Österreichs mögliche Formation während der WM 2026
Der Sommer 2024 hat Österreich das Träumen gelehrt. Der Start in die Europameisterschaft verzückte die Fußballnation: In einer Gruppe mit den Schwergewichten aus Frankreich, Polen und den Niederlanden sicherten sich die Österreicher überraschend den Gruppensieg. Im Achtelfinale folgte der Schlag: Österreich schied gegen die Türkei aus – in einem Spiel, in dessen Verlauf sich das ÖFB-Team deutlich mehr Expected Goals erspielte als der Gegner. Doch das Glück war ihm nicht hold.
2026 folgt der nächste Anlauf. 28 Jahre haben die Österreicher warten müssen, ehe sie wieder an einer Weltmeisterschaft teilnehmen dürfen. Entsprechend groß ist die Euphorie bei unseren südlichen Nachbarn. Kaum eine Fußballnation freut sich mehr auf die Spiele der Weltmeisterschaft. So hat der österreichische Verband gleich zwei konkurrierende WM-Songs präsentiert.
Die Ergebnisse des Fußballjahres 2025 haben den Optimismus leicht getrübt. Erst verpasste das Team den Aufstieg in die Nations League A durch eine 0:2-Niederlage gegen Serbien. In der darauffolgenden WM-Qualifikation taten sich die Österreicher überraschend schwer. Nur durch einen Kraftakt konnten sie Bosnien-Herzegowina am letzten Spieltag ein Unentschieden abringen und sich die direkte WM-Teilnahme sichern. Die Qualifikation hat die Stärken und die Schwächen der österreichischen Mannschaft offengelegt.
Trainer Ralf Rangnick setzt auf jene Philosophie, die man aus seiner Zeit als Zar des Red-Bull-Imperiums kennt. Das bedeutet: Tempo, Vertikalspiel, Pressing und noch mehr Pressing. Gegen den Ball stellt sich Österreich in einem 4-2-2-2 auf und schiebt die Abwehr weit nach vorne. Sobald das Pressingsignal ertönt, bläst die gesamte Mannschaft zum Angriff. Ballorientierung lautet hier das oberste Leitprinzip: Österreich möchte den Gegner in bestimmte Räume locken und dort eine Überzahl schaffen.

Die große Stärke der Österreicher ist ihre Wandlungsfähigkeit im Pressing. Mal versuchen die Österreicher, den Gegner auf den Flügel zu lenken und dort zu isolieren. In anderen Partien kappen sie bewusst die Passwege zwischen den Verteidigern, um den Pass ins Mittelfeld zu erzwingen. Egal, welche gegnerische Aktion als Signal für das eigene Pressing dient: Sobald sich ein Österreicher auf den Gegner stürzt, kann er sich gewiss sein, dass ihn seine Mitspieler unterstützen. Auch in einem tieferen Mittelfeldpressing fühlen sich die Österreicher durchaus wohl. Dann bauen sie ihre 4-4-2-Defensive kompakt um den Mittelkreis auf.
Die Mechanismen im Spiel gegen den Ball hat Rangnick seinen Akteuren über die Jahre eingeschliffen. Seit seinem Amtsantritt 2022 hat er das Personal nur verändert, wenn sich ein junger Spieler aufdrängte. Akteure wie Nicolas Seiwald, Marcel Sabitzer, Romano Schmid, Stefan Posch oder Xaver Schlager stehen seit Rangnicks erstem Länderspiel praktisch durchgehend im Aufgebot. Viele österreichische Akteure sind zudem im Red-Bull-Kosmos ausgebildet worden. Sie kannten Rangnicks Philosophie schon, bevor dieser Nationaltrainer wurde. Im Pressing wirkt Österreich so eingespielt wie eine Klubmannschaft.
Gleichzeitig sah man in der Qualifikation die Grenzen von Rangnicks Ansatz. Als Gruppenkopf bekamen sie eher leichte Gegner zugelost. Das Torverhältnis von 22:4 klingt auf den ersten Blick stark. Allerdings erzielte Österreich 14 der 22 Tore gegen San Marino. In den sechs Partien gegen Bosnien-Herzegowina, Rumänien und Zypern gelangen Rangnicks Team nur acht Treffer. Auch in den offensiven Statistiken schneidet Österreich schwach ab: Von den 16 europäischen WM-Teilnehmern landete die ÖFB-Elf in der Qualifikation bei Schüssen und Expected Goals auf Rang 13 – und das, obwohl die Spiele gegen San Marino hier ausdrücklich hineinzählen.
Das Ballbesitzspiel war noch nie Rangnicks Steckenpferd. Er fordert zwar immer, dass seine Mannschaft auch im Ballbesitz schnell und vertikal agieren soll. Die Außenstürmer rücken weit ein, um im Zwischenlinienraum Präsenz zu schaffen. In der hintersten Linie lässt sich Seiwald fallen, sodass die Außenverteidiger vorrücken können. Im Idealfall eröffnen die Innenverteidiger das Spiel direkt in den Zwischenlinienraum oder auf den Stürmer. Von dort aus möchte Österreich über Steil-Klatsch-Kombinationen hinter die gegnerische Abwehrlinie gelangen. Alternativ versucht Philipp Lienhart, über seine berühmt-berüchtigten Diagonalbälle das Spiel nach Linksaußen zu verlagern.
In der Qualifikation scheiterte diese Idee an der Praxis: Wenn sich Rumänien oder Zypern weit in die eigene Hälfte zurückzogen, gab es schlicht keinen freien Raum. Zumal die Österreicher über nicht genügend individuelle Klasse verfügen, um gegen mannorientierte Gegner Eins-gegen-Eins-Duelle zu gewinnen. Dann versuchen die Österreicher zwar, progressiv zu spielen – der Ball geht jedoch sogleich wieder verloren.

Diese Ballverluste richten keinen Schaden an. Weil die Außenspieler weit einrücken, hat Österreich im Zentrum stets eine Gleich- oder höchstens knappe Unterzahl. Sie gelangen immer ins Gegenpressing. Genau das ist das Problem: Österreichs Struktur ist selbst im eigenen Ballbesitz derart auf Ballgewinne ausgerichtet, dass der Gegner keine Überraschungen fürchten muss. So sagte Rumäniens Trainer Mircea Lucescu nach dem 1:0-Sieg über Österreich, die Gegner wüssten mittlerweile genau, wie die Österreicher spielen. Rangnick widersprach dem zwar vehement. Ich muss jedoch gestehen: Österreichs Spiele mit sechzig bis siebzig Prozent Ballbesitz waren so ziemlich das Langweiligste, was ich in der Vorbereitung auf das Turnier gesehen habe – und ich habe mir Suriname gegen Panama reingezogen.
Seit der Qualifikation hat Österreich zwei Spieler hinzugewonnen, die genau diesen Trott aufbrechen sollen. Paul Wanner steht für kreatives Passspiel. Noch spannender finde ich Carney Chukwuemeka. Seine unorthodoxen Laufwege und seine Dribblings machen ihn zu einer nicht ausrechenbaren Variable. Beim 5:1-Testspielsieg gegen Ghana überzeugte das BVB-Talent auf Anhieb. Rangnick könnte ihn im Verlauf einer Partie bringen, um sein starres System etwas aufzulockern. Das dürfte umso wichtiger sein, als dass mit Christoph Baumgartner der offensive Unterschiedsspieler das Turnier verletzt verpasst.

Abseits der Frage, wer Baumgartner ersetzt, sind fast alle Plätze der Startelf bereits vergeben. Konrad Laimer könnte als Linksverteidiger, Rechtsverteidiger oder auf der Sechs spielen. Es stellt sich zudem die Frage, wie viel Spielzeit die beiden Ikonen des österreichischen Fußballs erhalten. David Alaba hat seit seinem Kreuzbandriss vor einigen Jahren nie an alte Leistungen anknüpfen können. Ersatz-Innenverteidiger David Affengruber empfahl sich mit einer starken Saison bei Elche für höhere Aufgaben. Marco Arnautovic hingegen scheint kaum zu altern. Der 37-Jährige fällt im Vergleich zu Michael Gregoritsch im Pressing ab, sodass Rangnick seinem Star eher Einsatzzeiten als Einwechselspieler gewähren könnte.
Pressing hui, Ballbesitz pfui: Auf diese einfache Formel lässt sich Rangnicks Fußball bringen. Die ersten beiden WM-Spiele werden Rangnicks Philosophie bis aufs Äußerste fordern. Zum Auftakt muss Österreich gegen Jordanien 65% Ballbesitz in Chancen umwandeln. Der zweite Gegner Argentinien ist der schwerstmögliche Prüfstein für das Spiel gegen den Ball. Funktioniert Rangnicks Red-Bull-Fußball selbst gegen ein Team, das praktisch nur aus pressingresistenten Mittelfeldspielern besteht? Wie lange Österreich bei der WM bleiben darf, entscheidet sich derweil erst im finalen Gruppenspiel gegen Algerien, dem einzigen Gruppengegner auf Augenhöhe. Der Sommer 2026 könnte die Österreicher wieder zum Träumen einladen. Allerdings hoffen die Österreicher diesmal, dass das Turnier nicht erneut mit einer bitteren Niederlage endet.
Rangnick geht mit seiner Art Fußball All-In. Eine Wiederholung der Gruppenphase 2024 scheint möglich. Danach drohen jedoch schwere Gegner, die eine Nummer zu groß sein dürften.
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