Jordaniens mögliche Formation bei der WM 2026
Jede kleinere Fußballnation sehnt sich nach einem Erfolgserlebnis, das ihnen zeigt: Wir sind bereit, bei den ganz Großen mitzuspielen! Jordanien erlebte diesen „Hallo wach!“-Moment bei der Asienmeisterschaft 2024. Im Stile einer echten Turniermannschaft steigerte sich das Team von Runde zu Runde. Im Halbfinale besiegte der krasse Außenseiter den Titelfavoriten aus Südkorea (und beendete damit zugleich die Amtszeit eines gewissen Jürgen Klinsmann). Das Finale ging zwar mit 1:3 gegen Gastgeber Katar verloren. Doch Jordaniens Fußballer tankten neues Selbstvertrauen aus diesem Turnier.
Diese Entwicklung gipfelte in der ersten Qualifikation für eine Fußball-Weltmeisterschaft. In einer Gruppe mit Südkorea, Irak, Oman, Palästina und Kuwait verlor Jordanien nur zwei Partien, wobei sie die zweite Niederlage erst kassierten, nachdem sie sich bereits rechnerisch qualifiziert hatten. Die Teilnahme an der WM ist für das Land eine derartige Sensation, dass König Abdullah II. höchstpersönlich dem marokkanischen Trainer Jamal Sellami die Staatsbürgerschaft verlieh.
Dass Jordaniens Erfolgsgeschichte bei der Weltmeisterschaft fortgeführt wird, darf indes bezweifelt werden. Laut den Daten von Transfermarkt.de schickt Jordanien den Kader mit dem geringsten Marktwert nach Nordamerika. Daraus lassen sich zwar nicht immer Rückschlüsse auf die Stärke einer Mannschaft ziehen. Doch die genauere Betrachtung zeigt: Die jordanische Elf ist individuell kaum konkurrenzfähig, zumal sie mindestens einen herben Ausfall verkraften muss.
Jordaniens Coach Sellami hat das Amt im Sommer 2024 übernommen. Er führte den Weg fort, der unter seinem Vorgänger Hussein Ammouta im Finale der Asienmeisterschaft endete. Grundlage des Spielsystems ist ein 5-4-1 mit den üblichen Verwandlungen. Wenn Jordanien früh presst, schieben sie in einem 3-4-3 vor. Im Mittelfeldpressing stehen sie in einem 5-2-3, ehe sie sich im tiefen Block in ein 5-4-1 zurückziehen.
Prägend für das Spiel gegen den Ball ist die zweite Phase. Jordanien geht nur selten zum hohen Pressing über, sondern erwartet den Gegner am Mittelkreis. Die Außenstürmer rücken relativ weit ein. So verdichten sie das Zentrum. Auf den Flügeln lauern die Außenverteidiger darauf, aus der Kette nach vorne zu springen. Diese Defensive würzt Jordanien mit vereinzelten Mannorientierungen. Die Doppelsechs agiert selten auf einer Höhe. Ein Sechser schiebt vor, um den Druck im Mittelfeld leicht zu erhöhen. Auch aus der Abwehr rücken einzelne Innenverteidiger heraus, um den Gegner zu verfolgen.

Dieses Spielsystem setzen die Jordanier – wie eigentlich alle Außenseiter dieser WM – gewissenhaft um. Die Schwachstellen sind eher individueller Natur: Jordanien fehlen sowohl im Mittelfeld als auch in der Abwehr Tempo wie Dynamik. Wenn der Gegner halbwegs gut den Ball laufen lässt, kann er Jordanien relativ leicht in einen tiefen Block zurückdrängen. Hier haben sie gerade mit der Verteidigung von Flanken Mühe.
Es würde mich angesichts der Gruppengegner Österreich, Algerien und Argentinien wundern, sollte Jordanien in einem dieser Spiele mehr als 35% Ballbesitz sammeln. Das ist etwas schade, denn ihr Positionsspiel funktioniert eigentlich nicht schlecht. Die Außenverteidiger rücken weit nach vorne, während die Doppelsechs vor den drei Innenverteidigern verbleibt. Der Clou ist die Rolle der vorderen drei Akteure: Die Linksaußen-Position wird in der Regel von Ali Olwan besetzt, einem gelernten Mittelstürmer. Er bewegt sich in die Mitte. Mittelstürmer Yazan Al-Naimat ist ein Tausendsassa, der nicht nur gerne hinter die Abwehr startet, sondern sich häufig auch auf die Flügel oder in den Zehnerraum bewegt. Die beiden Angreifer ergänzen sich gut.
Der Star des Teams ist der Rechtsaußen: Mousa Al-Taamari ist der erste jordanische Spieler, der den Sprung in eine europäische Top-Fünf-Ligen geschafft hat. Der Stammspieler von Stade Rennes wird dieser Rolle im Nationalteam gerecht. Immer wieder lässt er sich ins Mittelfeld fallen und fordert die Kugel. Von hier verteilt er die Bälle oder setzt selbst zum Dribbling an. Das entstehende 3-3-4-System hat so manchen Gegner in der Qualifikation vor erhebliche Probleme gestellt.

Allein für die offensive Dreierreihe hätte Jordanien eine höhere Sternebewertung verdient, zumal sie allesamt Geschwindigkeit für Konter mitbringen. Doch wenn alles schiefgeht, steht nur einer der drei Akteure bei Jordaniens WM-Debüt gegen Österreich in der Startelf. Al-Naimat verpasst mit einem Kreuzbandriss definitiv die WM, was ein herber Schlag ist: Er war in der Qualifikation mit acht Toren und sechs Assists Top-Scorer. Olwan steht zwar im Kader, hat jedoch wegen einer Knöchel-OP seit Februar kein Pflichtspiel bestritten. Er war in der Qualifikation mit neun Toren Jordaniens Top-Torjäger. Ob er rechtzeitig zum WM-Auftakt fit wird, stand noch nicht fest, als ich diesen Artikel schrieb. Ibrahim Sabra wäre eigentlich der Ersatzmann für Olwan. Der 18 Jahre junge Mittelstürmer wurde jedoch wegen einer Verletzung kurzfristig aus dem Kader gestrichen. Einzig Al-Taamari reist in guter Verfassung zum Turnier.
Selbst wenn Olwan rechtzeitig fit wird, muss Sellami seine Offensive umbauen. Olwan könnte in die Rolle des Mittelstürmers rücken. Auf Linksaußen stünde mit Mahmoud Al-Mardi ein etwas klassischerer Flügelstürmer bereit, der in der Qualifikation mit seinen Flanken immerhin sechs Tore einleitete. Insgesamt ist das Team ohne seine Stars in der Offensive mager besetzt. Nicht zufällig spielt die Mehrzahl der Akteure in der heimischen Pro League. Der größte Block an Legionären kickt in der ebenfalls drittklassigen Stars League im Irak.
Selbst die B-Noten geben wenig Anlass für Optimismus. Torhüter Yazeed Abulaila ist kein Mann von internationalem Format, was sich vor allem in der Strafraumbeherrschung bemerkbar macht. Das wiederum trägt zu der größten Defensivschwäche bei: Standards. In der Qualifikation kassierten sie die Mehrzahl ihrer acht Gegentore nach ruhenden Bällen. Gerade gegen die körperlich überlegenen Südkoreaner ließen sie gleich mehrere Großchancen nach Eckbällen zu.
Das Gesamtpaket aus Verletzungen und fehlender individueller Klasse lässt wenig Hoffnung aufkeimen, dass Jordanien in Gruppe J eine andere Rolle spielt als die eines Punktelieferanten. Sie müssen über eine kompakte Defensive möglichst lange die Null halten. Nur falls ihnen das gelingt, haben sie eine Chance, über die Regelung der besten Gruppendritten weiterzukommen. Eventuell spielt den Jordaniern die Gruppenarithmetik in die Karten: Zunächst warten mit Österreich und Algerien zwei Teams, die selbst keine geborenen Ballbesitzmannschaften sind. Erst im finalen Gruppenspiel trifft Jordanien auf Argentinien. Im Idealfall schonen die Südamerikaner nach zwei Auftaktsiegen ihre A-Elf. Doch selbst eine argentinische C-Elf wäre den Jordaniern immer noch haushoch überlegen. Ein Erfolgserlebnis wie bei der Asienmeisterschaft 2024 scheint nahezu unmöglich. Käme es doch, würde es eine ganze Fußballnation endgültig wachküssen.
Jordanien hätte auch in Bestbesetzung eines der schwächeren Teams dieser Weltmeisterschaft gestellt. Ohne ihre Topspieler schrumpfen sie zu einem noch krasseren Außenseiter.
GESAMTFAZIT
Chronistenpflicht: in den letzten beiden Testspielen konnte Olwan jeweils starten, begann Al-Arab jeweils als ZIV, Taha als LAV und Al Rawabdeh links von Al-Rashdan im zentralen Mittelfeld.
Sie versuchen sich wirklich an allen Phasen an einem konstruktiven Spiel, was man als neutraler Beobachter zu schätzen wissen sollte. Jorge Valdano beschrieb das einst sehr schön: „Fußball ist ein schönes Spiel, das die Mittelmäßigen im Namen des Pragmatismus hässlich machen.“
Jordanien macht das nicht und wird dafür nicht belohnt werden. Zu schlampig scheint mir das Passspiel, wenn man sich nach Ballgewinnen spielerisch befreien möchte. Das Rausrücken auf den Ballführenden erfährt ebenfalls zu wenig Unterstützung und Anschlussbewegungen, wodurch dabei der Zwischenlinienraum und in weiterer Folge die Schnittstellen in der Fünferkette aufgehen.
Aber gegen Algerien wünsche ich ihnen natürlich alles Gute und drücke ihnen die Daumen! 😉