Kroatiens mögliche Formation bei der WM 2026
Der kroatische Fußball ist ein Mysterium. Nur knapp vier Millionen Menschen bevölkern den Mittelmeerstaat. Doch der Talentpool, aus dem der Verband fischen kann, scheint schier unerschöpflich. Obwohl Kroatien erst seit 1992 an Fifa-Wettbewerben teilnimmt, haben sie eine bessere WM-Bilanz vorzuweisen als England oder Spanien – zumindest, wenn man nach Medaillen geht. Kroatien belegte zweimal den dritten und einmal den zweiten Rang. England und Spanien haben in ihrer gesamten Fußballgeschichte nur einmal eine Medaille bei Weltmeisterschaften gewonnen. (Dafür durften sie als Goldmedaillen-Gewinner den WM-Pokal in die Luft strecken.)
Kroatiens WM-Bilanz ist auch aus anderen Gründen unheimlich. Luka Modrić schien bereits bei Kroatiens Finalteilnahme 2018 auf der Zielgerade seiner Karriere. Acht Jahre später führt er das Team erneut bei einer WM an. Der mittlerweile 40-Jährige wirkt sogar noch frischer als vor vier Jahren in Katar. Den Verdacht, Kroatien habe einen Pakt mit dem Fußballteufel geschlossen, nährt eine weitere Statistik: Seit 1998 haben die Kroaten kein einziges K.O.-Spiel bei einem großen Turnier gewonnen – zumindest nicht nach 90 Minuten. Die Verlängerung und das anschließende Elfmeterschießen sind ihre besten Freunde. (Der Sieg im Spiel um Platz 3 vor vier Jahren sei hier ausgeklammert.)

So bin ich vorsichtig geworden, die Kroaten bereits vor dem Beginn einer Weltmeisterschaft abzuschreiben. Die Argumente gegen Kroatien haben sich in den vergangenen vier Jahren nicht verändert: Der Kern der Mannschaft ist alt, ihr Ballbesitzstil aus der Mode, ihr Trainer zaghaft im Ungang mit Talenten. Spätestens seit dem sieglosen Vorrunden-Aus bei der EM 2024 scheint Kroatiens große Ära endgültig beendet. Doch auch 2026 hat die kroatische Elf noch einige Pfeile im Köcher – und seien es nur die Pässe des ewigen Modrić und die Flanken des nimmermüden Ivan Perišić.
Auf den ersten Blick hat sich bei Kroatien nichts verändert. Trainer Zlatko Dalić setzte in der Qualifikation auf die bekannte Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3. Modrić und Mateo Kovačić verteilen die Bälle aus der Zentrale. Immer wieder lassen sie sich zwischen oder neben die Verteidiger fallen, um das Spiel an sich zu reißen. Auch die offensiven Akteure schalten sich aktiv in den Spielaufbau ein. Zehner Andrej Kramaric holt sich die Bälle genauso am Mittelkreis ab wie der einrückende Rechtsaußen.
Die tiefe Ballzirkulation war immer der Kern des kroatischen Spiels. Es erschien lange Jahre schier unmöglich, den Kroaten den Ball wegzunehmen: Wenn Modrić und Kovačić das Spiel in die Breite zogen, wagte es kaum ein Gegner, mit voller Kapelle draufzugehen. Zu groß war die Angst, dass die Mittelfeld-Asse mit einem Pass die gesamte Abwehr aushebeln. So schraubten die Kroaten auch in dieser WM-Qualifikation ihren Ballbesitzwert hoch. Im Schnitt betrug er 70%.

Um das Ballbesitzspiel vor das gegnerische Tor zu tragen, sucht Kroatien den Weg über die Flügel. Perišić‘ Flanken sind scharf wie eh und je. Auf der rechten Seite darf vor allem Außenverteidiger Josip Stanisic weit vorrücken. Auch die nach außen rückenden Mittelfeldspieler wählen häufig das altbackene Stilmittel namens Halbfeldflanke. In der europäischen Qualifikation schlug Kroatien pro Partie im Schnitt 30 Flanken – einsamer Spitzenwert. Zehn ihrer 26 Tore erzielten sie nach hohen Hereingaben aus dem Spiel. Aus diesem Grund sitzt Freiburgs Shooting-Star Igor Matanovic nur auf der Bank: Mit Ante Budimir verfügt Kroatien über einen der besten Strafraumstürmer des Turniers. Er ist ein absoluter Kopfball-Spezialist.
Wenn man die drei Treffer nach Ecken sowie die drei Elfmeter-Tore zu den Flankentoren hinzurechnet, zeigt sich schnell: Tore nach Kombinationen haben eher Seltenheitswert. Tatsächlich wird das Ballbesitzspiel immer mehr zum Problem. Ironischerweise ist es nicht der alternde Modrić, der Sorgen bereitet; er spielt seinen Stiefel wie eh und je herunter. In den Testspielen vor der WM zeigte sich insbesondere Kovačić fehleranfällig. Er hat in der gesamten Saison aufgrund einer Verletzung kaum Spielzeit erhalten. Es erscheint möglich, dass er bei der WM durch den jungen Petar Sučić ersetzt wird. Auch Joško Gvardiol hat gegen Slowenien (2:1) und Belgien (0:2) einige große Patzer in seinem Spiel gehabt. Der Verteidiger kommt ebenfalls aus einer langen Verletzungspause. Interessanterweise spielt er in der Nationalmannschaft nicht in der Innenverteidigung, sondern als Linksverteidiger.
Das führt uns zur großen, offenen Frage bei Kroatien: Auf welche Formation setzt Dalić? Sowohl in den Tests im März gegen Brasilien (1:2) und Kolumbien (2:1) als auch im Spiel gegen Belgien lief seine Elf mit einer Fünfer-Abwehrkette auf. Der Trainer hatte sich lange gegen diese Formation gewehrt, aber mittlerweile eingelenkt: Seine Spieler würden die Dreierkette aus ihren Vereinen kennen. Außerdem bietet diese Formation die Chance, den kroatischen Shooting-Star einzubauen: Luca Vuskovic ist als dritter Innenverteidiger hinter Josip Šutalo und Duje Ćaleta-Car eingeplant. Er könnte bei einer Dreierkette den schwächelnden Gvardiol oder Ćaleta-Car ersetzen.

Personell unterscheiden sich beide Varianten nicht. Im klassischen 4-2-3-1 agiert Perišić als Linksaußen. In einer Fünferkette kommt er als linker Schienenspieler zum Einsatz. Er nimmt diese Rolle ernst: Wenn Kroatien sich in die eigene Hälfte zurückzieht, gliedert er sich in die Abwehrkette ein. Kroatien kann mit dieser Variante die ganze Breite des Feldes abdecken. In den Testspielen, die ich sehen konnte, hat die Umstellung gut funktioniert. Gegen Belgien wagten die Kroaten ein hohes, mannorientiertes 3-4-3-Pressing. Gegen Brasilien zogen sie sich in einer Mischung aus 5-4-1 und 5-3-2 weiter zurück. Die kroatischen Spieler fühlen sich auch wohl, wenn der Gegner über längere Phasen Ballbesitz sammelt. Das haben sie bei vergangenen Weltmeisterschaften unter Beweis gestellt.
Die Sorgen sind daher weniger taktischer Natur. Dalić wird gegen starke Gegner wie England auf eine Fünferkette setzen. Gegen Ghana und Panama dürfte das klassische 4-2-3-1 zum Einsatz kommen. Die Fragezeichen betreffen eher das Team an sich. Kann ein 40-jähriger Modrić den Spielaufbau tragen? Finden die verletzungsgeplagten Schlüsselspieler Kovačić und Gvardiol rechtzeitig in Form? Kann der hohe Fokus auf Flanken auch im Jahr 2026 funktionieren – in einer Zeit, in der selbst Außenseiter zwei Meter große Innenverteidiger aufstellen?
Hinzu kommen die körperlichen Anforderungen. Das wichtige Auftaktduell gegen England findet in der Mittagshitze von Arlington, Texas statt, einem der heißesten Spielorte dieser WM. Während die Engländer Freundschaftsspiele in Florida veranstaltet haben, um sich zu akklimatisieren, reiste Kroatien erst einen Tag vor WM-Start nach Nordamerika. Es sind Zweifel angebracht, dass die alten kroatischen Recken auch im Sommer 2026 ein potenzielles Achtelfinale in Mexico City (als Gruppensieger) oder Arlington (als Gruppenzweiter) in der Verlängerung entscheiden.
Zweifel sind vor der kroatischen WM-Teilnahme angebracht. Andererseits gab es diese Zweifel auch schon vor vier und in Teilen sogar vor acht Jahren. Jedes Mal haben die Kroaten es ihren Kritikern gezeigt; selten mit Zauberfußball, dafür aber mit viel Kampf und Cleverness. Vielleicht müssen wir uns auch 2026 darauf gefasst machen, dass das kleine Kroatien die vermeintlich großen Fußball-Nationen alt aussehen lässt.
Alt, unmodern, in den Testspielen außer Form: Wenig spricht vor der WM für Kroatien. Doch das beachtliche Talent der Spieler hat schon manch negative Prognose widerlegt.
GESAMTFAZIT
Mit welcher Begründung reist Kroatien erst so spät an? Das ist ja zumindest unorthodox angesichts der doch speziellen klimatischen Bedingungen.