Ghanas mögliche Formation bei der WM 2026
Es gibt Teams bei dieser Weltmeisterschaft, bei denen weiß man genau, was man bekommt. Nationen wie Österreich oder Norwegen arbeiten seit Jahren mit demselben Trainer. Um ihr taktisches System zu analysieren, genügt es, sich die Spiele der Qualifikation anzuschauen. Andere Teams sind nicht ganz so leicht zu entschlüsseln, etwa Saudi-Arabien oder Katar. Ihre Verbände haben Anfang des Jahres den Trainer ausgetauscht. Anhand der wenigen Testspiele und der Kaderzusammenstellung lässt sich halbwegs erahnen, wie diese Teams bei der WM auftreten könnten.
Und dann wäre da noch Ghana. Auch der ghanaische Verband hat erst im April den Trainer gewechselt. Nachdem Otto Addo die Testspiele gegen Österreich (1:5) und Deutschland (1:2) verloren hatte, musste er gehen. Sein Nachfolger Carlos Queiroz hatte nicht viel Zeit, mit seiner Mannschaft zu arbeiten. Es gibt jedoch einen gewaltigen Unterschied zu allen anderen Nationen: Queiroz hat in keinem einzigen Testspiel seine beste Elf aufgestellt. Die Alarmglocken schrillen umso lauter, als dass Ghana es dringend nötig gehabt hätte, eine erste Elf einzuspielen: Gleich mehrere Schlüsselspieler fehlen bei der WM aufgrund einer Verletzung. Insofern geht Ghana im völligen Blindflug in diese Weltmeisterschaft.
Ghanas Weg zur Weltmeisterschaft verlief holprig. 2024 waren sie noch an der Qualifikation zum Africa Cup gescheitert. Gegen Angola, Sudan und Niger gewann die westafrikanische Nation kein einziges Spiel. Schon damals mehrten sich die kritischen Stimmen gegenüber Trainer Addo. In der WM-Qualifikation riss der frühere Dortmunder das Ruder herum: Ghana qualifizierte sich souverän in einer Gruppe mit Mali und Madagaskar.
Nach der erfolgreichen Qualifikation versuchte Addo, die Erwartungen in seinem Heimatland zu dämpfen. Von allen afrikanischen WM-Teilnehmern belegt Ghana in der Fifa-Weltrangliste den tiefsten Rang (74). Addo betonte, dass sich die Mannschaft vor allem defensiv steigern müsse. Seit der WM 2022 konnte Ghana nur gegen eine Nation gewinnen, die in der Weltrangliste vor ihnen lag: gegen Mali in der Qualifikation.
So experimentierte Addo in den Testspielen im November und März mit verschiedenen Formationen. Gegen Deutschland (1:2) und Japan (0:2) kam eine Fünferkette zum Einsatz. Ghana übte im 3-4-3 früh Druck aus, zog sich dann aber weit zurück. Im Gedächtnis blieb jedoch vor allem die 1:5-Niederlage gegen Österreich: In einem tiefen 4-4-2 machte es Ghana dem Gegner leicht, über den Zwischenlinienraum vor das Tor zu gelangen. Der Verband sah sich zum Handeln gezwungen. Addo musste keine 100 Tage vor WM-Start gehen.
Nachfolger Queiroz ist ein altgedienter Weltenbummler. Ghana ist seine neunte Station als Nationaltrainer. Für den Portugiesen ist das Turnier 2026 die fünfte Weltmeisterschaft in Folge. Bei den drei vergangenen Turnieren hat er den Iran trainiert, 2010 reiste er als Portugals Coach nach Südafrika. Queiroz ist vor allem ein Verfechter einer kompakten Defensive.

Im einzigen Testspiel vor der WM konnte man diese Philosophie in der Praxis erleben. Gegen Wales verschanzte sich Ghana über neunzig Minuten hinweg in der eigenen Hälfte. Ihr Ballbesitzanteil lag bei 39%. Ghana verteidigte in einem 4-2-3-1-System, wobei durch die Bewegungen der Achter manches Mal ein 4-1-4-1 entstand. Fixpunkt vor der Abwehr war Thomas Partey. Er ließ sich bei Ballbesitz häufig zwischen die Verteidiger fallen. Eine lange Ballzirkulation sah man von Ghana indes nicht: Die Ghanaer setzten vornehmlich auf lange Bälle, um das Mittelfeld zu überbrücken. Dazu rückten die Achter und auch die Außenverteidiger weit nach vorne.
Die Defensive schien in dieser Partie nicht immer sattelfest. Die Verteidiger verfolgten ihre Gegenspieler vereinzelt. Manches Mal schuf das Lücken, die Wales auszunutzen wusste. Die größeren Probleme bekam Ghana jedoch auf den Flügeln: Hier gewannen sie selten Eins-gegen-Eins-Duelle. Wales kam zu zahllosen Flanken und darüber zu guten Torgelegenheiten. Immerhin scheint sich Torhüter Lawrence Ati Zigi in WM-Form zu befinden.

Das 1:1-Unentschieden kann indes nicht als Maßstab für die WM gelten. Das zeigt sich allein daran, dass der Superstar des Teams neunzig Minuten auf der Bank saß. Antoine Semenyo wechselte im Winter für 72 Millionen Euro zu Manchester City. Er ist ein tororientierter Dribbler, der mit beiden Füßen abschließen kann. In dieser Saison kam er auf 17 Tore in der Premier League. Außerdem erzielte er Citys Siegtor im FA-Cup-Finale. Er kann sowohl auf dem rechten als auch auf dem linken Flügel spielen und verrichtet auch defensiv viel Arbeit.
Auf welcher Position Semenyo bei der WM spielen wird, weiß nur Queiroz. Allgemein gibt es bei Ghana etliche offene Personalfragen. Die Offensive ist auf dem Papier stark besetzt. Doch schon Addo scheiterte daran, aus den talentierten Einzelspielern eine funktionierende Einheit zu formen. Im Sturmzentrum etwa ist Jordan Ayew gesetzt. Er dürfte während der WM seinem Bruder André als Rekordnationalspieler ablösen. Im Zentrum könnte auch Iñaki Williams zum Einsatz kommen, der jedoch auch als Rechtsaußen auflaufen kann. Neben Semenyo und Williams wäre hier auch Abdul Fatawu eine Option, eine der wenigen Lichtblicke in der Saison von Leicester City. Für den Linksaußen-Posten sind Christopher Bonsu Baah und Kamaldeen Sulemana nominiert, wobei letzterer auch in einer etwas zentraleren Rolle funktioniert. Queiroz hat offensiv die Qual der Wahl.

In der Defensive sieht es genau umgekehrt aus. Die Stamm-Innenverteidiger Mohammed Salisu und Alexander Djiku verpassen die WM aufgrund von Verletzungen. Kojo Peprah Oppong könnte zum Abwehrchef aufsteigen. Wer neben ihm verteidigt? Auch das weiß nur Queiroz. Auf den Außenverteidiger-Positionen ist Ghana indes eher schwach besetzt. Dass Derrick Köhn gar nicht nominiert wurde, zeigt indes: Queiroz bevorzugt dort defensivere Spielertypen. Ein herber Schlag ist indes der Ausfall von Mohammed Kudus. Der Spielgestalter aus Tottenham war der Verbindungsspieler zwischen Defensive und Offensive. Die hohe Anzahl langer Bälle gegen Wales resultierte auch daraus, dass den anderen Mittelfeldspielern diese Eigenschaft fehlt.
Wer die ghanaische Aufstellung im ersten Spiel vorhersagen will, kann genauso gut Bingo spielen. Ich würde sogar behaupten: Beim Bingo hat man eine höhere Chance, fünf Richtige zu haben. Das macht eine Prognose quasi unmöglich. Allein die individuelle Klasse der Offensive würde eine höhere Wertung rechtfertigen. Die jüngsten Ergebnisse und die vielen Fragezeichen um Trainer und Kader lassen die Befürchtung keimen, dass Ghanas fünfte WM-Teilnahme in einem Desaster endet. Queiroz‘ defensiver Ansatz mag mit dem Iran funktioniert haben. Der eher offensiv besetzte Kader der Ghanaer gibt aber eigentlich keinen Mauerfußball her.
Vielleicht ist Queiroz‘ Geheimniskrämerei nur Taktik. Wie soll Mr. Matchplan Thomas Tuchel sich auf einen Gegner vorbereiten, dessen Startelf nicht auszurechnen ist? Immerhin ist Ghanas Auftrag für diese WM klar: Nach einem Auftaktsieg gegen Panama dürfen sie gegen England und Kroatien nicht unter die Räder kommen. So könnten sie als Gruppendritter weiterkommen. Ob ihnen das gelingt, ist eine der vielen offenen Fragen dieser ghanaischen WM-Teilnahme.
Für Ghana ist bei der WM alles möglich, vom peinlichen Null-Punkte-Aus bis zu einem überraschend weitem Vorstoßen. Das Panama-Spiel entscheidet über ihren Turnierverlauf.
GESAMTFAZIT
Die Analyse und das Fazit klangen für mich nicht nach 0 Sterne.
Ist auch ein Stern (von fünf) und nicht Null ;-). Auf dem Smartphone sieht man aber tlw. nur die mittleren drei Sterne, falls es daran liegen sollte und kein bereits korrigierter Fehler.
Noch ein Hinweis (muss nicht freigeschalten werden): Im Text steht „Auf welcher Position Semenyo bei der WM spielen will,“, ich vermute, es soll „Auf welcher Position Semenyo bei der WM spielen *WIRD*“ heißen 🙂
Danke dir, ich habe es verbessert! (Und den Kommentar freigeschaltet.)