Angesichts der Aufblähung des WM-Formats auf 48 Teilnehmer ist es keineswegs zynisch zu behaupten: Einige WM-Teilnehmer wären ohne diese Aufstockung nicht einmal in die Nähe einer WM-Endrunde gelangt. Auf den ersten Blick trifft dies auch auf die Demokratische Republik Kongo zu. Erstmals seit 1974 nimmt die zentralafrikanische Nation an einer WM teil, damals hieß das Land noch Zaire. 2026 konnten sich die Kongolesen erst über die Internationalen Playoffs qualifizieren. Dort benötigte das Team 30 Extraminuten, um eine unterirdische jamaikanische Elf mit 1:0 zu bezwingen. Der entscheidende Treffer fiel – wie soll es anders sein? – nach einer Standardsituation.
Der zweite Blick offenbart jedoch, dass Kongo keineswegs chancenlos zur WM reist. In ihrer Qualifikationsgruppe blieben sie nur knapp hinter dem Senegal. Den Gruppensieg verpassten sie nur, weil sie im direkten Duell mit dem (Vize-)Afrikameister nach 2:0-Führung noch 2:3 verloren. In der anschließenden Playoff-Runde schlugen sie zunächst Kamerun mit 1:0, ehe sie Nigeria um Superstar Victor Osimhen im Elfmeterschießen das Ticket für die Interkontinentalen Playoffs wegschnappten. Auch beim Africa Cup gaben sie eine gute Figur ab. Das Achtelfinale gegen Algerien lief auf ein Elfmeterschießen zu, ehe Adil Boulbina wenige Sekunden vor dem Ende der Verlängerung das goldene Tor erzielte.
Diese Leistungen waren kein Zufall. Kongos Kader besteht nahezu ausschließlich aus Spielern, die bereits Erfahrung in europäischen Top-Ligen gesammelt haben. Wie viele afrikanische Nationen profitieren sie von einer bunten Diaspora. Praktisch alle Spieler haben französische, englische oder belgische Nachwuchsleistungszentren durchlaufen. Entsprechend ist die DR Kongo einen Blick wert bei dieser WM – auch wenn ein Weiterkommen in einer Gruppe mit Kolumbien und Portugal schwierig werden dürfte.
Trainer Sébastien Desabre sammelt Vielfliegermeilen. Der 49 Jahre junge Franzose hatte bereits in elf verschiedenen Ländern gearbeitet, als er 2022 als Nationaltrainer der DR Kongo anheuerte. Er gilt als gewiefter Taktiker. Wer seiner Mannschaft zuschaut, erkennt sofort, woher dieser Ruf rührt: Die Kongolesen setzen auf ein komplexes Ballbesitzsystem.
Nominell agiert die Mannschaft aus einer Mischung aus 4-1-4-1 und 4-4-1-1. Bei Ballbesitz verformt sich das System. Sechser Samuel Moutoussamy kippt zentral oder auf eine der beiden Seiten ab. Zusammen mit den beiden Innenverteidigern bildet er einen Dreier-Aufbau. Dadurch können wiederum die Außenverteidiger weit vorrücken.
Das Vorrücken der Außenverteidiger geschieht jedoch nicht gleichzeitig. Zunächst rückt der Linksverteidiger, in der Regel Arthur Masuaku, weit vor. Dadurch kann der Linksaußen einrücken. Auf der anderen Seite bewegt sich anschließend Rechtsverteidiger Aaron Wan-Bissaka ins Zentrum. So entsteht im Mittelfeld eine Raute: Der Linksaußen und Wan-Bissaka bieten sich in den Halbräumen an, während sich die zentralen Mittelfeldspieler vertikal bewegen. Das Ziel dieser Rochaden: Kongo möchte das Zentrum öffnen und anschließend das Spiel in die Breite tragen.

Diese Mechanismen im Ballbesitz ziehen sich durch alle Spiele, die ich gesehen habe. Interessanterweise sind die Kongolesen trotz dieses komplexen Spielaufbaus kein Ballbesitzteam. Sie spielen diese Struktur nicht geduldig, sondern äußerst direkt aus: Häufig wird bereits der erste Pass zu Stürmer Cédric Bakambu gespielt. Der 35 Jahre alte Veteran legt den Ball ab für die nachrückenden Spieler. Auch Wan-Bissaka und Mittelfeld-Dauerläufer Noah Sadiki agieren enorm vorwärtsgerichtet.
Entsprechend haben die Kongolesen in den meisten Partien weniger Ballbesitz als der Gegner. Trainer Desabre hat seinem Team auch gegen den Ball Disziplin vermittelt. Die Kongolesen verschieben konsequent in den beiden Viererketten. Sie lassen sich dabei nur selten an den eigenen Strafraum zurückdrücken, sondern rücken konsequent heraus. In tiefen Phasen stehen sie eher in einem 4-1-4-1. In hohen Phasen rückt Sadiki häufig vor und es entsteht ein 4-4-1-1. Alle Spieler helfen gegen den Ball mit, die Intensität ist hoch. Entsprechend war die Defensive die große Stärke in der Qualifikation. In elf Spielen hat die DR Kongo gerade einmal sechs Gegentore kassiert. In den Kalenderjahren 2025 und 2026 kassierten sie nur einmal mehr als ein Gegentor (beim bereits erwähnten 2:3 gegen Senegal).

Die mannschaftliche Geschlossenheit steht über allem. Das sieht man auch an Desabres Umgang mit Stars. Sadiki mag in Sunderland als kongenialer Nebenspieler von Granat Xhaka das Interesse der Top-Klubs auf sich ziehen. In der Nationalmannschaft agiert er dennoch im zentralen Mittelfeld als Zuarbeiter, schließt Räume und bietet sich eher auf der Acht oder Zehn an. Dennoch ist er mit seinen Durchbrüchen ins letzte Dribbling und seinem Vorschieben im Pressing der Schlüsselspieler der Elf. Yoane Wissa hat einen schwereren Stand. Newcastles 60-Millionen-Euro-Stürmer plagt in der Nationalelf ein ähnliches Problem wie im Vereinsdress: Es gibt nicht die perfekte Position für ihn im Spielsystem. Desabre setzte ihn auf Linksaußen und als Zehner ein. In beiden Rollen kamen sein Tempo und sein Timing beim Eintritt in den Strafraum nicht immer zur Geltung.
Desabre hat eben das große Ganze im Blick und baut seine Elf nicht um seine Topstars. Entsprechend gewichtet der französische Coach Eingespieltheit äußerst hoch. Viele Spieler haben seit Amtsantritt praktisch eine Stammplatzgarantie, allen voran Abwehrchef und Rekordnationalspieler Chancel Mbemba. Im entscheidenden Playoff-Spiel gegen Jamaika standen sechs Spieler in der Startelf, die bereits bei Desabres Pflichtspiel-Debüt 2023 von Anfang an spielten.

Das deutet zugleich auf eine Schwäche der Mannschaft hin: Kongo stellt eines der ältesten Teams dieser WM. Es ist durchaus eine Startelf denkbar, in der das 21 Jahre junge Talent Sadiki der einzige Spieler unter 28 Jahren ist. Gerade auf den Flügeln fehlt der DR Kongo manches Mal das Tempo, um den Gegner in Verlegenheit zu bringen. Hier liegt auch die größte defensive Schwachstelle: Linksverteidiger Arthur Masuaku gehört zu den fehleranfälligeren Verteidigern in diesem Turnier.
Gerade diese Fehlerquelle darf in den ersten beiden Spielen nicht zum Vorschein kommen. Auftaktgegner Portugal hat es in sich. Anschließend müssen gegen Kolumbien die Außenverteidiger viel Arbeit verrichten gegen Luis Díaz und dessen Mitspieler. Ob die so kompakt wirkende Defensive der Kongolesen auch gegen diese Top-Nationen hält? Falls sie sich in einer der beiden Partien ein Unentschieden erkämpfen, bietet das finale Duell gegen Usbekistan die große Chance auf ein sensationelles Weiterkommen. Ausschließen sollte man dieses Szenario nicht. Auch wenn die DR Kongo das WM-Ticket erst in den Playoffs gelöst hat: Die Mannschaft reist nicht als Sparringspartner zur WM.
DR Kongo schickt eine taktisch disziplinierte Mannschaft zur WM. Um die großen Gruppengegner zu ärgern, dürfte es ihnen an Durchschlagskraft mangeln.
GESAMTFAZIT
Ich bin überrascht, dass viele (andere) Leute die DR Kongo so schlecht bewerten. Ich würde sie ebenfalls als klaren Dritten in der Gruppe sehen, was mit etwas Glück für die Zwischenrunde reichen kann. Auch Kap Verde kommt mir oft zu schlecht weg (nicht bei Dir), wobei die eine Wundertüte sind. Für mehr als maximal die Zwischenrunde wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht reichen. Unterschätzen würde ich die trotzdem nicht.
Was mir insgesamt etwas Sorge macht beim Lesen all Deiner Analysen: Die allermeisten Mannschaften haben ihre Stärke in der Defensive und kassieren relativ wenige Gegentore. Das lässt mich befürchten, dass wir eine relativ torarme WM sehen werden. Das fängt schon direkt zu Beginn bei den Auftaktmatches der 3 Gastgeber an, wo ich jeweils auf 1:0 (für Mexiko und USA) oder 0:0 (Kanada) tippen werde.
Die Befürchtung torarmer Partien hat sich bislang zum Glück ja nicht bewahrheitet. Hoffe, das geht so weiter.
Das ist tatsächlich erfreulich. Es gab zwar einige Teams, die sich – wie von Tobias prognostiziert – sehr stark hinten reingestellt haben. Aber zum Glück war das bislang nicht prägend und es hat trotzdem viele Tore gegeben.
Noch erfreulicher für mich aber, dass die Afrikaner tatsächlich positiv überrascht haben – sogar noch mehr als ich dachte.