Bastian Schweinsteiger während einer Konferenz 2023. Bild: Steffen Prößdorf
Jonathan Wilson, der spirituelle Vater aller Taktikblogger, begann einst einen Text mit dem wunderbaren Satz: „José Mourinho is a pleasure better remembered than experienced.” Zu deutsch: José Mourinho ist eine Erfahrung, an die man sich lieber erinnert, als sie tatsächlich zu erleben. Es ist schade, dass dieser Einstieg bereits vergeben ist. Er würde perfekt zu diesem Text über Marcelo Bielsa passen.
Bielsa ist eine der prägenden Figuren des Fußballs im 21. Jahrhundert. Das ist ein seltsamer Satz für Menschen, die sich nicht intensiv mit dem Sport beschäftigen. Der Argentinier hat seit über dreißig Jahren keinen Titel mehr gewonnen. Fans von Athletic Bilbao oder Leeds United mögen ihn als Helden verehren; er hat jedoch bei keiner seiner Stationen allzu lange gearbeitet.
Bielsa hat sich seinen Einfluss weniger durch seine eigene Trainerarbeit erworben als durch seine Ideen. Er hat eine ganze Generation spanischsprachiger Trainer geprägt. Pep Guardiola pilgerte nach Argentinien, um mit Bielsa über Fußballtaktik zu philosophieren. Spaniens Nationaltrainer Luis de la Fuente, selbst lange Jahre Spieler und Trainer in Bilbao, schaute sich während Bielsas Zeit im Baskenland jedes seiner Trainings an. Weltmeister-Trainer Lionel Scaloni gilt genauso als Bielsaista wie Ecuadors Trainer Sebastián Beccacece.
Der Spitzname von Bielsa lautet „El Loco“, der Verrückte. Er hat ihn sich erworben durch seine unfassbar intensive Beschäftigung mit dem Fußball. Er hat den Sport vermessen: Bielsa hat sich genau angeschaut, wie viele Wege es gibt, Pässe zu spielen oder Läufe in den freien Raum vorzunehmen. Sein bevorzugter Spielstil mit intensivem Pressing wurde von Trainern auf der ganzen Welt studiert.
Wenn man das alles nicht wüsste, würde man anhand dieser Weltmeisterschaft nicht darauf kommen. Uruguay hat keinen sonderlich intensiven Fußball gespielt. Doppelpässe und Läufe des dritten Spielers in den freien Raum sind eigentlich das Markenzeichen Bielsas. Diese Facetten fehlten dem uruguayischen Spiel vollkommen. Stattdessen begingen die Uruguayer einen Slapstick-haften Fehler nach dem anderen. Jedem ihrer Gegentore bei diesem Turnier ging ein herber Patzer voraus.
Das Traurige ist, dass Uruguays schlechtes Abschneiden keineswegs überraschend kam. Bereits in meiner Vorschau bin ich mit dem Team hart ins Gericht gegangen. Seit Monaten wabern Gerüchte durch die uruguayische Presse, nach denen Bielsa und seine Spieler zerstritten seien. Vor dem finalen Gruppenspiel machte eine neue Geschichte die Runde: Angeblich sollen die Spieler gefordert haben, gegen Spanien defensiver zu spielen. Bielsa soll ihnen daraufhin einen einstündigen Vortrag gehalten haben, warum dies eine schlechte Idee sei. Manche Spieler hätten noch während der Ansprache den Raum verlassen.
Ich wage nicht zu beurteilen, ob diese Gerüchte wahr sind. Doch im Spiel gegen Spanien konnte man mit eigenen Augen bewundern, wie innerlich zerrissen diese Mannschaft ist. Die Uruguayer zogen sich zunächst weit zurück. Nach dem spanischen Führungstreffer mussten sie das Spiel offener gestalten. Das gelang ihnen auch, was nicht zuletzt an einem spanischen Gegner lag, der mit der uruguayischen Härte und der hohen Luftfeuchtigkeit in Guadalajara überfordert war.

Die zweite Halbzeit entwickelte sich zu einem faszinierenden Spiel. Nicht, weil es besonders hochklassig war oder es besonders viele Chancen gab. Man konnte den inneren Konflikt der uruguayischen Elf durch den Fernseher spüren. Sie glaubten nicht an ihre eigene Spielweise, mussten aber Bielsas intensives Pressing durchführen, um ihre Restchance auf ein Weiterkommen zu wahren. Im Fünf-Minuten-Takt wechselten sich Phasen uruguayischer Resignation ab mit Momenten, in denen das Team mit einem „Jetzt erst recht“-Gefühl Spanien auf die Füße trat.
Am Ende schied Uruguay auf die uruguayischste Art und Weise aus: mit überharten Fouls und einer Roten Karte. Bielsa hatte zwischendurch alle Register gezogen, er hatte Torhüter Fernando Muslera und Superstar Federico Valverde ausgewechselt. Doch die Beziehung zwischen ihm und seinem Team war längst zerbrochen. Es tat weh, diesem uruguayischen Team zuzuschauen. Marcelo Bielsa ist eine Erfahrung, an die man sich lieber erinnert, als sie tatsächlich zu erleben.
Waren Bastian Schweinsteigers Aussagen zur Elfenbeinküste rassistisch?
Bastian Schweinsteiger hat mit seinen Aussagen zur Elfenbeinküste eine Kontroverse ausgelöst. Beim Versuch, das ivorische Team vor dem Deutschland-Spiel zu analysieren, sagte Schweinsteiger: „Bisschen afrikanischer Fußball natürlich, der manchmal bisschen unorthodox ist, bisschen wild ist, vielleicht manchmal auch nicht ganz so von Taktik geprägt ist. Wir müssen uns darauf einstellen, dass es manchmal unberechenbar wird.“ Die Debatte erreichte erst die sozialen Medien, wo sich die üblichen Verdächtigen das Maul zerrissen. Nach einigen Tagen erreichten Schweinsteigers Worte den ivorischen Nationaltrainer Emerse Faé. „Wir können es rassistisch nennen“, sagte er.
Er hat nicht Unrecht: Das Wort „wild“ im Zusammenhang mit einer afrikanischen Elf hat einen Beiklang. Viele Jahre wurden Afrikaner herabgewürdigt und als vermeintlich „Wilde“ dargestellt. Allerdings verstehe ich auch jeden, der Schweinsteigers Aussagen anders interpretiert. „Wild“ ist schließlich auch ein Begriff der Fußballanalyse, den auch ich schon häufig benutzt habe. So würde ich etwa behaupten, der FC Bayern München spiele wilder als Borussia Dortmund. Wer sich mit Fußball beschäftigt, weiß genau, was ich damit meine. Manche Teams sind nun einmal von starren taktischen Vorgaben geprägt, während andere Teams stärker auf Individualismus setzen und damit automatisch „wilder“ agieren.
Als Schweinsteiger noch gespielt hat, gab es tatsächlich afrikanische Nationen, für deren Spielweise die Beschreibung „wild“ passend schien. Ghana hat bei der WM 2014 (für damalige Verhältnisse) wenig taktisch diszipliniert, dafür aber unheimlich druckvoll gespielt. Ghana oder Senegal (2018) sind Positivbeispiele afrikanischer Mannschaften, die auf eine besondere Art gespielt haben: weniger Disziplin, mehr Individualismus, eine höhere Betonung der körperlichen und technischen Elemente des Fußballs, mehr Freiheiten auf dem Feld. Nigeria (2010) und Kamerun (2010) sind die Negativbeispiele: zwei hochtalentierte Mannschaften, die defensiv keinen klaren Plan erkennen ließen. Es ließen sich lange Jahre Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen afrikanischen Teams herstellen; zumindest für jene Nationen, die südlich der Sahara beheimatet sind.
Ich habe mit Schweinsteigers Aussagen ein anderes Problem: Seine Analyse ist im Jahr 2026 faktisch falsch. Die Elfenbeinküste hat viele Eigenschaften, aber sicher spielt sie nicht „wild“. Im Gegenteil: Ihr Spiel ist stark von festen Abläufen und starrer Systematik geprägt. Trainer Faé hat in den bisherigen Spielen seine Formation und Aufstellung an den Gegner angepasst. In allen Spielen stand die defensive Stabilität im Vordergrund: Die Mannschaft lässt den Ball sicher in der eigenen Ordnung zirkulieren. Auch gegen den Ball achtet sie auf perfekte Abstände und wahrt stets Kompaktheit. Es gibt wenige Spieler, die aus der Ordnung ausbrechen; „wild“ ist am ivorischen Spiel sehr wenig.
Interessanterweise lässt sich diese Analyse auch auf Ghana, Kap Verde oder den Senegal anwenden. Die Spitzenteams aus Afrika haben sich längst dem europäischen Spielmodell angenähert, sprich: kompakt gegen den Ball, festes Positionsspiel bei Ballbesitz. Teilweise haben sie die europäischen Top-Nationen sogar überholt, was die Einhaltung taktischer Vorgaben angeht. Woran das liegt, wage ich nicht zu beurteilen. Ich weiß nur: Das alte Klischee über individuell starke, aber taktisch schwache Afrikaner trifft bei dieser WM nicht zu.
Schweinsteigers Analyse ist damit vor allem eins: aus der Zeit gefallen. Er hat seine (teils berechtigten) Vorurteile seit seiner Zeit als Spieler nicht hinterfragt. Er hat eine Analyse über ein Team geliefert, das gänzlich anders spielt, als er behauptet hat. Das macht aus ihm sicher keinen Rassisten. Einen guten Experten ergibt das aber auch nicht.
Kurze Beobachtungen
- Nach der ersten Halbzeit zwischen Senegal und dem Irak habe ich kurz gezuckt. Ich wollte den Text oben um einen Absatz ergänzen: nämlich, dass afrikanische Teams mittlerweile sogar diszipliniert agieren, wenn sie es eigentlich gar nicht sollten. Der Senegal lag nach vier Minuten vorne, nach 13 Minuten waren sie in Überzahl. Es waren ideale Voraussetzungen, um das eigene Torverhältnis im Hinblick auf die Tabelle der Gruppendritten aufzumotzen. Und was tat Senegal? Sie hielten weiter brav ihre Positionen und achteten auf die Konterabsicherung. Doch Trainer Pape Thiaw behob die Probleme nach der Halbzeit: Er löste das Dreier-Mittelfeld auf, beorderte die Außenverteidiger nach vorne und ließ seine Spieler stürmen. Das 5:0 verschafft dem Team eine gute Ausgangslage, um weiterhin am Turnier teilnehmen zu dürfen.
- Nachdem ich gestern um 12.30 Uhr aufgestanden bin – ich weiß, mein Schlafrhythmus ist durch die WM komplett gestört – habe ich als Erstes das Spiel Australien gegen Paraguay geschaut. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde hier der deutsche Sechzehntelfinal-Gegner bestimmt. Ich sag‘ mal so: Ich habe einen zusätzlichen Kaffee benötigt, um wach zu bleiben. Keines der beiden Teams ging im Spiel nach vorne mehr Risiken ein als nötig. Paraguay verschanzte sich im 5-3-2, Australien im 5-2-3. Besonders die Südamerikaner hatten praktisch keinen Offensivplan außer „Gebt Enciso dem Ball!“ Ich werde noch eine kleine Vorschau auf das Spiel gegen Deutschland verfassen. Wer zu faul ist, diese zu lesen, kann sich mit dem Satz begnügen: Solange das deutsche Team Enciso aus dem Spiel nimmt, hat es nicht viel zu befürchten.
Das Titelbild zeigt Bastian Schweinsteiger und stammt von Steffen Prößdorf. Lizenz: CC BY-SA 4.0.
Während sich die Unterschiede in der Fußballkultur zwischen Europa, Südamerika und Afrika durch Professionalisierung über die Jahrzehnte freilich verkleinert haben, finde ich Schweinsteigers Charakterisierung trotzdem nicht wirklich falsch.
Die Ivorer sind ganz stereotypisch vor Allem über physische Dominanz ins Spiel gekommen. Auch Martin Rafelt hat im Rasenfunk angemerkt, dass sie sich ihre Offensivaktionen praktisch immer durch überragende Inividualaktionen und Dribblings erarbeitet haben, nicht durch taktische Verschiebungen. Vergleicht man das mit dem Team von 2006 wird man natürlich trotzdem eine wesentlich diszipliniertere und geschultere Mannschaft sehen, komplett aus der Luft gegriffen ist die Aussage aber nicht.
Für mich ist das rassistische an den Aussagen von Schweinsteiger eben genau, dass es inhaltlich falsch ist. Er trifft Aussagen über ein Team aufgrund von stereotypischen Annahmen anstatt dessen was tatsächlich passiert. Und würde ein Team aus Europa exakt so spielen wie Côte d’Ivoire es macht, würde Schweinsteiger sie niemals so beschreiben wie er es getan hat.
Ich kann mich noch an eine Pressekonferenz erinnern mit Didier Deschamps als er den Namen von Schweinsteiger nicht richtig aussprechen konnte.
Kurzerhand dessen nannte er ihn: „Scheißneger“
Merkte jedoch zeitgleich, dass mit der Aussprache vorn und hinten nicht so ganz hinhaut.
Das gestrige Spiel war vermutlich das letzte von Bielsa auf einer Trainerbank.
Die Nerven liegen ohnehin bei ihm blank. Hatte gestern nach dem Spiel eine TV Moderatorin verbal angegangen als hätte sie nicht genügend Aggressivität im Murderball gezeigt.
Das Muster aus disziplinierter Defensive und schnellen Angriffen scheint so ein aktuell typisches Muster für Nationalmannschaftsfußball zu sein, wo man wenig Zeit hat, komplexe offensive Abläufe einzustudieren. In Kombination mit physisch starken Spielern ist das auch deswegen erfolgreich, weil die Schiris bei dieser WM insgesamt viel durchgehen lassen.
Bei klassischen Underdogs wie Kapverde, Curaçao oder Haïti ist das sowieso ein legitimer Ansatz, um irgendwie zu überleben, auch wenn es bei Haïti und Curaçao meist nicht für 90 Minuten reicht.
Wenn dann allerdings ein Team wie Ghana das über 90 Minuten durchhält, aber in der Offensive anders als beim Senegal oder der Elfenbeinküste die individuelle Qualität fehlt, dann kommt so etwas heraus wie das schwer verdauliche 0:0 von Ghana gegen England. Dafür wurde vor allem England kritisiert, obwohl da eigentlich der ghanaische Ansatz hauptverantwortlich für den fehlenden Spielrhythmus und das geringe Tempo war. „Wild“ ist an einem Ansatz, beim Gegner keinen Spielrhythmus aufkommen zu lassen, was bei der Elfenbeinküste ja auch Teil der Strategie ist, aber natürlich rein gar nix.
Mich würde mal interessieren, wie Du das durchaus unterschiedliche Abschneiden der Teams aus Afrika und Asien siehst. Während Afrika, jedenfalls nach Vorstößen in die KO-Runde, endgültig zu Südamerika und Europa aufgeschlossen hat, konnte von den Teams aus Asien ja nur Japan wirklich überzeugen. Australien ind Iran haben noch geliefert, was eben drin war für sie, Südkorea war enttäuschend und die anderen fünf haben sportlich nix zum Turnier beigetragen. Wär vielleicht mal eine Anregung oder ein Wunsch für einen der nächsten Texte hier.
Ich weiß, dass hier ist eine unabhängige webseite, aber ich wollte trotzdem fragen, wann bei Bohndesliga mal wieder eine Sendung kommt. Ihr habt die Deutschland spiele ja intensiv begleitet, aber gerade jetzt, wo das Turnier so richtig losgeht, würde ich mich über eine Sendung zur Gruppenphase freuen. Ich weiß natürlich nicht inwieweit die anderen überhaupt nicht deutsche spiele geschaut haben und eine Sendung sinnvoll ist, wollte hier aber Trotzdem mal fragen.
Liebe Grüße
Lese dein tagebuch sehr gerne
Hi Lasse, gar kein Thema, du kannst gerne fragen. Wir wollen morgen eine neue Folge aufnehmen! Grüße
Ich finde es sehr wichtig, zwischen „Rassist“ und „rassistisch“ zu unterscheiden. Das wird leider nach wie vor zu selten gemacht, wodurch Diskussionen über diskriminierende Aussagen dann schnell mit „Ich bin kein Rassist!“ abgeblockt werden. Dabei ist es ja gerade dann richtig und wichtig, über problematische Aussagen von Menschen zu sprechen, die keine Rassisten sind; bei denen ist schließlich meist eh alles verloren.
Bastian Schweinsteiger hat, wie du zurecht schreibst, eine Aussage auf Grundlage von veralteten Stereotypen und Klischees getroffen. Gerade das kennzeichnet diskriminierende Vorurteile gegenüber Volksgruppen, Nationen oder kompletten Kontinenten (!). Es sind negative Bilder, die unser Denken prägen und andere Menschen pauschal aburteilen, verspotten oder ins klein machen: „Der afrikanische Fußball ist (man ergänze hier „bekanntlich“) wild.“ Organisiert, strukturiert und diszipliniert sind die Europäer. Es ist gerade Kennzeichen rassistischer Aussagen, dass sie Stereotype verfestigen. Es ist kein Problem, die österreichische Mannschaft oder den HSV in der Fußballsprache „wild“ zu nennen, weil damit keinerlei Stereotype bedient werden. Aber es ist eine hochproblematische und mindestens diskriminierende Aussage, einem gesamten Kontinent, von Algerien bis Südafrika, eine bestimmte Eigenschaft anzudichten, die gerade im disziplinierten Deutschland eher negativ konnotiert ist.
Und ja, aus dem Mund von Schweinsteiger, der leider größtenteils nur Plattitüden von sich gibt, oft erschreckend wenig selbst über die Startaufstellung eines Teams weiß, und sich mit Allgemeinsätzen durch die Analysen hangelt, ist das nicht verwunderlich, sondern letztlich folgerichtig. Es ist genau das, was man von ihm analytisch erwarten konnte.
Das macht die Wirkung dieses Satzes aber nicht weniger rassistisch: Indem er in den Köpfen derjenigen, die sich ebenfalls nicht tief mit Fußball befassen, ein stereotypes Bild fortschreibt.
Danke dir für deinen Kommentar. Ich tue mir dennoch mit dem Wort „rassistisch“ schwer. Schweinsteiger hat ein Urteil anhand vergangener Erfahrungen getroffen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Vor-Urteil. Allerdings hat er sich für dieses Urteil höchstwahrscheinlich keines rassistischen Klischees bedient, sondern Erfahrungen aus vergangenen Jahrzehnten. Auch wenn sich der Fußball durch die Globalisierung immer stärker angleicht, gibt es doch Unterschiede in der Art, wie er in unterschiedlichen Teilen der Welt gespielt wird. Das Adjektiv „wild“ hat er gewählt, um den Spielstil zu beschreiben, den er mit afrikanischen Teams verbindet. Aber damit hat er sich ja keineswegs auf körperliche oder genetische Merkmale bezogen, sondern auf eine bestimmte strategische Sicht auf den Fußball.
Ich verstehe nicht ganz, wie du zu dem Urteil kommst, dass Schweinsteigers Aussage ausschließlich (oder größtenteils) auf Erfahrungen basiert. Wir alle tragen die Stereotypen eines „wilden“, „undisziplinierten“ Afrika (als Kontinent ebenfalls eine koloniale Erfindung) in uns und sind damit sozialisiert. Sie bestimmen immer noch Denkweisen und Urteile.
Schweinsteiger ist davon absolut nicht ausgenommen, sondern genauso verfangen wie der Rest des globalen Nordens. Mag sein, dass seine Erfahrungen eine Rolle spielen, aber genauso die Stereotypen und Bilder, die seit Jahrhunderten in unserer Kultur bestehen und wirken. Man kann sich damit auseinandersetzen und hinterfragen, wie man über bestimmte Menschen/Länder/Kontinente(!) spricht, oder eben nicht. Dass das bei B.S. nicht der Fall ist, überrascht mich nicht.
Wir beide können in diesem Punkt nur mutmaßen; niemand weiß, was in Schweinsteiger vorgeht. Schweinsteiger traf 2010 und 2014 mit der Nationalmannschaft auf Ghana. 2014 wissen wir dank Dokus und Büchern relativ genau, was den Spielern in der Vorbereitung auf die Ghana-Partie eingebläut wurde: dass sie sich auf keinen Fall auf einen wilden Schlagabtausch einlassen dürfen. Genau das wolle Ghana, hatte Urs Siegenthaler damals als Analyse vorgegeben. Es kam genauso, wie prophezeit, auch weil das Klima in Fortaleza unbarmherzig war. Und, wie im Text beschrieben: Das Vorurteil, afrikanische Teams seien weniger von Taktik geprägt und würden etwas wilder spielen, kommt nicht von ungefähr (im Gegensatz zum rassistisch motivierten Bild des „genetisch wilden Afrikaners). Viele Jahre war der afrikanische Fußball weniger von Defensivtaktik geprägt als der europäische oder südamerikanische.
Der erste Satz ‚Ich finde es sehr wichtig, zwischen „Rassist“ und „rassistisch“ zu unterscheiden.‘ ist ein sehr wichtiger und aus meiner Sicht entscheidender Beitrag zur Diskussion. Dass an einer Aussage, die einen ganzen Kontinent charakterisieren soll, etwas nicht stimmen kann, versteht sich eigentlich von selbst. Genauso ergibt sich nicht aus einer einzelnen Aussage auf Grundlage bestimmter Denkmuster, dass diese Denkmuster die komplette Weltanschauung einer Person bestimmen. Man muss natürlich aufpassen, nicht alles als Einzelfälle abzutun, aber der umfassende Blick ist wichtig.
Absolute Empfehlung: „Wozu Rassismus“ von Aladin El-Mafaalani
Ich würde jetzt auch nicht behaupten dass Schweinsteiger ein Rassist ist, aber es ist ja kein Zufall dass, wenn man nichts über das Thema/Subjekt weiß, auf Vorurteile zurück greift, und die sind nunmal kolonial geprägt. Insofern ist das dann auch weniger eine Schweinsteigerproblem, sondern ein allgemeines, in Gesellschaften die historisch vom Kolonialismus profitiert haben bzw. es heute weiterhin tun.
Aber noch eine Frage zu Österreich. Ich habe zwar nur das Spiel gegen Argentinien gesehen, aber es kommt mir so vor als ob man defensiv sehr vom Ausfall Baumgartners getroffen wurde und Rangnick noch keine wirklich zufriedenstellende Lösung gefunden hat.