12 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 16: Kein Rassist, aber auch kein guter Experte

  1. Während sich die Unterschiede in der Fußballkultur zwischen Europa, Südamerika und Afrika durch Professionalisierung über die Jahrzehnte freilich verkleinert haben, finde ich Schweinsteigers Charakterisierung trotzdem nicht wirklich falsch.

    Die Ivorer sind ganz stereotypisch vor Allem über physische Dominanz ins Spiel gekommen. Auch Martin Rafelt hat im Rasenfunk angemerkt, dass sie sich ihre Offensivaktionen praktisch immer durch überragende Inividualaktionen und Dribblings erarbeitet haben, nicht durch taktische Verschiebungen. Vergleicht man das mit dem Team von 2006 wird man natürlich trotzdem eine wesentlich diszipliniertere und geschultere Mannschaft sehen, komplett aus der Luft gegriffen ist die Aussage aber nicht.

  2. Für mich ist das rassistische an den Aussagen von Schweinsteiger eben genau, dass es inhaltlich falsch ist. Er trifft Aussagen über ein Team aufgrund von stereotypischen Annahmen anstatt dessen was tatsächlich passiert. Und würde ein Team aus Europa exakt so spielen wie Côte d’Ivoire es macht, würde Schweinsteiger sie niemals so beschreiben wie er es getan hat.

  3. Ich kann mich noch an eine Pressekonferenz erinnern mit Didier Deschamps als er den Namen von Schweinsteiger nicht richtig aussprechen konnte.
    Kurzerhand dessen nannte er ihn: „Scheißneger“
    Merkte jedoch zeitgleich, dass mit der Aussprache vorn und hinten nicht so ganz hinhaut.

    Das gestrige Spiel war vermutlich das letzte von Bielsa auf einer Trainerbank.
    Die Nerven liegen ohnehin bei ihm blank. Hatte gestern nach dem Spiel eine TV Moderatorin verbal angegangen als hätte sie nicht genügend Aggressivität im Murderball gezeigt.

  4. Das Muster aus disziplinierter Defensive und schnellen Angriffen scheint so ein aktuell typisches Muster für Nationalmannschaftsfußball zu sein, wo man wenig Zeit hat, komplexe offensive Abläufe einzustudieren. In Kombination mit physisch starken Spielern ist das auch deswegen erfolgreich, weil die Schiris bei dieser WM insgesamt viel durchgehen lassen.
    Bei klassischen Underdogs wie Kapverde, Curaçao oder Haïti ist das sowieso ein legitimer Ansatz, um irgendwie zu überleben, auch wenn es bei Haïti und Curaçao meist nicht für 90 Minuten reicht.
    Wenn dann allerdings ein Team wie Ghana das über 90 Minuten durchhält, aber in der Offensive anders als beim Senegal oder der Elfenbeinküste die individuelle Qualität fehlt, dann kommt so etwas heraus wie das schwer verdauliche 0:0 von Ghana gegen England. Dafür wurde vor allem England kritisiert, obwohl da eigentlich der ghanaische Ansatz hauptverantwortlich für den fehlenden Spielrhythmus und das geringe Tempo war. „Wild“ ist an einem Ansatz, beim Gegner keinen Spielrhythmus aufkommen zu lassen, was bei der Elfenbeinküste ja auch Teil der Strategie ist, aber natürlich rein gar nix.
    Mich würde mal interessieren, wie Du das durchaus unterschiedliche Abschneiden der Teams aus Afrika und Asien siehst. Während Afrika, jedenfalls nach Vorstößen in die KO-Runde, endgültig zu Südamerika und Europa aufgeschlossen hat, konnte von den Teams aus Asien ja nur Japan wirklich überzeugen. Australien ind Iran haben noch geliefert, was eben drin war für sie, Südkorea war enttäuschend und die anderen fünf haben sportlich nix zum Turnier beigetragen. Wär vielleicht mal eine Anregung oder ein Wunsch für einen der nächsten Texte hier.

  5. Ich weiß, dass hier ist eine unabhängige webseite, aber ich wollte trotzdem fragen, wann bei Bohndesliga mal wieder eine Sendung kommt. Ihr habt die Deutschland spiele ja intensiv begleitet, aber gerade jetzt, wo das Turnier so richtig losgeht, würde ich mich über eine Sendung zur Gruppenphase freuen. Ich weiß natürlich nicht inwieweit die anderen überhaupt nicht deutsche spiele geschaut haben und eine Sendung sinnvoll ist, wollte hier aber Trotzdem mal fragen.

    Liebe Grüße
    Lese dein tagebuch sehr gerne

  6. Ich finde es sehr wichtig, zwischen „Rassist“ und „rassistisch“ zu unterscheiden. Das wird leider nach wie vor zu selten gemacht, wodurch Diskussionen über diskriminierende Aussagen dann schnell mit „Ich bin kein Rassist!“ abgeblockt werden. Dabei ist es ja gerade dann richtig und wichtig, über problematische Aussagen von Menschen zu sprechen, die keine Rassisten sind; bei denen ist schließlich meist eh alles verloren.

    Bastian Schweinsteiger hat, wie du zurecht schreibst, eine Aussage auf Grundlage von veralteten Stereotypen und Klischees getroffen. Gerade das kennzeichnet diskriminierende Vorurteile gegenüber Volksgruppen, Nationen oder kompletten Kontinenten (!). Es sind negative Bilder, die unser Denken prägen und andere Menschen pauschal aburteilen, verspotten oder ins klein machen: „Der afrikanische Fußball ist (man ergänze hier „bekanntlich“) wild.“ Organisiert, strukturiert und diszipliniert sind die Europäer. Es ist gerade Kennzeichen rassistischer Aussagen, dass sie Stereotype verfestigen. Es ist kein Problem, die österreichische Mannschaft oder den HSV in der Fußballsprache „wild“ zu nennen, weil damit keinerlei Stereotype bedient werden. Aber es ist eine hochproblematische und mindestens diskriminierende Aussage, einem gesamten Kontinent, von Algerien bis Südafrika, eine bestimmte Eigenschaft anzudichten, die gerade im disziplinierten Deutschland eher negativ konnotiert ist.

    Und ja, aus dem Mund von Schweinsteiger, der leider größtenteils nur Plattitüden von sich gibt, oft erschreckend wenig selbst über die Startaufstellung eines Teams weiß, und sich mit Allgemeinsätzen durch die Analysen hangelt, ist das nicht verwunderlich, sondern letztlich folgerichtig. Es ist genau das, was man von ihm analytisch erwarten konnte.

    Das macht die Wirkung dieses Satzes aber nicht weniger rassistisch: Indem er in den Köpfen derjenigen, die sich ebenfalls nicht tief mit Fußball befassen, ein stereotypes Bild fortschreibt.

    1. Danke dir für deinen Kommentar. Ich tue mir dennoch mit dem Wort „rassistisch“ schwer. Schweinsteiger hat ein Urteil anhand vergangener Erfahrungen getroffen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Vor-Urteil. Allerdings hat er sich für dieses Urteil höchstwahrscheinlich keines rassistischen Klischees bedient, sondern Erfahrungen aus vergangenen Jahrzehnten. Auch wenn sich der Fußball durch die Globalisierung immer stärker angleicht, gibt es doch Unterschiede in der Art, wie er in unterschiedlichen Teilen der Welt gespielt wird. Das Adjektiv „wild“ hat er gewählt, um den Spielstil zu beschreiben, den er mit afrikanischen Teams verbindet. Aber damit hat er sich ja keineswegs auf körperliche oder genetische Merkmale bezogen, sondern auf eine bestimmte strategische Sicht auf den Fußball.

      1. Ich verstehe nicht ganz, wie du zu dem Urteil kommst, dass Schweinsteigers Aussage ausschließlich (oder größtenteils) auf Erfahrungen basiert. Wir alle tragen die Stereotypen eines „wilden“, „undisziplinierten“ Afrika (als Kontinent ebenfalls eine koloniale Erfindung) in uns und sind damit sozialisiert. Sie bestimmen immer noch Denkweisen und Urteile.

        Schweinsteiger ist davon absolut nicht ausgenommen, sondern genauso verfangen wie der Rest des globalen Nordens. Mag sein, dass seine Erfahrungen eine Rolle spielen, aber genauso die Stereotypen und Bilder, die seit Jahrhunderten in unserer Kultur bestehen und wirken. Man kann sich damit auseinandersetzen und hinterfragen, wie man über bestimmte Menschen/Länder/Kontinente(!) spricht, oder eben nicht. Dass das bei B.S. nicht der Fall ist, überrascht mich nicht.

        1. Wir beide können in diesem Punkt nur mutmaßen; niemand weiß, was in Schweinsteiger vorgeht. Schweinsteiger traf 2010 und 2014 mit der Nationalmannschaft auf Ghana. 2014 wissen wir dank Dokus und Büchern relativ genau, was den Spielern in der Vorbereitung auf die Ghana-Partie eingebläut wurde: dass sie sich auf keinen Fall auf einen wilden Schlagabtausch einlassen dürfen. Genau das wolle Ghana, hatte Urs Siegenthaler damals als Analyse vorgegeben. Es kam genauso, wie prophezeit, auch weil das Klima in Fortaleza unbarmherzig war. Und, wie im Text beschrieben: Das Vorurteil, afrikanische Teams seien weniger von Taktik geprägt und würden etwas wilder spielen, kommt nicht von ungefähr (im Gegensatz zum rassistisch motivierten Bild des „genetisch wilden Afrikaners). Viele Jahre war der afrikanische Fußball weniger von Defensivtaktik geprägt als der europäische oder südamerikanische.

    2. Der erste Satz ‚Ich finde es sehr wichtig, zwischen „Rassist“ und „rassistisch“ zu unterscheiden.‘ ist ein sehr wichtiger und aus meiner Sicht entscheidender Beitrag zur Diskussion. Dass an einer Aussage, die einen ganzen Kontinent charakterisieren soll, etwas nicht stimmen kann, versteht sich eigentlich von selbst. Genauso ergibt sich nicht aus einer einzelnen Aussage auf Grundlage bestimmter Denkmuster, dass diese Denkmuster die komplette Weltanschauung einer Person bestimmen. Man muss natürlich aufpassen, nicht alles als Einzelfälle abzutun, aber der umfassende Blick ist wichtig.
      Absolute Empfehlung: „Wozu Rassismus“ von Aladin El-Mafaalani

  7. Ich würde jetzt auch nicht behaupten dass Schweinsteiger ein Rassist ist, aber es ist ja kein Zufall dass, wenn man nichts über das Thema/Subjekt weiß, auf Vorurteile zurück greift, und die sind nunmal kolonial geprägt. Insofern ist das dann auch weniger eine Schweinsteigerproblem, sondern ein allgemeines, in Gesellschaften die historisch vom Kolonialismus profitiert haben bzw. es heute weiterhin tun.

    Aber noch eine Frage zu Österreich. Ich habe zwar nur das Spiel gegen Argentinien gesehen, aber es kommt mir so vor als ob man defensiv sehr vom Ausfall Baumgartners getroffen wurde und Rangnick noch keine wirklich zufriedenstellende Lösung gefunden hat.

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