Usbekistans mögliche Formation bei der WM 2026
Erfolg macht träge, heißt es gerne. Manchmal weckt Erfolg aber auch den eigenen Ehrgeiz. Usbekistan hätte sich nach einer starken WM-Qualifikation zurücklehnen können. Als viertbestes Team des asiatischen Verbands hätten sie ihr WM-Debüt auch feiern dürfen, wäre das Turnier im alten 32er-Format ausgetragen worden.
Doch das usbekische Motto lautet nicht: „Dabei sein ist alles.“ Das unterstreicht ihre Trainerwahl. Nachdem Srečko Katanec das usbekische Traineramt im Januar 2025 aus gesundheitlichen Gründen niederlegte, tütete Interimscoach Timur Kapadze die Qualifikation an den letzten vier Spieltagen ein. Der Verband traute dem früheren Nationalspieler das Abenteuer Weltmeisterschaft jedoch nicht zu. Die Funktionäre kontaktierten Medienberichten zufolge Slaven Bilić und Weltmeister-Coach Joachim Löw. Letztlich überzeugte man einen anderen Weltmeister, den Posten zu übernehmen: Fabio Cannavaro soll die zentralasiatische Republik zu Ruhm und Ehre führen. Der Seite SalaryLeaks.com zufolge soll er das fünfthöchste Gehalt aller WM-Trainer kassieren.
Der Ballon-d’Or-Gewinner des Jahres 2006 setzt auf jene Tugenden, die man mit einem italienischen Verteidiger von Weltformat verbindet. In den Auftaktspielen gegen Kolumbien und Portugal dürfen sich die Zuschauer auf eine mauernde usbekische Elf einstellen. Um die Hoffnung auf die Sensation K.O.-Phase zu wahren, müssen vor allem die wenigen Stars über sich hinauswachsen.
Cannavaros Marschrichtung scheint klar: Die defensive Stabilität hat in allen Spielphasen Vorrang. Gegen den Ball setzt Usbekistan fast durchgehend auf eine Fünferkette. Die Außenverteidiger rücken nur äußerst dosiert heraus. Meist halten sie sich zurück, um in letzter Linie abzusichern. Aus dieser Grundordnung wagen die Usbeken nur in wenigen Momenten ein hohes Pressing. Die Außenstürmer laufen zwar manches Mal die gegnerischen Innenverteidiger an. Da die übrigen Spieler kaum nachrücken, läuft dies fast immer schief. Die Außenstürmer gliedern sich anschließend im Mittelfeld ein, wodurch ein robustes 5-4-1 entsteht.
Usbekistan gehört damit zu den zahlreichen 5-4-1-Verfechtern dieser WM. Andere Teilnehmer führen das System kompakter aus: Usbekistans zentrale Mittelfeldspieler verfolgen ihre Gegenspieler gerne einmal mannorientiert. Auch die Innenverteidiger springen eine Linie nach vorne, wenn die Positionierung ihres Gegenspielers dies anbietet. Dadurch erlangen die Usbeken mehr Zugriff um den Mittelkreis als viele andere 5-4-1-Teams. Sie stehen aber eben nicht so kompakt im Block und öffnen beizeiten Räume zwischen Mittelfeld und Abwehr oder hinter der eigenen Abwehrkette.

Abdukodir Khusanov ist dafür zuständig, dass der Gegner diese Lücken nicht zu sehr ausnutzen kann. Der Innenverteidiger von Manchester City läuft unter Cannavaro als zentraler Verteidiger der Fünferkette auf. Seine große Stärke ist sein Antritt in Kombination mit seiner Antizipation. So saugt er als Staubsauger lange Bälle weg, die Gegner hinter die äußeren Innenverteidiger spielen. Khusanovs defensive Fähigkeiten sind das Schutzschild, mit dem Usbekistan in das Turnier geht.
Interessanterweise beschränkt sich Khusanovs herausgehobene Rolle auf das Spiel ohne Ball. Im Ballbesitz spielt er eher unauffällige Pässe zu den äußeren Verteidigern. Diese schlagen den Ball nach vorne. Wie viele andere WM-Teilnehmer möchte Usbekistan das Mittelfeld direkt überbrücken und so in dynamische Angriffssituationen gelangen.
Schlüsselspieler im Ballbesitz ist der andere Star des Teams: Eldor Shomurodov läuft zwar nominell als Mittelstürmer auf. Er lässt sich jedoch immer wieder in den Zehnerraum fallen. Er verfügt über eine herausragende Ballannahme, sodass er auch schwierige Bälle aus der Luft pflücken kann.
Die Außenstürmer haben die Aufgabe, die Tiefe anzulaufen. Shomurodov bedient sie und startet anschließend selbst (etwas schwerfällig) in den Strafraum. In der vergangenen Saison hat Shomurodov sein Stürmer-Gen entdeckt: Im Dress von Başakşehir gewann er in der Süper Lig mit 22 Treffern die Torjäger-Kanone. Häufig gelangen ihm diese Treffer mit dem ersten Kontakt nach schwierig zu verwertenden Hereingaben. Er verfügt zudem über eine herausragende Kopfballtechnik.

Ob Shomurodov seine Fähigkeiten im Strafraum auch im Nationaldress zeigen kann, muss sich erst noch beweisen. Das Offensivspiel ist die große Baustelle der Usbeken. Für schnelle Konter fehlt Cannavaros erster Elf das Tempo, zumal im letzten Drittel nur wenige Bälle ankommen. Die Schwachstelle des Teams findet sich auf der Doppelsechs: In viereinhalb Spielen habe ich einen einzigen verwertbaren Vertikalpass von Odildzhon Khamrobekov gesehen, von Otabek Shukurov keinen einzigen. Auch die Außenverteidiger Sherzod Nasrullaev und Khozhiakbar Alizhonov fallen ausschließlich durch ihre körperliche Robustheit auf. Die Impulse müssen entweder von den Innenverteidigern oder den Außenstürmern kommen. Das dürfte besonders unter kolumbianischem oder portugiesischem Pressingdruck zu viel verlangt sein für Akteure, die ihren Alltag in der usbekischen oder iranischen Liga verleben.
Es gäbe Alternativen für ein besseres Offensivspiel. In der Qualifikation setzten die Usbeken gegen schwache Gegner auf ein 4-2-3-1-System. Hier durften die Außenstürmer einrücken und am Spielaufbau teilnehmen. Diese Rolle passte vor allem zu Abbosbek Fayzullaev. Der 21-Jährige Linksaußen trägt wie sein Teamkollege Shomurodov das Trikot von Basaksehir. Das Leichtgewicht ist technisch hochbegabt, sowohl was Dribblings als auch Fernschüsse angeht. Ihm fehlt jedoch jegliche körperliche Robustheit.
Usbekistan verfügt über weitere junge Spieler mit Potenzial. Innenverteidiger Jakhongir Urozov fiel mir durch ein aggressives Herausrücken und einige galante Spielverlagerungen auf – eine Facette, die allen anderen Verteidigern abgeht. Dem 20-Jährigen unterliefen in den wenigen Minuten, die ich sah, jedoch auch mehrere defensive Fehler.

Für Cannavaro dürften die Gedankenspiele mit einem offensiveren 4-2-3-1-System und defensiv schwächelnden Spielern wie Fayzullaev und Urozov zu riskant sein. Für jede Position hat er eine robuste, erfahrene Alternative. Gerade in den ersten beiden Spielen dürfte die Defensive klar im Fokus stehen. Cannavaro hat kaum eine Wahl: Er muss mit seinem 5-4-1-System eigene Schwächen kaschieren. So fehlt Usbekistan auf allen Positionen vor der Abwehr das Tempo. Die Außenverteidiger wiederum sind keine besonders begabten Zweikämpfer. Gerade über die linke Defensivseite kassierten die Usbeken zuletzt einige Gegentreffer.
Entsprechend ergeht es den Usbeken wie so vielen anderen kleinen Teams bei dieser WM: Sie möchten möglichst lange die Null halten, um vielleicht mit einem ihrer wenigen Konter einen der Favoriten zu ärgern. Mithilfe eines überraschenden Punktgewinns gegen Portugal oder Kolumbien brächten sich die Zentralasiaten in eine gute Ausgangsposition vor dem finalen Duell gegen die DR Kongo. Die Chancen stehen nicht besser und nicht schlechter als bei anderen WM-Außenseitern – unabhängig davon, dass sie sich einen teuren Weltmeister als Trainer gönnen.
Weltmeister Cannavaro macht mit Usbekistan das, was er als Spieler am besten konnte: Verteidigen. Die Usbeken sind schwer zu knacken, versprühen aber kaum offensive Gefahr.
GESAMTFAZIT
Moin Tobi, da es erneut eine WM der Standards werden wird, wäre es interessant zu wissen welche Teams besonders stark bei Standards sind. Klar ist England ganz vorn mit dabei, aber generell Teams wie Usbekistan und Paraguay habe ich als sehr Standardfokussiert empfunden. Wie gut die Standardstärke dann im Vergleich der restlichen Nationen sind, ist eigentlich sehr spannend. Ich wollte nur nochmal in Raum werfen, dass Usbekistan hauptsächlich neben den Kontern über ihre Standardsituationen kommen werden.
Hi Lennart! Lustigerweise hatte ich einen Artikel angedacht nach dem Motto: „Auf diese Standardvarianten gilt es bei der WM zu achten!“ Aber ich fürchte, dass ich das zeitlich nicht mehr schaffe. Vielleicht während der WM. Usbekistan ist mir tatsächlich in der Hinsicht noch gar nicht so positiv aufgefallen. England, Deutschland und Portugal sind ganz vorne mit dabei, aber auch Australien und die USA haben sehr gute Varianten.