Das Bild stammt von Marco Verch, Lizenz: CC BY 2.0 DE
Die Weltmeisterschaft mag gerade erst so richtig beginnen. Faktisch ist sie bereits zu 70% vorbei. 72 der insgesamt 104 Spiele wurden bereits absolviert. Ab der K.O.-Phase wird sich der Fußball zusehends verändern: Jeder Fehler kann potenziell das Aus bedeuten. Aus der Erfahrung vergangener Turniere sinkt die Risikobereitschaft der Teams genauso wie die Anzahl der Tore.
Aus diesem Grund ergibt es bereits jetzt Sinn, ein kleines Zwischenfazit zu ziehen. Was haben wir bei diesem Turnier gesehen? Auf welche Spielweisen setzen die Trainer? Welche Trends zeichnen sich ab? Ich liefere vier Erkenntnisse zu den Strategien und Taktiken der Teams.
1. Es wird Fußball gespielt!
Die Befürchtungen vor dem Beginn des Turniers waren groß. Was macht es mit dem Niveau einer Weltmeisterschaft, dass nun 48 statt 32 Teams teilnehmen? Schon in der Vergangenheit haben viele kleinere Nationen das Heil in der Defensive gesucht. Spiele mit einem Ballbesitzverhältnis von 70% zu 30% haben im Laufe der Jahre stetig zugenommen.
Die schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Sicher: Wenn krasse Außenseiter auf Spanien, Frankreich oder England trafen, haben sie den Ball einfach nur weggedroschen. Es gab auch bei diesem Turnier Teams, die das Fußballspielen fast gänzlich verweigert haben; Ghana zum Beispiel oder Deutschlands Sechzehntelfinal-Gegner Paraguay.
Doch die allermeisten Teams haben sich bemüht, Fußball zu spielen in seiner reinsten Form: mit Technik, Finesse und flachen Pässen. Das spiegelt sich in der Statistik wider: Im Schnitt gab es pro Partie knapp zwanzig lange Bälle weniger zu bestaunen als während der Gruppenspiele 2022. Der Anteil der hohen Zuspiele an allen Pässen sank von 14,3% auf 12,8%. (Die Zahl der Pässe sank insgesamt, was aber eher an der niedrigeren Nettospielzeit liegt – das ist aber ein anderes Thema).
Diesen Trend haben wir bereits im Klubfußball erlebt: Das technische Niveau der Verteidiger hat sich im vergangenen Jahrzehnt derart erhöht, dass ein flacher Aufbau aus der Abwehr wesentlich weniger Risiko bedeutet. Selbst Mittelklasse-Teams wollen den Gegner in ein Pressing locken, um anschließend mit kurzen Pässen die Lücken in der gegnerischen Ordnung zu attackieren.
Bei der WM sah man diesen Trend ebenfalls. Marokko, Japan oder Kolumbien waren in der Vergangenheit nicht für ihren risikoreichen Aufbau bekannt, überzeugen aber bei diesem Turnier mit Kombinationsfußball. Selbst Südafrika baute fast jeden Angriff flach auf. Das ist in den ersten beiden Partien massiv schiefgegangen. Sie haben trotzdem nicht aufgegeben. Das Risiko wurde belohnt – wie bei so vielen anderen WM-Teilnehmern.
2. Dreier-, Vierer- oder Fünferkette? Ist doch egal!
Nach dem ersten Deutschland-Spiel berichtete eine große deutsche Zeitung von einem Geheimplan: Julian Nagelsmann hätte in den freien Tagen eine Fünferkette eintrainieren lassen mit Leroy Sané als Rechtsverteidiger. Sachen gibt’s!
Diese Nachricht war insofern bemerkenswert, als dass die deutsche Elf bereits seit Monaten mit dieser Variante spielt. Nominell läuft die DFB-Elf in einem 4-2-3-1 auf. Bei Ballbesitz formt sich die Abwehr zu einer Dreierkette um. Wenn der Gegner wiederum länger den Ball hält, stockt der jeweilige Rechtsaußen die Abwehrkette auf. So entsteht in tiefen Phasen ein 5-3-2, das die Breite des Raums und die Tiefe besser absichert als eine Viererkette.

Deutschland ist mit dieser Spielweise nicht allein. Bei einem Dutzend Nationen lässt sich nicht genau sagen, ob sie mit einer Dreier-, Vierer- oder Fünferkette agieren. Mexiko und die USA verteidigen dabei auf eine ähnliche Art wie Deutschland. Bei anderen Ländern wie Bosnien-Herzegowina oder Kap Verde geht ein Spieler aus dem Zentrum behelfsmäßig in die Abwehr.
So oder so: Viele Teams verbinden die unterschiedlichen Vorteile einer Drei-Mann-, Vier-Mann- und Fünf-Mann-Abwehr. In hohen Phasen schieben sie ihre Spieler weiter vor und sichern mit weniger Spielern ab. In tiefen Phasen soll eine Fünfer- oder gar Sechserkette helfen, die letzte Linie besonders gut zu sichern.
Diesen Trend habe ich so in der Bundesliga bisher noch nicht beobachtet; allenfalls die Bayern wenden regelmäßig eine solche Metamorphose an. Ob dieser Trend bald von der WM in den Vereinsfußball hinüberschwappt?
3. Flutet den Halbraum!
Es entsteht der Eindruck, Julian Nagelsmann würde am liebsten nur Mittelfeldspieler aufstellen. Die deutsche Mannschaft verfügt über eine hohe Präsenz im Zehnerraum. Nicht nur Florian Wirtz und Jamal Musiala agieren in diesem Bereich. Auch Linksverteidiger Nathaniel Brown und der rechte Sechser Felix Nmecha bieten sich immer wieder zwischen den gegnerischen Linien an. Deutschland will den Gegner durch seine schiere Überzahl im Zentrum vor schwierige Entscheidungen stellen.
Auch mit dieser Taktik ist Nagelsmann nicht allein. Die USA setzen auf eine recht ähnliche Systematik. Auch Mexiko oder Kolumbien wollen das Zentrum durch eine Überzahl öffnen. Sie stellen dies jedoch eher über vorrückende Achter und einrückende Außenspieler her.

Auch abseits dieser Beispiele gibt es zahllose Teams, die über den Halbraum zum Erfolg kommen wollen. So sieht man bei dieser WM kaum mehr klassische Außenverteidiger, die die Linie hinuntersprinten. Die ivorischen oder türkischen Außenverteidiger zogen permanent diagonal in den Halbraum, um hier Gegenspieler zu binden.
Auf diese Art lässt sich die Schwachstelle vieler Gegner triggern: die Abstimmung zwischen Innen- und Außenverteidigern. In Fünferketten-Systemen rücken die Außenverteidiger meist heraus, was viel Laufarbeit für die Innenverteidiger bedeutet. Nicht alle kommen dieser Aufgabe nach. Viererketten fällt es wiederum schwer, auf freie Gegner im Halbraum zu reagieren. Sind die Sechser erst einmal herausgerückt, können die Verteidiger den offenen Raum nur mit viel Risiko schließen. Genau darauf spekulieren die angreifenden Spieler. Zahllose Tore sind bei dieser WM nach Kombinationen durch den Halbraum gefallen.
4. Im Zweifel zurück an den eigenen Strafraum!
Die ersten drei Trends haben gemein, dass sie eher offensiver Natur sind. Das spiegelt sich in der Anzahl der Tore wider. 2,99 Treffer pro Spiel bedeuten die höchste Quote seit der Weltmeisterschaft 1958. Das passt zum Trend in den Klubwettbewerben. Hier steigt die Torquote seit Jahren kontinuierlich. Die WM ist dabei jedoch noch weit entfernt von der Champions League (3,38 Tore pro Spiel in der Ligaphase 2025/26) oder der Bundesliga (3,24).
Einerseits liegt dies an der fehlenden Eingespieltheit der Nationalteams. Es fällt leichter, in der kurzen Zeit defensive Strategien einzuüben als an Angriffsmustern zu feilen. Andererseits entsteht die geringere Anzahl an Toren auch aus der Vorsicht vieler Teams: Selbst in dieser eher offensiven Gruppenphase haben viele Teams im Zweifel tief verteidigt.
Dies war vor allem am letzten Spieltag zu bestaunen. Paraguay und Australien wollten bei ihrem direkten Duell vor allem eins: nicht verlieren. Sie haben fast durchgehend auf ein hohes Pressing verzichtet. Selbst vermeintliche Spitzenteams wie Portugal oder Deutschland setzten nicht durchgehend auf ein hohes Pressing. Immer wieder ließen sie sich an den eigenen Strafraum fallen. Die kleineren Nationen taten dies vor allem, sobald es eng wurde.
Dieses Muster dürften wir in der K.O.-Phase noch häufiger erleben. Gerade im Sechzehntelfinale kommt es zu vielen Duellen zwischen klaren Favoriten und Außenseitern. Spiele mit 75% zu 25% Ballbesitz werden eher die Regel denn die Ausnahme sein. Die Torquote dürfte eher sinken als steigen.
Das soll aber keineswegs die offensiven Errungenschaften dieser WM schmälern. Die meisten Spiele bis zu diesem Zeitpunkt haben mir als neutralem Zuschauer viel Spaß bereitet. Die Vorrunde hat vorgelegt. Jetzt muss die K.O.-Phase nachlegen.
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Danke für die Extra-Arbeit nur für deine Abonnenten! Freue mich ebenfalls auf die K.O. Phase, auch wenn die Türkei nach Ihrer 24-jährigen Abstinenz bereits in der Gruppenphase sang- und klanglos ausgeschieden sind.
Ich erwarte tatsächlich so einige Überraschungen, nicht nur haben sich die kleineren Nationen dem Niveau der großen über die Jahrzehnte angenähert, auch die großen Teams wirken nicht so dominant und unbesiegbar wie in früheren Turnieren (mit Ausnahme von Frankreich). Ein Halbfinale mit Argentinien gegen Japan und Frankreich gegen die USA ist, finde ich nicht undenkbar.
Lässt sich der weitgehende Verzicht auf durchgehendes Pressing nicht auf die äußeren Bedingungen (Höhe, Temperatur und Luftfeuchtigkeit) sowie den durch die (Sonder-)Regeln veränderten Spielrhythmus erklären?
Spieler sind es ja gewohnt bzw. darauf trainiert sich in kurzen Pausen zu erholen. Das ist zumindest bei Einwürfen nicht bzw. nicht in der üblichen Art und Weise möglich. Zwischen den Werbepausen gute 20 Minuten durchzuziehen, ist wohl kaum einer Nationalmannschaft geschlossen möglich. Und sobald die Kompaktheit verloren geht, muss man sich zurückziehen.
Tatsächlich habe ich das Wetter bisher nicht als großen Faktor empfunden. Das liegt sicher auch daran, dass die Temperaturen in den USA und Kanada in den ersten zwei Wochen eher mild waren. Hinzu kommt, dass einige Stadien in den heißesten Spielorten klimatisiert sind: Atlanta, Dallas und Houston werden wie in Katar heruntergekühklt, Los Angeles verfügt über eine kühlende Fassade. Die extremsten Bedigungen herrschen sicherlich in Mexiko, wobei das eher an der Höhe und der Luftfeuchtigkeit liegt.
Deine Sterne-Bewertungen aus der Vorschau sind ja durchweg alle sehr gut hingekommen in der Gruppenphase, mal wieder sehr stark von dir. Gibt es Teams, bei denen du jetzt vor der KO Runde die Bewertung signifikant korrigieren würdest aufgrund eben neuer Erkenntnisse aus den bisherigen Spielen?
Spannende Frage! Ich würde auf jeden Fall kein Team so weit nach oben korrigieren, dass es zu den Turnierfavoriten Spanien, Frankreich, England und Argentinien vorstößt. Ich würde aber manchen Teams um einen halben Stern auf- oder abwerten:
Elfenbeinküste: 3 statt 2,5 Sterne
Mexiko: 3 statt 2,5 Sterne (Ich habe den Heimbonus unterschätzt)
USA: 3 statt 2,5 Sterne
Deutschland: 3 statt 3,5 Sterne
Portugal: 2,5 statt 3,5 Sterne
Ghana: 2 statt 1 Stern
Australien: 2 statt 1,5 Sterne
Paraguay: 1,5 Sterne statt 2,5 Sterne
spannend auch, das alle genannten taktischen Trends so von der deutschen Mannschaft praktiziert werden. In der Hinsicht scheinen wir ja ganz vorne dabei zu sein. Auch wenn das vielleicht teilweise auch einfach gezwungen ist, weil wir eben auch nicht die Spieler für was anderes haben. Problem ist dann wohl einfach aktuell die Qualität der Spieler, bzw die Form um sie auf den Platz zu bringen
Hallo Tobi
Vielen Dank für deine WM-Berichterstattung. Die Vorschau war herausragend! Alles sehr informativ und perfekte Flughöhe. Riesiges Kompliment für die enorme Arbeit.
Mich würde interessieren, welche Rollen Johan Manzambi bei Freiburg dieses Jahr genau gespielt hat. Es heisst immer, er hätte viele verschiedene Positionen gespielt, usw. Habe leider keine Freiburg-Spiele gesehen…könntest du bitte mal ausführen, welche Funktion er als 8er oder 10er bei Freiburg hat? Wie spielt Freiburg überhaupt und welche Rollen füllt er aus? Spielt er so was wie Nmecha jetzt im Nationalteam als 8er, der im rechten Halbraum vorstossen soll? Oder als 10er nahe beim Stürmer bzw. in der Tiefe, wie er jetzt neben Embolo gespielt hat gegen Kanada?
Vielen Dank!