Bild der Eröffnungsfeier in Katar. Lizenz: CC0 1.0.
Die längste Vorrunde der Weltmeisterschaft ist Geschichte. Sie hat viele Rekorde gebrochen. Noch nie gab es so viele Spiele vor so vielen Zuschauern, in denen so viele Tore gefallen sind! Die Begeisterung hat selbst so manchen Kritiker des Turniers verstummen lassen. Dabei ist ironischerweise alles eingetreten, was sie vorhergesagt hatten. Die Erhöhung von 32 auf 48 Teilnehmern hat den Spielplan zwar aufgebläht – sie war aber aus sportlichen Gesichtspunkten weitgehend irrelevant.
Ich habe vor der WM eine kleine Liste zusammengestellt: Welche Nationen wären 2026 nicht dabei gewesen, hätte die Fifa das Turnier im alten 32er-Format ausgetragen? Ich habe mich an der Vergabe der Startplätze für die WM 2022 orientiert. Bei manchen Kontinentalverbänden fiel diese Rechnung einfach aus: In Europa fielen jene Teams weg, die sich erst in den Playoffs qualifizieren konnten; Südamerika bekam einen Vertreter weniger; bei Asien sowie Nord- und Mittelamerika musste man die Ergebnisse mehrerer Qualifikationsgruppen miteinander vergleichen. Kopfschmerzen bereitete mir der afrikanische Verband: Deren Qualifikationsprozedere funktionierte 2026 anders als 2022. Ich habe daher einfach jene afrikanischen Teams für 2026 gesetzt, die in der Weltrangliste am höchsten platziert waren.

Acht Teams, die im 32er-Format nicht dabei gewesen wären, sind bereits ausgeschieden. Zwei Nationen haben sich nur für das Sechzehntelfinale qualifiziert, weil sie vor anderen Mannschaften platziert sind, die nicht dabei gewesen wären: Paraguay (vor der Türkei) und Bosnien-Herzegowina (vor Katar). Nur sechs Nationen haben der Logik getrotzt. Interessanterweise stammen fünf davon aus Afrika. Anders gesagt: Hätte die Fifa einfach die Quote der afrikanischen Teams erhöht, wären wir beim gleichen 32er-Feld gelandet, für dessen Bestimmung 72 Fußballspiele stattfinden mussten.
Die Zahl der Überraschungen bei dieser Weltmeisterschaft ist überschaubar. Sicherlich: Ergebnisse wie das 0:0 zwischen Kap Verde und Spanien oder Curacaos Punktgewinn gegen Ecuador schlugen hohe Wellen. Mit Uruguays Ausscheiden haben die wenigsten gerechnet. Diese Ausnahmen ändern aber wenig am Gesamtergebnis: Es haben sich fast ausschließlich Teams durchgesetzt, von deren Weiterkommen auszugehen war.
So endeten fast alle Gruppen, wie vor dem Turnier erwartet. Elf von zwölf Gruppen wurden von demjenigen Team gewonnen, das in meiner Vorschau die höchste Sternewertung kassiert hatte. Gruppe K mit Sieger Kolumbien (drei Sterne) und dem Zweiten Portugal (dreieinhalb Sterne) stellt die Ausnahme. Ich möchte nicht in Eigenlob baden. Meine Bewertungen decken sich mit den Quoten der Buchmacher. Es war schlicht zu erwarten, dass Mexiko, Argentinien oder Spanien ihre Gruppen gewinnen. Selbst Patzer wie Englands Remis gegen Ghana wurden angesichts des aufgeblähten Formats des Turniers nie zum Problem: Für die großen Nationen war es nahezu unmöglich, auszuscheiden.
Der Begeisterung für die Weltmeisterschaft tut dies keinen Abbruch. Fans auf der ganzen Welt erfreuen sich an der Non-Stop-Action, die ein Turnier wie dieses produziert. Es gibt tolle Tore zu bestaunen, kuriose Schiedsrichter-Entscheidungen lösen Wut aus und virale Momente bewegen die sozialen Medien. Die Welt dürstet nach Content, und das neue Format der Fußball-Weltmeisterschaft ist eine Contentschleuder.
Die WM erinnert an das Marvel Cinematic Universe: Es gibt immer mehr, mehr, mehr. Selbst wenn man einen Film oder eine ganze Serie verpasst, kann man beim nächsten Blockbuster einfach wieder einsteigen; selten hat man wesentliche Handlungsstränge verpasst. Das Gleiche gilt für die WM: Wer bisher nichts gesehen hat, kann einfach ab dem Sechzehntelfinale loslegen. Die Ausgangslage hat sich im Vergleich zu den Prognosen vor dem Turnier kaum verändert.
Und damit höre ich auf zu jammern. Denn so unnötig die bisherige Vorrunde gewesen sein mag: Ab heute Abend geht es richtig los. Viele haben noch nicht so richtig begriffen, wie viel Drama uns das neue Sechzehntelfinale bescheren wird. In den kommenden Tage geht die Non-Stop-Action weiter – nur, dass es von nun an tatsächlich um etwas geht! Am Montag spielt um 19 Uhr Brasilien gegen Japan; das Testspiel im vergangenen Herbst gewann Japan 3:2. Nach dem Abpfiff hat man nicht einmal neunzig Minuten zum Durchatmen, ehe Deutschland auf Paraguay trifft. Und danach geht es direkt weiter mit einem absoluten Highlight zwischen den Niederlanden und Marokko. Lasset die 32er-Weltmeisterschaft (endlich) beginnen!
Kurze Beobachtungen
- Manchmal habe ich das Gefühl, eine kaputte Schallplatte zu sein. Turnier für Turnier leiere ich dieselben fünf Thesen herunter. So muss ich auch bei dieser WM England verteidigen. Nein, die Spiele der Three Lions sind auch unter Thomas Tuchel nicht vergnügungssteuerpflichtig. Warum der deutsche Trainer keine Ersatz-Außenverteidiger nominiert hat, weiß nur er. Ohne Breite taten sich die Engländer sowohl gegen Ghana als auch gegen Panama schwer, den tiefen Block ihrer Gegner zu knacken. Aber – und ich wiederhole mich hier – das ist auch nicht die Aufgabe eines Weltmeisters. Die Teams, die weit vorstoßen, tun dies meist aufgrund einer stabilen Defensive. Und ratet mal: Hier ist England bisher top. 2,1 Expected Goals haben sie bisher zugelassen, womit sie im Pulk der defensivstärksten Teams vertreten sind. Nur ein WM-Teilnehmer hat bisher deutlich weniger xG zugelassen: Spanien liegt mit 0,68 mit großem Abstand vorne.
- Wenn man Vorschauen auf 48 WM-Teilnehmer schreibt, gibt es viel zu entdecken. Besonders spannend ist es, auf Spieler aufmerksam zu werden, die man bisher nicht auf dem Schirm hatte. Mir hatten es vor dem Turnier vor allem drei Spieler angetan: Paraguays Julio Enciso werden wir Deutschen im Sechzehntelfinale kennenlernen. Südafrikas Relebohile Mofokeng schmorte eineinhalb Spiele auf der Bank, ehe er bei seinem Startelf-Debüt gegen Südkorea (1:0) eine richtig starke Leistung zeigte. In dieser Nacht zog der dritte Spieler nach: Der usbekische Mittelstürmer Eldor Shomurodov erzielte gegen die DR Kongo eines der schönsten Tore dieser WM. Ich habe mir vor der WM einen Zusammenschnitt seiner 22 Treffer in der türkischen Süper Lig angesehen. Wie großartig er den Abschluss mit dem ersten Kontakt beherrscht! Für die großen Ligen dürfte er zu langsam sein. Und auch bei der WM werden wir ihn nicht mehr sehen: Usbekistan ist nach dem 1:3 gegen die DR Kongo ausgeschieden.
- Wo ich schon einmal Lobeshymnen verteile: Was war das für ein denkwürdiges Spiel von Davinson Sánchez? Kolumbiens Abwehrchef hat zahllose Angriffe der Portugiesen verhindert, ehe diese gefährlich werden konnten. Sein Timing im Herausrücken war großartig. Zugleich muss man einschränkend sagen, dass Portugal es ihm nicht allzu schwer machte: Die Portugiesen spielten zahllose schlechte Bälle in die Spitze. Mal wieder fehlte jegliche Tiefe im Angriffsspiel. Kolumbien hätte das Spiel gewinnen müssen. Bei den Expected Goals lag das Team klar vorne (2,1 zu 0,9). Die Chancenverwertung ist eigentlich der einzige Grund, warum ich sie immer noch nicht als Geheimfavoriten einstufe: Eine schwache Torausbeute ist (neben einer schlechten Defensive) die Todsünde in K.O.-Turnieren.
- Ein (arg verspäteter) Nachtrag zur Gruppe A – allerdings fiel mir dies erst gestern Nachmittag wieder ein. Fünf der sechs Partien dieser Gruppe fanden in mexikanischen Stadien statt. Drei Teams hatten vorgesorgt: Mexiko, Südkorea und Südafrika hatten spezielle Trainingslager in Höhenlagen absolviert. Tschechien nicht. Sie haben zwar ihre Trainingseinheiten so gestaltet, dass die Herzfrequenz der Spieler höher war als in normalen Trainingssessions. Manche Einheiten fanden in Hallen statt, um das heiße Klima zu simulieren. Doch in der Höhe haben sie nie trainiert. Selbst ihr Basecamp lag im texanischen Flachland. Die Tschechen wirkten bei den extremen Bedingungen in ihren beiden Spielen auf mexikanischem Boden nicht konkurrenzfähig. Sie verloren gegen Südkorea (1:2) und den Co-Gastgeber Mexiko (0:3). So muss Tschechien früh die Heimreise antreten. Manchmal sind es diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die den Unterschied machen.
Interessante Beobachtung mit dem Höhenlager. Könnte das sich auch für die Engländer als Stolperstein erweisen? Im Achtelfinale würden sie auf Mexiko treffen und zwar in Mexico-City…
Nicht, dass ich wüsste, nein. England hat zwar die Freundschaftsspiele in der Mittagshitze von Florida absolviert, um Spiele unter extremer Hitze zu simulieren. Aber sie haben kein Höhentrainingslager veranstaltet.
Das meine ich. England könnte mit der Höhe und den Bedingungen Probleme bekommen. Übrigens, fun fact: Mexiko hat noch nie ein WM-Spiel im Azteken-Stadion verloren. Zugegebenermaßen war da aber auch nur ein KO-Spiel dabei und keins gegen eine Mannschaft vom Kaliber Englands.
Elijah Just war für mich die Entdeckung der Gruppenphase.
Übrigens könntest du die Abseitssituation im Ägypten/Iran Spiel erläutern?
Das hat für hohe Wellen geschlagen in den Kommentarbereichen auf den anderen Seiten.
Viele sind diesbezüglich der Regelkunde nicht mächtig (vorletzter Verteidiger). Insbesondere wenn der Torwart nicht dort steht wo er normalerweise steht.
Auch ich kannte die Regel erst seit gestern.