Gianni Infantino (Archivbild). Foto vom Doha Stadium.
Prognosen sind immer schwierig. Man kann sich schnell in die Nesseln setzen. Wenn man Pech hat, werden einem die falschen Aussagen noch lange vorgehalten. Bei dieser Weltmeisterschaft hat es Christoph Kramer erwischt. Er hat nach der Qualifikation den folgenschweren Satz gesagt: „Ich finde es krass, dass wir in Europa nur 16 Teilnehmer haben. Jetzt ist Italien vielleicht nicht dabei und Kap Verde ist dabei.“ Es kam, wie es kommen musste: Kap Verde spielt ein starkes Turnier und steht in der K.O.-Phase. Nach jedem kapverdischen Punktgewinn wurde Kramers Bonmot in den sozialen Medien ausgepackt.
Kramer hat für seine Argumentation das schlechtmöglichste Beispiel herausgewählt. Nicht nur Kap Verde hat den Erwartungen getrotzt: Neun der zehn afrikanischen WM-Teilnehmer stehen im Sechzehntelfinale. Das zeigt, wie stark der afrikanische Fußball in den vergangenen Jahren aufgeholt hat. Einerseits durch eine kluge Rekrutierung von Talenten aus der europäischen Diaspora. Andererseits durch eine Professionalisierung der Strukturen vor Ort. Die Akademien in Marokko, Senegal oder Südafrika gehören zu den besten Nachwuchszentren der Welt.
Dennoch möchte ich Kramer ein Stück weit verteidigen. Er wollte eigentlich einen anderen Punkt machen: Dass Europa als „Fußballhauptstadtkontinent“ (seine Worte, nicht meine) mehr Plätze gebühren.
Die Vergabe der WM-Startplätze nach Kontinenten ist seit jeher ein heikles Thema. Jahrzehntelang wurde sie genutzt, um nicht-europäische und nicht-südamerikanische Nationen praktisch von Weltturnieren auszusperren. Die Uefa stellte über weite Strecken der WM-Geschichte die klare Mehrheit der Teilnehmer. Erst 1998 kam mit der Aufstockung auf 32 Teilnehmer erstmals weniger als die Hälfte der WM-Teilnehmer aus Europa. Rechnet man Europa und Südamerika zusammen, haben sie bis einschließlich 2022 immer mindestens die Hälfte aller Plätze erhalten.

2026 ist dies anders. Aus Europa und Südamerika stammen nur 22 der 48 WM-Teilnehmer. Europas Anteil an den WM-Plätzen fiel auf 33%. Erstmals kann man von einer wahrlich globalen Weltmeisterschaft sprechen, bei der die Kontinente vergleichsweise gleichberechtigt vertreten sind. Das bietet Ländern Zugang zu einer WM, die bisher allenfalls davon träumen durften.
Man darf aber sicherlich die Frage stellen, ob die Vergabe auch aus sportlicher Sicht Sinn ergibt. Klar: Kramers Beispiel war schlecht gewählt, weil er ausgerechnet einen afrikanischen Verband herausgegriffen hat. Das zeigt, dass er – wie viele andere auch – den afrikanischen Fußball unter- bzw. falsch einschätzt. Hätte er Katar oder Curacao in den Satz eingefügt, hätte wohl jeder seine Aussage nach wenigen Minuten vergessen – und viel mehr Leute hätten ihr zugestimmt.
Denn klar ist auch: Es gibt ein Gefälle bei dieser Weltmeisterschaft. Die asiatischen Länder, die von der Erweiterung stark profitiert haben, waren in Teilen mit dem Niveau dieser WM überfordert. Aus dem asiatischen Verband haben nur Japan und Australien die K.O.-Phase erreicht. Die drei Vertreter des mittel- und nordamerikanischen Concacaf-Verbands, die nicht Gastgeber des Turniers sind, haben zusammengenommen einen einzigen Punkt geholt und dabei ein Torverhältnis von 3:21 erzielt.
Es geht mir nicht darum, die europäische Hegemonie über den Fußball wiederherstellen zu wollen. Aber es darf ruhig die Frage gestellt werden, ob zwei oder drei Plätze mehr für Europa und Südamerika und entsprechend weniger Plätze für Asien und Mittelamerika nicht eine sportlich gerechtere Aufteilung bedeuten würden. Natürlich ist Italien selbst schuld daran, dass sie sich nicht qualifiziert haben. Aber würde man eine weltweite Qualifikation ohne Rücksicht auf Kontinentalverbände durchführen, wäre Italien mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit dabei gewesen als Haiti oder der Irak.
Zumal man die Verteilung der Startplätze nicht zu stark romantisieren sollte: Die Erweiterung der WM auf 48 Teilnehmer sicherte Gianni Infantino die Wiederwahl. Seine Machtbasis liegt in Asien und Afrika. Der wiedergewählte Fifa-Präsident belohnte die Kontinentalverbände mit vielen stimmberechtigten Ländern in Form von Startplätzen. Machtpolitik spielt eine große Rolle dabei, dass sich die Kräfteverhältnisse in den vergangenen drei Jahrzehnten von Europa raus in die Welt verschoben haben.
Insofern sollte man diese Debatte aus europäischer Sicht jetzt anstoßen: Infantino wirbt aktuell für eine erneute Wiederwahl. Er dürfte den gleichen Spielzug probieren, der bereits das letzte Mal funktioniert hat. Es läuft auf eine Erweiterung der WM 2030 auf 64 Teilnehmer heraus. Die Uefa sollte dafür kämpfen, mehr Startplätze zu erhalten. Italien, Dänemark oder auch der Kosovo hätten dieser WM gut zu Gesicht gestanden. Sportliche Argumente gibt es durchaus.
Kurze Beobachtungen
- Da haben alle tagelang über „die Schande von Gijón 2.0“ gesprochen. Und dann entpuppt sich Algerien gegen Österreich als eines der dramatischsten Spiele der WM. Sicher: In der Schlussviertelstunde wurde der Ball ziemlich viel von links nach rechts geschoben. Kein Team ging Risiken ein. Doch dann fiel aus dem Nichts das 3:2 für Algerien – und plötzlich waren die Österreicher ausgeschieden! Dass ausgerechnet Saša Kalajdžić den Ausgleichstreffer erzielte, war fast schon ein Fußballmärchen. Er hatte nach mehreren Kreuzbandrissen beinahe seine Karriere beendet. Dennoch: Österreich gefällt mir bei diesem Turnier noch nicht. Ihre große Stärke – das Umschaltspiel nach Ballgewinnen – kommt noch nicht zur Geltung. Vorne fehlt’s an Tempo, hinten an Ballgewinnen. Gegen Spanien muss eine große Sensation her.
- Nicht ganz so dramatisch verlief das erste Sechzehntelfinale, auch wenn hier ebenfalls ein Last-Minute-Tor die Partie entschied. Kanada setzte sich letztlich verdient gegen Südafrika durch. Die Südafrikaner versuchten zwar, über Pässe zum Keeper Kanada in ein Pressing zu locken. Doch diese verzichteten auf Risiko und liefen den Keeper nicht an. So entstand eine dröge Partie. In der zweiten Halbzeit erspielten sich die Kanadier ein Übergewicht auf den Flügeln, das sie irgendwann auch in ein Chancenplus umwandelten. Eins deutet aber dieses erste K.O.-Spiel bereits an: Viele Außenseiter werden von nun an nicht mehr Risiken eingehen als nötig.
- Morgen muss das Tagebuch pausieren. Durch das Deutschland-Spiel bin ich stark eingespannt: Erst schauen wir bei Bohndesliga gemeinsam das Spiel auf unserem Kanal im Livestream. Dann muss ich die Partie für die 11Freunde analysieren. Sollte Deutschland überraschend ausscheiden, werde ich sicher im Laufe des Tages meinen Senf abgeben. Ansonsten geht es übermorgen an dieser Stelle weiter. Abonnenten können derweil die neuen Artikel zu den Taktiktrends und die morgen Früh erscheinende Vorschau auf das Paraguay-Spiel genießen.
Das Titelbild zeigt Gianni Infantino. Quelle. Lizenz: CC BY 2.0.
Die Teilnehmerzahlen aus Europa, Südamerika und Afrika bilden die Stärkeverhältnisse dieser drei ungefähr ab, die drei mittelamerikanischen Qualifikanten waren angesichts der Ausrichterländer diesmal schwer zu vermeiden. Problem ist also aktuell allenfalls die Überrepräsentation Asiens. Würde man auf das jeweilige Abschneiden reagieren wollen, dann müßte wohl Asien zwei und Mittelamerika einen Platz verlieren. Europa, Südamerika und Afrika bekämen jeweils einen Starter dazu.
Unterrepäsentiert finde ich Europa gleichwohl nicht. Die zweite Reihe fällt sportlich dann doch zu stark ab. Die von Dir erwähnten Dänen sind in der Quali gerade an den beiden schwächsten europäischen Teilnehmern Schottland und Tschechien gescheitert. Und die haben sportlich gar keine Argumente geliefert (die Schotten hat man zumindest wegen ihrer Fankultur gerne dabei).
Wenn die UEFA die Wahrscheinlichkeit erhöhen möchte, daß Teams wie Italien am Ende dabei sind, dann müßte sie wahrscheinlich ihren Qualifikationsmodus überdenken. Die Playoffs in ihrer aktuellen Form sind da zu sehr Lotterie. Das ist dann aber ein UEFA-internes Problem.
Die Brisanz bei Österreich-Algerien hat sich ja schon vor Anpfiff gesteigert, weil die Kriterien, um unter die acht besten Gruppendritten zu kommen, mit jedem Tag gestiegen sind: Südafrikas Sieg gegen Südkorea, Japans Unentschieden gegen Schweden, Ecuadors Sieg gegen Deutschland, Senegals hoher Sieg in Überzahl, Kongos Sieg nach Rückstand. Davor war ja sogar zu befürchten, dass beide Mannschaften sogar eine knappe Niederlage in Kauf nehmen würden, um Spanien aus dem Weg zu gehen.
So hat das Spiel aber seinen fixen Platz in jedem Kuriositätenkabinett. Das 1:0 als Co-Produktion von Alaba und Arnautovic ist ein nettes Zuckerl im Herbst ihrer langen Teamkarrieren, der Ausgleich fällt auch ohne Kontext auf absurde Art und Weise: die Eckfahne lässt Klatschen, nach Mwenes Ankle Tackling läuft die Szene weiter, ein Schuss unter die Gürtellinie schaltet Schlager aus, Alaba und Sabitzer legen sich frühzeitig nieder.
Die Schlussminuten sind ohnehin zum Einrahmen. Beim 3:2 rutscht die plötzlich das Herz in die Hose – selbst Mahrez, als ihm dämmert, dass er jetzt Spanien zum Gegner gemacht hat. Der Angriff zum 3:3 gelingt dir ohnehin maximal einmal in hundert Versuchen so.
Also Emotionen waren da genug drin, Begeisterung war aber noch nicht dabei.
bzgl. WM-Teilnehmer: Ich finde das ist stark Auslegungssache, für welchen Modus man ist. Ungeachtet der nicht so romantischen Gründe für die Aufstockung des Turniers, finde ich persönlich, dass der Sinn einer WM schon darin bestehen sollte, die Fußballwelt abzubilden und weniger eine Superleague aus den stärksten Nationen (also 90 Prozent Europa/Südamerika) darzustellen. Dafür nehme ich gerne eine schwächere sportliche Qualität in Kauf und erfreue mich dafür an der ungezähmten Leidenschaft gewisser Außenseiter, teilweise unorthodoxen Fußball, den man in Europa kaum mehr findet. Mehr Europa würde auch mehr Fußball nach Schema F bedeuten, wovon wir jedes Jahr eh übermäßig viel konsumieren können. Mal ehrlich: Wer schaut denn eine WM, wegen der tollen fußballerischen Qualität? Dahingehend ist der Vereinsfußball doch meilenweit voraus. Und doch ist diene WM das beliebteste Sportereignis überhaupt. Weil die Leute halt den archaischen Nationenkampf und die kulturellen Aspekte lieben. So wie ich auch.
Btw. bin gespannt auf die FIFA-Pläne. 64 Teilnehmer kann man in ihrer Gesamtheit fast gar nicht mehr verfolgen – viel Spaß bei der Erstellung der Team-Vorschauen, Tobi^^ – aber der Modus wäre dafür wohl wieder etwas vernünftiger.
bzgl. Österreich: Muss dir leider recht geben. Bei uns im Land ist die große Euphorie über die erstmalige Teilnahme, trotz dieses geisteskranken Spiels gegen Algerien (oder genau deswegen), einer gewissen Ernüchterung gewichen, so mein Eindruck. Medial auf jeden Fall. Nach dem mühsamen Spiel gegen Jordanien, dem maximal braven gegen Argentinien und dem unfassbar dummnaiven gegen Algerien geht die Mehrheit wohl davon aus, dass wir uns jetzt (hoffentlich mit Anstand) gegen Spanien aus dem Turnier verabschieden. Für einen Kap Verde’schen Abwehrriegel ist das Team defensiv waaay too instabil und anpressen lassen sich die Spanier ebensowenig wie Argentinien. Vom Spiel mit dem Ball möchte ich gar nicht anfangen. Da fehlt Baumgartner, der Einzige, der unsere spielerischen Schwierigkeiten im letzten Drittel mit unvorhergesehen Einzelaktionen auflösen kann, an allen Ecken und Enden. Ein hausgemachtes Problem, weil Österreich wie Deutschland augenscheinlich schon in der Jugend nur für zwei bis drei Positionen Spieler ausbildet. Wir haben international taugliche Innenverteidiger und Box-to-Box-Midfielder zum Saufüttern, aber weit und breit kein Stürmer oder dribbelstarker Flügel. So wie Deutschland einen Weltklasse-Zehner nach dem anderen produziert, aber Außenbahn? Wüste.
Wir sehen gerade, wie in Österreich eine Ära zu Ende geht. Die Ära einer Generation um Leute wie Alaba, Arnautovic und Sabitzer gebaut. Die goldene Pressing-Ära, die, wie du richtiger Weise geschrieben hast, einer neuen Phase des spielerischen Aufbaus, selbst bei den vermeintlich kleinen Klubs und Nationen, weicht. Und Österreich ist gerade dabei, diesen Trend völlig zu verpennen. Unsere fast ausschließlich physisch agierenden Klubs haben lange und gut vom RB-Pressing-Stil gelebt, ihn sogar teilweise durch Rangnicks Arbeit in Europa mitgeprägt. Heute werden sie im internationalen Direktvergleich mittlerweile von Teams aus Tschechien, Norwegen oder Dänemark schon in der Conference League balltechnisch derart outperformt, dass alle Alarmglocken schrillen sollten.
Normal hätte schon vor vier bis fünf Jahren ein Reset in der Jugendarbeit stattfinden müssen. Weg von dem hohen Augenmerk auf physische Komponenten und mehr technische Aspekte, mehr individuelle Entscheidungsqualitäten. Schlager, Laimer und Co. sind gute Kicker, aber sie sind stramme Soldaten, die sich in ein Konzept einfügen und keine festgefahrenen Spielsituationen mal durch einen Geniestreich auflösen.
Nun könnte man einwenden, dass aus der Jugend eh was nachkommt, wo Österreich doch jüngst U17-Vizeweltmeister wurde. Dem würde ich entgegenhalten, dass wir aus zwei Gründen bei dem Turnier so weit gekommen sind: Erstens, weil Österreich, wie kaum ein anderes Land, auf Frühgeborene setzt und zweitens weil die Spieler teilweise eben – Überraschung! – physisch fast allen Mannschaften überlegen waren. Beides hat in so einer Altersklasse äußerst spielentscheidenden Charakter. Aber in spielerischer, technischer Hinsicht war Österreich schon ab dem Achtelfinale krass unterlegen. Da waren die Altersgenossen aus England, Japan (megastark, die können sich auf was freuen!), Italien und Portugal viel besser.
Sorry, das wurde jetzt sowas wie ein eigener Blog-Beitrag. Ein Ausdruck meiner Angst, dass nun nach 1998 und dem Ende der Generation Polster, Herzog, Feiersinger, erneut eine derart lange Durststrecke vor unserem Fußballland liegt. Damals haben wir die Einführung der Viererkette (zu dieser Zeit ja, der neueste heiße Scheiß) länger verleugnet als CR7 seine Unfähigkeit bei Freistößen. Ich weiß ja nicht wie viel du dich mit Österreich beschäftigst, aber eventuell siehst du ja etwas, was mich mutiger in die Zukunft blicken lassen kann.
Inzwischen danke für deine tollen Beiträge. Bin ein großer Fan deiner Verknüpfung von trockener taktischer Materie in eine lesenswerte Form und bleibe gerne über die WM hinaus Abonnent.