Panamas mögliche Formation bei der WM 2026
Und plötzlich war Thierry Henry Panamaer. Eigentlich sollte er nur für Paramount+ das Nations-League-Halbfinale zwischen den USA und Panama begleiten. Doch als Cecilio Waterman in der Nachspielzeit das entscheidende 1:0 erzielte, stürzte er sofort in Richtung Henry. Der frühere Weltklassekicker war plötzlich umringt vom gesamten panamaischen Kader. Er musste mitfeiern – ob er wollte oder nicht.
Der Finaleinzug 2025 war die Bestätigung der guten Arbeit der vergangenen Jahre. Trainer Thomas Christiansen war ein Hauptfaktor für die positive Entwicklung. Seit er 2021 Panamas Trainerposten übernommen hat, geht es bergauf. Schon 2023 hatte Panama das Finale des Gold Cups erreicht und Mexiko beim 0:1 einen großen Kampf geliefert. 2024 gelangte Panama sensationell in das Viertelfinale der Copa América, nachdem sie in der Gruppenphase Bolivien und die USA besiegt hatten. 2025 stand Panama erneut im Nations-League-Finale. Erst in buchstäblich letzter Minute erzielte Mexiko den 2:1-Siegtreffer. Trotz der Niederlage hatten die defensivstarken Panamaer erneut einen starken Eindruck hinterlassen.
Die zweite Teilnahme an einer WM schien angesichts der Form im Frühjahr 2025 nur noch Formsache. Es folgte jedoch eine Qualifikation, die beinahe im Desaster endete. Am vierten Spieltag blickte Panama in den Abgrund. Eine Niederlage gegen Hauptkonkurrent Suriname hätte wohl das WM-Aus bedeutet. Lange Zeit lag Panama zurück. Erst in der sechsten Minute der Nachspielzeit konnte Ismael Díaz ausgleichen. Zwei eigene Siege und ein Patzer Surinames sicherten letztlich Panamas WM-Ticket. Vor der WM stellt sich nun die Frage, welches Gesicht Panama in Nordamerika zeigt. Verteidigen sie ultrakompakt wie in der Nations League? Oder schwimmen sie wie in der Qualifikation?
Christiansen gewann während seiner Spielerkarriere nicht nur die Torjäger-Kanone der Bundesliga. Er spielte auch unter Johann Cruyff höchstpersönlich. Beim FC Barcelona lernte er dessen Positionsspiel kennen. Seitdem ist er ein Freund des Kurzpassspiels. Interessanterweise hat er diese Facette auch nach Panama gebracht. Es mag für einen Fußballzwerg untypisch sein, aber die Panamaer bauen die große Mehrzahl ihrer Angriffe flach auf.
Dazu setzt Christiansen auf eine defensive 5-4-1-Formation. Im Ballbesitz rücken die beiden Außenverteidiger auf, allerdings selten bis an die letzte Linie. Sie sollen für das Übergangsspiel bereitstehen. Der Fokus liegt jedoch nicht auf Pässen zu den Außenverteidigern, sondern auf dem Spiel durch die Mitte. Adalberto Carrasquilla ist hier der absolute Schlüsselspieler: Der Sechser beackert das gesamte Feld und bietet sich praktisch immer in Ballnähe an. Er entscheidet, wann das Spiel neu aufgebaut und wann nach vorne getragen wird. Letzteres übernimmt er gerne selbst, wenn er mit dem Ball am Fuß durch das Mittelfeld stolziert.
Panama verfügt über eine erstaunliche Ruhe am Ball. Sie wollen den Gegner locken, um anschließend über das Mittelfeld die weit einrückenden Außenstürmer zu finden. Erst wenn sie sich in der gegnerischen Hälfte festgesetzt haben, spielen sie den Ball auf den Flügel. Ab diesem Moment sind auch hohe Bälle erlaubt, genauer gesagt: Flanken in den Strafraum. Wie viele Außenseiter dieser WM sind sie im letzten Drittel von diesen Hereingaben abhängig.

Ich war selbst überrascht, wie gut das panamaische Aufbauspiel in der Nations League und beim Gold Cup 2025 funktionierte. (Bei Letzterem scheiterten sie im Viertelfinale im Elfmeterschießen an Honduras.) Während der WM-Qualifikation bekamen die Panamaer aber Probleme, sobald der Gegner sie früh anlief. Nach den schwachen Ergebnissen in den ersten Spielen zeigte sich Christiansen pragmatisch: Die Panamaer setzten fortan vermehrt auf lange Bälle im Übergangsspiel. Christiansen schien aber in den jüngsten Testspielen zum Kurzpass-Ansatz zurückzukehren.
Egal, wie häufig Panama bei der WM den flachen Aufbau wagen wird: Im Fokus dürfte ohnehin ihre Verteidigung stehen; das gebietet ihre Außenseiter-Rolle in der Gruppe L. Defensiv setzt Panama auf ein ultrakompaktes 5-4-1. Während der Qualifikation experimentierte Christiansen mit einer Mischung aus 3-4-3 und 3-5-2-Pressing, was aber kaum funktionierte.
Viel eher dürfte sich Panama mit einer Fünfer- und einer Viererkette in die eigene Hälfte zurückziehen. Sie lassen sich dabei aber nur ungern ins letzte Drittel fallen. Die Abwehrkette schiebt enorm hoch, sodass praktisch keinerlei Abstand zur Mittelfeldkette besteht. Bälle zwischen die Linien sind gegen Panama nicht möglich. Setzt der Gegner zum langen Ball an, lässt sich die Abwehrkette sofort fallen. Defensivtaktisch operiert Panama auf höchstem Niveau.
Zugriff auf den Gegner erhalten die Panamaer jedoch nur selten. Das liegt auch an der fehlenden individuellen Qualität: Die Spieler gelangen im hohen Pressing nicht in die Zweikämpfe. Falls es ihnen doch gelingt, verlieren sie zumeist die direkten Duelle. Vor allem über die linke Seite ist Panama relativ leicht ausspielbar, wenn man über Qualitäten im Eins-gegen-Eins verfügt.
Dennoch hat Panama das Potenzial, mit dem 5-4-1-System die Favoriten der Gruppe zu nerven. Ob für sie etwas Zählbares herausspringt, hängt auch davon ab, wie wenig Gegentore sie kassieren. Über eigene Konter werden sie wahrscheinlich nicht in Führung gehen. Das Tempo im Angriff ist niedrig. Einzig José Luis Rodríguez sorgt mit seinen Fernschüssen für Überraschungsmomente. Er war mit drei Treffern Top-Scorer der panamaischen Qualifikation.

Dass ein Außenstürmer Top-Torjäger war, deutet auf eine weitere Schwachstelle des Teams: die Durchschlagskraft. In der Qualifikation ließen die Stürmer beste Möglichkeiten aus. José Fajardo und Cecilio Waterman haben das Talent, Chancen aus schwierigen Positionen besser zu verwerten als den einfachen Schuss aus fünf Metern. Im Zweifel müssen Standards für Torgefahr sorgen. Immerhin beherrscht Carrasquilla die Kunst des gezwirbelten Eckballs.
Panamas Hoffnung besteht darin, möglichst lange die Null zu halten, um in der zweiten Halbzeit das ersehnte Siegtor zu erzielen. Aber auch ein glückliches 0:0 gegen England oder Kroatien könnte zu einem Weiterkommen genügen, sollte Panama das Eröffnungsspiel gegen Ghana gewinnen. Dann könnte Panama von der Regelung der besten Gruppendritten profitieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Szenario eintrifft, halte ich für gar nicht so gering.
Mit ihrem 5-4-1-System erinnern die Panamaer teilweise frappierend an ihren mittelamerikanischen Nachbarn aus Costa Rica, der 2014 sensationell das Viertelfinale der WM erreichte. Nur stellt sich die Frage, ob ein bisschen Flachpass-Aufbau und ein kompaktes 5-4-1 auch noch 2026 genügen, um den Weltfußball zu schocken. Wer weiß, vielleicht gelingt ihnen ja auch während der WM das goldene Tor in der 95. Minute. Thierry Henry dürfte während ihrer Gruppenspiele zwar nicht im Stadion sitzen. Sicher finden die Panamaer aber einen anderen Ex-Weltklassekicker, dem sie um den Hals fallen können.
Panama stellt das wohl defensivste Team dieser Weltmeisterschaft. Je weniger Gegentore sie kassieren, umso größer die Chance, als Gruppendritter überraschend weiterzukommen.
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