Portugals mögliche Formation bei der WM 2026
Ich habe es wirklich versucht. Zum Einstieg in die portugiesische Teamanalyse hätte ich über den historisch starken Kader schreiben können. Oder über den Trainer, der nach Belgiens „Goldener Generation“ nun auch die Portugiesen zu WM-Ruhm führen soll. Stünde nur nicht dieser Elefant im Raum. Dieser 41 Jahre alte, unmenschlich-athletische, alle Rekorde brechende Elefant. Zu seiner sechsten Weltmeisterschaft reist er als Rekordnationalspieler und Rekordtorschütze – wohlgemerkt nicht seines Landes, sondern des gesamten Männerfußballs. Er darf fünf Ballon d’Or sein Eigen nennen, gewann vor wenigen Wochen seinen siebten nationalen Meistertitel und reckte fünfmal den Champions-League-Pokal in die Luft. Nebenbei wurde er 2016 Europameister. Nur eins darf er sich nicht nennen: Weltmeister. Und so kommen wir auch im Jahr 2026 in den Genuss von Cristiano Ronaldo.
Bei den letzten beiden Turnieren entpuppte sich Ronaldos Anwesenheit nicht unbedingt als Segen für seine Nation. 2022 fügte sich Ronaldo nicht sonderlich gut ein, sodass Trainer Fernando Santos ihn nach der Vorrunde auf die Bank verbannte. Portugal scheiterte im Viertelfinale an Marokko und diskutierte im Nachhinein nur über den Superstar. Bei der Europameisterschaft 2024 war ebenfalls im Viertelfinale Schluss. Ronaldo erzielte kein Tor und hemmte das Offensivspiel seiner Nation. Dass CR7 überhaupt in der Gruppenphase der WM antreten darf, verdankt er der Fifa: Getreu ihrer Maxime, wirtschaftlichen Gewinn höher zu gewichten als sportliche Fairness, setzte der Verband eine Sperre aus, die sich Ronaldo mit einem Ellbogenschlag in der Qualifikation eingehandelt hatte. So muss die Fifa nicht auf Werbeplakate mit Ronaldos Konterfei verzichten.
Die logische Schlussfolgerung lautet, Trainer Roberto Martinez jedweden Fußballsachverstand abzusprechen. Wie kann er Wohl und Wehe einer Fußballnation einem 41 Jahre alten Mittelstürmer anvertrauen, dessen besten Tage offensichtlich vorbei sind? Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Martinez hat in den vergangenen zwei Jahren einen gesunden Umgang mit dem Megastar gefunden. Zugleich liegen die drängendsten Probleme der Mannschaft nicht bei Ronaldo – sondern in der fehlenden Tiefe im Angriffsspiel.

Viele Beobachter sehen in der portugiesischen Mannschaft einen heißen Anwärter auf den Titel. Auch abseits von Ronaldo verzaubert der Kader mit technischer Brillanz. Mit Nuno Mendes, Vitinha, João Neves und Gonçalo Ramos finden sich gleich vier Spieler des Champions-League-Siegers Paris St. Germain im Team. Englische Journalisten haben Bruno Fernandes jüngst zum Premier-League-Spieler der Saison gewählt. Auch der übrige Kader besteht aus Spitzenspielern der europäischen Topvereine.
Fußball ist jedoch kein Wettbewerb von Einzelspielern – sondern ein Teamsport. Martinez fällt es schwer, eine kohärente Startelf zu finden. So tat sich Portugal in der Qualifikation nicht leicht. Die Siegtreffer gegen Ungarn (3:2) und Irland (1:0) erzielte das Team erst kurz vor Abpfiff. Die Rückspiele konnten die Portugiesen gar nicht erst gewinnen. Das Unentschieden gegen Ungarn (2:2) war angesichts der Chancen unglücklich, die 0:2-Niederlage gegen Irland verdient.
Wo liegen die Probleme? Portugal setzt auf ein 4-2-3-1-System. Der Kader ist gefüllt mit Spielertypen, die das Spiel an sich reißen. Vitinha fällt von der Doppelsechs aus immer wieder zwischen die Verteidiger. Fernandes holt den Ball ebenfalls gerne tief ab. Auf Rechtsaußen kam mit Bernardo Silva ein weiterer Akteur zum Einsatz, den es in die Mitte zieht. Allein durch die hohe Präsenz und die zahlenmäßige Überlegenheit im Zentrum lässt Portugal den Ball gut zirkulieren. Ballverluste sind selten, dafür aber manches Mal schmerzhaft: Portugals Offensivspieler improvisieren in ihrer Positionierung viel. Da bleiben schon einmal Räume unbesetzt. Clevere Gegner nutzen die Lücken für Konter. Hier zeigt sich mal wieder, dass ein festes Positionsspiel vor allem für den defensiven Umschaltmoment wichtig ist.
Alle Mittelfeldspieler beherrschen die unwiderstehliche Fähigkeit, den tödlichen Pass zu spielen. Der Haken: Es fehlen Spielertypen, die diese tödlichen Pässe empfangen. Rafael Leão oder Pedro Neto fordern als Außenstürmer den Ball in den Fuß, um zu ihren Dribblings anzusetzen. Am ehesten bietet sich noch João Félix vor oder hinter der gegnerischen Abwehr an. Er kommt als einrückender Linksaußen zum Einsatz. Wenn auch noch Superstar Ronaldo dem Ball entgegenkommt, steht kein einziger Angreifer an der gegnerischen Abwehrlinie. Sowohl in der Qualifikation als auch in der Nations League habe ich viele portugiesische Aufbaumomente beobachten dürfen, in denen jegliche Tiefe fehlte.

Dynamik bringen am ehesten die Außenverteidiger ins Spiel. Linksverteidiger Mendes ist absolut unberechenbar: Mal verbleibt er im Aufbau tief, mal zieht er diagonal in den Strafraum, mal gibt er auf links Breite. Aber auch die Rechtsverteidiger João Cancelo und Nélson Semedo trugen sich in den vergangenen 18 Monaten wiederholt in die Scorerliste ein. Diogo Dalot wäre noch die defensivste Variante.
Ich möchte Portugal nicht schlechter reden, als sie sind. Dank ihrer individuellen Klasse spielen sie sich recht konstant Chancen heraus – notfalls per Fernschuss. Kein Team gab in der europäischen Qualifikation mehr Schüsse von außerhalb des Strafraums ab. Zudem schlugen sie nach Kroatien und Tschechien die drittmeisten Flanken aller europäischen WM-Teilnehmer. Das ist auch der Grund, warum Ronaldo auch mit 41 Jahren die wohl beste Option darstellt: Sein Timing beim Versenken von Flanken und Abprallern bleibt einmalig. Nicht zufällig hat er seit der EM 2024 in 14 Länderspielen 13 Tore erzielt. Anders als 2024 gibt es zu Ronaldo auch keine Alternative: Ramos kommt aus einer schweren Saison, in der er bei PSG meist auf der Bank saß.
Ronaldo schwächt eher eine andere Facette des portugiesischen Spiels: das Pressing. Martinez möchte, dass seine Mannschaft den Gegner früh stört. Die vier vorderen Akteure im 4-2-3-1 gehen weit vorne drauf. Zwar klafft häufig eine Lücke zwischen Abwehr und Angriff. Doch Vitinha und João Neves schließen die Löcher – ersterer mithilfe seines Gehirns, letzterer dank seiner Lunge. Manchmal scheitert das hohe Pressing aber schlicht an Ronaldos fehlender Mitarbeit. Dann kommt die Restverteidigung schon einmal ins Straucheln. Im März bestritt Portugal die Länderspiele gegen die USA (2:0) und Mexiko (0:0) ohne Ronaldo – und prompt wirkte die Mannschaft defensiv stabiler.

Pluspunkte gibt es für Martinez‘ Fähigkeiten im In-Game-Coaching. Beim Nations-League-Sieg im Sommer 2025 war Portugal sowohl gegen Deutschland als auch gegen Spanien in der ersten Halbzeit unterlegen. Die Einwechselspieler machten den Unterschied. Martinez weiß die Breite des Kaders zu nutzen. Eine weitere Stärke sind die Standards. Der Schotte Austin MacPhee heckt im Hauptberuf die Ecken und Freistöße von Aston Villa aus. Im Nebenberuf tut er dies für Portugal. Er gilt als einer der besten Standardtrainer der Welt.
Es gibt also viele Argumente, warum Portugal bei dieser Weltmeisterschaft zumindest zum erweiterten Favoritenkreis gehört. Dieses Turnier ist für die Portugiesen besonders emotional. Nationalspieler Diogo Jota starb im vergangenen Jahr bei einem Verkehrsunfall. Er war nicht nur ein herausragender Fußballer, sondern auch bei Mannschaft und Fans beliebt. Portugal möchte nicht nur für Ronaldo den Titel gewinnen, sondern vor allem für ihren verstorbenen Kameraden.
Portugal ist spielstark und stellt einen der individuell stärksten Kader. Um als Topfavorit zu gelten, fehlt ihnen Tiefe im Angriffsspiel und Wucht im Pressing.
GESAMTFAZIT
Hallo Tobi,
die Todesursache von Jota war ein Verkehrsunfall und kein Flugzeugabsturz.
Sonst tolle Analyse wie immer.
LG
Ich danke dir, ich habe es sofort verbessert!