Argentiniens mögliche Formation bei der WM 2026
Der Druck ist weg. Vor vier Jahren befand sich Argentinien auf einer heiligen Mission: Sie wollten unbedingt die WM gewinnen für ihren Kapitän Lionel Messi. Gegen seinen Anspruch auf den Titel des „Greatest of all time“ – kurz GOAT – gab es nur ein gewichtiges Gegenargument: Bis zum Jahr 2021 hatte Messi mit der argentinischen Nationalmannschaft keinen einzigen Titel gewonnen. Der frühere Barca-Star war zu diesem Zeitpunkt längst in der Spätphase seiner Karriere angekommen. Er kickte mit Jungspunden zusammen, die mit Messi-Postern an der Wand aufgewachsen waren. Seine argentinischen Mitspieler schlossen sich zusammen: Sie wollten alles dafür tun, gemeinsam mit ihrem Kapitän und Idol Titel zu feiern. Sie hielten ihr Versprechen. Die Albiceleste gewann 2021 und 2024 die Copa America und errang 2022 den dritten Weltmeistertitel ihrer Geschichte. Im katarischen Zwirn gekleidet reckte Messi den WM-Pokal in die Luft.
Die beachtliche Titelsammlung der vergangenen Jahre nimmt Druck aus der WM-Teilnahme im Jahr 2026. Anders als 2022 blickt nicht die gesamte Welt auf Argentinien und dessen Superstar. Es ist nicht einmal gesagt, dass Messi durchgehend spielen wird: Argentinien verteilt die Last des Toreschießens mittlerweile auf mehrere Schultern. In den Spielen seit dem WM-Triumph sah man eine befreit wirkende argentinische Nationalmannschaft, die kombinationssicherer denn je auftrat.
Genau das macht sie bei der WM 2026 zu einem Titelfavoriten. Die Mannschaft sprüht vor Kreativität. Gleichzeitig entfaltet sie im Spiel gegen den Ball eine Wucht, die jeden Gegner zu überrollen vermag. Wenn das Mittelfeld der Argentinier zu Höchstform findet, ist der vierte Titel zum Greifen nah.
Argentinien befindet sich in der vielleicht besten Phase seiner Fußballgeschichte. Seit dem Beginn der Qualifikation zur WM 2022 haben sie 71 Spiele bestritten. 53 gewannen sie, 13 endeten remis und nur fünf haben sie verloren. Die Freundschaftsspiele verzerren diese Bilanz leicht; Argentinien verkauft Testspiele an den Meistbietenden, wodurch sie in der Regel gegen fußballerisch drittklassige Nationen antreten.
Dennoch: Ihre Konstanz ist beeindruckend – und kein Zufall. Trainer Lionel Scaloni setzt seit Jahren auf eine eingeschworene Truppe. 2026 stehen 17 Spieler im argentinischen Kader, die bereits beim Titelgewinn vor vier Jahren dabei waren. Theoretisch müsste Scaloni die Startelf aus dem damaligen Finale nur auf einer Position verändern: Angel Di Maria hat nach dem Sieg bei der Copa America 2024 seine Karriere in der Nationalelf beendet.
Entsprechend wenig hat sich bei der argentinischen Nationalelf verändert. Herzstück der Elf ist noch immer das fluide Mittelfeld. Am liebsten würde Scaloni eine Elf voller Sechser aufstellen. Vor der Abwehr reißt Leandro Paredes das Spiel an sich. Eine Reihe weiter vorne tauschen die übrigen Mittelfeldspieler fröhlich die Positionen. Enzo Fernández, Alexis Mac Allister, Giovani Lo Celso und Rodrigo De Paul cruisen zwischen Halbraum, Flügel und Tiefe. Meist stellt Scaloni zwei der genannten Spieler auf. Es gab aber auch schon Partien, in denen vier oder gar fünf zentrale Mittelfeldspieler auf dem Rasen standen: drei im Zentrum, zwei als einrückende Außenstürmer. Dann setzt Argentinien voll auf kleinteilige Kombinationen durch die Mitte.

Selbst die Außenspieler geben nur in den seltensten Fällen Breite. Thiago Almada hat sich auf Linksaußen in die Stammelf gespielt. Er bewegt sich häufig in den Halbraum und forciert Doppelpässe. Nach dem ersten Pass steuert er zielgerichtet die Tiefe an. Auf der halbrechten Seite findet sich Lionel Messi wieder. Der achtmalige Ballon-d’or-Sieger setzt aus der Tiefe zu Dribblings an oder spielt einen seiner berüchtigten Chip-Bälle.
Messis Rolle ist jedoch nicht mehr so herausgehoben wie beim Titelgewinn 2022. In den vergangenen beiden Kalenderjahren stand Argentiniens Superstar nur in fünf von elf Spielen in der Startelf. Das wohl beste Spiel haben die Argentinier ohne ihren Superstar bestritten: Beim 4:1-Erfolg gegen den Erzrivalen aus Brasilien konnte Scaloni auf die geballte Power seines Mittelfelds setzen. Argentinien kombinierte sich leichtfüßig durch das Zentrum. Zugleich drängt mit Nico Paz ein Shooting-Star in die erste Elf, der sich in engen Räumen genauso wohl fühlt wie Messi. Das soll keineswegs heißen, dass ‚La Pulga‘ in Nordamerika nur auf der Bank sitzt. Allerdings ist kaum davon auszugehen, dass der bald 39-Jährige jede einzelne Minute absolviert, wie er dies noch in Katar getan hatte.

Als Schlüsselspieler der Offensive sehe ich mittlerweile einen anderen Akteur: Julián Alvarez war in den vergangenen Jahren absolut gesetzt. Er hat als Mittelstürmer die schwierige Aufgabe, Messis freie Rolle auszubalancieren. Er muss zugleich Anspielpunkt im Zehnerraum wie auch Tiefengeber sein. Der Spagat gelingt ihm wie keinem zweiten Akteur. Lautaro Martinez spielt eher die zweite Geige, wobei Scaloni auch schon beide gemeinsam aufgestellt hat.
Das ist allgemein eine der großen Stärken des Trainers: Er weiß seine Aufstellung an Anlass und Gegner anzupassen. Schon beim WM-Sieg 2022 hat er seine Elf von Spiel zu Spiel verändert. Ob Dreier- oder Viererkette, ob totaler Zentrumsfokus oder ein breiteres Spiel über Rechtsaußen Giuliano Simeone: Scaloni ändert im Zweifelsfall auch während des Spiels seinen Ansatz.
Argentinien kann mithilfe seiner zahllosen Passkünstler Spiele dominieren. Immer wieder überladen sie einzelne Teile des Felds und spielen sich auf engem Raum den Ball zu. Das erleichtert zugleich das Gegenpressing: Nach Ballverlusten setzt die Mannschaft aggressiv nach. Auch im Spiel gegen den Ball tritt Argentinien forsch auf: Sie stören den Gegner früh aus einer 4-4-2-Staffelung. Im Mittelfeld verfolgen die Argentinier ihre Gegenspieler eng und zwingen sie in den Zweikampf. So erobern sie die Kugel weit in der gegnerischen Hälfte.

Hohes Pressing, Überladungen, zahllose Pässe: Mit dieser Kombination sammelte Argentinien in der Qualifikation im Schnitt 64% Ballbesitz. Das muss die Mannschaft aber auch. Wenn die Argentinier hinten reingedrückt werden, sehen sie selten gut aus. Die Außenverteidiger sind keine geborenen Zweikämpfer. Innenverteidiger Nicolás Otamendi mag das sein – er ist aber auch bereits 38 Jahre alt. Zudem stellen die Südamerikaner einen der kleinsten WM-Kader. (Um genau zu sein: den fünftkleinsten nach Saudi-Arabien, Südafrika, Katar und Mexiko.) Schon 2022 bekamen sie Probleme, wenn der Gegner auf lange Bälle setzte. Flanken sind ihre Achillesferse – Wout Weghorst lässt grüßen. In der Qualifikation kassierten sie fünf ihrer zehn Gegentore nach Angriffen von ihrer rechten Abwehrseite.
In der Gruppe J droht ihnen wenig Gefahr: Gegen Algerien, Österreich und Jordanien dürften sie sich ein klares Ballbesitzplus herausspielen. Die aggressive Spielweise der Österreicher könnte sich jedoch als Stolperstein erweisen. Wie man nach einer Gruppen-Niederlage wieder aufsteht, haben sie vor vier Jahren vorgemacht: Trotz des 1:2 im Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien holte Argentinien den Titel. Das könnten sie in diesem Jahr wiederholen – ganz ohne Druck.
Wenn Argentinien die defensiven Schwachstellen verstecken kann, gehört der amtierende Weltmeister auch 2026 ganz vorne in den Favoritenkreis. Vor allem das Mittelfeld ist atemberaubend gut.
GESAMTFAZIT
Tunesien oder Algerien, hauptsache Nordafrika 😉
Danke dir für den Hinweis, ich habe es verbessert!
Paredes kam weder beim Auftakt gegen Algerien noch in den Tests vor der WM gegen Island und Honduras zum Einsatz. „Leitwolf“ Julián Alvarez war ebenfalls nur zweite Wahl hinter Lautaro Martínez und nicht umgekehrt.
Es sieht daher für mich so aus, als ob man sich für die WM auf ein enges 4-4-2 festgelegt hätte.