Überraschung der bisherigen Weltmeisterschaft ist Südafrika. Also nicht ihr Weiterkommen: Damit war vor dem Turnier durchaus zu rechnen. Viel eher die Tatsache, dass sie nach zwei unterirdischen Spielen wie ein Phönix aus der Asche emporflogen. Gegen Südkorea verteidigten sie wesentlich kompakter als gegen Mexiko und Tschechien. Vor allem nach Schnellangriffen und im Umschaltmoment zeigten sie ihre (durchaus vorhandene) spielerische Klasse. Es half, dass Trainer Hugo Broos endlich seine spielerisch stärkste Elf aufs Feld schickte. Die offensive Dreierreihe aus Mofokeng, Appolis und Maseko machte den Unterschied. Südkorea spielte beim 0:1 indes so schlecht, dass ein Reporter nach dem Spiel Trainer Hong Myung-bo fragte, ob seine Mannschaft eine Lebensmittelvergiftung erlitten hätte. Hatte sie nicht. Aber offensichtlich konnte sich der Reporter nur so die schlechte Leistung erklären.
- Und last but not least: Bitte lasst euch nicht von irgendwelchen Fan-Armeen in den Sozialen Medien eine „Messi vs. Ronaldo“-Debatte aufzwingen. Ganz ehrlich: Niemand wird in zwanzig Jahren sagen: „Ich war Team Ronaldo, doch dann hat Messi fünf Tore gegen Algerien und Österreich geschossen. Danach habe ich seine ganze Karriere in einem anderen Licht gesehen!“ Spart euch den Unsinn für die K.O.-Phase.
Das Titelbild zeigt Julian Nagelsmann. Lizenz: CC BY-SA 4.0.
„Viele Alarmsignale, die in den ersten beiden Gruppenspielen nur ganz leicht leuchteten, blinken gegen Ecuador rot auf.“
Ist das für den Trainer nicht von Vorteil, weil er jetzt vor den KO-Spielen dazu gezwungen ist, diese Alarmsignale zu adressieren und die Warnungen auch mehr Gehör finden? Ist doch besser so, als nach der Zwischenrunde schreiben zu müssen: eIgEnTliCh sah man diese Schwächen auch schon in der Gruppenphase, aber da hatten sie keine Auswirkung auf das Ergebnis.
Ich verstehe das Argument ehrlich gesagt immer nicht so ganz. Sollten in einem guten Team die Schwachstellen nicht sowieso bekannt sein und adressiert werden?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Team so ein Spiel braucht und man danach in der Kabine sagt: „Ja geil Leute, jetzt haben wir nochmal gesehen was wir echt verbessern müssen.“
Und selbst wenn das stimmt: Kann man die Dinge dann innerhalb von 1–2 Spielen so deutlich verbessern?
Klar ist es besser so ein Spiel in einem für uns „unwichtigen“ Spiel zu haben, aber ich kann mir halt auch nicht vorstellen, dass es dann so viel besser wird.
Ich hoffe, dass gestern tzd auch etwas der Kopf mit reingespielt hat und unterbewusst dann der ein oder andere eben doch gedacht hat „naja ist eh egal“ (auch wenns keiner zugeben würde) und man dann in den K.O Spielen wieder voll da ist, aber ich denke leider auch dass dann gegen Frankreich (wenns so kommt) Schluss ist
Sehe ich ähnlich, grundsätzlich kann es von Vorteil sein, dass es in der Gruppe ein Ergebnis gab, welches die Schwächen aufgezeigt hat. Meine Sorge ist nur, ob diese Alarmsignale wirklich adressiert werden und die Schwächen abgestellt werden können. Im Moment scheint es mir so, als würde die Form vieler Leistungsträger einfach nicht ganz ausreichen. Im 16tel-Finale gegen höchstwahrscheinlich Paraguay wird das eher noch nicht zum Tragen kommen, aber spätestens im Achtelfinale muss die Mannschaft in vielen Aspekten nochmal 1-2 Gänge hochschalten, um sich durchsetzen zu können. Ich zweifel daran, dass sie dazu aktuell fähig sind.
Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen und hoffe, dass wir noch ein paar gute Spiele sehen werden.
„Dass Malick Thiaw ins Spiel kam, lag einzig daran, dass Joshua Kimmich vor den K.O.-Spielen noch einmal eine kleine Pause bekommen sollte. Weder Thiaw noch Pascal Groß oder Maximilian Beier werden noch eine große Rolle in diesem Turnier spielen.“
Sicher, dass das kein Vorgriff war auf eine eventuelle Umstellung mit Kimmich auf der 8? Hinten rechts ist er selbst in der Vorrunde ein echtes Sicherheitsrisiko gewesen, gegen athletische Flügelspieler ist Thiaw die bessere Variante in der Dreierkette.
Oh, interessante These! Daran habe ich noch nicht gedacht. Aber ich fürchte, Nagelsmann will Kimmich in der Verteidigung behalten. Ihn auf die Acht zu schieben, würde extrem viel in dieser Mannschaft umbauen. Für mich war es eher ein Test der Marke: „Was passiert, wenn Kimmich doch einmal ausgewechselt werden muss?“
Gute Besserung, Herr Escher!
Vielen Dank!
Bei Sané müsste es Aushilfs-Rechtsverteidiger heißen. Sonst wie immer tolle Analyse.
Viele Grüße,
Justin
Willkommen zurück und weiterhin gute Besserung 🙂
Was die „Krankheit“ der deutschen Elf betrifft, bin ich mittlerweile einfach ratlos. Aus meiner Sicht hat man die zwei Jahre seit der EM nicht genutzt, sodass man jetzt ein bedeutungsloses 3. Gruppenspiel zum weiteren Einspielen nutzt, die Wechsel dann aber doch die Rotationssprache sprechen – und als Ergebnis steht, dass man nicht nur dieselben Baustellen hat wie vorher, sondern eigentlich noch mehr …
Das Gute: Gegen Paraguay sollte auch eine mittelmäßige Leistung zum Weiterkommen reichen und gegen Frankreich eine starke zum Ausscheiden, wenn Frankreich nicht einen ganz grottigen Tag erwischt.
Ja, man kann mit Julian Nagelsmann hier durchaus kritisch sein:
a) Wenn sich eine Mannschaft erst kurz vor der WM gefunden hat und man das 3. Spiel der WM quasi noch zum Einspielen benötigt, dann drängt sich die Frage auf, ob man in den 2 Jahren seit dem letzten Turnier alles richtig gemacht hat.
b) Die Option „Never change a winning team“ mag ja ergebnistechnisch stimmen, aber gegen Curacao, und noch mehr gegen die Elfenbeinküste, waren doch offensichtliche Mängel zu sehen (Schwierigkeiten bei körperbetontem Spiel des Gegners, wenig Impulse von der Kreativabteilung, RV als Schwachstelle in der Abwehr). Was also wäre einfacher gewesen, als in einem Spiel ohne Risiko, ernsthaft* Spieler und Taktiken auszuprobieren, die man vielleicht später im Turnier als Alternative braucht, wenn die A-Elf wiederholt nicht „performed“. Offensichtlich ist Julian Nagelsmann aber so überzeugt von seiner Stammelf, dass er dies nicht für nicht nötig hält (bzw. manchmal wirkt er wie ein störrisches Kind, das – genervt von Fragen & Diskussionen – dann aus Trotz nicht von seiner Line abrücken will) . Er setzt so unnötig alles auf eine Karte und lässt mögliche Joker unangetastet liegen.
* der Sinn hinter der Einwechslungen in der 2. Halbzeit war nicht zu erkennen; vielmehr hatte man den Eindruck einige Spieler wussten selbst nicht, warum sie jetzt in dieser „Rolle“ auf dem Platz sind und was ihre Aufgabe ist; sie werden so nie wieder zusammenspielen; ein Muster ohne jeglichen Wert
Es wirkt so, als sei Nagelsmann in der falschen Rolle gefangen. Anfangs in der Bundesliga schienen seine Stärken darin zu liegen, mutige Ideen einzubringen und im Spiel oft die Gegner mit Anpassungen vor krasse Herausforderungen zu stellen.
Nun muss er quasi auf Eingespieltheit und Stabilität gehen, weil man ihm sonst Aktionismus/jugendlichen Leichtsinn und Ego-Moves vorwerfen würde.
Man merkt doch schon seit Spiel 1, dass es so nicht weit gehen kann. Vorne passt die Spielertypen nicht zusammen; es fehlt Tiefe. Musiala fehlt die Form. Havertz hängt bisweilen in der Luft. Sané hat nicht gerade das größte Standing.
Diskutabel, warum er mit El Mala den Spieler zuhause lässt, der aufgrund seiner Entschlossenheit, Wucht und Tempo das größte Überraschungsmoment nach einer Einwechslung sein könnte (natürlich neben Undav).
Defensiv wirkt Kimmich irgendwie „verschenkt“ und ebenfalls gefangen in seiner Rolle. Stets hat man das Gefühl, dass die N11 hinten schnell wackeln kann, wenn es wilder und druckvoller wird.
Nagelsmann verliert sich in widersprüchlichen, patzigen Interviews. Seinen Mut hat er anscheinend schon zuvor verloren.