Kolumbiens mögliche Formation während der WM 2026
Weltmeisterschaften sind wie eine Leinwand, auf der sich Spieler im kollektiven Gedächtnis der Fußballwelt verewigen können. James Rodriguez hat sich bereits einen Platz auf diesem Gemälde gesichert. 2014 führte er Kolumbien mit sechs Toren und zwei Vorlagen ins Viertelfinale der WM. Dort scheiterte das Überraschungsteam zwar knapp an Gastgeber Brasilien. Rodriguez gewann dennoch den „Goldenen Schuh“ als bester Torjäger und dazu den Puskas Award für das schönste Tor des Jahres.
Im Verlauf seiner Karriere konnte Rodriguez zwar nie mehr an diese magischen Wochen anknüpfen. In Kolumbien wird er seitdem aber als Volksheld verehrt. So bleibt der 34-Jährige auch zwölf Jahre nach seinem Karrierehoch der Dreh- und Angelpunkt der kolumbianischen Nationalmannschaft. Er ist jedoch längst nicht mehr der einzige Star der Nation: Während Luis Díaz mit den Bayern Titel sammelte, gewann Luis Suárez (Sporting) die Torjägerkrone in Portugal.
Trainer Néstor Lorenzo ist es gelungen, aus den Einzelkönnern ein schlagkräftiges Team zu formen. Nachdem die stolze Nation 2022 die Qualifikation für die WM verpasst hatte, führte Lorenzo sie zurück an die südamerikanische Spitze. Zwischenzeitlich blieb Kolumbien 28 Spiele ohne Niederlage, ehe sie das Finale der Copa America 2024 gegen Argentinien nach Verlängerung verloren. Die große Frage vor dem Turnier in Nordamerika lautet: Funktioniert Lorenzos unorthodoxes System auch gegen die Top-Nationen Europas?
Lorenzo muss mit James und Díaz gleich zwei Superstars in seine Elf integrieren. Sein System ist ganz darauf ausgelegt, dass die beiden in ihrer jeweils besten Rolle agieren können. James darf als Freigeist tun, was er möchte. Als Zehner bewegt er sich über das gesamte Feld, bietet sich mal tief im Spielaufbau an oder geht weit auf die Seite. Díaz – in Kolumbien nur „Lucho“ genannt – läuft auf der linken Seite als Stürmer auf. Manchmal lässt auch er sich im Spielaufbau fallen. Meist jedoch tut er das, was er am besten kann: Er lauert in vorderster Linie auf Pässe in die Spitze oder auf Eins-gegen-Eins-Gelegenheiten mit anschließender Chance, den Ball mit seiner famosen Schusstechnik ins Tor zu wuchten.
Die übrigen Spieler haben die Aufgabe, um die beiden Rollen der Superstars herum zu agieren. So hat Kolumbien in den vergangenen Jahren eine eher unorthodoxe Raute gespielt. Stürmer Jhon Cordoba, in der Qualifikation noch gesetzt, weicht weit auf die rechte Seite aus, Díaz agiert auf der linken Stürmer-Position. Kolumbien baut aus einem 4-1-3-2-System auf, wobei dieses System nur auf dem Papier besteht; James taucht überall auf.

Das kolumbianische Spiel kennzeichnet eine starke Asymmetrie: Der linke Außenverteidiger rückt weit vor und sucht das Zusammenspiel mit Díaz. Die Breite wird hier von zwei Akteuren besetzt. Auf der rechten Seite hingegen schafft maximal der Rechtsverteidiger Breite – und selbst der hält sich meist zurück.
Anspruchsvoll ist diese Formation vor allem für die Mittelfeldspieler. Sie müssen die Rollen der Stürmer austarieren. Wohl dem Trainer, der einen Jhon Arias im Kader hat: In einer Mischrolle aus Achter und Rechtsaußen steht er stets bereit zum Sprung, sobald ein Herausrücken auf die rechte Seite nötig wird. Aber auch Richard Rios rückt immer wieder heraus und füllt clever die Lücken auf, welche seine Kollegen offenlassen. Sechser Jefferson Lerma sichert das Konstrukt als Fixpunkt vor der Abwehr ab.
Aus dieser Formation heraus überlädt Kolumbien gern einzelne Räume. Meistens geschieht dies im Aufbau auf der rechten Seite. Hier wird tief kombiniert, ehe die Aufbauspieler mit einem Seitenwechsel Díaz ins Spiel bringen. Diese Überladungen sind ausrechenbar, funktionieren aber dennoch überraschend gut. Kolumbien verfügt über eine sehr saubere Ballzirkulation. Sie legen sich den Gegner zurecht, bis sich ein Raum auftut.
Eine Herausforderung stellt die asymmetrische Raute eher im Spiel gegen den Ball dar. Während Díaz auf der halblinken Seite auch defensiv enorm viel Arbeit verrichtet, gilt das für die halbrechte Seite eher weniger. So bleibt der Druck in vorderster Linie meistens lasch. Dass Kolumbien dennoch stabil steht, liegt vor allem an der Laufbereitschaft des Mittelfelds. Der halbrechte Achter Arias etwa hilft immer wieder als Rechtsaußen aus, wenn das Pressing vorne schiefläuft. Sowohl bei der Copa America als auch in den Spitzenspielen der Qualifikation gegen Brasilien und Argentinien ließen die Kolumbianer wenig zu.

Tadellos blieben die Kolumbianer indes nicht. In der Länderspielpause im März testete Lorenzo daher eine neue Defensivvariante. Gegen Frankreich und Kroatien verteidigten die Kolumbianer aus einem 4-2-3-1 heraus. Luis Suárez agierte zentral als Stürmer, während Arias die rechte Seite beackerte. Die neue Formation sorgte aber nicht für die erhoffte defensive Stabilität. Im Gegenteil: Sie beraubte Kolumbien der eigenen Stärken im Aufbau. Beide Spiele verlor Kolumbien. Das ist doppelt bitter, weil sowohl Kroatien (1:2) als auch Frankreich (1:3) eine B-Elf aufstellten. Kolumbien hingegen setzte in beiden Partien auf die bestmögliche Startformation.
Diese Spiele warfen auch personelle Fragen auf. Die Aufstellung von Suárez erscheint auf den ersten Blick als absoluter Selbstläufer: Für Sporting erzielte der Mittelstürmer in dieser Saison 38 Tore in 53 Pflichtspielen. Damit hat er sich längst in die Notizbücher der großen Premier-League-Klubs geschossen. In der Nationalmannschaft liegt seine Quote bei vier Treffern in zehn Spielen. All diese Tore gelangen ihm im finalen Qualifikationsspiel gegen Venezuela (6:3), als es um nichts mehr ging. Seitdem blieb er ohne eigenes Tor. Seine große Stärke sind sein Antritt und sein Abschluss selbst im höchsten Tempo. Bayern-Fans ahnen bereits, was das Problem darstellt: Genau diese Stärken bietet Díaz, nur in noch besser. Die Rolle als pressender Stürmer, der notfalls nach Rechtsaußen ausweicht, liegt ihm weniger als seinem Konkurrenten Cordoba. Nicht unmöglich, dass Suárez dem ehemaligen Bundesliga-Stürmer weichen muss.

Die große Frage ist derweil eine andere: Kann Kolumbien auch mit den Top-Teams dieses Turniers mithalten? Individuell gibt der Kader viel her. Die Stammspieler verfügen entweder über einen Stammplatz in Teams der Top-Fünf-Ligen oder bei Champions-League-Teilnehmern. Lorenzos Spielsystem ist jedoch ganz auf die Superstars ausgerichtet und bietet defensiv Angriffspunkte für starke Gegner. Das finale Gruppenspiel gegen Portugal stellt den ersten großen Test für das Team dar.
Wie weit Kolumbien letztlich kommt, hängt auch an der Form seiner Stars. James ist bereits verewigt auf der Leinwand der großen WM-Stars. Möchte Kolumbien das Traumziel Viertelfinale erreichen, muss James seinem Bild noch ein paar bunte Punkte hinzufügen. Oder aber Díaz malt sich einen Platz neben seinem Teamkollegen.
Das Erreichen des Viertelfinals ist mit diesem Kader keine unmögliche Aufgabe. Aber auch ein frühes Aus wäre angesichts der defensiven Schwächen keine herbe Überraschung.
GESAMTFAZIT
Macht großen Spaß das Lesen.
Kommt noch eine Zusammenfassung mit „Player to watch“ bzw. „SV-Hipsters“? Fand das beim vergangen Turnieren ein großen Mehrwert und gerade bei diesem großen Turnier, das ich eher gezielt schauen werden.
Ich werde zum WM-Start eine Grafik in den Sozialen Medien posten mit allen Sternebewertungen und den Stars, Schlüsselspielern und Hipstern. Du findest sie aber auch jetzt schon in den Artikeln: In den Kaderlisten steht der Stern für den Star, der Wolf für den Führungsspieler und die Augen für den „Player to watch“ bzw. Hipstar.