3 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 18: Braucht es mehr oder weniger Europäer bei der WM?

  1. Die Teilnehmerzahlen aus Europa, Südamerika und Afrika bilden die Stärkeverhältnisse dieser drei ungefähr ab, die drei mittelamerikanischen Qualifikanten waren angesichts der Ausrichterländer diesmal schwer zu vermeiden. Problem ist also aktuell allenfalls die Überrepräsentation Asiens. Würde man auf das jeweilige Abschneiden reagieren wollen, dann müßte wohl Asien zwei und Mittelamerika einen Platz verlieren. Europa, Südamerika und Afrika bekämen jeweils einen Starter dazu.
    Unterrepäsentiert finde ich Europa gleichwohl nicht. Die zweite Reihe fällt sportlich dann doch zu stark ab. Die von Dir erwähnten Dänen sind in der Quali gerade an den beiden schwächsten europäischen Teilnehmern Schottland und Tschechien gescheitert. Und die haben sportlich gar keine Argumente geliefert (die Schotten hat man zumindest wegen ihrer Fankultur gerne dabei).
    Wenn die UEFA die Wahrscheinlichkeit erhöhen möchte, daß Teams wie Italien am Ende dabei sind, dann müßte sie wahrscheinlich ihren Qualifikationsmodus überdenken. Die Playoffs in ihrer aktuellen Form sind da zu sehr Lotterie. Das ist dann aber ein UEFA-internes Problem.

  2. Die Brisanz bei Österreich-Algerien hat sich ja schon vor Anpfiff gesteigert, weil die Kriterien, um unter die acht besten Gruppendritten zu kommen, mit jedem Tag gestiegen sind: Südafrikas Sieg gegen Südkorea, Japans Unentschieden gegen Schweden, Ecuadors Sieg gegen Deutschland, Senegals hoher Sieg in Überzahl, Kongos Sieg nach Rückstand. Davor war ja sogar zu befürchten, dass beide Mannschaften sogar eine knappe Niederlage in Kauf nehmen würden, um Spanien aus dem Weg zu gehen.
    So hat das Spiel aber seinen fixen Platz in jedem Kuriositätenkabinett. Das 1:0 als Co-Produktion von Alaba und Arnautovic ist ein nettes Zuckerl im Herbst ihrer langen Teamkarrieren, der Ausgleich fällt auch ohne Kontext auf absurde Art und Weise: die Eckfahne lässt Klatschen, nach Mwenes Ankle Tackling läuft die Szene weiter, ein Schuss unter die Gürtellinie schaltet Schlager aus, Alaba und Sabitzer legen sich frühzeitig nieder.
    Die Schlussminuten sind ohnehin zum Einrahmen. Beim 3:2 rutscht die plötzlich das Herz in die Hose – selbst Mahrez, als ihm dämmert, dass er jetzt Spanien zum Gegner gemacht hat. Der Angriff zum 3:3 gelingt dir ohnehin maximal einmal in hundert Versuchen so.
    Also Emotionen waren da genug drin, Begeisterung war aber noch nicht dabei.

  3. bzgl. WM-Teilnehmer: Ich finde das ist stark Auslegungssache, für welchen Modus man ist. Ungeachtet der nicht so romantischen Gründe für die Aufstockung des Turniers, finde ich persönlich, dass der Sinn einer WM schon darin bestehen sollte, die Fußballwelt abzubilden und weniger eine Superleague aus den stärksten Nationen (also 90 Prozent Europa/Südamerika) darzustellen. Dafür nehme ich gerne eine schwächere sportliche Qualität in Kauf und erfreue mich dafür an der ungezähmten Leidenschaft gewisser Außenseiter, teilweise unorthodoxen Fußball, den man in Europa kaum mehr findet. Mehr Europa würde auch mehr Fußball nach Schema F bedeuten, wovon wir jedes Jahr eh übermäßig viel konsumieren können. Mal ehrlich: Wer schaut denn eine WM, wegen der tollen fußballerischen Qualität? Dahingehend ist der Vereinsfußball doch meilenweit voraus. Und doch ist diene WM das beliebteste Sportereignis überhaupt. Weil die Leute halt den archaischen Nationenkampf und die kulturellen Aspekte lieben. So wie ich auch.

    Btw. bin gespannt auf die FIFA-Pläne. 64 Teilnehmer kann man in ihrer Gesamtheit fast gar nicht mehr verfolgen – viel Spaß bei der Erstellung der Team-Vorschauen, Tobi^^ – aber der Modus wäre dafür wohl wieder etwas vernünftiger.

    bzgl. Österreich: Muss dir leider recht geben. Bei uns im Land ist die große Euphorie über die erstmalige Teilnahme, trotz dieses geisteskranken Spiels gegen Algerien (oder genau deswegen), einer gewissen Ernüchterung gewichen, so mein Eindruck. Medial auf jeden Fall. Nach dem mühsamen Spiel gegen Jordanien, dem maximal braven gegen Argentinien und dem unfassbar dummnaiven gegen Algerien geht die Mehrheit wohl davon aus, dass wir uns jetzt (hoffentlich mit Anstand) gegen Spanien aus dem Turnier verabschieden. Für einen Kap Verde’schen Abwehrriegel ist das Team defensiv waaay too instabil und anpressen lassen sich die Spanier ebensowenig wie Argentinien. Vom Spiel mit dem Ball möchte ich gar nicht anfangen. Da fehlt Baumgartner, der Einzige, der unsere spielerischen Schwierigkeiten im letzten Drittel mit unvorhergesehen Einzelaktionen auflösen kann, an allen Ecken und Enden. Ein hausgemachtes Problem, weil Österreich wie Deutschland augenscheinlich schon in der Jugend nur für zwei bis drei Positionen Spieler ausbildet. Wir haben international taugliche Innenverteidiger und Box-to-Box-Midfielder zum Saufüttern, aber weit und breit kein Stürmer oder dribbelstarker Flügel. So wie Deutschland einen Weltklasse-Zehner nach dem anderen produziert, aber Außenbahn? Wüste.
    Wir sehen gerade, wie in Österreich eine Ära zu Ende geht. Die Ära einer Generation um Leute wie Alaba, Arnautovic und Sabitzer gebaut. Die goldene Pressing-Ära, die, wie du richtiger Weise geschrieben hast, einer neuen Phase des spielerischen Aufbaus, selbst bei den vermeintlich kleinen Klubs und Nationen, weicht. Und Österreich ist gerade dabei, diesen Trend völlig zu verpennen. Unsere fast ausschließlich physisch agierenden Klubs haben lange und gut vom RB-Pressing-Stil gelebt, ihn sogar teilweise durch Rangnicks Arbeit in Europa mitgeprägt. Heute werden sie im internationalen Direktvergleich mittlerweile von Teams aus Tschechien, Norwegen oder Dänemark schon in der Conference League balltechnisch derart outperformt, dass alle Alarmglocken schrillen sollten.
    Normal hätte schon vor vier bis fünf Jahren ein Reset in der Jugendarbeit stattfinden müssen. Weg von dem hohen Augenmerk auf physische Komponenten und mehr technische Aspekte, mehr individuelle Entscheidungsqualitäten. Schlager, Laimer und Co. sind gute Kicker, aber sie sind stramme Soldaten, die sich in ein Konzept einfügen und keine festgefahrenen Spielsituationen mal durch einen Geniestreich auflösen.
    Nun könnte man einwenden, dass aus der Jugend eh was nachkommt, wo Österreich doch jüngst U17-Vizeweltmeister wurde. Dem würde ich entgegenhalten, dass wir aus zwei Gründen bei dem Turnier so weit gekommen sind: Erstens, weil Österreich, wie kaum ein anderes Land, auf Frühgeborene setzt und zweitens weil die Spieler teilweise eben – Überraschung! – physisch fast allen Mannschaften überlegen waren. Beides hat in so einer Altersklasse äußerst spielentscheidenden Charakter. Aber in spielerischer, technischer Hinsicht war Österreich schon ab dem Achtelfinale krass unterlegen. Da waren die Altersgenossen aus England, Japan (megastark, die können sich auf was freuen!), Italien und Portugal viel besser.

    Sorry, das wurde jetzt sowas wie ein eigener Blog-Beitrag. Ein Ausdruck meiner Angst, dass nun nach 1998 und dem Ende der Generation Polster, Herzog, Feiersinger, erneut eine derart lange Durststrecke vor unserem Fußballland liegt. Damals haben wir die Einführung der Viererkette (zu dieser Zeit ja, der neueste heiße Scheiß) länger verleugnet als CR7 seine Unfähigkeit bei Freistößen. Ich weiß ja nicht wie viel du dich mit Österreich beschäftigst, aber eventuell siehst du ja etwas, was mich mutiger in die Zukunft blicken lassen kann.

    Inzwischen danke für deine tollen Beiträge. Bin ein großer Fan deiner Verknüpfung von trockener taktischer Materie in eine lesenswerte Form und bleibe gerne über die WM hinaus Abonnent.

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